Meldungen Nr. 511-520
vom 30.8.-15.9.2002
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Exotischer Orbit: Alte Apollo-Stufe verließ Erdorbit - und kam wieder zurück!

Ein noch nie beobachteter Vorgang im Sonnensystem hat sich in den vergangenen 30 Jahren abgespielt: Die 3. Stufe einer Saturn V, vermutlich von Apollo 12, hat sich aus ihrer ausholenden Bahn um die Erde durch den Lagrange-Punkt 1 verabschiedet, ist drei Jahrzehnte lang unbemerkt um die Sonne gekreist - und dieses Frühjahr wiederum durch denselben L-Punkt in einen Erdorbit zurückgekehrt. Entdeckt wurde das zunächst für einen Asteroiden gehaltene Objekt »J002E3« schließlich am 3. September von einem Amateurastronomen.

Anfangs war die Verwirrung groß gewesen, weil sich das »Mystery Object« (Sky & Telescope) mit seiner Umlaufszeit von etwa 50 Tagen keinem bekannten Satelliten zuschreiben ließ. Andererseits konnte es aber auch kein (winziger) permanenter Zweitmond der Erde sein, denn mit einer Helligkeit von 16m wäre es schon lange entdeckt worden. Also mußte es sich um einen Neuzugang handeln.

Die wahrscheinliche Lösung des Mysteriums gelang schließlich am 11. September Paul Chodas vom JPL: Inzwischen war die Bahn von J002E3 so gut bekannt, daß er sie Jahrzehnte lang rückwärts integrieren konnte. Mit verblüffendem Resultat: Im April 2002 entschwand das Objekt auf eine heliozentrische Bahn, aber Anfang der 70er Jahre war es wieder im Erdorbit. Von allen damals gestarteten Missionen paßt Apollo 12 am besten, und auch Größe und Reflexionsvermögen der Saturn-Oberstufe S-IVB passen zur aktuellen Helligkeit.

Das ist aber noch nicht alles: Als Chodas den Orbit in die Zukunft integrierte, stieß er auf eine Wahrscheinlichkeit von 20%, daß J002E3 im kommenden Jahr auf dem Mond einschlagen wird! Auch für einen Erdimpakt gibt es noch eine Wahrscheinlichkeit von 3%. Eine Gefahr stellt das nicht dar (es würde sich um einen relativ gewöhnlichen Satelliten-Reentry handeln): Die Angelegenheit ist vielmehr ein aufregendes Lehrstück über Grenzbereiche der Himmelsmechanik. Die Bahn wird natürlich weiter verfolgt werden: Bald wissen wir mehr. [15.9.2002]

[520] Links: die Erklärung von Chodas und Artikel von New Scientist und CNN.


Zeiss-Hardware für ein potentielles Röntgenobservatorium der NASA abgeliefert

Frühestens im Finanzjahr 2007 wird die NASA das Projekt formell beginnen, und gestartet wird selbst dann erst im Zeitraum 2010 bis 2012: Um so überraschender war die Mitteilung der deutschen Optikfirma Zeiss, sie habe jetzt einen Abformkörper (Mandrel) für das Röntgenobservatorium Constellation-X in die USA geschickt. Zwar könnte man mit diesem Mandrel tatsächlich beginnen, die Spiegelschalen für das Projekt zu fertigen, doch es ging um etwas anderes: Die NASA will künftig vor dem grünen Licht für jede Mission den technischen Beweis sehen, daß sie auch wirklich realistisch ist.

Aus diesem Grund wurden bei Zeiss gleich drei Mandrels bestellt: Mit dem jetzt gelieferten Abformkörper können die Schalen mit dem größten Radius hergestellt werden, die anderen beiden, die bis Ende 2003 folgen, sind für die kleineren Radien. Wie schon bei ROSAT, Chandra oder XMM wird auch Constellation-X mit Wolter-Teleskopen arbeiten, bei denen viele ineinander verschachtelte Spiegelschalen das Röntgenlicht streifend reflektieren und fokussieren. Der Clou bei Constellation-X: Vier identische Satelliten schauen jeweils auf eine Quelle.

Das Ergebnis sind viermal so viele Röntgenquanten und ein entsprechend besseres Signal/Rausch-Verhältnis. Und der Vorteil der ungewöhnlichen Satellitenkonstellation (bei der die vier in zehn- bis hunderttausenden km Abstand voneinander um den L2-Punkt kreisen) gegenüber einem einzigen Riesensatelliten liegt auf der Hand: Das Risiko eines Fehlschlags wird minimiert, und die Satelliten können sozusagen in Massenproduktion gefertigt werden - ganz wie die vier 8-m-Instrumente des Very Large Telescope. [15.9.2002]

[519] Quellen: die Zeiss-Presseinformation # 71 vom 23.8. und Interviews mit einem Zeiss-Sprecher sowie dem Projektwissenschaftler von Constellation-X, Nicholas White, am 13.9. Link: die Homepage des Projekts.

Ein Hauptkontraktor und ein neuer Name für das NGST sind von der NASA ausgewählt worden - TRW darf das »James Webb Space Telescope« bauen: ein GSFC Press Release, die Homepage und Artikel von Astronomy, New Scientist und NetZeitung.


Über 81 000 kamen am Tag der Raumfahrt 2002

am 8. September alleine zur Zentralveranstaltung beim DLR in Köln: ein neuer Rekord, 2000 waren es dort "nur" 65'000 gewesen. Zusammen mit zahlreichen anderen Standorten des DLR und anderer Weltraum-Institute dürften an diesem Sonntag mehr als 100'000 auf den Beinen gewesen sein - das Thema Weltraum zieht also auch hierzulande. Selbst der riesige Campus des Kölner Forschungszentrums konnte die Volksmassen an einem überraschend sonnigen Spätsommertag kaum mehr fassen, doch die Organisation ließ nichts zu wünschen übrig.

Zahlreiche der Institute hatten geöffnet und präsentierten altbekannte aber auch neue Forschungsergebnisse und -anlagen in mitunter dramatischer Aufmachung (etwa in dunklen Räumen, geheimnisvoll blau beleuchtet), doch Inhalte wurden dem Infotainment-Aspekt meist nicht geopfert. Tadellos geklappt hat auch ein 10-minütiges Live-Gespräch mit der Besatzung der ISS, die sich in ungewohnt klarer Tonqualität aus dem Orbit meldete. Am Rande der Veranstaltung war auch so manches aus der deutschen und europäischen Weltraumpolitik zu erfahren:

  • Die NASA hat das Projekt X-38 endgültig eingestellt, für das ein Prototyp des Rettungsschiffs für die ISS gebaut worden war - kürzlich ging beim DLR ein entsprechendes FAX ein, indem den europäischen Partnern, die viele Eigenmittel in die X-38 gesteckt hatten, allerdings eine gewisse Entschädigung angeboten wird. Am Tag der Raumfahrt gab es immerhin in echt eine einsame Nase des Gleiters zu sehen, die in Köln entwickelt wurde ...

  • Das gegenwärtig drängendste Problem der Euro-Raumfahrt ist aber gar nicht die ISS-Krise, sondern vielmehr, dass die Ariane 5 viel zu teuer ist: Um international konkurrenzfähig zu bleiben, müssen bei jedem Start viele Millionen Euro zugeschossen werden, und nun ist Arianespace so gut wie pleite - trotz prall gefüllter Auftragsbücher. Ursache der Misere: Man hat sich nicht rechtzeitig um preisgünstige Fertigungsverfahren der Teile gekümmert.

  • Emsige Bemühungen seitens des deutschen Weltraummanagements laufen derzeit, um eine Rettung des Astronometriesatelliten DIVA in internationaler Zusammenarbeit in die Wege zu leiten: Erst war er ausgewählt worden (siehe Artikel 132), doch national fehlen 15 Mio. Euro, und das Projekt ruht. Bei ESA wie NASA wurde bzw. wird man dieser Tage vorstellig, und es erscheint möglich, daß DIVA in das Wissenschaftsprogramm der ESA integriert wird, vielleicht schon diesen November: Dann könnte 2006 gestartet werden.

  • Noch immer gibt es keine offizielle Erklärung zum plötzlichen Ausscheiden des Planetenforschers G. Neukum aus dem Berliner DLR-Inst. für Weltraumsensorik diesen Mai, doch dahinter scheint ein (auch juristischer) Streit um eine irdische Vermarktung der Marskamera HRSC zu stecken. Unabhängig davon ist die HRSC längst zu einer erstaunlichen Panoramakamera mit bis zu 10'000 x 50'000 Pixel grossen Bildern weiterentwickelt worden, die es in Köln auch im Original zu sehen gab (neben manch anderem 'Spin-Off').

  • Weiterhin ungelöst ist leider eine Krise um die NASA-Mission Dawn zu zwei Asteroiden, für die das DLR in Berlin die Kamera liefern wollte (siehe Artikel 406) - und jetzt kein Geld mehr dafür hat. Erst wenn die o.g. DIVA-Krise gelöst ist, kann man auch die Suche nach Geld für den elementaren Beitrag zu der Mission gehen, sicher nicht vor der Bundestagswahl. Auf der amerikanischen Seite werden die deutschen Probleme derweil heruntergespielt ...

  • Es mögen sich mehr Deutsche bei der ESA bewerben, um den Anteil deutscher Wissenschaftler und Ingenieure wieder auf ein den finanziellen Beiträgen angemessenes Niveau zu heben, wird aller Orten gefordert: Rund 100 freie Stellen sind zu besetzen, überwiegend im ESA-HQ in Paris und dem grossen Forschungszentrum ESTEC in den Niederlanden. Doch deutsche Ingenieure zeigen kaum Interesse an Jobs im Ausland ...

  • In wenigen Tagen wird die Kometensonde Rosetta nach Kourou geflogen, nachdem alle Instrumente integriert und alle Tests abgeschlossen sind. Fest auf dem Orbiter sitzt auch der Rosetta Lander - zwar war keine Zeit mehr, eine defekte Batterie auszutauschen, aber die Systeme des Landers gelten als redundant genug. Mitsamt den 10 Instrumenten an Bord wird er als ein Experiment betrachtet, das unter Leitung des DLR zusammengesetzt wurde - eine außergewöhnlich komplexe Managementaufgabe, die zu guter Letzt aber doch noch gutgegangen ist.
Um ein Modell des Rosetta-Landers scharten sich in Köln besonders viele Schaulustige, die den beteiligten Wissenschaftlern Löcher in den Bauch fragten. Direkt daneben konnte auch schon ein Blick in den fertigen Kontrollraum des Landers geworfen werden, in dem in rund 10 Jahren grosse Geschäftigkeit herrschen dürfte. Auch schon einige Monate nach dem Start (am 13. Januar 2003) wird hier geschwitzt werden, wenn der Lander komplett durchgetestet wird. Angesichts des Interesses, das die Mission schon vor ihrem Start hervorruft, kann man sich nur wünschen, dass das DLR auch weiter mit so viel Geschick Outreach betreibt. [9.9.2002]

[518] Links: die Homepage des Tages der Raumfahrt und Artikel von Kölner Stadt-Anzeiger (Vorschau), NRZ, NewsClick, Weser-Kurier und Kieler Nachrichten.


Deutsche Forscher glauben an futuristischen Weltraumträger

Seit 1989 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft gleich drei Sonderforschungsbereiche (SFB) im Verbund forschen lassen, nächstes Jahr ist es damit vorbei - und Hochschulen in Aachen, München und Stuttgart haben eine Fülle von Erkenntnissen darüber erarbeitet, wie man einen idealen Träger für die Raumfahrt bauen könnte. Bloß sind weder national noch im ESA-Rahmen in nächster Zeit jene Milliarden Euro in Sicht, die zur Realisierung solch eines Systems benötigt würden.

Um die Forschung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, geht die DFG jetzt in die Öffentlichkeit: mit zwei Wanderausstellungen, deren erste noch bis zum 11.10. im Bonner Wissenschaftszentrum zu sehen ist. Schon früh gelangten die geballten Weltraumforscher zu dem Schluß, daß die Antwort auf die großen Fragen des Raumtransports ein zweistufiges Systems mit Flügeln sein soll - sozusagen eine moderne Fassung der klassischen Sänger-Vision. Solch ein System soll

  • die Transportkosten in den LEO (von heute 10 Kilo-Euro pro kg) um 90% senken (80% wäre aber auch schon o.k.),
  • vollständig wiederverwendbar sein,
  • höhere Sicherheit als alle heutigen Träger bieten,
  • weniger die Umwelt belasten und
  • möglichst überall starten und landen können.
Diese Ziele am besten erreichen kann nach Ansicht der hunderten von Forschern am ehesten ein zweistufiger, geflügelter Träger, bei dem die erste Stufe Luft atmet und in ca. 30 km Höhe eine zweite raketengetriebene Stufe aussetzt, die bis in den LEO gelangt. Vorteile gegenüber Raketen aller Art (oder auch den einstigen Single-Stage-to-Orbit-Visionen der NASA) sahen die Forscher vor allem
  • im aerodynamischen Auftrieb in der unteren Atmosphäre, der den eigentlichen Schub der Triebwerke unterstützt, darin daß
  • in der erste Stufe nur Treibstoff aber kein Oxidator mitgenommen werden muß, und daß man
  • horizontal starten und landen kann (beide Stufen), womit vorhandene Flughäfen genutzt werden können und kaum Infrastruktur am Boden gebraucht wird.
Während der umfangreichen Studien (bei denen allein über 700 Diplom- und Doktorarbeiten anfielen) wurden freilich auch die Probleme klar, die ein solcher Wunderflieger aufwirft und die nur in vielen weiteren theoretischen Untersuchungen und Labor-, Windkanal- und vor allem Freiflugtests (wie es sie bisher praktisch nicht gab) zu lösen sein dürften. Nur mangelhaft verstanden sind beispielsweise
  • die Dynamik des Hyperschall-Flugs in der Atmosphäre,
  • der Antrieb der ersten Stufe, die 7500 km/h in 34 km Höhe erreichen muß (hierzu wird ein Staustrahltriebwerk oder Ramjet wohl unabdingbar sein), um die zweite optimal auszusetzen, und
  • die Aufheizung beider Stufen durch atmosphärische Reibung bei Start und Rückkehr und wie man sie davor schützen kann.
Mit der Förderung durch die DFG ist nun bald Schluß, auch wenn sie nach einer Wartezeit durchaus weitergehen könnte. Gefragt sind jetzt die großen Raumfahrtorganisationen Europas, wo zwar auch schon ähnliche Studien (auf kleiner Flamme) laufen, es aber an einem Äquivalent der milliardenschweren Space Launch Initiative der NASA fehlt. Wenn es aber auch in Europa losgehen sollte, da sind sich die SFB-Forscher sicher, dann werden ihre Ergebnisse maßgeblich einfließen können. [5.9.2002]

[517] Quelle: ein Vortrag von Prof. G. Sachs, TU München, bei der Eröffnung der Ausstellung »Der neue Weg ins All« in Bonn am 3.9. Links: die Homepages der DFG-Ausstellung, der Ausstellungen im Wissenschaftszentrum Bonn und des ASTRA/PHOENIX-Programms und Artikel von SZ und Kölner Stadt-Anzeiger.


Das empfindlichste Observatorium für Cherenkov-Strahlung

von hochenergetischer Gamma-Strahlung in der Atmosphäre ist am 3. September in Namibia eingeweiht worden: HESS (was sowohl für High Energy Stereoscopic System wie auch den Entdecker der Kosmischen Strahlung, Viktor Hess, steht) wird im Endausbau aus vier 12-Meter-Spiegeln (mit Photomultipliern) bestehen, deren erster jetzt den Betrieb aufnimmt. Schon er allein ist ein empfindlicherer Detektor für Gammastrahlung hoher Energie als jedes andere vergleichbare System, und wenn Ende 2003 alle vier Systeme bereit sind, dann werden sie zehnmal empfindlicher sein und auch die Orte am Himmel, von denen die energiereichen Quanten kommen, recht genau triangulieren können.

7.6 Mio. Euro kostet das Projekt, von dem die Max-Planck- Gesellschaft und das BMBF 6 Mio. übernommen haben und an dem über 70 Wissenschaftler aus zahlreichen Nationen (auch aus Namibia selbst) beteiligt sind. Aufgestellt werden die vier Teleskope in je 120 m Abstand in 1800 Metern Höhe auf der Farm Göllschau im Khomas-Hochland: Das ist wohl der ideale Standort für ein Teleskopsystem, das die extrem schwache Cherenkov-Strahlung (weit unter der Nachweisgrenze des Auges) registrieren muß, die die seltenen Gammaquanten in der Atmosphäre auslösen. Supernovae, die Umgebung Schwarzer Löcher und Aktive Galaktische Zentren gelten als Quellen der Strahlung. [5.9.2002]

[516] Links: Pressemitteilungen von MPG und PPARC, die Homepage und Artikel von NetZeitung, Rhein. Post, Welt und SPIEGEL.

Meilenstein für SOFIA - das Teleskop für die fliegende Sternwarte ist am 4.9. aus Deutschland in Texas eingetroffen: Waco Tribune, Space.com. Früher: Ames Press Release.


Der erste Meteosat der nächsten Generation

ist in der Nacht zum 29. August von einer Ariane 5 in den Orbit getragen worden: Der 8. europäische Wettersatellit unterscheidet sich erheblich von seinen Vorgängern, die seit nun schon fast 25 Jahren die Wetterlage über Europa, Afrika und dem Atlantik im Blick haben. Der »Meteosat Second Generation« (MSG-1) liefert alle 15 (statt bisher 30) Minuten ein komplettes Bild mit 1 (statt 2.5) Kilometer Auflösung - und das gleichzeitig in 12 (statt 3) Spektralbereichen.

Vor allem von den vielen neuen Spektralkanälen (meist im thermischen Infraroten) versprechen sich die Meteorologen wichtige Fortschritte: Verschiedene Wolkentypen lassen sich so besser unterscheiden, die Wettermodelle wesentlich verbessern, wie man hofft. Nach ausgiebigen Tests soll MSG-1 Mitte 2003 Meteosat 7 ablösen - schon ist von zuverlässigen Wetterprognosen bis eine Woche in die Zukunft die Rede. Auch die »klassischen« Meteosats halfen einst bei einem Qualitätssprung der Wetterprognosen: 3-Tages-Voraussagen wurden so gut wie vorher nur die 1-tägigen.

Zwar sind MSG-1 und seine baugleichen Nachfolger in erster Linie Anwendungssatelliten (die europäische Organisation für Wettersatelliten EUMETSAT läßt sie sich 1.2 Mrd. Euro bis 2014 kosten, zzgl. 378 Mio. Euro der ESA), aber auch die Grundlagenforschung wird profitieren. Neben der 12-Kanal-Kamera SEVIRI ist nämlich auch das Instrument GERB an Bord, das die langen Meßreihen früherer Satelliten zum Strahlungsbudget der Erde fortsetzt. Und MSG-1 trägt einen Transponder für Notrufsignale.

Der Start des Satelliten allerdings war spannend wie selten, und wie schon ein halbes Jahr vorher bei Envisat (vgl. Artikel 429) waren Scharen von Gästen im Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt Zeugen des Geschehens. Minuten vor dem ursprünglichen Starttermin war der Countdown plötzlich stehengeblieben, und das eigentlich harmlose Kommunikationsproblem mit der Rakete ließ sich - trotz einer ungewöhnlichen Verlängerung des Startfensters von 45 auf 60 Minuten - nicht rechtzeitig lösen. Und auch beim zweiten Anlauf 24 Stunden später mußte der Countdown 16 Minuten lang angehalten werden, bevor es endlich losgehen konnte. [30.8.2002]

[515] Links: die Homepage von MSG-1, eine ESA-PM zum Start, die Homepage von EUMETSAT, »Live«-Berichte vom (Nicht-)Start aus Astronomie.de und Artikel von Spaceflight Now, BBC, Space Today, Welt und Rhein. Post.


Einem Asteroiden bei einer nahen Erdpassage in Bewegung zugeschaut

haben in der Nacht vom 17. zum 18. August zahlreiche Amateurastronomen in aller Welt: Mit ungefähr 10. Größe war 2002 NY40 (
Artikel 506) zwar alles andere als ein leichtes Feldstecherobjekt (wie es in manch überschwenglichen Vorberichten geheißen hatte), aber schon in kleinen Fernrohren war der Anblick spektakulär. Natürlich erschien der rund 700'000 km ferne Asteroid nur wie ein Stern unter vielen, doch seine Bewegung am Himmel war ab einer bestimmten Vergrößerung direkt zu erkennen, wenn er nahe an immer neuen Sternen in Sagitta und Vulpecula vorbeizog. Am ehesten war der Eindruck mit einem sehr fernen Erdsatelliten auf einer exotischen Bahn zu vergleichen ... [30.8.2002]

[514] Links: Bilder und Animationen von Roerig, vom WPO und aus Crimmitschau, eine Sammlung und Artikel von Sky & Tel., BBC und Rhein. Post.

Die Zahl der (kleinen) Asteroiden in Erdnähe scheint wieder etwas nach unten korrigiert zu werden - zu einem »Tunguska«-artigen Impakt kommt es danach nur etwa einmal pro Jahrtausend: NEO News.

Die Perseiden 2002 erreichten eine ZHR von etwa 90 und blieben damit durchschnittlich, waren aber wegen der günstigen Mondphase besonders zu gut sehen: eine erste IMO-Analyse, aufaddierte All-Sky-Videobilder, eine Bildergalerie und Artikel von Space.com und BBC.

Ein Komet 6. Größe tief am Morgenhimmel war bzw. ist C/2002 O6 (SWAN), eine Amateurentdeckung auf Bildern des SWAN-Instruments auf SOHO: Daten und Karten und Artikel von Sky & Tel. und Space.com.

Komet C/2002 O4 (Hoenig) zwischen UMi und UMa ist weiterhin mit 7. bis 8. Größe zu beobachten: Daten und Karten und Artikel von Sky & Tel. und Astronomy.

Der 500. Komet auf Bildern von SOHOs LASCO-Instrument ist entdeckt worden - natürlich wieder von einem Amateur: GSFC und ESA Press Releases und ein Artikel aus Space Daily.

Ein erdgebundenes Mondbild mit 0.07 Bogensekunden Auflösung ist mit dem Very Large Telescope und Adaptiver Optik gelungen: ESO Press Release.

Ein besonders großer Sonnenfleck, Region (100)69, zog Mitte August über die Sonnenscheibe: Bilder von Paice, Alan und Joye.


Kometensonde CONTOUR wahrscheinlich ein Totalverlust

Noch bis Anfang 2003 wollen die Flugkontrolleure einmal pro Woche versuchen, mit der nach einem kritischen Manöver verstummten Sonde (
Artikel 489) Kontakt aufzunehmen, doch die Hoffnung ist sehr gering - und längst hat die Suche nach der Ursache des Unfalls begonnen, der CONTOUR am 15. August heimgesucht und teilweise zerrissen hat. Leider war die Sonde da außer Reichweite der irdischen Antennen, und seither schweigt sie. Im automatischen Betrieb hatte der Feststoffmotor offenbar planmäßig gezündet, der die Sonde aus ihrer Parkbahn um die Erde Richtung Encke schießen sollte, und die ersten 48 der 50 vorgesehenen Sekunden scheint er auch korrekt gebrannt zu haben.

Davon zeugen jedenfalls Aufnahmen von einem halben Dutzend Sternwarten, die nahe der bei einer korrekten Zündung vorausgesagten Position etwas vorfaden - allerdings nicht einen, sondern zwei etwa gleich helle Lichtpunkte und einen dritten, viel schwächeren! CONTOUR hat demnach bis auf 3 Prozent den korrekten Schub mitbekommen, doch dann ist die Sonde - auf immer noch mysteriöse Weise - auseinandergebrochen: Es ist unklar, um was es sich konkret bei den drei Körpern handelt, die rasch zu schwach für die weitere optische Verfolgung wurden. Vielleicht sind es die Trümmer einer Explosion, vielleicht hat sich CONTOUR aber auch auf relativ sanfte Weise zerlegt, und die elektrischen Systeme arbeiten noch.

In dieser Hoffnung lauschten zunächst tagelang und rund um die Uhr die großen Antennenschüsseln des Deep Space Network (DSN) vergeblich auf noch so schwache Funksignale: Im Falle länger unterbrochener Kommunikation war CONTOUR programmiert worden, mit drei verschiedenen Antennen nacheinander von sich hören zu lassen. Später wurden auch neue Kommandos abgeschickt, doch das DSN steht die nächsten Monate nur noch einige Stunden pro Woche zur Verfügung. Erst in der 2. Dezemberwoche, wenn die Antennen CONTOURs (im Prinzip) besonders günstig zur Erde stehen, wird noch einmal ein intensiver Rettungsversuch unternommen - und dann ist das formelle Scheitern des Projekts besiegelt ... [30.8.2002]

[513] Quelle: AW&ST 26.8. S.68-9. Links: der letzte Status Report (frühere bzw. spätere sind über "Prev" bzw. "Next" zu finden), Bilder der Überreste von SPACEWATCH und Artikel von Space Daily, SpaceRef und Astronomy.

Stardust sammelt wieder interstellaren Staub, vom 5.8. bis 9.12. - zusammen mit Staub aus der Koma des Kometen Wild 2 soll ihn die Sonde 2006 zur Erde bringen: JPL Release.


Verwirrende Erkenntnisse über die Atmosphäre des Pluto

Anno 2002 haben die Sternbedeckungen vom 20. Juli (
Artikel 508) und 21. August gebracht, die beide von jeweils mindestens einem Instrument verfolgt werden konnten: Während Daten vom Juli auf dramatische Klimaveränderungen in der dünnen Atmosphäre hinzuweisen scheinen, entsprechen Messungen vom August weitgehend dem Zustand von 1988, als der Planet zum ersten und bis jetzt auch letzten Mal vor einem brauchbaren Stern hergezogen war. Die Kontroverse hat auch eine höchst politische Komponente, weil ein mögliches Ausfrieren der Atmosphäre gerne als Argument für eine rasche Sondenmission (Artikel 510) verwendet wird.

Die Daten vom Juli scheinen zum einen zu zeigen, daß die obere Atmosphäre heute mit rund 110 Kelvin 10 bis 30 Grad kälter geworden ist als 1988. Außerdem war ein plötzlicher Abfall der Sternhelligkeit knapp über der Planetenoberfläche nicht mehr nachzuweisen, die selbst in den letzten Jahren wärmer geworden zu sein scheint (vielleicht aufgrund einer allgemeinen Abnahme der Albedo). Die August-Messungen dagegen zeigen keine Abkühlung der Hochatmosphäre, und auch der Lichtkurvenknick war wieder da, wenn auch nicht so ausgeprägt wie 1988. Schon am 7. November steht die nächste Sternbedeckung durch Pluto bevor - der aktuelle Zustand seiner Atmosphäre dürfte nun rasch klarer werden. [30.8.2002]

[512] Links: eine Pressemitteilung des Lowell Obs., die ganz anderen Einsichten von Sicardy, Artikel von Sky & Tel. und NYT über die Widersprüche, Sicardy über die Ziele der Beobachtungen, ein Statement des Pluto-Theoretikers Stansberry zu den politischen Aspekten der Pluto-Atmosphäre und Bilder der ESO von der 1. Bedeckung (die dort haarscharf verpaßt wurde).


Die erste Aktivierung eines »Scramjets« in der Atmosphäre

anstatt unter den Laborbedingungen eines Windtunnels ist australischen Physikern im zweiten Anlauf am 30. Juli mit dem Experiment HyShot gelungen: Fünf Sekunden lang verbrannte ein mit Mach 7.6 auf die Erde zu stürzendes Triebwerk Wasserstoff überschallschnellen Sauerstoff, der aus der Atmosphäre einströmte. Die erfolgreiche Funktion ergibt sich jedenfalls aus Druck- und Temperaturmessungen während des Experiments, bei dem der 60 cm lange Scramjet (ein viel preiswerterer Verwandter des glücklosen Hyper-X der NASA aus
Artikel 293) zunächst von einer Rakete in Woomera bis in 314 km Höhe geschossen worden war. Jetzt träumen die Australier schon von einer führenden Rolle bei künftigen Anwendungen des Prinzips für Hyperschallflugzeuge und Raumfahrtträger. [30.8.2002]

[511] Links: die Homepage von HyShot, eine Pressemitteilung zum Erfolg und Artikel von New Scientist, BBC und NetZeitung.


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