Mond-»Vision« des Weißen Hauses
gefährdet NASA-Forschung
Was sich ein Beraterstab im Weißen Haus bei monatelangen
Geheimsitzungen ausgedacht und was der - ansonsten in Sachen
Weltraum völlig desinteressierte - Präsident (der z.B.
als Gouverneur von Texas nicht ein einziges Mal das Johnson
Space Center in Houston besuchte) schließlich am 14.1. im
NASA-HQ 18 Minuten lang vorlas, bevor er von der Bühne
huschte, könnte im Falle einer konsequenten Umsetzung
die NASA radikal verändern. Und dabei viele erfolgreiche
Programme insbesondere der Weltraumforschung
zerstören, während die hehren Pläne eines
neuartigen bemannten Raumschiffs nach einer Weile infolge einer
Kostenlawine und technischer Probleme aufgegeben werden
müßten, wie es in den vergangenen Jahrzehnten
immer wieder der Fall war: Diese düstere Vision
drängt sich bei nüchterner Betrachtung der
erschreckend wenigen bisher durchdachten Details auf. Man
weiß nämlich nur,
- daß der Space Shuttle um 2010 außer Dienst
gestellt werden soll, sobald der Aufbau der ISS abgeschlossen ist
(um die sich dann überwiegend Rußland, Europa und
Japan kümmern sollen, mit eigenen Raketen und lediglich
etwas finanzieller Unterstüzung durch die USA), und
daß ebenso auf das Orbital Space Plane verzichtet wird, das
zur ihrer Versorgung im nächsten Jahrzehnt dienen
sollte,
- daß die USA die ISS überhaupt nur noch nutzen
sollen, um Langzeitaufenthalte des Menschen in Schwerelosigkeit
zu üben, während sämtliche anderen (noch bis
vor wenigen Tagen immer wieder und wieder als offizielle
Begründung der ISS herangezogen) µg-Programme
mangels Nutzen kurzerhand eingestellt werden,
- daß ein ziemlich universell einsetzbares »Crew
Exploration Vehicle« (CEV) entwickelt werden soll, mit dem
ersten Testflug 2008 und dem ersten bemannten Einsatz (im
Erdorbit, zur ISS) spätestens 2014, wobei es sich vermutlich
um ein ziemlich traditionelles Vehikel (quasi eine Wiederauflage
der Apollo-Kapsel) mit Start auf einer Wegwerfrakete (anfangs
Delta 4 oder Atlas 5) handeln wird, aber noch viele Optionen offen
sind,
- daß mit Hilfe dieses CEV als dessen eigentlicher
Bestimmung zwischen 2015 und 2020 die »Rückkehr
zum Mond« erreicht werden soll (nach einer Serie
unbemannter Mondmissionen ab 2008 zur konkreten Vorbereitung),
wobei aber diesmal an längere Aufenthalte und die
Errichtung einer größeren Infrastruktur bis hin zu
einer Mondbasis gedacht wird, und
- daß von dieser Mondbasis aus schließlich
bemannte Expeditionen zum Mars (sicher nicht vor 2030 und
sicher nicht mit einem Apollo-artigen CEV) »und
darüber hinaus« (wohin auch immer) gestartet
werden sollen, unter Ausnutzung von Ressourcen, die der Mond
angeblich preiswerter bieten soll, und dem vermeintlichen Vorteil
dieses Himmelskörpers als Startrampe.
Klingt erst mal toll, und selbst mancher gestandene
US-Astronom, Planetenforscher oder deutsche
Weltraumfunktionär (für den eben noch Satelliten zur
Erdbeobachtung das höchste der Gefühle und
bemannte Raumfahrt jenseits der ISS zutiefst suspekt waren)
äußerte in ersten Reaktionen Faszination und
Anerkennung. Doch bei Licht besehen ist die große Vision
des Weißen Hauses kaum realistischer - oder auch nur
preiswerter - als die auf ganzer Linie und rasch gescheiterte
»Space Exploration Initiative« (SEI) des anderen Bush
von 1989, die ebenfalls via Mond zum Mars führen - und rund 400
Milliarden damalige Dollar kosten - sollte. Heute ist die
NASA-Führung immerhin von Anfang an eingeweiht
worden und nun wild entschlossen, mit der Umsetzung der
Pläne zu beginnen - und ganz unabhängig von deren
völlig offenen Schicksal in einigen Jahren hat das schon
heute gravierende Konsequenzen, während der 1989-er
SEI-Flop folgenlos blieb.
Denn bereits für allererste Phase, die Entwicklung des
CEV, werden in den fünf NASA-Finanzjahren 2005-9
zwölf Milliarden Dollar veranschlagt: Nur 1 Mrd.$ soll dabei
durch eine moderate Etat-Erhöhung erreicht werden, um
im Mittel 200 Mio.$/Jahr, während 11 Mrd.$ durch interne
Etat-Umschichtungen besorgt werden sollen. Da aber in diesem
Zeitraum noch unverändert viel für Shuttle und ISS
ausgegeben werden muß (und vielleicht sogar noch einiges
mehr, um den Shuttle wirklich sicherer zu machen),
können diese 11 Mrd.$ nur aus jenen Posten stammen, die
bisher für die Space Launch Initiative (zwecks Entwicklung
eines wirklich modernen bemannten Raumschiffs) und das
(ähnlich primitive) OSP reserviert waren - und aus dem Feld
der Weltraumforschung mit unbemannten Satelliten und
Raumsonden.
Tatsächlich wird bereits angekündigt, daß alle
Forschungsprogramme, die nicht direkt der bemannten
Mondfahrt zuarbeiten, gekürzt oder ganz gestrichen
werden sollen: Genau das sind aber jene NASA-
Aktivitäten, die in den letzten Jahrzehnten immer wieder
die größten Erfolge (auch in den Augen der
Öffentlichkeit!) erzielt haben. Und die, nach einigen
Turbulenzen in den Goldin-Jahren, inzwischen recht durchdacht
organisiert sind, in der Planetenforschung ebenso wie in der
Astronomie mit Satelliten. Was konkret geopfert werden soll, wird
mal wieder nicht erwähnt (viele halten z.B. die
Pluto-Mission für besonders gefährdet), aber die erste
Strukturmaßnahme hat schon stattgefunden: Die Space
Launch Initiative, das (Ex-)OSP und das Prometheus-Programm
für interplanetare Nuklearantriebe wurden bereits im
neuen »Office of Exploration Systems«
zusammengeführt.
Geradezu dreist vertuscht wurden zunächst die
vermutlichen Gesamtkosten des Mondprogramms
über die »Anzahlung« der 12 Mrd.$ hinaus -
aber bald sickerten doch relativ konkrete Schätzungen
durch: Bis 2020 liegen die Vermutungen zwischen 120 und
170 Milliarden Dollar, und bei der ESA hat man bereits als
quasi amtliche Zahl 130 Mrd.$ gehört. Das wären
ziemlich genau die Kosten des Apollo-Programms der 60-er
Jahre, durch Inflationskorrektur auf heutige Dollars
umgerechnet. Bedenkt man nun, daß gerade
Großprojekte der Raumfahrt - man erinnere sich an die ISS,
die einst 8 Mrd.$ kosten sollte! - zu gewaltigen
Kostenüberschreitungen neigen, dann ist es wohl nicht
unrealistisch, von etwa ½ Billion Dollar in den
nächsten zwei Jahrzehnten auszugehen, die allein bis zum
Bau der Mondstation fällig würden. Und das war auch
der Kostenvoranschlag für die SEI des anderen Bush
gewesen ...
Jetzt ist eine Kommission unter Leitung des früheren Air
Force Secretary Pete Aldridge eingesetzt worden, die die in den
nächsten vier Monaten etwas mehr Details
zusammenschreiben soll, und bereits im NASA-Etatentwurf
für das FY 2005, der am 3. Februar vorgelegt wird,
dürften sich wesentliche Etatverschiebungen und
-trends ablesen lassen. Womit sich dann freilich der
US-Kongreß zu beschäftigen hat, was meist bis in den
Herbst oder Winter dauert, d.h. bis nach den
Präsidentschaftswahlen. Zwar wurde im Kongreß als
unmittelbares Echo allgemein begrüßt, daß es
überhaupt mal eine Vision für die NASA geben soll,
doch wenn es dann an die Details geht, sind harte Debatten
absehbar. Das öffentliche Echo in den USA ist schon jetzt
extrem gespalten und reicht von Jubel bis zu radikaler Ablehnung
und Verurteilung als Wahlkampfgag einer Administration, die
angesichts ihres Rekorddefizits lieber geschwiegen hätte.
[20.1.2004]
[823] Links: ein dürres
Fact
Sheet aus dem Weißen Haus, die komplette
Rede im NASA-HQ
und der Cosmic Mirror # 270
mit Links zu jeder Menge Artikel und Stellungnahmen.
Doch viele Einschlagskrater auf dem Kern von Wild 2?
Der dritte Kern eines Kometen, den eine Raumsonde aus der
Nähe begutachtet hat, sieht erheblich anders aus:
Während Halley und Borrelly einerseits sehr
unförmige Körper mit andererseits ziemlich glatten
Oberflächen sind, ist Wild 2 ein relativ rundes Objekt, doch
von Kratern übersät (siehe Artikel 810). Da gibt es »Felsen« von
Scheunengröße und 100 m hohe Klippen: Nach dem
ersten Schock interpretierten die Stardust-Forscher all diese
Strukturen als Folgen der Sublimation des eisigen Kernmaterials,
doch inzwischen scheint sich die Sichtweise zu ändern.
Im Gegensatz zu den beiden anderen Kometen ist Wild 2 erst 1974
ins innere Sonnensystem geraten und hat nur wenige
Periheldurchgänge hinter sich: Insofern dürfte sein
Kern auch dem typischen Anblick eines ursprünglichen
Kometen näher kommen. Bei den Vertiefungen
könnte es sich demnach um bis zu 1 km große
Impaktkrater handeln, denn auch fern der Sonne unterliegen
Kometen so mancher Wechselwirkung,
Zusammenstößen inklusive (vgl. Artikel 725!) - und nach
Jahrmilliarden könnte sich einiges angesammelt haben. Bei
den anderen Kernen hat die Sonne diese Details dagegen
wegsublimiert. Die Bilder des Wild-Kerns mit der
Navigationskamera waren eigentlich nur ein Bonus, doch nun
werfen sie ein neues Schlaglicht auf die Geschichte der Kometen
im Sonnensystem.
Und die Bilder sollen im europäischen Rosetta-Projekt
(Start: 26.2.) einige Besorgnis ausgelöst haben: was wenn
der Kern des Zielkometen Churyumov-Gerasimenko von ebenso
schroffen - und offenbar auch ziemlich harten -
Geländeformen aus Staub und gefrorenen Gasen
überzogen ist? Dem Lander wäre eine weiche
Oberfläche wie bei Halley lieber. Auch bei Deep Impact (Start:
30.12.) grübelt man über Konsequenzen. Unterdessen
sind die Stardust-Planer froh, daß sie die nominale
Vorbeiflugdistanz an Wild 2 vor einigen Monaten von den vorher
geplanten 150 auf 225 km erhöht hatten: Auch in diesem
Abstand scheint Stardust von hochgerechnet 10 Mio.
Staubteilchen getroffen worden zu sein, und in der
ursprünglichen Distanz hätte die Sonde
womöglich fatalen Schaden genommen. Auch so
mußten ihre Düsen in den 12 Minuten rund um die
größte Nähe über 1000-mal feuern, um
ihre Lage zu stabilisieren! [20.1.2004]
[822] Quellen: Science 9. + New Scientist 10.
+ AW&ST 12.1.2004 S. 151/11/29. Link:
Science@NASA.
Israelisches Weltraumteleskop auf indischem Satelliten
Eigentlich sollte es auf dem sowjetischen großen
Astronomiesatelliten Spektrum-X-Gamma sitzen, doch da dieser
- auch weil sie die ESA außer Stande sieht, dem Projekt
finanziell unter die Arme zu greifen - bis auf weiteres am Boden
bleibt, haben Israels Astronomen jetzt radikal umgesattelt. Nun
wird das UV-Teleskop TAUVEX auf den indischen experimentellen
Nachrichtensatelliten GSAT-4 gesetzt, integriert in ein
Navigationsexperiment, und gelangt so im Jahre 2005 endlich in
den Weltraum. Der Umbau des Experiments mit drei Teleskopen
kostete fast 5 Mio.$, dafür ist aber der Start umsonst: Die
Inder erhalten stattdessen Zugang zu den Daten, was wiederum
bei der Vorbereitung des eigenen Astronomiesatelliten ASTROSAT
hilft, der ebenfalls u.a. ein UV-Teleskop trägt. [20.1.2004]
[821] Link: ein
ISRO Press Release.
Zusätzliche Quelle: AW&ST vom 5.1.2004 S. 26.
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