MoFi im letzten Moment ...
Jedenfalls für Deutschland: Die Mitte der Totalität fällt (im Westen des
Landes) fast exakt mit dem Sonnenaufgang am 16. Mai zusammen, aber die erste
Partialität sollte noch zu beobachten sein, 10° und weniger hoch
am Himmel und in der einsetzenden Dämmerung - vielleicht ein schönes
Fotomotiv (der partiell verfinstert in der Abenddämmerung aufgehende Mond
war jedenfalls eins, im September 1978). Die Sonne (Deklination +19°)
steht jeweils ungefähr so tief unter dem Horizont wie der Mond (-19°)
darüber. In dieser Tabelle grobe Zahlen für Bonn:
| Phase |
MESZ |
Mond |
Sonne |
| Beginn Partialität |
4:05 |
12° |
-12° |
| Zu 1/3 partiell |
4:25 |
10° |
-10° |
| Etwa halb partiell |
4:35 |
9° |
-9° |
| Zu 2/3 partiell |
4:50 |
7° |
-7° |
| MoFi nahezu total |
5:10 |
5° |
-5° |
Mit dem Eintritt des ganzen Mondes in den Kernschatten in der hellen Dämmerung
wird er vermutlich unsichtbar werden - außer die Umbra ist ungewöhnlich hell und
hinterläßt ein rosiges Schimmern. Mondunter- und Sonnenaufgang sind dann gegen
5:45 MESZ. [15.5.2003]
[666] Links: Webseiten von
Espenak und
MoFi Info,
Science@NASA,
Press Releases von ASP und
S&T
und Artikel von
BBC,
Astronomy,
CSM,
Space.com,
Welt und
NetZeitung.
Hayabusa alias MUSES-C: Die erste Asteroiden-Sample Return Mission hat begonnen!
Zum ersten Mal seit 1976, als mit der sowjetischen
Luna
24 letztmalig eine Bodenprobe vom Mond geholt wurde, ist eine
Raumsonde unterwegs, um Splitter eines fremden festen
Himmelskörpers zur Erde zu bringen: Die japanische
Hayabusa (Falke), wie MUSES-C des japanischen Weltrauminstuts ISAS
seit dem erfolgreichen Start auf einer M-V-Rakete am 9. Mai
genannt wird, ist allerdings in erster Linie ein
Ingenieurexperiment. Das Akronym MUSES steht steht
schließlich für »Mu [gemeint ist die Raketenserie
von ISAS] Space Engineering Spacecraft« und das C
für die dritte derartige Mission, nach dem Mondorbiter
Hiten und dem Radioastronomiesatelliten Halca. Der letzte
M-V-Start war 2000 gescheitert (eine Düse hatte sich
aufgelöst), diesmal ging alles glatt.
Hayabusa - Startmasse 500 kg, Maße 1.5 x 1.5 x 1.2 Meter -
soll vor allem vier Technologien demonstrieren (und dabei
sozusagen als Nebenprodukt etwa 1 Gramm Asteroidenmaterial
zur Erde bringen): ein Ionentriebwerk, autonome Navigation, ein
neuartiges System zum Sammeln von Bodenproben auf sehr
kleinen Körpern und deren Transport zur Erde. Die ersten
beiden Techniken hat bereits die US-Sonde Deep Space One mit
Bravour demonstriert (siehe Artikel 380), die anderen sind Neuland - und
insbesondere das Verfahren zum Probensammeln stellt eine
höchst innovative Mischung aus einer Landung und einem
Vorbeiflug dar.
Bald nach dem Start wird das Ionentriebwerk eingeschaltet und
praktisch kontinuierlich laufen: Im Bodentest hat es bereits unter
Beweis gestellt, daß es die notwenigen 18'000 Stunden
Brenndauer durchstehen kann. Xenon wird ionisiert und
elektrisch beschleunigt: 65 kg sind an Bord, dazu 50 kg
chemischer Treibstoff. Im Sommer 2005 wird das Zielobjekt, der
Asteroid Nr. 25'143 alias 1998 SF36 (siehe Artikel 87),
erreicht und zunächst 5 Monate lang in 20 km Höhe
umkreist, um ihn mit diversen Instrumenten ausgiebig zu
charakterisieren. Dann beginnt die heiße Phase des Anflugs
auf den nur 300 x 700 Meter großen Football, wobei
Hayabusa viele kritische Entscheidungen autonom treffen wird,
allein auf der Basis von Kamerabildern und
Laser-Entfernungsmessungen.
In etwa 10 km Höhe wird zunächst verharrt, die
Fernerkundung intensiviert und der erste Landeplatz
ausgesucht; auch ein kleiner Hüpfroboter namens
MINERVA wird jetzt abgesetzt (ein weiterer amerikanischer
Lander wurde gestrichen; siehe Artikel 150). Dann wird der Abstieg fortgesetzt:
In 100 Metern Höhe wird ein Target Marker abgeworfen, der
10 cm groß ist und einen Laserstrahl von der Sonde hell
zurückwirft (außerdem trägt er eine Art Zettel
mit über 800'000 Namen, die die Planetary Society
während einer PR-Kampagne 2002 eingesammelt hat). Nun
übernimmt ein komplizierter Laser Range Finder mit
mehreren Strahlen den Abstieg, wobei Hayabusa die letzten Meter
mit ausgeschaltetem Triebwerk und nur in (sanftem) freiem Fall
zurücklegt, um den Boden nicht zu verunreinigen.
Jetzt ist das Sammelhorn an der Reihe: Sobald dieser große
Trichter den Boden berührt, wird ein Geschoß mit ein
paar Gramm Masse mit 300 m/s auf Asteroid Nr. 25'143 gefeuert
- und was immer dabei aus der Oberfläche freigeschlagen
wird, saugt die Sonde ein. In umfangreichen Laborversuchen
haben sich die Japaner überzeugt, daß dies die beste
Technik für kleine Asteroiden ist, v.a. wenn man deren
Beschaffenheit und Festigkeit vorher kaum kennt. Nach nur einer
Sekunde »Aufenthalt« zündet das Triebwerk
schon wieder, und Hayabusa kehrt in 100 m Abstand
zurück, um weitere Kommandos von der Erde abzuwarten:
Noch mindestens zwei Mal soll die Prozedur an anderen Stellen
wiederholt werden, so daß schließlich einige zehntel bis
einige Gramm Proben an Bord sind.
Ende 2005 tritt Hayabusa dann die Rückreise an, die im
Juni 2007 mit dem feurigen Wiedereintritt der Probenkapsel mit
über 12 km/s über Australien enden soll: Die
20-kg-Kapsel wird dabei viel heißer als Space Shuttles oder
selbst die Apollo-Kapseln. Gelandet wird schließlich am
Fallschirm im Testgelände von Woomera - was im Vorfeld zu
allerlei bürokratischen Verrenkungen geführt hat,
denn die Australier wollten haarklein sicherstellen, daß die
extremen Einfuhr- und Quarantänebestimmungen des
Landes gewahrt bleiben und ja keine Aliens eingeschleppt werden
können. Letzteres ist eher unwahrscheinlich: Asteroid Nr.
25'143 ist ein besonders primitiver Himmelskörper, u.a.
deswegen wurde er schließlich als Ziel ausgewählt ...
[10.5.2003]
[665] Links: die - inzwischen recht informativ gewordene
- englischsprachige Homepage
des Projekts und Artikel von
Spaceflight Now,
AFP,
Planetary
Society und Welt zum Start.
Die Planung für die nächste Sample Return
Mission vom Mond - und zwar aus dem Aitken-Becken nahe
des Südpols - als Kandidat für zweite New Frontiers-Mission
nach dem Pluto-Flug beginnt allmählich:
Space.com.
Rosetta in Gefahr - weil andere Missionen zu teuer wurden
Blufft der ESA-Wissenschaftsdirektor nur im Vorfeld wichtiger
politischer Entscheidungen im Mai, oder steht die
Kometenmission Rosetta tatsächlich am Rande eines
Abbruchs - trotz der rund 900 Mio. Euro, die bereits investiert
wurden? Ende April hat David Southwood jedenfalls das Science
Program Committee der ESA über eine akute Notlage
informiert, in die das ganze Wissenschaftsprogramm geraten sei:
Wenn nicht umgehend 80 Mio. Euro aus anderen Töpfen
gefunden werden könnten, drohe ein Disaster. Dabei war
seine ursprüngliche Schätzung, die finanziellen
Folgen der Startverschiebung für Rosetta würden
zwischen 50 und 100 Mio. Euro liegen (siehe Artikel 590 und 600c), durchaus korrekt gewesen: Der aktuelle
Betrag sind 70 Mio. Euro, eine Summe, die das Programm noch
verkraften könnte.
Doch im gleichen Zeitraum haben andere, nicht minder wichtige
Projekte zwischen 67 und 73 Mio. Euro Mehrkosten verursacht:
die Startverschiebung der Mondsonde Smart-1 (auf derzeit den
22. August) ebenso wie Kostensteigerungen bei den Instrumenten
der Observatorien Herschel und Planck. Andere Missionen für
Rosetta opfern will Southwood keinesfalls, doch mit nunmehr 140
Mio. Euro kommt er einfach nicht mehr klar (da nach den
ESA-Regeln keine Mittel aus künftigen Jahren vorgezogen
werden dürfen). Aber auch ESA-Generaldirektor Rodota ist
ratlos, zumal ausgerechnet die beiden größten
Beitragszahler Frankreich und Deutschland besonders knapp bei
Kasse sind. Ungeachtet des drohenden Unheils soll aber am 24.
Oktober die Startkampagne von Rosetta beginnen (s.a. Artikel 650): Das Fenster zu
Komet Chury öffnet sich am 26. Februar 2004.
[10.5.2003]
[664] Quelle: Space News vom 5.5.2003.
Link: ein Memo
an die Experimentatoren zu den Startvorbereitungen - so ist jetzt das Ablassen des
Treibstoffs geglückt, während der Oxidator im Tank
bleiben muß.
Beweisen »Neuschwanstein«, »Glanerbrug« und
»Pribram« die Existenz heterogener Meteoriten-Ströme im Sonnensystem?
Was hat es zu bedeuten, daß mindestens zwei Meteoriten auf
praktisch exakt derselben Bahn auf die Erde stürzten (siehe
Artikel
467), doch eine völlig unterschiedliche chemische
Zusammensetzungen haben (Artikel 529) und, wie man jetzt weiß, auch
noch ganz unterschiedlich lange als Einzelkörper im
Sonnensystem zubrachten? Die Astronomen in
Tschechien und Deutschland, die die Bahn des
»Bayern-Boliden« vom 6. April 2002 aus
Allsky-Kamerabildern exakt berechneten und so den bisher
einzigen Fund eines dazugehörigen Meteoriten ein
Vierteljahr später möglich machten, sehen das
völlig anders als die Kosmochemiker, die diesem
»Neuschwanstein« auf den Zahn gefühlt
haben.
Für die Forscher an den MPIs für Chemie in Mainz
und für Kernphysik in Heidelberg stand rasch fest: Der
Meteorit von Pribram, der am 7. April 1959 auf die damalige
Tschechoslowakei fiel (und der erste überhaupt mit
fotografisch genau erfaßter Bahn war), und der
Neuschwanstein sind derart unterschiedlicher Natur, daß
lediglich eine »Scheinverwandtschaft« bestehen
könne: Die ähnlichen Bahnelemente
müßten mithin Zufall sein. Der Pribram ist ein
gewöhnlicher primitiver Chondrit, der Neuschwanstein
dagegen ein seltener Enstatit-Chondrit (nur 1.5% aller Fälle
gehören in diese Kategorie), vom Typ EL6. Die Zahl 6
bedeutet dabei, daß der Stein mit etwa 800°C eine starke
Metamorphose durchmachte - sie wird allenfalls im Inneren eines
Kleinplaneten durch die Wärme radioaktiven Zerfalls
erreicht.
Auch die Reisezeiten der beiden Meteoriten seit ihrer
Absprengung aus dem entsprechenden Mutterkörper
lassen sich kernchemisch bestimmen: Sobald sie
»frei« sind, müssen sie der Kosmischen
Strahlung trotzen (die in einen festen Körper nur 1 m tief
eindringt): Die Edelgase aus dem Neuschwanstein zeigen,
daß er rund 48 Mio. Jahre unterwegs war, während
der Pribram nur etwa 12 Mio. Jahre bis zum Fall brauchte. Und
doch halten die Betreiber des Feuerkugel-Netzwerks einen Zufall
für ausgeschlossen: Die Bahnelemente der beiden
Meteoriten stimmten derart gut überein, daß man von
»einem 'Strom' ähnlicher Objekte« ausgehen
müsse, wobei andererseits »ein gemeinsamer
ursprünglicher Mutterkörper für die beiden
Objekte höchst unwahrscheinlich ist.«
Solch ein »Meteoriten-Strom« müßte -
hochgerechnet aus der Effizienz der Kamera-Netzwerke damals
bis heute und dem Abstand der beiden späteren Meteoriten
voneinander im Raum - rund eine Milliarde Körper
ähnlicher Größe enthalten: Wäre er aus
einem einzigen Mutterkörper hervorgegangen (was wegen
der extremen chemischen Unterschiede aber fraglich ist), dann
wäre dieser mindestens 600 Meter groß gewesen.
Interessanterweise gibt es nun weitere Feuerkugeln, deren
rekonstruierte Bahnen zu demselben Strom passen
würden - und auch ein berühmter Meteoritenfall aus
dem Jahr 1990. Damals waren - wieder mal am 7. April - im
niederländischen Glanerbrug jede Menge Meteoriten
gefallen, doch mangels fotografischer Aufnahmen konnte die
Bahn der Feuerkugel nur vage aus visuellen Beobachtungen
rekonstruiert werden.
Trotzdem fiel eine frappierende Ähnlichkeit dieser Bahn mit
der des Pribram-Meteoriten auf - wobei aber auch die Chemie des
Glanerbrug, eines L-LL-Chondriten, nicht zur einfachen
Chondriten-Natur des Pribram paßt. Vielleicht, wurde
spekuliert, gehörte der Pribram zum Urgestein des
Mutterkörpers, während es sich beim Glanerbrug um
Regolith-Brekkzie handelte? Oder aber beide entstammten einem
»heterogenen 'rubble pile'-Asteroiden.« Zwei
Asteroiden haben ebenfalls ähnliche Bahnelemente wie die
Feuerkugeln, darunter (4486) Mithra. Der konnte im Sommer
2000 per Radar näher untersucht werden und zeigte
prompt eine krasse Taillie in der Mitte: ganz wie man es für
einen 'rubble pile'-Asteroiden erwarten würde. Enge
Begegnungen mit Planeten könnten solch einem lockeren
Körper leicht immer wieder Brocken entreißen, die
dann einen Strom künftiger Meteoriten bilden
würden. [10.5.2003]
[663] Quellen: Langbroek, Radiant [Journal of the
Dutch Meteor Society] 23 # 4 [Sept. 2001] 76-8 +
MaxPlanckForschung # 4/2002 S. 16-17 + Spurny & al.,
Nature 423 [8.5.2003] S. 151-3. Links: das
komplette
Nature-Paper
und Artikel von Welt und
NetZeitung.
Großer Meteoritenregen nach Asteroidenkollision - vor
500 Mio. Jahren? Solch ein Ereignis im Hauptgürtel
würde die vielen fossilen Meteoriten in mehreren
schwedischen Steinbrüchen (s.a. Artikel 351!)
am besten erklären, denn es wären in der Folge 100-mal
so viele Meteoriten pro Zeiteinheit auf die Erde gefallen wie
heute: ein Rice
University Press Release und Artikel von
BBC und
NetZeitung.
Ein weiterer Hinweis auf viele große Sterne schon 200 Mio. Jahre nach dem Urknall
steckt womöglich in der Kosmischen
Hintergrundstrahlung (CMBR) - und zwar nicht nur in dem
Polarisationsmuster, das jüngst der Satellit WMAP
nachwies (siehe Artikel
606), sondern auch in ganz kleinen räumlichen
Strukturen der Strahlung selbst, wie sie nur wenige
CMBR-Teleskope überhaupt nachweisen können.
Sowohl die Instrumente CBI in den Anden (siehe Artikel 175)
wie ACBAR am Südpol sehen auf den kleinsten Skalen (oder
technisch gesprochen: bei den höchsten l-Werten im
Powerspektrum) einen deutlichen Exzess, der nicht wie der Rest
der CMBR der Physik zur Zeit der Entstehung dieser Strahlung
380'000 Jahre nach dem Urknall zugeschrieben werden kann.
Vielmehr müssen diese Strukturen der CMBR erst viel
später aufgeprägt worden sein.
Die naheliegendste Erklärung ist ein so genannter
Sunyaev-Zeldovich-Effekt, bei dem heißes Gas die Energie
der CMBR-Photonen leicht anhebt. Fragt sich nur, wo dieses Gas
steckt: Den bekanntesten SZ-Effekt, der auch schon vielfach
beobachtet wurde, verursachen Galaxienhaufen mit dem an sie
gebundenen heißen Haufengas (das auch als
Röntgenquelle direkt sichtbar ist). Doch was man heute
über die Geschichte der Galaxienhaufen weiß,
paßt nicht wirklich zum CMBR-Exzess bei großen l, wie
sie das CBI sieht (während sie gerade noch zum Exzess bei
der Beobachtungsfrequenz von ACBAR passen würden).
Vielmehr, so wird nun postuliert, könnte diesen Exzess eine
erste Generation sehr massereicher Sterne (»Population
III«) verursacht haben, die starke Winde hatten und bald
wieder als Supernovae untergingen.
Dieses Gas würde ebenfalls eine Art SZ-Effekt verursachen,
und wenn sich das Drama bei einer Rotverschiebung nahe 20
abspielt, wären die CBI-Daten zu verstehen. Just bei z~20
aber kam es laut der WMAP-Polarisation zur Reionisation des
Universums, was am besten durch viele massereiche Sterne mit
ihrer starken UV-Strahlung zu erklären ist. Der CMBR-
Exzess selbst ist jedenfalls nicht mehr wegzudiskutieren:
Entdeckt worden war er bereits vor einem Jahr in den CBI-Daten
von 2000, aber als in diesen Tagen auch Messungen von 2001
hinzugenommen wurden, ist er noch deutlicher geworden, zwar
nicht mehr so hoch, dafür aber statistisch signifikanter.
Oder in der Sprachwahl der CBI-Forscher: Statt
»possible« ist er jetzt »probable«
geworden. Das CBI wird derweil weiterentwickelt und wird sich
künftig auch um die Polarisation des CMBR
kümmern: Mit seinen 13 Antennen ist es dazu geradezu
ideal. [10.5.2003]
[662] Quelle: ein Vortrag von A. Readhead, Caltech,
am MPIfR in Bonn am 7.5.2003. Links: ein Jahr alte
CBI-Papers von
Mason & al.,
Pearson & al. und
Sievers & al.
mit dem ersten Hinweis auf den Exzess. Außerdem das
MPI
für Astrophysik mit Modellrechnungen
zur frühen Reionisation nach WMAP durch eine Generation
massereicher metallfreier Sterne und ein Paper von
Prochaska & al. nebst Press Releases von
ESA und
UCSC zur
Chemie einer Galaxie mit hoher Rotverschiebung, die ebenfalls von der
Frühgeschichte der Sternentstehung zeugt.
Beschuß-Tests haben begonnen - und schon die erste Überraschung
Seit Anfang Mai werden am Southwest Research Institute im
texanischen San Antonio kleine Fragmente aus Schaumstoff mit
großer Wucht auf Flügelteile echter Space Shuttles
geschossen - und auch wenn die realistische Simulation des
Zwischenfalls beim Start der Columbia erst vom 2. bis 20. Juni auf
dem Programm steht, so gibt es schon jetzt ein erstaunliches
Ergebnis: Zumindest die Hitzekacheln auf der
Flügelunterseite stecken die Einschläge fast folgenlos
weg! Fünfmal wurde der linke Flügel der
»Enterprise« in der ersten Maiwoche attackiert, und
jedesmal gab es nur harmlose Schrammen. Nun gilt als gesichert,
daß der fatale Schaden der Columbia bei den viel
härteren RCC-Panelen an der Flügelfront begann
(siehe Artikel 660 und
unten) - was das Quasi-Nullresultat bei den weicheren Kacheln
bedeutet, ist noch völlig offen.
Die unabhängige Untersuchungskomission CAIB hat
jedenfalls gut daran getan, in ihrer ersten
Arbeitshypothese vom 6. Mai den Startzwischenfall zwar
zu erwähnen, aber keinerlei Kausalzusammenhang
zwischen ihm und der Katastrophe als gesichert hinzustellen.
Auch um andere ungewöhnliche Vorgänge beim Start
wie starke aerodynamische Kräfte (vgl. Artikel 625)
kümmert man sich schon. Das aktuelle CAIB-Szenario ist
im Wesentlichen eine Auflistung erwiesener Fakten, ohne
daraus eine Kausalkette zu entwickeln. Danach trat die Columbia
mit einem »unbekannten Schaden an einem RCC-Panel
oder T seal im Bereich der RCC-Panels 5 bis 9 der linken
Tragfläche« in die Atmosphäre ein, wobei
»das Gebiet der RCC-Panels 8/9 der wahrscheinlichste
Bereich des Schadens« war. Zehn (!) verschiedene Tests und
Analysen müßten aber noch folgen, um das Szenario
»zu verfeinern.«
Unterdessen steigt das wissenschaftliche Vermächtnis
der Columbia und ihrer letzten Mission STS-107
überraschend an: In diesen Tagen haben viele
Wissenschaftler zum ersten Mal Zugriff auf ihre Experimente, die
teilweise schon am Tag des Unfalls geborgen aber erst einmal
für die Untersuchung beschlagnahmt worden waren. Von
manchen biologischen oder medizinischen Experimenten ist
erstaunlich viel erhalten geblieben, wenn sie in stabilen
Behältern verpackt waren: Dazu zählt auch das
seinerzeit viel beachtete GOBBSS (Growth of Bacterial Biofilm on
Surfaces during Spaceflight), das ein palästinensischer und
ein israelischer Student gemeinsam entwickelt hatten. Ob die
geretteten Experimente, darunter v. a. eins zur gezielten
Krebsbekämpfung mit Mikrokapseln, allerdings noch
sinnvolle Daten liefern können, wird sich noch zeigen
müssen.
Apollo-Kapseln sind als ISS-Rettungsschiffe ungeeignet,
hat eine schnelle Studie von Apollo-Veteranen ergeben: Zwar
würden die Kapseln »die meisten« Kriterien
erfüllen, die die NASA für das Orbital Space Plane
festgelegt hat (siehe Artikel
631), doch es hapert entscheidend bei der
Flexibilität der Rückkehr aus dem Orbit.
Apollo-Kapseln landeten im Ozean und wurden von der Navy
geborgen: Die würde heute der NASA gewaltige Rechnungen
dafür präsentieren. Und auch die Vorgabe, einen
kranken ISS-Astronauten binnen 24 Stunden ins Krankenhaus
zu bringen, dürfte daran scheitern. Weitere Probleme
würden der Andockmechanismus und der geringere
Luftdruck in den Apollo-Kapseln aufwerfen: Die vielen
nötigen Modifikationen (insbesondere wenn eine Landung
auf festem Boden gefordert wird), würden wohl die
Kostenersparnis durch die Verwendung existierender Pläne
wieder auffressen.
Das Soyuz-Problem war wohl ein Softwarefehler,
verlautet aus der Untersuchung des falschen Landeprofils vom 4.
Mai, das - zur Überraschung von Crew wie Bodenkontrolle
gleichermaßen - ballistisch abgelaufen war, mit der
doppelten Belastung der Besatzung und einer Landung weit vom
Ziel entfernt. Ein Besatzungsmitglied hatte lange vor dem Abstieg
tatsächlich einen falschen Schalter bedient und damit das
Andock-System »Kurs« aktiviert, doch das hatte die
Bodenkontrolle rasch rückgängig gemacht: Bei den
späteren Problemen sollte das keine Rolle gespielt haben.
Ehe sie sich's versahen, waren Bowersox, Budarin und
Pettit schon gelandet - und genossen erst einmal die Einsamkeit
ohne Horden von Betreuern. Am 23. Mai soll ein
Untersuchungsbericht vorliegen: Wenn's nur an der Software lag,
könnte Soyuz TMA-2 an der ISS leicht aus der Ferne
umprogrammiert werden. [10.5.2003]
[661] Links:
Spaceflight Now
zu den ersten SwRI-Tests, ein
CAIB Press Release und
Spaceflight Now
zur Arbeitshypothese, ein
Planetary Society Press
Release zu GOBBSS, die
Apollo-Studie und Artikel dazu von
Space Review und
UPI, die
Wash. Post,
AFP und
AP zu einer PK
mit der gelandeten Expedition 6 und
Space.com
zur Untersuchung des Zwischenfalls. Außerdem ein
NASA Release und Artikel von
Spaceflight Now
und Space Today
zur Benennung eines neuen Shuttle-Chefs, die
Wash. Post
über Geheimhaltungsfragen, eine Studie von
Fla. Today über
Risiken für die Bevölkerung durch abstürzende Orbiter - und der
New Scientist über die
Ergebnisse eines (u.a. deutschen) Staub-Plasma-Experiments auf der ISS. Zusätzliche
Quelle: AW&ST vom 5.5.2003 S. 23 + 28-30.
US-Politiker halten das OSP für den falschen Weg -
bei der ersten Anhörung über das Orbital Space Plane
durch einen Senatsausschuß wurden die zu erwartenden
enormen Kosten bei gleichzeitig arg eingeschränktem
Nutzen angegriffen; mit dem alten Konzept eines Crew Rescue
Vehicle hätte man dasselbe für 1/10 des Preises
erhalten können:
House Science Com.
Democratic Membersh. PR.
Zu den 10 vorangegangenen Meldungen,
den aktuellen Meldungen
oder zum Archiv.