Meldungen Nr. 681-690
vom 20.-30.6.2003
Aktuelle Meldungen / Archiv


Rockot startet 8 kleine Satelliten - darunter Kanadas erstes Weltraumteleskop

Am 30. Juni 2003 um 14:15 UTC hat planmäßig die deutsch-russische Trägerrakete ROCKOT mit 8 Satelliten an Bord zu ihrem Mehrfachflug MOM (Multiple Orbit Mission) vom nordrussischen Raumfahrtbahnhof Plesetsk abgehoben. Problemlos erreichten die Mikro- und Nano-Satelliten ihre unterschiedlichen Umlaufbahnen. Diese schwierige Mission wurde durch die Wiederzündbarkeit und hohe Manövrierfähigkeit der ROCKOT-Oberstufe BREEZE erreicht. Zudem war dieser Flug die erste sonnensynchrone Mission der Rakete. Die Nutzlast dieser Mission bestand aus folgenden Satelliten:
  • Der tschechische Satellit MIMOSA wurde als erster in einen elliptischen Orbit von 820 x 320 km ausgesetzt. Der 66 kg schwere Satellit vom Tschechischen Astronomischen Institut soll die atmosphärische Dichte sowie die Bestimmung von Kräften, die z.B. durch thermische Effekte und Strahlungen entstehen können, messen.

  • Nach einem Manöver der Oberstufe wurde eine kreisförmige, sonnensynchrone Umlaufbahn (SSO) angeflogen, auf der zunächst in 820 km Höhe der Satellit MOST der kanadischen Raumfahrtbehörde ausgesetzt wurde. Der 57 kg schwere kanadische Satellit (Abb.) wird mit Kanadas erstem Weltraumteleskop das Alter des Universums und die Beschaffenheit von Planeten erkunden.

  • Die weiteren 6 Mini-Satelliten CUTE-1 und Cubesat XI aus Japan, CanX-1 aus Kanada, AAU Cubesat und DTUsat aus Dänemark sowie der US-amerikanische Quakesat wurden anschließend in demselben Orbit platziert. Missionsziel der beiden von japanischen Studenten gebauten Satelliten CubeSat XI und CUTE-I ist, durch realitätsnahe universitäre Ausbildung die Kompetenz der Studienabgänger zu steigern. Die Hauptaufgabe der Nano-Satelliten CanX-1, AAU Cubesat und DTUsat ist die Abbildung von Phänomenen im All, wie z.B. von Sternenfeldern. Die Mission von QuakeSat vom amerikanischen Institut Quakefinder ist die Erkennung von Erdbeben.
Der russische Testsatellit MONITOR blieb planmäßig quasi als neunter Satellit auf der Breeze Oberstufe sitzen und verbrennt mit ihr beim Wiedereintritts-Manöver in die Erdatmosphäre. Mit MOM konnte Eurockot die gesamte Leistungspalette der Oberstufe Breeze zeigen: Mehrfachzündung des Haupttriebwerkes, präzises Positionieren in verschiedenen Orbits und Höhen und sukzessives Aussetzen von verschiedenen Nutzlasten. Eurockot Launch Services ist ein Gemeinschaftsunternehmen von EADS SPACE Transportation, das mit 51 Prozent beteiligt ist und Khrunichev Space Center, Russland, dessen Beteiligung bei 49 Prozent liegt. [30.6.2003]

[690] Links: Pressemitteilungen von Eurockot und der Canadian Space Agency zum Start, die Homepage von MOST, ein detaillierterer Artikel dazu, weitere MOM News und Artikel zum Start von Spaceflight Now und Space.com.

Der 2. Marsrover startet frühestens in der Nacht zum 6. Juli, wegen anhaltender Probleme mit der Kork-Isolierung der Delta-Rakete: KSC Press Release.


Quark-Gluonen-Plasma mit dem RHIC nachgewiesen?

Von einem kompletten Beweis sprechen die Teilchenphysiker am Brookhaven Nat'l Lab zwar auch jetzt noch nicht, doch durch eine Serie von Kontrollexperimenten vom Januar bis März dieses Jahres erscheint die Interpretation früherer Versuche klarer. Zunächst hatte man in dem neuen Beschleuniger (siehe
Artikel 53) Schwärme von Kernen von Goldatomen aufeinander geschossen, und aus der extrem heißen und dichten Kollisionszone war oftmals nur ein Partikelstrahl (»Jet«) herausgekommen, während 'normalerweise' zwei Jets in entgegengesetzten Richtungen entstehen. Sie sind ein Zerfallsprodukt von energiereichen Quarks, die bei den Kollisionen aus dem Nukleonenverband herausgeschlagen werden.

Die Unterdrückung eines der Jets ('Jet Quenching') war nun ein vorausgesagtes Indiz dafür, daß bei den Gold-Gold-Kollisionen tatsächlich ein dichtes Quark-Gluonen-Plasma entstanden war, in dem die inwärts gerichteten Jets regelrecht steckenbleiben. Doch auch andere Erklärungen waren möglich, weshalb man Anfang dieses Jahres nun Goldkerne und viel leichtere Deuteronen aufeinanderschoß: Dabei sollte kein QGP entstehen, doch einzelne freie Quarks würde es trotzdem geben - und tatsächlich sah man jetzt beide Jets. Bei den Gold-Gold-Kollisionen entsteht also zumindest eine deutlich andersgeartete nukleare Suppe, doch bevor man es als bewiesen ansehen will, daß es tatsächlich ein QGP ist (und damit ein Zustand wie ganz kurz nach dem Urknall), sind noch weitere Meßreihen geplant. [30.6.2003]

[689] Links: Brookhaven und Weizman Inst. Press Releases und Artikel von New Scientist, AP und Rhein. Post.

Das Higgs-Boson ist vermutlich noch schwerer zu finden, als die Physiker bisher dachten - wahrscheinlich wird es das Tevatron nicht und frühestens 2009 der LHC nachweisen können: New Scientist, KworkQuark.


Der nächste Schritt bei der Adaptiven Optik für Sonnenteleskope

wird bereits auf dem Sacramento Peak in New Mexico ausprobiert: Seite Ende 2002 besitzt das dortige 76-cm-Turmteleskop des National Solar Observatory einen neuen Wellenfrontdetektor und seit diesem April auch eine superschnelle Kamera dazu, die 2500 Bilder pro Sekunde liefert. Zusammen sind sie in der Lage, bei nur halbwegs brauchbarem Seeing die Luftunruhe weitgehend zu kompensieren. Gerade im Bereich um 1/10 Bogensekunde gibt es eine Menge interessante Sonnenphysik: Auch in Europa - siehe etwa Artikel 435 - wird schon mit Sonnen-AO experimentiert.

AO076 heißt der neue Sensor, weil er die Verbiegung der Wellenfront an 76 Punkten mißt (mit dem Shack- Hartmann-Verfahren): Als Anhaltspunkt dient das Netzmuster der Granulation der Sonnenoberfläche. Die Bilderflut der neuen Kamera hinter den 76 kleinen Linsen wird von digitalen Signalprozessoren ausgewertet, die wiederum 97 Aktuatoren hinter einem 7.7 cm großen verformbaren Spiegel antreiben. Und schon träumen die NSO-Astronomen von einem Sonnenteleskop mit 4 Metern Öffnung (Advanced Technology Solar Telescope oder ATST), das mit einer noch trickreicheren (multikonjugaten) Adaptiven Optik auch dann noch die theoretische Winkelauflösung erreichen kann. [25.6.2003]

[688] Links: ein NSO Press Release, weitere Details und ein Artikel von Sky & Tel.

Die Photosphäre der Sonne in 3 Dimensionen abgebildet hat derweil das o.g. europäische Sonnenteleskop auf La Palma, indem es mit seiner AO Sonnengranulen nahe des Sonnenrandes unter die Lupe nahm: LockMart Press Release, Nature Science Update, Astronomy.

Sonnenflares erreichen bis zu 45 Mio. Kelvin Temperatur in ihren heißesten Regionen - der Satellit RHESSI konnte das zum ersten Mal räumlich auflösen und messen: Univ. of Alabama PR.

Sonnenflares und CMEs sind eng miteinander verzahnt, weshalb man nicht wirklich sagen kann, der Flare oder die Coronal Mass Ejection kämen zuerst - das hat sich bei Parallelbeobachtungen der Satelliten RHESSI, TRACE und SOHO gezeigt: GSFC Press Release.


SOHOs Hauptantenne klemmt - temporäre Datenausfälle unvermeidbar

Etwa alle drei Monate wird es zweieinhalb bis drei Wochen lang keine Bilder und anderen Daten des betagten Sonnensatelliten SOHO mehr geben: Das ist die Folge des Ausfalls eines Motors, der SOHOs Richtantenne (HGA) auf die Erde ausrichtet. Zwar gelang es noch, die Antenne in die beste Position zu schieben, doch da sitzt sie jetzt fest, und auch durch trickreiche Variationen der Satellitenbahn (in einem Halo-Orbit um den L1-Punkt) ist es nicht möglich, die HGA ständig in Erdrichtung zu halten. Die Reparaturversuche an ihrem Motor werden aber fortgesetzt, und der Satellit selbst ist nicht in Gefahr: Über eine Niedriggewinnantenne besteht jederzeit Funkverbindung für seine Steuerung. Das erste Datenausfall-Intervall beginnt in diesen Tagen. [25.6.2003]

[687] Links: ein ESA Press Release, SOHO Status Reports vom 24., 21. und 19. Juni und Artikel von Spaceflight Now, New Scientist und BBC.

Störung eines Instruments auf dem Mars Express - das unerwartete Verhalten von OMEGA hat auch dazu geführt, daß die Inbetriebnahme von Beagle 2 verschoben wurde, doch von einer größeren Krise kann keine Rede sein: ESA Press Release, New Scientist und AFP.


Kosmologie mit Supernovae wird immer zuverlässiger

Seit vor 5½ Jahren zum ersten Mal allein aus den Helligkeiten ferner Supernovae weitreichende kosmologische Einsichten gewonnen werden konnten, sind die beiden konkurrierenden Forscherteams nicht untätig gewesen: Inzwischen haben sie hunderte Supernovae des Typs Ia in unterschiedlich weit entfernten Galaxien beobachtet. Und dabei immer wieder feststellen können, daß die fernen Supernovae deutlich »zu dunkel« sind, während die allerfernsten wieder etwas heller erscheinen. Dieser Effekt (siehe
Artikel 248) ist der direkteste Beleg für die Existenz der mysteriösen Dunklen Energie, die - nach einer anfänglichen Phase der Abbremsung - die Expansion des Alls beschleunigt.

Eine Gefahr der Supernova-Technik ist natürlich, daß etwas anderes die »Verdunklung« nur vortäuschte, hypothetischer »grauer Staub« z.B. - doch die Lichtkurven und Spektren von 11 fernen Ia-Supernovae, die das Supernova Cosmology Project fast ausschließlich mit dem Hubble Space Telescope beobachtet hat, schließen solch einen systematischen Effekt aus. Die HST-Farbmessungen sind wesentlich präziser als erdgebundene, und es ist keinerlei abnorme Rötung mit zunehmender Distanz zu erkennen. Die HST-Supernovae liefern auch schärfere kosmologische Zahlen (die u.a. die bekannte Aussage, 75% der kosmischen Dichte stecke in Dunkler Energie, bestätigen): Der Datensatz ist unabhängig von den früheren, und die 11 HST-Supernovae sind statistisch so signifikant wie dutzende erdgebundene.

Auch die Konkurrenten vom High-z Supernova Search Team waren aber nicht untätig: Sie haben u.a. 8 neue Supernovae mit Rotverschiebungen zwischen 0.3 und 1.2 zu vermelden, von denen vier aus jener fernen Ära stammen, als die Expansion des Universums noch gebremst wurde. Und sie sind tatsächlich wieder etwas heller: Wir leben wirklich in einem »Stop and Go Universe«, und der graue Staub ist out. Aus inzwischen schon 230 (!) fernen Supernovae des Typs Ia läßt sich (bei Annahme eines flachen Universums) ferner die Massendichte des Alls zu Omega-M = 28±5 % angeben sowie (kombiniert mit anderen kosmologischen Daten) die »Zustandsgleichung« w der Dunklen Energie, zu w < -0.73: Diese Zahlen stimmen mit den Ergebnissen des Kosmologiesatelliten WMAP (Artikel 606) gut überein.

Die schärfere Eingrenzung dieses w ist inzwischen zur nächsten großen Herausforderung an die beobachtende Kosmologie geworden, den diese Zahl verrät, was physikalisch hinter der Dunklen Energie steckt: Ist es (was immer weniger Physiker zu glauben scheinen) die 'klassische' Vakuumenergie, dann wäre w genau -1. Solch einen Wert schließt das Supernova Cosmology Project aus den HST-Supernovae, allerdings noch mit sehr großem Fehlerbalken. Ist w dagegen nicht -1, läge eine Alternative vorn, vielleicht die zeitvariable »Quintessenz«. Auf jeden Fall ist die Dunkle Energie im All derart verdünnt, daß sie nicht im Labor sondern ausschließlich mit kosmologischen Methoden gemessen werden kann. Und da ganz besonders den fernen Supernovae: Noch intensivere Forschungsprogramme am Boden und selbst eine eigene Satellitenmission, um tausende Supernovae zu erwischen, sind schon in Planung. [25.6.2003]

[686] Quelle: ein LBL Press Release vom 26.5.2003 von der einen Gruppe. Links: ein Paper von Tonry et al. und ein CfA Press Release von der anderen Gruppe. Zusätzliche Quellen: Turner/Perlmutter, Physics Today 4/2003 S. 10-11 bzw. 53-60.

»Big Rip« unwahrscheinlich - eine besonders kuriose Variante der Dunklen Energie, die den ganzen Kosmos auseinanderreißen würde, ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluß: Nature Science Update. Um was es ging: Bild der Wissenschaft.

Weitere Zweifel an der »Messung der Geschwindigkeit der Gravitation« durch Radiointerferometrie aus Artikel 586 - die Theorie dahinter stimme einfach nicht: Berkeley Press Release.

Warten auf den Large Hadron Collider - der neue gigantische Teilchenbeschleuniger am CERN verspricht fundamentale Einsichten: BBC.


Riesensternen beim Entstehen zugeschaut

haben Astronomen in zwei Sternentstehungsgebieten in den Gasnebeln NGC 7538 und NGC 3603, mit dem kalifornischen Interferometer BIMA bzw. dem Sub-mm-Teleskop SEST und dem 3.6-m-Teleskop der ESO in Chile - beide Teams rühmen sich, dem Geburtsmoment näher gekommen zu sein als je zuvor. Einblicke in die Kinderstuben der massereichsten Sterne sind ziemlich rar: Alle entsprechenden Regionen sind sehr weit weg, die Prozesse finden in besonders dichten und mithin selbst für IR-Strahlung undurchdringlichen Wolken statt - und sie sind auch noch besonders schnell und die Protostern-Phasen damit sehr kurzlebig. So war bis jetzt noch in keiner Weise klar, wie sich überhaupt dutzende von Sonnenmassen zu einem Stern zusammenfinden können.

Die BIMA-Beobachtungen am Protostern NGC 7538 S mit 20 bis 40 Sonnenmassen enthüllen eine gigantische Scheibe um das Objekt, über 1000-mal größer als das Sonnensystem und mit über 100 Sonnenmassen, dazu einen bipolaren Jet, der keine 10'000 Jahre alt ist, vielleicht nur 2000 Jahre. Beide Phänomene sind offenbar unverzichtbar bei der Sternbildung, um überschüssigen Drehimpuls erst zu speichern und dann davonzutragen. Und NGC 7538 S ist tatsächlich ein Protostern, der noch im gravitativen Kollaps steckt und noch nicht selber strahlt, vielleicht der jüngste massereiche Stern, der je gesichtet wurde: Die radioastronomischen Beobachtungen des umgebenden Gases zeigen noch keinerlei Indizien für ionisierende Strahlung.

Während dieser Protostern der erste ist, der in seiner noch extrem dichten Geburtswolke entstand, gibt es in NGC 3603 schon jede Menge massereiche Sterne - deren Sternwinde praktischerweise schon so viel Gas davongeblasen haben, daß auch mehrere Protosterne sichtbar geworden sind. Jedenfalls für das SEST und das mittelinfrarote Instrument TIMMI 2 am 3.6-m-Teleskop auf La Silla: 13 molekulare Klumpen waren zu entdecken und mehrere IR-helle Sterne mit der bis zu 100'000-fachen Leuchtkraft der Sonne. Sie haben bereits über 10 Sonnenmassen und wachsen noch weiter, mit etwa einer Erdmasse pro Tag. Und zwar durch einen kontinuierlichen Akkretionsprozeß und nicht etwa das Verschmelzen mit anderen Sternen, denn solche sind in der Nähe nicht zu sehen. [20.6.2003]

[685] Links: ein BIMA Press Release zum ersten Fall, ein ESO Press Release zum zweiten sowie zur allgemeinen Problematik, plus Artikel von Astronomy und Space.com.

Cepheiden leben gerne in Dreifach-Systemen, hat eine Durchmusterung vermeintlicher Doppelsterne ergeben, in denen diese berühmten Veränderlichen vorkommen - von den 14 Systemen mit den bestbekannten Bahnen stellten sich gleich 7 als Dreiersysteme heraus: ein CfA Press Release und ein Artikel von Astronomy.

Die Bahn von Sirius B besser denn je beschrieben hat ein Astronom unter Benutzung tausender von Beobachtungen des berühmtesten Weißen Zwergs seit dem 19. Jahrhundert - er hat danach 1.00±0.01 (und Sirius selbst 2.02±0.03) Sonnenmassen und eine Umlaufsperiode von 50.2 Jahren: LPL Press Release.

Die Entfernungsbestimmung von Zwergnovae wird plötzlich einfacher, denn es gibt eine exzellente Korrelation von Bahnperiode und absoluter Helligkeit - und prompt stellt sich heraus, daß die meisten Zwergnovae weiter weg und heller sind als gedacht: NMSU Press Release.

Wie der Protoplanetare Nebel »Red Rectangle« funktioniert, ist jetzt modelliert worden - zwei schnelle jetartige Ausflüsse dürften für seine exotische kantige Form verantwortlich sein: JPL Press Release.

Jede Menge Sauerstoff in einem Supernova-Rest ist vom Röntgensatelliten Chandra beobachtet worden - das gelang bisher erst in wenigen Fällen: Chandra Press Release. Eine »Supernova-Fabrik« in der Galaxie Arp 299: NRAO Press Release, Astronomy und Space.com.


Verschwinden zirkumstellare Scheiben rasch - oder werden sie nur unsichtbar?

Eindeutig sind nur die Beobachtungen selbst: Junge Sterne sind von dichten Gasscheiben umgeben, aus denen nach allgemeiner Auffassung Planetensysteme entstehen können - doch nach etwa drei Jahrmillionen sind diese Scheiben nicht mehr zu sehen, während sie im Alter von 1 Mio. Jahren bei denselben Sternen noch häufig waren. In diesem kurzen Zeitraum können sich nach bisheriger Vorstellung aber noch gar keine Planeten gebildet haben, insbesondere keine Gasriesen, und doch scheint die Milchstraße gerade von letzteren voll zu sein. Zwei Interpretationen dieses Paradoxons sind denkbar und Ende März auch gleichzeitig auf einer Konferenz vorgeschlagen worden:

Indizien für die zweite Deutung liefern Beobachtungen schwacher IR-Emision molekularen Wasserstoffs aus der Umgebung vermeintlich scheibenfreier (»nackter«) T-Tauri-Sterne (jungen Versionen unserer Sonne): Genau dasselbe Signal findet man auch bei bescheibten T-Tau-Sternen, und es dürfte nur die Spitze eines Eisbergs sein, weil der meiste Wasserstoff gar nicht strahlt. Inzwischen ist der mühsame Nachweis der Emission schon bei 12 T-Tauri-Sternen gelungen, fast allen, bei denen man intensiv gesucht hat. Wenn demnach die meisten T-Tau-Sterne ihre Scheiben noch besitzen, dann könnten Sonnensysteme wie unseres geradezu der Regelfall im Universum sein. [20.6.2003]

[684] Links: ein University of Florida PR sowie Artikel aus der Vanderbilt-Zeitschrift Exploration und von Space.com, Space Today, BdW und Welt.

Gigantische zirkumstellare Scheiben um sieben junge Sterne, die mit tausenden AU 10- bis 100-mal größer sind als sowohl unser Sonnensystem als auch andere bekannte Scheiben mit Planetenbildung, lassen es möglich erscheinen, daß man Exoplaneten auch in viel größerem Abstand von ihren Sonnen finden könnte, als bisher angenommen wurde - dort wären sie auch leichter direkt abzubilden: NOAO and Uni Fla. Press Releases.

Eine drei Jahre lange Verfinsterung eines sonnenähnlichen Sterns gibt Rätsel auf - zogen vielleicht entstehende Planeten (wie bei KH15D aus Artikel 482) vor dem Stern HMW 15 her, die in der protoplanetaren Scheibe langgestreckte Verdichtungen verursachen? Wesleyan University News, Bilder und Artikel von Astronomy und Space.com.

Die Planeten eines Pulsars genau gewogen, anhand ihrer gegenseitigen Bahnstörungen, hat man bei PSR 1257+12 (bekannt aus Artikel 554) - die beiden größten haben 4.3 und 3.0 Erdmassen, jeweils ±5%: ein Caltech Press Release und Artikel von Space.com und NetZeitung.


Die »Lokale Blase« ist eher ein »Lokaler Schornstein«

und alles andere als kugelförmig: Die Höhle aus stark verdünntem interstellarem Gas, in der die Sonne sitzt, hat eine höchst irreguläre Form mit vielen Tunneln durch das umgebende dichte Gas und mit Ausgängen bis in den Halo der Milchstraße. Vermessen wurde die Lage der Grenze zwischen dünn und dicht mit Hilfe der Spektren von 1005 unterschiedlich weit entfernten A- und B-Sternen, die mal eine klare Natrium-Absorption in ihrem Spektrum zeigten und mal nicht. Die nächstgelegene »Wand« liegt danach in 175 bis 190 Lichtjahren Entfernung in Richtung des Galaktischen Zentrums - und in mehreren Richtungen ist unsere lokale Höhle mit anderen ähnlichen Höhlen im interstellaren Medium verbunden.

Überraschend ist dieser Befund eigentlich nicht: Die Entstehung der Lokalen Blase erklärt man schon lange durch eine Supernova-Explosion vor 1 oder 2 Mio. Jahren. Solche Explosionen sollen das ganze interstellaren Medium regelrecht durchlöchert haben, und wo sich solche Blasen begegnen, verbinden sie sich. Und daß dieses Tunnelsystem bis in den dünnen Halo der Milchstraße reicht, zeigt eine Verwandschaft mit vielen anderen Galaxien auf: Dort kann man (praktischerweise von der Seite) direkt beobachten, wie Gas aus solchen »Schornsteinen« aufsteigt und an anderen Stellen auch wieder auf die galaktische Scheibe zurückfällt (siehe z.B. Artikel 394) - »Galaktische Fontäne« und »Galaktischer Regen« werde diese Phänome genannt. [20.6.2003]

[683] Links: ein Berkely Press Release und Artikel von Astronomy, Space.com und NetZeitung.

Den Kohlensack umgibt heißes Gas, das sich in Messungen des Satelliten FUSE durch O-IV-Emission und sogar in alten ROSAT-Daten verrät - die Wechselwirkung zwischen dem kalten Gas in der berühmten Dunkelwolke neben dem Kreuz des Südens und sehr heißem Gas läßt sich hier besonders gut untersuchen: JHU Press Release.


»Rote« und »blaue« Galaxien grundsätzlich anders im Universum verteilt

Ein neues, verwirrendes Ergebnis von der laufenden Sloan Digital Sky Survey, der größten Himmelsdurchmusterung überhaupt: Eine statistische Analyse der Orte von vielen Millionen Galaxien hat ergeben, daß roten Galaxien wesentlich stärker im Raum konzentriert (»clustered«) auftreten als blaue Galaxien - ohne daß es einen kontinuierlichen Übergang zwischen beiden Clustering-Stärken gäbe, wie er eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Die Rotverschiebungen der Galaxien waren für diese große Studie nicht gemessen, sondern aus ihren Farben abgeschätzt worden; auch die Helligkeiten und Galaxien-Typen wurden dabei ermittelt. Rote Galaxien sind dabei die älteren, blaue die jüngeren, die von heißen Sternen dominiert werden.

Daß die roten Galaxien stärker konzentriert sind, weil sie zu einer Zeit entstanden, als das All noch kleiner war, wußte man schon länger, während die jüngeren blauen noch keine Zeit hatten, sich so stark zu Haufen zusammenzufinden. Also sollte man eine kontinuierliche Abnahme des Clustering erwarten, je jünger die Galaxien sind - stattdessen gab es nach den SDSS-Daten ein paar Mrd. Jahre nach dem Urknall einen abrupten Sprung hin zu geringerem Clustering, bei den Galaxien selbst ebenso wie bei der assoziierten Dunklen Materie. Eine einleuchtende Erklärung für dieses Phänomen gibt es noch nicht, aber erste Spekulationen halten sogar tiefschürfende physikalische Vorgänge für möglich, die die Beschaffenheit des Kosmos als ganzen betroffen haben könnten ... [20.6.2003]

[682] Link: ein SDSS Press Release. Zusätzliche Quelle: New Scientist vom 31.5.2003 S. 22-3.

Eine Zwerggalaxie verschmilzt mit der Radiogalaxie Cyg A und verrät sich Adaptiver Optiuk am Keck-Teleskop als sekundäre Punktquelle nahe des Radiokerns von Cygnus A - das ist der erste Merger, der in dieser kräftigen Radiogalaxie beobachtet wird: LLNL Press Release.

Diffuse Röntgen-Emission und der erste akkretierende Röntgenpulsar in M 31 sind mit dem Röntgensatelliten XMM-Newton entdeckt worden, der die Andromeda-Galaxien in hunderte Einzelquellen plus ein schwaches diffuses Leuchten auflösen kann: LANL Press Release und Bilder.

Ultra-Luminous X-ray Sources haben die gleichen Eigenschaften wie normale Röntgenpunktquellen, hinter denen Neutronensterne oder kleine Schwarze Löcher stecken, nur sind sie eben heller - das spricht für die Hypothese, daß es sich bei den ULXs um dieselben Objekte handelt (vgl. Artikel 604), die lediglich durch Beaming aufgehellt werden: ein MSFC News Release und mehr über ULXs.

Galaktische Balken sind wichtig, um Galaxienzentren zu »füttern« - jedenfalls überwiegen bei den besonders aktiven Seyfert-Galaxien diejenigen mit zentralen Sternbalken: GSU Press Release.

Schwarze Löcher in kollidierenden Galaxien verschmelzen rasch miteinander, sofern genügend Gas für ein abbremsendes Drehmoment sorgt - anderenfalls halten die beiden SL in einer neuen Simulation einen Mindestabstand ein und fusionieren nicht: Yale Science News.


Starke Polarisation zeigt: Magnetfelder treiben die Explosion bei Gamma Ray Bursts

Eine Zufallsbeobachtung mit dem Satelliten RHESSI aus
Artikel 419 könnte einen Durchbruch beim Verständnis des eigentlichen Explosionsvorgangs bei einem Gamma Ray Bursts einleiten, der irgendwie von einer Supernova produziert zu werden scheint (wie sich am 29. März klarer denn je zeigte; siehe Artikel 646). Was danach mit dem expandierenden Feuerball und den diversen Nachglüh-Effekten passiert, ist schon ziemlich gut verstanden, doch direkte Einblicke in die Physik der anfänglichen Explosion blieben Mangelware. Bis zum 6. Dezember 2002, als ein GRB zufälligerweise von RHESSI beobachtet wurde, und das auch noch im optimalen Winkel, um die Polarisation der Gammastrahlung zu messen: Sie betrug enorme 80±20 Prozent! Es war das erste Mal überhaupt, daß Polarisation bei einem astrophysikalischen Objekt im Gamma-Bereich gesehen wurde.

Für einen derartigen Polarisationsgrad kann es eigentlich nur eine Erklärung geben: Der Gammablitz ist Synchrotron-Strahlung, abgegeben von Elektronen, die um magnetische Feldlinien spiralieren. Die Elektronen wurden vermutlich durch Schockwellen auf nahezu Lichtgeschwindigkeit gebracht, die Schockwellen selbst aber, so verrät es wohl die Polarisation, werden von extrem starken Magnetfeldern angetrieben und großräumig organisiert - die selbst die Oberflächenfelder von Neutronensternen um einen Faktor 10'000 übertreffen und die stärksten überhaupt sein könnten, auf die bisher im Kosmos Hinweise gefunden wurden. Die nächste Frage ist nun: Warum produzieren manche Supernovae derart starke, organisierte Magnetfelder, daß ein GRB entsteht, während andere dicke Sterne GRB-los explodieren? Während die Synchrotron-Natur der GRB-Strahlung nun als bewiesen gilt, gibt es übrigens noch Zweifel an der Notwendigkeit organisierter Magnetfelder. [20.6.2003]

[681] Quellen: Coburn & Boggs, Nature 423 [22.5.2003] 415-7 + Waxman, ibid. 388-9. Links: Berkeley, NASA und GSFC Press Releases und ein Paper von Granot zur Frage der organisierten Felder.

Die Supernova hinter dem GRB vom 29. März ist eine »Hypernova« des Typs Ic, zeigen Spektren mit dem Subaru-Teleskop von Anfang Mai - die SN 2003df ähnelte gut einem Monat nach dem GRB sehr der SN 1997ef zu einem ähnlichen Zeitpunkt nach der Explosion: ein Paper von Kawabata & al. und ein NAOJ Press Release.

Als Meilenstein der Astrophysik gefeiert wird bereits die Entdeckung des SN-Spektrums in Nachglühen dieses GRB: Papers von Hjorth & al. und Uemura & al., GSFC, UCSC, CfA und ESO Press Releases und ein Artikel der Rhein. Post.

Derselbe GRB widerlegt eine Alternative zum Feuerball-Modell - Radiobeobachtungen mit dem VLBA zeigten in den Tagen danach eindeutig nicht die vom »cannonball model« vorausgesagten Strukturen: NRAO Press Release, Space.com.


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