Meldungen Nr. 651-660
vom 30.4.-5.5.2003
Aktuelle Meldungen / Archiv


Merkurtransit am 7. Mai war bestens zu sehen!

In vielen Teilen Europas (und anderswo) war das Wetter gut, und die besten Bilder gelangen natürlich dem 1-m-Teleskop auf La Palma; andere gibt's von AI Potsdam, Merkurtransit, Gudensberg, VdS, SpaceWeather, WAA, GONG, Dierick, Astronomie.de, Salzgeber (Animation), TRACE, AstroSurf ("Doppeltransit"), SOHO, ESO, Stw. Hannover, Guido, Murner, AstroDe, CarlKop, Nelkenbrecher, Radebeul, Jena, München, Singer, Ayiomamitis, Nehru Planetarium (India) und Zayed Univ. (UAE). Noch mehr Links gibt's in dieser Sammlung, und Artikel haben Sky & Tel., CNN, BBC, SC und ZDF.
Das ganze Event dauerte eigentlich über 2 Tage, denn Merkur zog auch vor der Sonnenkorona her - am 6. Mai war der Merkur z.B. um 14:46, 17:50 und and 18:26 UTC gut zu sehen. Links zu weiteren Webseiten und Vorabberichten gibt's im Header des Cosmic Mirror # 254.

Neue Soyuz-Kapsel mit ISS-Expedition 6 verfliegt sich - erst nach 2½ Stunden gefunden

Böse Überraschung: Erst näherte sich die Landekapsel von Soyuz TMA-1, mit der die dreiköpfige »Expedition 6« von der ISS am Morgen des 4. Mai zurückkehrte, zu steil der Erde, und die Besatzung mußte bis zum 8-fachen der Schwerkraft aushalten. Kurz vor dem Aufsetzen - aber wenigstens nach Öffnung des Fallschirms - riß auch noch der Funkkontakt ab, und erst bange 2½ Stunden später wurden die Kapsel und die Astronauten, die bereits aus eigener Kraft ausgestiegen waren, fast 460 km vom Zielgebiet von den Suchmannschaften entdeckt.

Das sei keine große Sache, wiegelt die russische Raumfahrtbehörde ab: Die Spezifikationen besagten, daß man die Kapsel innerhalb von vier Stunden finden müsse, und das habe man geschafft. Und es hat auch schon Abweichungen um bis zu 3200 (!) km gegeben; einmal wurden die Kosmonauten erst nach drei Tagen im Wald entdeckt. In letzter Zeit blieben derartige Zwischenfälle aber aus, und es ist verdächtig, daß der Computer- oder Bedienungsfehler ausgerechnet beim Erstflug des neuen Soyuz-Typs (siehe Artikel 551) auftrat: Schon hat sich eine Untersuchungskomission des Problems angenommen, das der Expedition 7 im Oktober erspart bleiben soll. Weitere Entwicklungen:

  • Die interne NASA-Untersuchung macht den Schaumstoff für die Columbia-Katastrophe verantwortlich und trägt die Argumente dafür am Dienstag dem CAIB vor - man sieht jetzt eine direkte Kausalkette von dem Impakt 81 Sekunden nach dem Start bis zum Verlust der Raumfähre. Allerdings hält man auch bei der NASA die Beschuß-Versuche echter Shuttle-Hardware im Juni in San Antonio für wesentlich, um das Szenario tatsächlich plausibel machen zu können. Während das CAIB seine Untersuchung relativ öffentlich durchführt, hat die NASA nahezu im Verborgenen parallel das Unglück untersucht: Die Vorstellung der internen Ergebnisse dürfte zugleich das letzte öffentliche Hearing des CAIB sein.

  • Die Columbia wäre nicht zu retten gewesen, selbst wenn man sofort nach dem Start und zweifelsfrei von einem fatalen Bruch an der Flügelfront gewußt hätte: Das hat eine andere interne NASA-Untersuchung ergeben. Konkret wurde gefragt, ob man die Wärmebelastung des Orbiters durch Verringern der Masse hätte deutlich senken können: Selbst wenn alles nicht unbedingt Lebenswichtige über Bord geworfen worden wäre (über 14 Tonnen Nutzlast und Vorräte), wäre die Maximaltemperatur an der Tragflächenfront nur um 7% zu senken gewesen - das hätte der Columbia auch nicht geholfen. Fazit: Eine Rettung der Crew im Stil von Apollo 13 wäre weder so noch auf andere Weise möglich gewesen.

  • Die einzigen Überlebenden des Columbia-Absturzes waren winzige Fadenwürmer der Spezies Caenorhabditis elegans (übrigens der erste Vielzeller, dessen Genom komplett sequenziert wurde): Ihr Behältnis war schon vor Wochen in Texas gefunden aber erst jetzt geöffnet worden. Da der Lebenszyklus von C. elegans nur 7 bis 10 Tage beträgt, muß es sich schon um mindestens die Urururenkel der Columbia-Passagiere handeln. Ob ihr Fund noch einen wissenschaftlichen Wert hat ist unklar; eigentlich sollten die ursprünglichen Fadenwürmer nur Stunden nach der Landung untersucht werden, um zu sehen, wie gut ihnen eine neuartige synthetische Nährlösung geschmeckt hat.
Daß die C.-elegans-Würmer in einem in keiner Weise speziell gehärteten Behälter einen unkontrollierten Wiedereintritt in die Erdatmosphäre überstanden haben und sich prompt auch noch fortpflanzen konnten, ist aber auch eine Erkenntnis. Wenn schon komplexe Vielzeller eine derart unsanfte Landung auf einem Planeten überstehen, so argumentieren jetzt manche Astrobiologen, dann werden das ja wohl Bakterien, die im Inneren von Meteoriten reisen, erst recht schaffen können. Und so beflügelt das Columbia-Disaster unverhofft die Spekulationen über Panspermie ... [5.5.2003]

[660] Links: Spaceflight Now, AFP, Reuters, SpaceRef und Rhein. Post zur Landung von Soyuz TMA-1, Florida Today zur internen Untersuchung, Spaceflight Now zur ausweglosen Lage und AP und NetZeitung zum Überleben der Würmer.


Erste Schritte zum Large Synoptic Survey Telescope

Das erste Meeting der »LSST Corporation« hat am 16. April den Startschuß für die Realisierung eines 8-Meter-Teleskops mit gigantischem Gesichtsfeld gegeben, das jede Woche den gesamten Himmel mit einer 2-Gigapixel-CCD-Kamera bis zur 24. Größe nach Supernovae, Gamma Ray Bursts, Near Earth Asteroids usw. absuchen und täglich 5 Terabyte Daten produzieren soll - das LSST gehörte zu den Hauptforderungen des letzten Decadal Reports aus
Artikel 35. 100'000 Supernovae pro Jahr und mindestens 10'000 Bewohner des Kuipergürtels sollte das Teleskop entdecken - und praktisch alle Sterne in 100 Lichtjahren Umkreis per Astrometrie auf Planeten absuchen können: »der nächste große Sprung bei der Kartierung des Himmels,« der allerdings rund 170 Mio.$ kosten dürfte.

Jetzt haben sich erst einmal vier große US- Forschungsorganisationen zusammengetan, um als ersten Schritt ein detailliertes Konzept auszuarbeiten, der dann den potentiellen Geldgebern vorgelegt werden kann. Fragt sich nur, wer das sein soll: Die NASA, die der Decadal Report ungefragt als wesentlichen Sponsor (neben der amerikanischen National Science Foundation) benannte, hat 2002 klar zu erkennen gegeben, daß sie keine zusätzlichen großen Summen in die bodengebundene Astronomie zu investieren gedenkt. Bisher finanziert sie ganz gezielt astronomische Projekte, die Raumsondenmissionen zuarbeiten, doch daß dies eine wesentliche Aufgabe des LSST sein werde, sieht man nicht. Klappt die Finanzierung bald, dann könnte 2011 First Light sein. [5.5.2003]

[659] Link: NOAA Press Release. Zusätzliche Quelle: Physics Today vom Januar 2003 S. 19-20.


24 verschiedene Arten von Kometen im Sonnensystem

Rein dynamisch gesehen gibt es exakt 24 verschiedene Typen von Kometen und kometenähnlichen Gebilden in unserem Sonnensystem - jedenfalls in einem größtenteils neuen und wohl ersten physikalisch klar definierten Klassifikationsschema. Danach gibt es

Jedes schon entdeckte oder noch zu entdeckende kometenartige Objekt fällt zwangsläufig in eine dieser dynamisch klar zu unterscheidenden 24 Gruppen, und auch Wechsel von einer Gruppe in eine andere können nun eindeutig beschrieben werden. Als etwa der Komet P/1998 U3 (Jäger) 1991 vom Saturn auf eine neue Bahn gekickt wurde, wandelte er sich von einem »S«-Kometen (ganz unter Kontrolle Saturns) zu einem »SP« (short period comet) - sonst hätte ihn der österreichische Amateur auch nie gefunden. [5.5.2003]

[658] Link: ein Paper von Horner & al.


50 Mio. Radialgeschwindigkeiten von Sternen in der Galaxis messen

will ein internationales Konsortium. Denn das hat die beobachtende Astronomie irgendwie immer vergessen, während Super-Durchmusterungen wie SDSS und 2dFGRS längst dabei waren oder sind, die Rotverschiebungen hunderttausender ferner Galaxien bestimmen: Erst von 20'000 Sternen sind die Geschwindigkeiten relativ zur Sonne bekannt. Wir wissen inzwischen wesentlich mehr über die 3D-Struktur des fernen Universums als über die Kinematik in unserer eigenen Galaxie, doch RAVE soll nun Abhilfe schaffen: das internationale RAdial Velocity Experiment, übrigens unter Leitung des Astronomischen Instituts in Potsdam - obwohl die eigentliche Arbeit in Australien stattfindet.

Mit dem UK Schmidt Telescope in Australien und einem Gegenstück auf der Nordhalbkugel (das noch gesucht wird) sollen von 2006 bis 2010 für RAVE die 50 Millionen hellsten Sterne der Milchstraße spektroskopiert werden, bis zur 15. Größe im I-Band komplett. Als Pilotprogramm sollen bis 2005 schon einmal Spektren von 100'000 Sternen am Südhimmel aufgenommen werden, immer wenn das UK Schmidt wegen Mondschein brachliegt. Schon bis Ende des Jahres sollte sich die Zahl der bekannten Radialgeschwindigkeiten um 50 bis 100% erhöht haben: Bis dann ist das Projekt finanziert, während für das komplette Rave noch ein paar Mio. Euro gesucht werden. [5.5.2003]

[657] Quelle: Watson, Anglo-Australian Observatory Newsletter # 102 März 2003 S. 12-14. Link: die Homepage von RAVE.


Vorgängersterne mehrerer Supernovae im Hubble-Bildarchiv aufgespürt?

Möglicherweise haben Astronomen auf alten Hubbleaufnahmen von Galaxien bis zu sechs Sterne identifizieren können, die später als Supernovae explodiert sind - noch konnte allerdings in keinem Fall der Beweis geführt werden, daß es wirklich dieselben Objekte sind. Bisher sind solche Vorgängersterne (»precursors«) nur in 5 Fällen bekannt, inklusive der berühmten Supernova 1987A. Die Precursor-Kandidaten haben alle mindestens 8 bis 10 Sonnenmassen, was ihnen nur 10 bis 20 Mio. Jahre Lebensdauer gibt. Manche sind Rote Riesen, aber es sind auch Blaue Riesen und Doppelsysteme unter den Kandidaten.

Doch um zu zeigen, daß es wirklich diese Sterne sind, die explodierten, sind weitere Hubble-Aufnahmen erforderlich, wenn die Supernova lange vorbei ist: Nur wenn der Stern dann fehlt, war es wirklich der Precursor. Ausgerechnet der Kandidat, auf den die Astronomen die größte Hoffnung gesetzt hatten und dem bisher als einzigem solch eine Nachbeobachtung zuteil wurde, strahlt leider immer noch - eine klare Niete. Wie auch immer dieses Forschungsprogramm ausgehen wird: Es belegt schon jetzt den enormen Wert des Hubble-Archivs - und generell von alten Aufnahmen, die einst für völlig andere Zwecke gemacht wurden. [5.5.2003]

[656] Quelle: ein - offenbar nur auf Papier verteilter - Press Release von Van Dyk (Caltech) & al. vom 8.1.2003.


UV-Observatorium GALEX auf einer Pegasus gestartet

Und wieder gibt es ein neues astronomisches Observatorium in der Erdumlaufbahn: Am 28. April trug eine Flügelrakete des Typs Pegasus den Galaxy Evolution Explorer der NASA auf eine um 29° gegen den Äquator geneigte 690-km-Bahn. Der kleine Satellit hat ein nur 50 cm großes Teleskop, aber das genügt: Mit seinen Detektoren für das nahe und ferne UV-Licht wird er sich besonders hellen Himmelsobjekten zuwenden, jungen Sternen nämlich - dies aber in Sternbildungsregionen in Millionen Galaxien. Mehrere Himmelsdurchmusterungen sind geplant, darunter einige, die es so noch nie gegeben hat.

"Diese Mission wird uns die erste umfassende Karte eines Universums aus Galaxien liefern, die noch 'im Bau' sind," sagt GALEX-PI Christopher Martin vom Caltech: Die Entfernungen und Sternbildungsraten von gut einer Million Galaxien sollen bestimmt werden, um auf diese Weise die Geschichte der Sternentstehung und auch der Bildung der schweren chemischen Elemente besser zu verstehen. Insbesondere sollen die Daten von GALEX mit vielen bestehenden Himmelsdurchmusterungen (etwa im Infraroten durch den Satelliten IRAS) kombiniert werden - und wenn der Satellit auf ein besonders faszinierendes Einzelobjekt stößt, dann kann Hubble es genauer unter die Lupe nehmen. [30.4.2003]

[655] Links: die Homepage, Pressemitteilungen von KSC und Orbital nach und JPL vor dem Start sowie Startberichte von Sky & Tel., Astronomy, Spaceflight Now, BBC und NetZeitung.

BeppoSAX ist Geschichte - der legendäre italienisch-niederländische Röntgensatellit, der die Entfernung der Gamma Burster herauszufinden half, war schon ein Jahr abgeschaltet und ist in der Nacht zum 30. April über dem Pazifik abgestürzt bzw. verglüht: die offizielle Reentry-Seite und Artikel von Spaceflight Now, New Scientist, Discovery, BBC, AP und Rhein. Post.


Viele Hürden vor dem nuklearbetriebenen Jupiter-Orbiter

Als die Pläne für einen nukleargetriebenen Super-Jupiterorbiter im NASA-Haushaltsentwurf für 2004 bekannt wurden (siehe
Artikel 609), war die Begeisterung unter den Planetenforschern zunächst recht groß: Der Jupiter Icy Moons Orbiter (JIMO) würde dank seines gewaltigen Ionentriebwerks, vom Reaktor mit Strom versorgt, rasch ans Ziel gelangen und nacheinander in den Orbit um drei der Mond einschwenken können - und hätte dabei nahezu unbegrenzt Strom für aufwändige wissenschaftliche Instrumente. Im April haben drei Firmen je 50 Mio.$ für 12- bis 18-monatige Vorstudien erhalten - doch zugleich werden die enormen Hürden immer deutlicher, die sich vor dem für 2012 erhofften Start der revolutionären Raumsonde auftürmen:

  • Noch gibt es keinerlei geeigneten Kernreaktor, und die NASA hat schon vor 10 Jahren alle Forschungen in dieser Richtung eingestellt. Inspiration holen will man sich offenbar von den kompakten Reaktoren, die die US Navy benutzt: Als Chef des »Project Prometheus«, wie das neue Nuklearprogramm heißt, wurde der bereits pensionierte Leiter des 1993 eingestellten SP-100-Programms der NASA, Al Newhouse, berufen, ein Schüler des 'Vaters' des Marine-Nuklearprogramms. Während JIMO und ein Großteil des Prometheus-Programms (zu dem auch die Entwicklung besserer Radioisotopenbatterien gehört) der Industrie überlassen werden sollen, bleibt der Reaktor selbst Sache der Navy (wobei es aber auch am Los Alamos Nat'l Lab mit der Safe Affordable Fission Engine [SAFE] ein vielversprechendes Konzept gibt). Der Sondenreaktor soll etwa so groß ausfallen wie eine kleine Mülltonne; Technologie, um seine Wärmeproduktion effizient in Strom für den Ionenantrieb umzuwandeln, fehlt allerdings noch.

  • JIMO könnte die schwerste Raumsonde aller Zeiten werden, nach internen NASA-Studien von 2002 mit durchaus 20 Tonnen Startmasse. Bis zu 60% des Gewichts könnte der eigentliche Treibstoff des Ionenantriebs ausmachen (wahrscheinlich Xenon), denn der Reaktor sorgt bei dem vorgesehenen nuklearelektrischen Antrieb zwar für jede Menge Strom, aber noch nicht für Schub: Dazu müssen die Atome ionisiert, beschleunigt und ausgestoßen werden (wie bei Deep Space 1, nur rund 50-mal stärker). Derzeit gibt es im US-Arsenal gar keine Trägerrakete, die solch einen (zudem auch noch gigantischen) Mega-Satelliten in den Erdorbit bringen könnte, doch die Heavy-Version der Delta 4 (ein Testflug ist für diesen September vorgesehen) kann 23 t in den LEO tragen, und eine angedachte Heavy Atlas 5 soll bis zu 25 t schaffen.

  • Die Sicherheit muß unter allen Umständen gewahrt werden - und deshalb wird auch noch ein zusätzlicher konventioneller Antrieb benötigt. Denn JIMO soll in 1000 km Höhe abgesetzt werden und sich zunächst mit diesem (entweder chemischen oder solarelektrischen) Triebwerk in eine sichere Distanz zur Erde schieben - die ganze Zeit ist der Reaktor noch in einem ungefährlichen Zustand, so daß Unfälle beim Start oder in dieser Flugphase glimpflich ablaufen würden (davon freilich will die Öffentlichkeit erst einmal überzeugt werden). Erst wenn die Erde sicher ist, wird der Reaktor durch ein mechanisches System scharfgemacht, die Kernspaltung (nebst Produktion von Nuklearmüll) beginnt und der Ionenantrieb springt an, um JIMO in einem Drittel der sonst nötigen Zeit zum Jupiter zu befördern.

  • Wissenschaftliche Instrumente völliger neuer Konzeption müssen für JIMO ebenfalls entwickelt werden, um die rund 100 Kilowatt Leistung, die am Ziel zur Verfügung stehen werden, auch sinnvoll nutzen zu können (insbesondere für Radaranlagen und andere aktive Sensorsysteme) - eine Herausforderung an die Gemeinde der Planetenforscher, die sonst in Watt denken mußte. Und die sich zu sorgen beginnt, daß durch die Arbeit an JIMO in den nächsten Jahren die »normalen« Planetensonden ins Hintertreffen geraten könnten. Und was, wenn das Prometheus-Programm nach einer Weile an einer der technischen Hürden scheitern sollte? Ein Orbiter um den Jupitermond Europa gilt als eines der wichtigsten Projekte überhaupt (siehe Artikel 510): Schon wird der Ruf laut, zusätzlich zu JIMO auch weiter an einem konventionellen Europaorbiter zu arbeiten.

  • Das Projekt Prometheus könnte leicht 9 Milliarden Dollar kosten, von jetzt bis 2012, wobei die konkrete Mission JIMO etwa 4 Mrd.$ ausmachen dürfte: Der Wissenschaftsposten im NASA-Etat müßte ab 2005 dramatisch ansteigen, um das - ohne gravierende Opfer an anderer Stelle - überhaupt finanzieren zu können. Wer kann heute sagen, wie der US-Kongreß in der Post-Columbia-Welt mit der NASA und ihren Budget-Wünschen umgehen wird? Auch neigen NASA-Projekte dieser Dimension zu permanenten Kostensteigerungen. Und selbst wenn der aktuelle Enthusiasmus noch eine Weile anhält: Wird es so bleiben, wenn ab Mitte dieses Jahrzehnts, nach der für 2005 geplanten Benennung des Hauptkontraktors, die ganz großen Ausgaben in Sachen JIMO anstehen?
»Wir sollten uns nicht fürchten, heute kluge Entscheidungen zu treffen, weil dumme Entscheidungen in der Zukunft möglich sind,« entgegnet trotzig Lou Friedmann von der Planetary Society, ein JIMO-Fan der ersten Stunde. Doch werden genug andere ebenso denken? Die größte Herausforderung für die NASA-Spitze könnte es in den nächsten Jahren sein, der Öffentlichkeit zu erklären, warum die Erforschung des Sonnensystems künftig mit enormen Kosten nuklear vorangetrieben werden soll - und schlüssig zu belegen, wie dabei die Sicherheit garantiert ist. Die Gegner machen schon jetzt mobil und wittern hinter Prometheus z.B. das Fernziel, nuklearbetriebene Waffensysteme im Orbit zu installieren ... [30.4.2003]

[654] Quellen: Science vom 28.3. S. 1969-70 + New Scientist vom 12.4. S. 39-41 + Space News vom 21.4.2003. Links: Artikel von SF Gate über Ängste vor Prometheus und von Space.com über O'Keefes Werbekampagne und die Pläne, die Homepage von SAFE und das "Uranium Info Centre" über neue Ideen für Nuclear Reactors for Space.


Auf dem Weg zum Columbia-Abschlußreport

hofft das Columbia Accident Investigation Board im Laufe des Monats Mai zu sein: Am 30. April endet die Suche nach Trümmern im Hauptfeld und die Rate, mit der neue Fakten hereinkommen, sollte sich deutlich verlangsamen. Aber vor allem eines fehlt noch: die systematischen Experimente am Southwest Research Institute in San Antonio, bei denen geprüft werden soll, ob der Impakt eines 1-kg-Fragments Schaumstoff von der Isolierung des Außentanks tatsächlich der »root cause« der Katastrophe gewesen sein kann. »The CAIB has not reached any final conclusions and has not determined the cause of the loss of the shuttle,« hieß es am 24.4. in einer kurzen Presseerklärung, und noch ist es möglich, daß etwas ganz anderes die Frontseite der linken Tragfläche beschädigte, eine Kollision mit Raumschrott oder einem Mikrometeoriten z.B.

Doch das Bild ab diesem entscheidenden Versagen, das sich auf jeden Fall noch vor dem Wiedereintritt in die Atmosphäre ereignete, ist inzwischen ziemlich klar geworden. Jede Menge Details sind weiterhin noch festzuklopfen, doch das Bild aus den Trümmern und die Meßdaten während des Wiedereintritts - sowohl in der Telemetrie wie auf dem Band des Rekorders OEX - lassen praktisch keinen Zweifel mehr, daß die Katastrophe in unmittelbarer Nähe der RCC-Panels Nr. 8 und 9 der linken Tragfläche begann. Die genau Stelle "wandert" allerdings von Woche zu Woche - der letzte Stand der Ermittlungen: Der Verlust eines Teils des Panels Nr. 8 paßt am allerbesten zum physikalischen Befund, und die Leck-Stelle ist inzwischen auf etwa 30 cm genau eingekreist.

Ein teilweiser Verlust des Panels Nr. 8 (oder eines einzigen T seals, das zwischen den RCC-Panels 8 und 9 saß), hätte vermutlich bereits ausgereicht, um heißer Luft einen ersten Kanal ins Innere der Tragfläche zu öffnen (im Falle eines fehlenden T seals wäre dabei ein nur 2.5 cm breiter aber bis zu 1 m langer Spalt entstanden). Die Timeline dessen, was dann passierte, steht in jedem Fall (vgl. Artikel 637): Um 14:48:39 MEZ, nur 4½ Minuten nach dem Entry Interface, zeigt ein Streß-Sensor die erste Anomalie - die Tragfläche verbiegt sich bereits infolge der hereinschießenden Luft. 20 Sekunden später dann die ersten von vielen Messungen ansteigender Temperaturen, während die Holme der Tragflächenstruktur allmählich zerfressen werden.

Auch eine Reihe kurzer Unterbrechungen der Funkverbindung mit der Columbia, die erste um 14:50:00, läßt sich nun erklären: Tropfen geschmolzenen Metalls aus der Tragfläche waren in die Atmosphäre rund um den Orbiter geraten. 14:52:05: Zum ersten Mal will die Columbia von der vorgegebenen Flugbahn abweichen (was der Bordcomputer verhindert) -die linke Tragfläche ist bereits stark beschädigt. 14:53:29: Der OEX zeichnet den ersten Temperaturanstieg an der linken Seite des Rumpfes der Columbia auf. Etwa zu diesem Zeitpunkt sichten die Beobachter am Boden auch die ersten Lichtpunkte, die sich vom Orbiter lösen. Und die Störungen der Fluglage nehmen zu. Doch erst um 14:54:24 fällt in der Flugkontrolle zum ersten Mal auf, daß etwas nicht stimmt. Weitere Entdeckungen, Entwicklungen und Enthüllungen der letzten Tage:

  • Ein T seal hätte zwar genau das Radarecho des geheimnisvollen Objekts, das im Orbit von der Columbia davonschwebte, wie die Labortests inzwischen ergeben haben (vgl. Artikel 649), und auch das ballistische Verhalten beim späteren Eintritt in die Atmosphäre paßt zu einem T seal. Doch kürzlich wurde in den Trümmern ein 25 cm langes Teil genau des verdächtigen T seals identifiziert, das zwischen den Panels 8 und 9 saß: Deswegen - und auch wegen des Musters von Metallspritzern auf bestimmten Trümmern - gilt jetzt ein Teil des Panels Nr. 8 als der beste Kandidat für das Radarobjekt.

  • Ob ein geringfügiger Temperaturanstieg hinter dem RCC-Panel 9, etwa fünf Minuten nach dem Start, der in den OEX-Aufzeichnungen gefunden wurde, einen direkten Beweis dafür darstellt, daß der fliegende Schaumstoff die Tragfläche sofort schwer beschädigt hatte, ist in keiner Weise erwiesen: Die Messung könnte auch durch elektrische Effekte gestört sein. Und selbst die Einstrahlung der Sonne auf diesen Teil der Tragfläche könnte den Anstieg verursacht haben. Leider gab es in der kritischen Zone der Tragfläche überhaupt nur diesen einen Temperatursensor, was auch die exakte Rekonstruktion der komplexen Vorgänge in der Tragfläche beim Wiedereintritt erschwert.

  • Auch der Zwilling des Columbia-Außentanks ist voller Defekte in seiner Isolationsschicht, hat eine erste Untersuchung ergeben - ob auch von diesem Tank bei einem Start größere Stücke abgebrochen wären, ist aber nicht klar. Unabhängig davon, ob solch ein Fragment für die Columbia-Katastrophe verantwortlich war, hat sie NASA aber schon gelobt, daß fürderhin nichts mehr von Außentanks abfallen soll. Insbesondere die Stellen, wo das Isolationsmaterial besonders schlecht haftet, werden schon jetzt neu gestaltet. Bedauerlicherweise erweisen sich die besonders leichtgewichtigen Tanks, die in Zukunft nur noch verwendet werden sollen, auch als besonders anfällig für schlecht haltende Isolation.

  • Der Abschlußbericht des CAIB, der ab Juni geschrieben werden soll, könnte vielleicht schon am 23. Juli vorliegen: Dann geht der US-Kongreß in die Sommerpause, und im Herbst könnten dann die entscheidenden Anhörungen über die Zukunft von Shuttle und NASA beginnen. Und eine Wiederaufnahme der Shuttleflüge wird seitens der NASA jetzt im ersten Quartal 2004 für möglich gehalten - sicher auch etwas Zweckoptimismus, denn wenn die Shuttles auch im kommenden Jahr nicht zur Verfügung stehen würden, wäre die Logistik der ISS ernsthaft gefährdet. Vier der sieben Besatzungsmitglieder des ersten Fluges sind bereits benannt, darunter als Kommandantin Eileen Collins sowie ein Japaner; dazu kommt noch eine neue, dann wieder 3-köpfige, ISS-Stammbesatzung.

  • Der Shuttle-Manager Ron Dittemore geht, hat er am 23. April bestätigt. In den Tagen nach dem Unfall brachten ihm seine offenen täglichen Pressekonferenzen viel Lob ein; nachdem das CAIB die Untersuchung übernommen hatte, war er nur noch einmal, während einer Anhörung, öffentlich aufgetreten. Wenn sich herausstellen sollte, daß das Shuttle-Management für das Unglück verantwortlich sein sollte, »weil wir etwas übersehen haben,« dann werde er persönlich die Verantwortung übernehmen. Den Entschluß, die NASA in Richtung Privatindustrie zu verlassen, hatte er aber schon im Herbst 2002 für das Frühjahr 2003 getroffen, wie auch andere NASA-Manager bestätigen. Drei ehemalige Astronauten, die später Managementaufgaben übernommen hatten, gelten als wahrscheinlichste Nachfolger - so lange bleibt Dittemore auf jeden Fall noch im Amt.
Derweil läuft der Besatzungswechsel auf der ISS: Um 5:53:51 MESZ am 26.4. begann der erste bemannte Raumflug seit dem Columbia-Unglück mit dem problemlosen Start von Malenchenko & Lu auf Soyuz TMA-2; zwei Tage später wurde angedockt. Insgesamt etwa 200 Stunden lang sollte sich diese »Expedition 7« während ihres Aufenthalts um wissenschaftliche Arbeit kümmern können, bis im Oktober die Ablösung kommt (vermutlich Alexander Kaleri und Michael Foale): Schließlich wird sie weder mit dem Weiterbau der Station noch den langwierigen Vorbereitungen von EVAs zu tun haben. Doch weil praktisch kein neues Experimentiergerät nach oben gebracht werden kann, müssen sich Lu und Malenchenko mit der Hardware begnügen, die schon da ist. Ein ungewöhnlich großer Anteil der knappen Forschungszeit soll für Erdbeobachtungen benutzt werden - und für didaktische TV-Shows. [30.4.2003]

[653] Links: Spaceflight Now zum detaillierten Szenario der NASA und der Reaktion des CAIB, ein CAIB Press Release zu den offenen Fragen, Spaceflight Now und AP zum Stand der Ermittlungen Ende April, ein Abschiedsstatement von Dittemore, ein NASA Press Release, Space Today und eine Telecon dazu, Space Today zur Wiederaufnahme der Flüge, eine Vorschau zur Expedition 7 sowie Artikel zum Soyuz-Start von Spaceflight Now, Florida Today und Rhein. Post und zum Andocken von Spaceflight Now, Space Today und NetZeitung. Außerdem kritische Anmerkungen zu ISS und Shuttle im Space Daily vom 21., 23. und 25. April.


Ein Bewerber um den X Prize stellt sich vor

Mit dem »SpaceShipOne«, das in 15 km Höhe von Trägerflugzeug »White Knight« aus startet, will es der Flugzeugtüftler Burt Rutan (erste Erdumrundung ohne Auftanken) bis in den Weltraum schaffen - jetzt wurde das Fluggerät kurz der Öffentlichkeit präsentiert. Um den Preis zu gewinnen, müssen drei Personen mit demselben Fluggerät binnen zwei Wochen zweimal bis in 100 km Höhe und zurück gelangen - und Rutan will sogar noch mehr: demonstrieren, daß bemannte Raumfahrt gar nicht teuer sein muß. Sein Raketenflugzeug - unverkennbar der X-15 von NASA und USAF nachempfunden - ist schon weitgehend fertig, doch der Hybrid-Antrieb (fester Treibstoff + flüssiger Oxidator), um den sich zwei kleine Raumfahrfirmen bewerben, ist noch in der Testphase, und der Zeitplan für die (nichtöffentlichen) Testflüge wird nicht verraten.

Ein geheimnisvoller Kunde, der sich erst später outen will, hat die Arbeiten finanziert, die nach Expertenschätzung 20-30 Mio.$ gekostet haben. Die White Knight ist dabei eine Weiterentwicklung von Rutans Forschungsflugzeug Proteus, die immerhin im Oktober 2000 eine Tonne Nutzlast auf 19 km Höhe hievte. Was das SpaceShipOne von anderen Bewerbern um den X Prize unterscheidet, ist das Echo in Fachkreisen - Aviation Week & Space Technology, eine führende Zeitschrift für Weltraumtechnologie, widmete ihm (nach einer Extratour für ihre Redakteure) gleich eine überschwengliche und umfangreiche Titelstory. Und in einem Kommentar heißt es, Rutan habe »eine gute Chance sein Ziel zu erreichen«, und insbesondere die entscheidende Antriebstechnologie schon »well in hand.« [30.4.2003]

[652] Links: die Homepage des Projekts, Bilder und Artikel von AW&ST sowie Space Review, New Scientist und Discovery von der öffentlichen Vorführung.


Dem »fossilen Sternenlicht« auf der Spur

sind Astronomen mit Infrarot- und Sub-mm-Radioteleskopen, seit 1998 ein allgegenwärtiges Hintergrundleuchten im fernen Infraroten in den All-Sky-Karten des Satelliten COBE isoliert wurde. In diesem Cosmic Infrared Background (CIRB) steckt ein großer Teil des Lichts, das Sterne und Galaxien im Laufe der Geschichte des Alls im Sichtbaren und UV abgestrahlt haben: Es wurde von Staub absorbiert und im thermischen IR zwischen v.a. 100 µm und 1 mm Wellenlänge wieder abgegeben. Die Energiedichte des CIRB war eine Überraschung: Sie ist 200-mal höher als die der Röntgen-Hintergrundstrahlung und mindestens so groß wie das Hintergrundleuchten im sichtbaren Licht.

Das bedeutet, daß in der Vergangenheit viel mehr Sterne entstanden sind als heute und daß ein größerer Anteil des Sternlichts von Staub verschluckt wurde. Die große Frage war jetzt: Wann strahlten diese Sterne? Das Spektrum des CIRB gab einen ersten Hinweis, denn es ähnelt dem von leuchtkräftigen (staubreichen) Infrarotgalaxien oder LIRGs. Diese Galaxien erleben Episoden besonders starker Sternentstehung (»Starbursts«), fast immer als Folge von Kollisionen, wobei das Licht der Sterne aber von jeder Menge Staub gleich wieder absorbiert wird. Das Spektrum hat dadurch einen Buckel bei 80 µm, der CIRB dagegen sein Maximum bei 140 µm: Wenn LIRG-artige Galaxien dahinter steckten, dann mußten sie Rotverschiebungen um 0.8 haben.

War das die Lösung? Mit Hilfe des Satelliten ISO konnte in mühsamer Arbeit (vorgestellt in Artikel 409) gezeigt werden, daß LIRGs und noch zehnmal leuchtkräftigeren ULIRGs bei derartigen Rotverschiebungen tatsächlich für 55% bzw. weitere 20% des CIRB verantwortlich sind, während sie im heutigen Universum fast gar keine Rolle mehr spielen. Es fällt nun auf, daß die typischen Rotverschiebungen der ISOCAM-Galaxien denen der Aktiven Galaktischen Kerne sehr ähnlich sind, die wiederum die Quelle der Röntgenhintergrundstrahlung sind: 0.8 bzw. 0.7. Und auch die räumliche Verteilung der ISOCAM-Galaxien und AGN ist vergleichbar: Beide Arten von Galaxien scheinen die Regionen nachzuzeichnen, wo im Kosmos großräumige Strukturen entstehen.

Während die ISOCAM-Galaxien für das Maximum des CIRB verantwortlich sind, stammt dessen langwelliger Teil - im Sub-mm-Bereich zwischen 300 und 1000 µm - von ebenfalls IR-hellen Galaxien, die noch deutlich weiter entfernt (und noch schwerer zu erforschen) sind. Ihre mittlere Rotverschiebung liegt - nach der neuesten Kombination von JCMT- und hochauflösenden VLT-Sichtungen plus optischen Spektren - bei grob z=2.4, was wiederum mit der Epoche der größten Aktivität der Quasare zusammenfällt. Auch hier scheint es also einen Zusammenhang zwischen leuchtkräftigen staubigen Galaxien und Kernaktivität zu geben. Insgesamt stammen rund 85% des CIRB von LIRGs und ULIRGs - und die Raumdichte dieser Galaxien bei Rotverschiebungen > 2 liegt um das etwa Tausendfache über dem Wert im heutigen Kosmos. [30.4.2003]

[651] Quellen: Elbaz & Cesarsky, Science 11.4.2003 270-4 + Chapman & al., Nature 17.4.2003 695- 8 + Cowie, ibid. 670-1. Links: ein Caltech PR zur neuen JCMT-Analyse, Illustrationen dazu, und historische Pressemitteilungen (von 1998) zur Entdeckung des CIRB durch COBE und den Beginn seiner Enträtselung durch das JCMT und ISO.


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