Spirits Erfolg übersteigt sämtliche Erwartungen -
Bilder schon nach weniger als drei Stunden
Das hätten selbst die größten Optimisten nicht
für möglich gehalten: Die Landung des ersten
NASA-Mars Exploration Rover »Spirit« (Artikel 806) ist in der
Nacht zum 4. Januar exakt nach Drehbuch verlaufen, der
Lander gab bis zum Bodenkontakt kontinuierlich Auskunft
über seinen Zustand, meldete sich anschließend, nach
einer nervenzehrenden Viertelstunde, mit starkem Signal
zurück - und keine drei Stunden nach der Landung trafen
schon die ersten Bilder seiner Kameras ein!

Der Boden des Kraters Gusev erweist sich zwar für das
ungeübte Auge als die ödeste aller vier bisher von
erfolgreichen Landern besuchten Landschaften: eine extrem
flache Wüste, übersät mit überwiegend kleinen Steinen,
und kaum Berge am Horizont. Doch für Chef-»Spiritist« Steve
Squyres ist das Landegebiet ein »science sweet spot«
und »glorious place«: Einerseits sind genug Steine da,
die der Rover in den nächsten drei Monaten besuchen kann,
andererseits sind sie nicht so dicht gesät, daß sein
Vorankommen stark behindert werden dürfte - genau so
hatte er sich das vorgestellt. Die Spannung kurz vor der Ankunft
war indes kaum auszuhalten gewesen, doch dann klappte
alles mindestens so gut wie man es sich wünschen
konnte:
- Die automatische Abtrennung der Cruise Stage von
der Landeeinheit erfolgt pünktlich, und um 5:15 bzw. 5:16
MEZ (Erdempfangszeit) bestätigen erst Dopplermessungen
und dann Telemetrie des Landers den Erfolg des Manövers
(die Cruise Stage stürzt nun auf die
Marsoberfläche).
- Auch der erste Kontakt mit der Atmosphäre
macht sich via Dopplereffekt pünktlich bemerkbar (5:29:55);
der Eintritt verläuft etwas flacher als geplant, aber noch gut
im Toleranzbereich. Nun ist bereits die Reibungshitze am
größten (5:30:35).
- Die maximale Abbremsung wird gegen 5:31:40 mit 5
bis 6 g gemessen, wie eines von etlichen Tonsignalen des Landers
mitteilt: Das entspricht ebenfalls den Modellrechnungen. Um
5:32:15 bestätigt ein weiterer Ton, daß die Bremsung
nachläßt, um 5:32:45 liegt sie nur noch bei 1.1 g.
- Um 5:33:45 ist das erfolgreiche Öffnen des
Fallschirms klar, denn das Funksignal wurde kurz
unterbrochen und kam dann wieder. 5:34:22 - der Hitzeschild ist
abgeworfen! 5:34:55: Das Radar ist aktiviert und sieht bereits den
näherkommenden Boden.
- Rund um die eigentliche Landung kurz nach 5:35
MEZ wird das Bild dann konfuser: Erst gibt es keinen Funk mehr,
dann ein intermittierendes Signal, dann wieder Schweigen. Genau
damit war aber gerechnet worden: In heftigen Sprüngen
hüpft Spirit auf seinen Airbags über die
Marsoberfläche.
Die schwachen Signale unmittelbar nach dem nominellen
Landezeitpunkt waren Grund genug für den ersten
großen Jubel im Kontrollraum am JPL, doch die folgende
Viertelstunde zehrte noch einmal an den Nerven: Auch die
größten Antennen des Deep Space Network
hörten nichts mehr aus der Landezone. Hatte man sich den
Erfolg bloß eingebildet? Nach zehn Minuten sollte der
Lander eigentlich zur Ruhe gekommen sein. Um 5:49 wird endlich
bekannt, daß der Mars Global Surveyor noch bis 4:29 UTC
Marszeit Telemetrie von Spirit aufgezeichnet hat: Da war er bereits
einige Zeit auf dem Boden. 5:50:45: Auch eine
45-m-Radioschüssel der Universität Stanford mit
besonders empfindlichem Empfänger hat schwache
Rover-Signale noch lange nach dem Aufsetzen empfangen.

Aber erst um 5:51:45 MEZ bricht wieder - noch gewaltigerer -
Jubel aus: »There it is!« schreit jemand, denn das
Deep Space Network empfängt mit seinen Antennen in
Kalifornien und Australien ein sehr starkes Signal von der Low
Gain Antenna des Rovers. Es bestätigt, daß alle
wesentlichen Systeme auf dem Lander gesund sind - und es ist so
stark, daß ein Lock auf den Carrier möglich ist (womit
zu diesem Zeitpunkt niemand gerechnet hatte): Allem Anschein
nach ist der Rover durch reinen Zufall aufrecht zum Stehen
gekommen (wie übrigens auch 1997 der Pathfinder). Noch
ist der Lander in die Airbags eingewickelt, deren automatischer
Einzug aber in wenigen Minuten beginnen sollte. Und bald wird
ihn der andere NASA-Orbiter, Mars Odyssey, überfliegen,
und weitere Daten im Empfang nehmen ...
6:33 MEZ: Die erste Pressekonferenz nach der Landung
moderiert der NASA-Chef gleich selbst. Genüßlich
schenkt Sean O'Keefe den auf dem Podium versammelten
Landespezialisten - darunter zwei Veteranen von Pathfinder und
Polar Lander - Champagner ein; es folgen endlose Dankesreden,
die an eine Oscar-Verleihung erinnern. Aber dann kommt Rob
Manning, der auch den Pathfinder sicher zu Boden gebracht
hatte, auf den Punkt: »This went to perfection,« sagt
er, und so reibungslos habe die Landung noch bei keiner der
zahlreichen Simulationen geklappt. Der Lander hat beim
Abstieg seine Korrekturdüsen eingesetzt, um eine zu starke
Seitenbewegung durch Wind auszugleichen: Die erst spät
beschlossene Installation dieses Systems hat vielleicht keine
Katastrophe verhindert, war aber eine gute Idee.
Die Funkverbindung bestand ohne jede Unterbrechung bis zum
ersten Kontakt mit dem Boden, berichtet Manning: Das war sogar
besser als beim Pathfinder, wo sie zwischenzeitlich abriß.
Doch einige Sorgen habe ihm dann gemacht, daß es
während des Herumhüpfens kein Signal gab, denn
das war wiederum beim Pathfinder in dieser Phase stark gewesen.
Inzwischen weiß man aber, daß der Mars Global
Surveyor während all der Luftsprünge sieben
Minuten UHF-Telemetrie aufgezeichnet hat: Das wiederum ist ein
unverhoffter Bonus, der beim detaillierten Verständnis des
Landevorgangs helfen wird. Und der wird bereits von einer
eigenen Arbeitsgruppe intensiv durchleuchtet: Schließlich
steht in genau drei Wochen die nächste Landung an, und
vielleicht kann das Verfahren für Opportunity sogar noch
verbessert werden.
8:30 MEZ, keine drei Stunden nach der Landung: Odyssey hat
Spirit überflogen und viele Informationen aufgezeichnet; die
Übertragung zur Erde verzögert sich zwar etwas, aber
jetzt ist es so weit. Alle paar Sekunden erscheint ein Bild von der
Marsoberfläche auf den Bildschirmen, mal vom Lander
selbst, mal von der Wüstenlandschaft um ihn herum. Zum
dritten Mal können sich die Spiritisten vor Begeisterung
nicht halten, während die Bilder - es sind an die 60! - in
Echtzeit zu ersten groben Panoramen und Rundumsichten (als ob
eine Kamera über dem Lander schweben würde)
zusammengesetzt werden. Sie sind schwarzweiß aber scharf
und werden von O'Keefe und Squyres auf einer weiteren PK
gefeiert. Und das war nur, was in 12 Minuten übertragen
werden konnte: Die nächsten drei Monate soll mehrmals
täglich via Odyssey, Surveyor und direkt gesendet
werden!
Die kommende Woche bis zum letzten dramatischen Ereignis,
dem Herabrollen des Landers von der Plattform, wird zum einen
für ausgiebige Gesundheitschecks aller Instrumente auf
dem Rover benutzt (der selbst völlig o.k. zu sein scheint).
Und es wird, in 45°-Segmenten, ein gigantisches Panorama
in Farbe aufgenommen und stückweise zur Erde gesendet.
Für die Spirit-Chauffeure werden es die letzten halbwegs
ruhigen Tage, denn alle Schritte bis zum Anfahren des Rovers
stehen weitgehend fest. Wenn aber die große Rundfahrt
begonnen hat, vielleicht am Marstag (Sol) 9, wird sich der
Arbeitsaufwand verdoppeln, denn es müssen jeden Sol
erneut die bisherigen Ergebnisse ausgewertet und daraus neue
Routen und Kommandos entwickelt werden. Das sei, sagt einer
der MER-Manager, als würde man jeden Tag an einem
anderen Ort auf dem Mars landen ... [5.1.2004]
[813] Quelle: NASA Select TV mit der Landung, bei
der man interne Gesprächsloops mithören
könnte, und div. PKs, Ton via Telefon, Bild - machmal - via
CNN-I. Links: die Homepage
der MER, alle Rohilder,
wie sie zuerst erschienen,
einige prozessierte Bilder
(später, noch
später),
allerlei Agenturbilder,
erste Anaglyphen-Bilder in 3D,
Science@NASA,
MER Press Releases vom
4. Januar
(früher) und
3. Januar,
laufende Updates und Artikel von
Spaceflight Now
(auch über die Landung und
das Ausklappen
der HGA in der folgenden Nacht), BBC
(auch über die Ankunft der ersten Farbbilder),
Space.com
(auch über die nächsten Schritte),
AFP (auch über den ersten
vollen Tag auf der Oberfläche),
New Scientist,
Fla. Today,
SF Gate,
Wash. Post,
Raumfahrer,
NetZeitung und
Rhein.
Post.
Der Mars erlebt heute eine Zwischeneiszeit
nach einer Eiszeit, die vor 2.1 Mio. Jahren begann und vor
400'000 Jahren endete: Diese Interpretation beschreibt offenbar
alle morphologischen Beobachtungen der heutigen
Planetenoberfläche und Messungen ihres Wassereisgehalts
durch die Kamera des NASA-Orbiter Mars Global Surveyor und
Neutroneninstrumente von 2001 Mars Odyssey und paßt
auch zu unserem Wissen über die langfristigen
Schwankungen der Bahnparameter des Planeten. Diese sind
stärker ausgeprägt als bei der Erde, weil die
stabilisierende Wirkung eines großen Mondes fehlt: So kann
die Neigung der Marsachse zwischen 14° und 48°
schwanken, während sie bei der Erde in den letzten 10 Mio.
Jahren immer zwischen 22° und 24.5° lag. Auch die
Elliptizität der Marsbahn schwankt mit 0 bis 0.12 doppelt
so stark wie die der Erde.
Wenn nun die Achse stärker als 30° geneigt ist, dann
werden die Pole erheblich stärker von der Sonne
beschienen, und Wassereis wird - so das Modell - aus den
Polkappen entfernt und wandert in mittlere Breiten, wo es als
(staubreicher) Schnee fällt: Hier bildet es einen Mantel von
einigen Metern Dicke, bis 30° an den Äquator heran. Er ist
auf zahlreichen MGS-Bildern zu erkennen, während sich
der hohe Eisanteil Instrumenten auf Odyssey verrät (siehe
Artikel 695). Wenn die
Eiszeit vorbei ist, wird der Mantel wieder abgebaut, und das Eis
wandert via Atmosphäre in die Polregionen zurück:
Das ist heute der Fall, denn in den letzten 300'000 Jahren lag die
Neigung der Marsachse bei nur 25°. Die insgesamt zu
transportierende Eismenge entspricht einer globalen Schicht von
ca. 1 Meter Dicke, was nur ein paar Prozent der Menge in den
Polkappen ist.
Dieses Szenario macht deutlich, daß Mars und Erde doch
zwei sehr unterschiedliche Planeten sind und sich nicht nur bei
der Schwankungsbreite der Orbitalfaktoren krass unterscheiden.
Bei der Erde wirken die großen Ozeane als enorme Speicher
und Umverteiler von Wärme und sind Senken für
Staub, während sich die Zusammensetzung der
Atmosphäre bei Eiszeiten kaum ändert. Das
Kohlendioxid der dünnen Marsatmosphäre ist
dagegen in dynamischem Gleichgewicht mit der festen Phase, so
daß sein Anteil und der Druck erheblich
schwanken können - und es gibt jede Menge mobilen
Staub. Wenn die Orbitaleffekte schließlich eine Eiszeit
ausgelöst haben, unterscheiden sich die beiden Planeten
sogar diametral: Auf der Erde sind die Pole dann im Mittel
kälter, auf dem Mars dagegen wärmer geworden.
[5.1.2004]
[812] Quelle: Head & al., Nature 426
[18.12.2003] 797-802. Link:
Astronomy.
Mars Express nun auf dem endgültigen Orbit - in der
Schicksalswoche für den Beagle
Ist Europa auf den Hund gekommen oder wird es noch was mit
dem britischen Lander Beagle 2? Nachdem der ESA-Orbiter Mars
Express am 4.1.2004 um 14:13 MEZ im marsnächsten Punkt seiner
ersten Umlaufbahn noch einmal für 5 Minuten sein
Haupttriebwerk zündete, ist der planetenfernste Punkt nun
auf 40'000 km Höhe abgesunken und soll mit zwei weiteren
Manövern schließlich auf 11'000 km (bei einem marsnächsten
Punkt von 300 km) gebracht werden. Auf der niedrigeren Bahn kann nun die
Inbetriebnahme der wissenschaftlichen Instrumente beginnen -
und es ergeben sich mehrere besonders gute Geometrien, um
nach Funksignalen von Beagle 2 zu lauschen (siehe Artikel 807).
Bereits seit Neujahr sollte der Lander - so er die Ankunft heil
überstand und sein Bordrechner arbeitet - verstärkt
Signale aussenden, und inzwischen sollte er im finalen Notmodus
angekommen sein: Alle 10 Minuten müßte er nun
versuchen, sich zu melden. Der erste gute Überflug des Mars
Express über der Landeellipse wird für den 7. Januar,
gegen 13:15 MEZ erwartet, wenn der Orbiter dem Lander bis auf
315 km nahekommt, aber er ist nur kurz; Mitte des Monats gibt es
dann noch bessere Passagen. Wenn sich der Lander auch dann nicht
melden sollte, wird ihn die ESA wohl bald aufgeben - aber der britische
Forschungsminister hat bereits versprochen, sich in diesem Fall
für einen Beagle 3 starkzumachen ... [5.1.2004]
[811] Links: Beagle News,
Updates von Spacefl. Now,
ESA
und PPARC
Press Releases zum neuen Bahnmanöver, Artikel von
AW&ST,
BBC,
Scotsman,
AFP,
Space Today und
Raumfahrer -
außerdem eine Seite über den Empfang des Funks vom Mars Express durch Bochumer
Amateurfunker
und eine Reportage des Autors von Mars Express' MOI am 25.12. in
The Space Review!
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