Die Jagd nach den »Vulcanoids« ging in die zweite Runde
In diesen Tagen - rund um die Tag- und Nachtgleiche - waren sie
wieder unterwegs: zwei US-Astronomen, die sich eines
Kampfflugzeugs (im Besitz der NASA) bemächtigt haben,
um in 15 km Höhe nach hypothetischen Asteroiden
innerhalb der Merkurbahn zu jagen. Ein erster Versuch vor einem
halben Jahr war erfolglos gewesen: Zwar stellten die Astronomen
um Daniel Durda fest, daß eine F/A-18B eine geradezu ideale
Plattform für die Videoastronomie ist - doch der
Dämmerungshimmel erwies sich auch in 15 km Höhe
noch als zu hell für die Anfang Frühjahr eingesetzte
Videokamera mit Bildverstärker.
Nur 9.5 mag. Grenzgröße wurden erreicht, nicht viel
besser als bei früheren Vulcanoid-Suchprogrammen mit
dem Sonnensatelliten SOHO und seinen Koronographen, und
kein einziger intramerkurieller Asteroid wurde auf den (anhand
von Fixsternen) aufaddierten Videobildern entdeckt. Das war klar:
Wenn es solcherlei Objekte überhaupt gibt, so hatten
dieselben Forscher zuvor schon bei Simulationsrechnungen
herausgefunden, dann wären sie so klein, daß man
schon bis zur 11., 12. oder 13. Größe hinab schauen
muß. So hell würden jedenfalls Vulcanoids mit 8 bis 10
km Durchmesser, nahe der theoretischen Obergrenze für
diese hypothetischen Himmelskörper.
Die eingesetzte Videokamera mit Bildverstärker, SWUIS-A
(eine Variante flog auch schon mit dem Space Shuttle), schafft an
dunklem Himmel durchaus 12. bis 13. Größe: Da es
Durda et al. bisher nicht gestattet wurde, mal mit einer U2 bis in
30 km Höhe zu steigen und den Großteil der
Atmosphäre unter sich zu lassen, war der einzige Ausweg
die Verwendung einer längeren Brennweite, die den
Himmelshintergrund dunkler macht. Mit dem neuen Objektiv
(das 11-11.5 mag schaffen sollte) waren nun drei weitere
F/A-18-Flüge nahe der Herbst-Tag&Nacht-Gleiche geplant: Dann steht
die Ekliptik am nördlichen Morgenhimmel besonders steil, und die
Suchbedingungen sind optimal. Die Flüge waren erfolgreich, und nach
einer allerersten Auswertung wurde tatsächlich eine bessere
Grenzgröße erreicht.
Damit steigen die Chancen auf einen späten Erfolg.
Anfänglich optimistische Abschätzungen von 1999
über einen womöglich gut gefüllten
Vulcanoid-Gürtel waren bald der Ernüchterung gewichen:
Detailliertere Simulationsrechnungen der dynamischen
Vorgänge im innersten Sonnensystem zeigten eine
»aktive und höchst intensive
Kollisions-Umwelt« auf, bei denen fast alle Bewohner der Zone rasch
zermahlen worden sein dürften. Vielleicht sei dieser
prinzipiell stabile Bereich heute schon völlig leer - und wenn
überhaupt, dann seien Überlebende nur am
Außenrand des Stabilitätsgürtels (der im
Prinzip von 0.09 bis 0.20 AU reicht) nahe 0.2 AU Sonnenabstand
zu erwarten, vielleicht ein paar hundert Objekte mit 1 bis 10 km
Durchmesser.
Auch die Entdecker des Gürtels setzten ihre Simulationen
mit hoher Auflösung fort und fanden heraus, daß es
innerhalb des Vulcanoid-Gürtels noch am ehesten
zwischen 0.16 und 0.18 AU Asteroiden mit 1 km oder mehr
Durchmesser geben sollte - was freilich Sonnenelongationen am
Erdhimmel von nur 9 bis 10 Grad entspricht. Alle
Suchprogramme bisher sind leer ausgegangen, Körper mit
10-50 km Durchmesser sind damit praktisch
auszuschließen. Ein Nachweis - oder auch die klare
Widerlegung der Existenz - von kleineren Vulcanoids bleibt
für das Verständnis des Sonnensystems aber
wichtig: Abstürzende Körper aus solch einem
Gürtel würden z.B. die Kraterstatistik des Merkur
völlig verändern. [25.9.2002]
[522] Quelle: eine E-Mail von Dan Durda vom 25.9.
Links: ein
CNN-Artikel, ein
Planetary Society Feature, ein früherer
DFRF Press Release, die
Homepage der Vulcanoids-Jagd und
Nature Science News von 1999 zur ersten Vorhersage dieser Objekte.
Zusätzliche Quellen: aktuellere Vulcanoids-Simulations-Papers von
Stern & Durda, Icarus 143 [2000] 360-70 und
Evans & Tabachnik, MNRAS 333 [2002] L-15 und
ein Porträt von Durda in Science 297
[6.9.2002] 1640-1.
»Hauch von Supersymmetrie« wieder da
Erst schienen bei einem Experiment zum magnetischen Moment
des Müons erstaunliche Abweichungen von der Theorie auf
eine mögliche Erweiterung des Standardmodells der
Teilchenphysik hinzuweisen, dann wurde die Diskrepanz auf
Rechenfehler der Theoretiker zurückgeführt (siehe Artikel 381) - aber jetzt ist
der Effekt zurückgekehrt und damit die Hoffnung auf
»Neue Physik«, die uns dem Verständnis des
Universums näherbringt. Zum einen liegen jetzt doppelt so
genaue Messungen des Experiments »muon g-2« vor
und zum anderen neue theoretische Werte - auch wenn noch bis
Stunden vor der Bekanntgabe der erneuten Diskrepanz um die
korrekten Rechnungen gestritten wurde.
Diesmal ging es allerdings nicht um falsche Formeln sondern
subtile Messungen von anderen Experimenten, die in die
theoretischen Werte eingehen müssen. Nach wie vor sind
die Abweichungen »nicht definitiv« aber
»konsistent mit der Anwesenheit von Effekten
außerhalb des Standardmodells.« Manche
Astronomen fahren längst schon auf den
»g-2«-Effekt ab und sehen hier Supersymmetrie am Werke -
nach den neuen Zahlen wäre der leichteste
»Superpartner« eines konventionellen
Elementarteilchens so leicht, daß er mit den heutigen
Detektoren für Kandidaten der Dunklen Materie des
Universums schon fast zu packen wäre. [25.9.2002]
[521] Links: ein
Brookhaven Press Release , ein Artikel aus der
New York Times und ein Paper von
Baltz & Gondolo.
Hinweise auf zusätzliche Dimensionen im Erdmagnetfeld glauben
französische Forscher entdeckt zu haben - sind sie der Grund für
die mysteriösen Widersprüche zwischen Messungen der Gravitationskonstanten
an verschiedenen Orten?
New Scientist,
NetZeitung.
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