Das empfindlichste Observatorium für Cherenkov-Strahlung
von hochenergetischer Gamma-Strahlung in der
Atmosphäre ist am 3. September in Namibia eingeweiht
worden: HESS (was sowohl für High Energy Stereoscopic
System wie auch den Entdecker der Kosmischen Strahlung, Viktor Hess,
steht) wird im Endausbau aus vier 12-Meter-Spiegeln (mit Photomultipliern)
bestehen, deren erster jetzt den Betrieb aufnimmt. Schon er allein
ist ein empfindlicherer Detektor für Gammastrahlung
hoher Energie als jedes andere vergleichbare System, und wenn
Ende 2003 alle vier Systeme bereit sind, dann werden sie zehnmal
empfindlicher sein und auch die Orte am Himmel, von denen die
energiereichen Quanten kommen, recht genau triangulieren
können.
7.6 Mio. Euro kostet das Projekt, von dem die Max-Planck-
Gesellschaft und das BMBF 6 Mio. übernommen haben und
an dem über 70 Wissenschaftler aus zahlreichen Nationen
(auch aus Namibia selbst) beteiligt sind. Aufgestellt werden die vier
Teleskope in je 120 m Abstand in 1800 Metern Höhe auf der
Farm Göllschau im Khomas-Hochland: Das ist wohl der
ideale Standort für ein Teleskopsystem, das die extrem
schwache Cherenkov-Strahlung (weit unter der Nachweisgrenze
des Auges) registrieren muß, die die seltenen
Gammaquanten in der Atmosphäre auslösen.
Supernovae, die Umgebung Schwarzer Löcher und Aktive
Galaktische Zentren gelten als Quellen der Strahlung.
[5.9.2002]
[516] Links: Pressemitteilungen von
MPG und
PPARC, die
Homepage und Artikel von
NetZeitung,
Rhein. Post,
Welt und
SPIEGEL.
Meilenstein für SOFIA - das Teleskop für die fliegende
Sternwarte ist am 4.9. aus Deutschland in Texas eingetroffen:
Waco Tribune,
Space.com. Früher:
Ames Press Release.
Der erste Meteosat der nächsten Generation
ist in der Nacht zum 29. August von einer Ariane 5 in den Orbit
getragen worden: Der 8. europäische Wettersatellit
unterscheidet sich erheblich von seinen Vorgängern, die
seit nun schon fast 25 Jahren die Wetterlage über
Europa, Afrika und dem Atlantik im Blick haben. Der
»Meteosat Second Generation« (MSG-1) liefert alle 15
(statt bisher 30) Minuten ein komplettes Bild mit 1 (statt 2.5)
Kilometer Auflösung - und das gleichzeitig in 12 (statt 3)
Spektralbereichen.
Vor allem von den vielen neuen Spektralkanälen (meist im
thermischen Infraroten) versprechen sich die Meteorologen
wichtige Fortschritte: Verschiedene Wolkentypen lassen sich so
besser unterscheiden, die Wettermodelle wesentlich verbessern,
wie man hofft. Nach ausgiebigen Tests soll MSG-1 Mitte 2003
Meteosat 7 ablösen - schon ist von zuverlässigen
Wetterprognosen bis eine Woche in die Zukunft die Rede. Auch die
»klassischen« Meteosats halfen einst bei einem
Qualitätssprung der Wetterprognosen: 3-Tages-Voraussagen
wurden so gut wie vorher nur die 1-tägigen.
Zwar sind MSG-1 und seine baugleichen Nachfolger in erster
Linie Anwendungssatelliten (die europäische Organisation
für Wettersatelliten EUMETSAT läßt sie sich 1.2
Mrd. Euro bis 2014 kosten, zzgl. 378 Mio. Euro der ESA), aber
auch die Grundlagenforschung wird profitieren. Neben der
12-Kanal-Kamera SEVIRI ist nämlich auch das Instrument
GERB an Bord, das die langen Meßreihen früherer
Satelliten zum Strahlungsbudget der Erde fortsetzt. Und MSG-1
trägt einen Transponder für Notrufsignale.
Der Start des Satelliten allerdings war spannend wie selten, und
wie schon ein halbes Jahr vorher bei Envisat (vgl. Artikel 429) waren Scharen von
Gästen im Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt Zeugen
des Geschehens. Minuten vor dem ursprünglichen
Starttermin war der Countdown plötzlich stehengeblieben,
und das eigentlich harmlose Kommunikationsproblem mit der
Rakete ließ sich - trotz einer ungewöhnlichen
Verlängerung des Startfensters von 45 auf 60 Minuten -
nicht rechtzeitig lösen. Und auch beim zweiten Anlauf 24
Stunden später mußte der Countdown 16 Minuten
lang angehalten werden, bevor es endlich losgehen konnte.
[30.8.2002]
[515] Links: die
Homepage von MSG-1, eine
ESA-PM zum Start, die Homepage von
EUMETSAT,
»Live«-Berichte vom (Nicht-)Start aus
Astronomie.de und Artikel von
Spaceflight Now,
BBC,
Space Today,
Welt und
Rhein. Post.
Einem Asteroiden bei einer nahen Erdpassage in
Bewegung zugeschaut
haben in der Nacht vom 17. zum 18. August zahlreiche
Amateurastronomen in aller Welt: Mit ungefähr 10.
Größe war 2002 NY40 (Artikel 506)
zwar alles andere als ein leichtes Feldstecherobjekt (wie es in manch
überschwenglichen Vorberichten geheißen hatte), aber schon
in kleinen Fernrohren war der Anblick spektakulär. Natürlich
erschien der rund 700'000 km ferne Asteroid nur wie ein Stern
unter vielen, doch seine Bewegung am Himmel war ab einer
bestimmten Vergrößerung direkt zu erkennen,
wenn er nahe an immer neuen Sternen in Sagitta und Vulpecula
vorbeizog. Am ehesten war der Eindruck mit einem sehr fernen
Erdsatelliten auf einer exotischen Bahn zu vergleichen ...
[30.8.2002]
[514] Links: Bilder und Animationen von
Roerig, vom
WPO und aus
Crimmitschau, eine
Sammlung und Artikel von
Sky & Tel.,
BBC und
Rhein. Post.
Die Zahl der (kleinen) Asteroiden in Erdnähe
scheint wieder etwas nach unten korrigiert zu werden - zu einem
»Tunguska«-artigen Impakt kommt es danach nur
etwa einmal pro Jahrtausend:
NEO News.
Die Perseiden 2002 erreichten eine ZHR von etwa 90 und
blieben damit durchschnittlich, waren aber wegen der
günstigen Mondphase besonders zu gut sehen: eine erste
IMO-Analyse, aufaddierte
All-Sky-Videobilder, eine
Bildergalerie und Artikel von
Space.com
und BBC.
Ein Komet 6. Größe tief am Morgenhimmel
war bzw. ist C/2002 O6 (SWAN), eine Amateurentdeckung auf
Bildern des SWAN-Instruments auf SOHO:
Daten und Karten und Artikel von
Sky & Tel. und
Space.com.
Komet C/2002 O4 (Hoenig) zwischen UMi und UMa ist
weiterhin mit 7. bis 8. Größe zu beobachten:
Daten und Karten und Artikel von
Sky & Tel. und
Astronomy.
Der 500. Komet auf Bildern von SOHOs LASCO-Instrument
ist entdeckt worden - natürlich wieder von einem Amateur:
GSFC und
ESA Press Releases und ein Artikel aus
Space Daily.
Ein erdgebundenes Mondbild mit 0.07 Bogensekunden
Auflösung ist mit dem Very Large Telescope und
Adaptiver Optik gelungen:
ESO Press Release.
Ein besonders großer Sonnenfleck, Region (100)69,
zog Mitte August über die Sonnenscheibe: Bilder von
Paice,
Alan und
Joye.
Kometensonde CONTOUR wahrscheinlich ein Totalverlust
Noch bis Anfang 2003 wollen die Flugkontrolleure einmal pro
Woche versuchen, mit der nach einem kritischen Manöver
verstummten Sonde (Artikel
489) Kontakt aufzunehmen, doch die Hoffnung ist sehr
gering - und längst hat die Suche nach der Ursache des
Unfalls begonnen, der CONTOUR am 15. August heimgesucht
und teilweise zerrissen hat. Leider war die Sonde da außer
Reichweite der irdischen Antennen, und seither schweigt sie. Im
automatischen Betrieb hatte der Feststoffmotor offenbar
planmäßig gezündet, der die Sonde aus ihrer
Parkbahn um die Erde Richtung Encke schießen sollte, und
die ersten 48 der 50 vorgesehenen Sekunden scheint er auch
korrekt gebrannt zu haben.
Davon zeugen jedenfalls Aufnahmen von einem halben Dutzend
Sternwarten, die nahe der bei einer korrekten Zündung
vorausgesagten Position etwas vorfaden - allerdings nicht einen,
sondern zwei etwa gleich helle Lichtpunkte und einen dritten, viel
schwächeren! CONTOUR hat demnach bis auf 3 Prozent
den korrekten Schub mitbekommen, doch dann ist die Sonde - auf
immer noch mysteriöse Weise - auseinandergebrochen: Es
ist unklar, um was es sich konkret bei den drei Körpern
handelt, die rasch zu schwach für die weitere optische
Verfolgung wurden. Vielleicht sind es die Trümmer einer
Explosion, vielleicht hat sich CONTOUR aber auch auf relativ
sanfte Weise zerlegt, und die elektrischen Systeme arbeiten
noch.
In dieser Hoffnung lauschten zunächst tagelang und rund
um die Uhr die großen Antennenschüsseln des Deep
Space Network (DSN) vergeblich auf noch so schwache
Funksignale: Im Falle länger unterbrochener
Kommunikation war CONTOUR programmiert worden, mit drei
verschiedenen Antennen nacheinander von sich hören zu
lassen. Später wurden auch neue Kommandos abgeschickt,
doch das DSN steht die nächsten Monate nur noch einige
Stunden pro Woche zur Verfügung. Erst in der 2.
Dezemberwoche, wenn die Antennen CONTOURs (im Prinzip)
besonders günstig zur Erde stehen, wird noch einmal ein
intensiver Rettungsversuch unternommen - und dann ist das
formelle Scheitern des Projekts besiegelt ... [30.8.2002]
[513] Quelle: AW&ST 26.8. S.68-9. Links:
der letzte Status Report (frühere bzw. spätere sind über
"Prev" bzw. "Next" zu finden), Bilder der Überreste von
SPACEWATCH und Artikel von
Space Daily,
SpaceRef und
Astronomy.
Stardust sammelt wieder interstellaren Staub, vom 5.8.
bis 9.12. - zusammen mit Staub aus der Koma des Kometen Wild 2
soll ihn die Sonde 2006 zur Erde bringen:
JPL Release.
Verwirrende Erkenntnisse über die Atmosphäre des Pluto
Anno 2002 haben die Sternbedeckungen vom 20. Juli (Artikel 508) und 21. August gebracht, die
beide von jeweils mindestens einem Instrument verfolgt werden
konnten: Während Daten vom Juli auf dramatische
Klimaveränderungen in der dünnen
Atmosphäre hinzuweisen scheinen, entsprechen
Messungen vom August weitgehend dem Zustand von 1988, als
der Planet zum ersten und bis jetzt auch letzten Mal vor einem
brauchbaren Stern hergezogen war. Die Kontroverse hat auch eine
höchst politische Komponente, weil ein mögliches
Ausfrieren der Atmosphäre gerne als Argument für
eine rasche Sondenmission (Artikel 510)
verwendet wird.
Die Daten vom Juli scheinen zum einen zu zeigen, daß die
obere Atmosphäre heute mit rund 110 Kelvin 10 bis 30
Grad kälter geworden ist als 1988. Außerdem war ein
plötzlicher Abfall der Sternhelligkeit knapp über der
Planetenoberfläche nicht mehr nachzuweisen, die selbst in
den letzten Jahren wärmer geworden zu sein scheint
(vielleicht aufgrund einer allgemeinen Abnahme der Albedo). Die
August-Messungen dagegen zeigen keine Abkühlung der
Hochatmosphäre, und auch der Lichtkurvenknick war
wieder da, wenn auch nicht so ausgeprägt wie 1988. Schon
am 7. November steht die nächste Sternbedeckung durch
Pluto bevor - der aktuelle Zustand seiner Atmosphäre
dürfte nun rasch klarer werden. [30.8.2002]
[512] Links: eine
Pressemitteilung des Lowell Obs., die ganz
anderen Einsichten von
Sicardy, Artikel
von Sky & Tel. und
NYT über die Widersprüche, Sicardy über die
Ziele der Beobachtungen, ein Statement
des Pluto-Theoretikers Stansberry zu den politischen Aspekten der
Pluto-Atmosphäre und Bilder der
ESO von der 1. Bedeckung (die dort haarscharf
verpaßt wurde).
Die erste Aktivierung eines »Scramjets« in der Atmosphäre
anstatt unter den Laborbedingungen eines Windtunnels ist
australischen Physikern im zweiten Anlauf am 30. Juli mit dem
Experiment HyShot gelungen: Fünf Sekunden lang
verbrannte ein mit Mach 7.6 auf die Erde zu stürzendes
Triebwerk Wasserstoff überschallschnellen Sauerstoff, der
aus der Atmosphäre einströmte. Die erfolgreiche
Funktion ergibt sich jedenfalls aus Druck- und
Temperaturmessungen während des Experiments, bei dem
der 60 cm lange Scramjet (ein viel preiswerterer Verwandter des
glücklosen Hyper-X der NASA aus Artikel 293) zunächst von einer Rakete
in Woomera bis in 314 km Höhe geschossen worden war.
Jetzt träumen die Australier schon von einer
führenden Rolle bei künftigen Anwendungen des
Prinzips für Hyperschallflugzeuge und
Raumfahrtträger. [30.8.2002]
[511] Links: die
Homepage von HyShot, eine
Pressemitteilung zum Erfolg und Artikel von
New Scientist,
BBC und
NetZeitung.
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