Meldungen Nr. 821-830
vom 20.-25.1.2004
Aktuelle Meldungen / Archiv


Willkommen in der bizarrsten aller Marslandschaften!

Bilderschwall aus Meridiani Planum vier Stunden nach Opportunitys perfekter Landung: zum ersten Mal zutageliegendes Grundgestein in Reichweite / Eine erste Arbeitshypothese für Spirits Problem: Flash Memory macht Ärger, kann umgangen werden / In drei Wochen zwei Rover auf dem Mars unterwegs?

Um 10:12 MEZ, 4 Stunden und 7 Minuten nach der Landung (Earth Receive Time) am 25. Januar 2004 war es so weit: Seit einigen Minuten schon überspielte der Orbiter Mars Odyssey die insgesamt 22.5 Megabit Daten zur Erde, die er eine halbe Stunde vorher über die UHF-Antenne von Opportunity empfangen hatte. Man wußte bereits, daß der zweite Mars Exploration Rover mit 5° Neigung in der Meridiani-Ebene saß, daß er seine Solarzellen entfaltet hatte und der Energiezustand bestens war. Und jetzt kamen sie, fast 20 Minuten lang ein Bild nach dem anderen, manchmal auch gleich fünf aufeinmal: winzige »Thumbnails« zuerst, dann Bilder der Hazcams, und um 10:15 MEZ ein ganzer Schwall von Aufnahmen der Navcam auf dem noch nicht ausgefahrenen Mast.

Binnen Minuten baut sich nun aus den Navcam-Bildern ein Horizontpanorama in Polarprojektion auf, und ab 10:19 MEZ treffen überdies eine Reihe »Postkarten« der hochauflösenden Pancam ein, die eine völlig bizarre und dunkle Landschaft zeigen: keine auffälligen Steine, dafür mysteriöse Rillen im Boden. Chefwissenschaftler Steve Squyres ist schlicht überwältigt und hat keine Ahnung was das alles bedeuten soll. Und er kann es kaum erwarten, in dieser selbst für Marsverhältnisse exotischen Landschaft (die wegen ihrer bekannten Dunkelheit, es gibt nur sehr wenig Staub, im Vorfeld mitunter als »Martian Mordor« bezeichnet wurde) herumzufahren: Das Terrain erscheint bereits jetzt als ausgesprochen sicher für einen Rover. Zwei Rover (Artikel 102) zu ganz unterschiedlichen MER-Landestellen (Artikel 642) zu schicken, war eine gute Idee.

»I'm astonished, I'm blown away«: Viel mehr konnte Squyres auch auf der nächsten PK um 11:00 MEZ nicht zu dieser »bizarre, alien landscape« sagen - er habe immer noch keine Ahnung, was wir da eigentlich sehen. Bis auf eines: Die hellen Felsen am Horizont sind zutageliegendes Grundgestein, das erste, dessen je ein Lander gewahr wurde! Es erscheint ihm »sort of slabby« und kann ebenso vulkanisch wie sedimentär sein. Der Boden rund um Opportunity wiederum ist »strange-looking stuff«, der sich vom Gusev-Boden erheblich unterscheidet und »sort of pebbly« aussieht: Es könnte sich um kompaktes, feinkörniges Pulver handeln. Reichlich Arbeit also für die Instrumente auf der Instrument Deployment Device des Rovers, und Mini-TES wird zeigen, wo die Hämatit-reichsten Stellen sind. Denn darum geht es: Grauer Hämatit entsteht in fast allen bekannten Szenarien in Anwesenheit von Wasser.

Die Landschaft insgesamt ist sehr flach, aber mit Topographie auf lokaler Skala. Möglicherweise ist Opportunity in einem flachen Krater gelandet. Auf jeden Fall ist die Gegend eminent befahrbar, und das zutageliegende Grundgestein sollte gut erreichbar sein. Technische Probleme mit dem Rover sind überhaupt keine bekannt; etwa an Sol 4 soll er »aufstehen« und in ein bis zwei Wochen losfahren. Opportunity landete zwar auf einem der drei Seitenpanele, hat sich aber problemlos aufgerichtet (das war zum ersten Mal nötig, da Pathfinder wie Spirit zufällig aufrecht gelandet waren). Auch das Ausklappen der Solarzellen ging gut vonstatten, die Stromversorgung ist exzellent - und die Temperatur im Inneren von Opportunity ebenso: In der Elektronikbox waren 32°C erwartet worden - und gemessen wurden ... 32°C!

Einige Stunden zuvor waren auch Entry, Descent & Landing genau so nach Fahrplan verlaufen wie bei Spirit drei Wochen früher (siehe Artikel 813) - und im Gegensatz zu gedämpften Erwartungen wegen der größeren Distanz Erde - Mars (die Einweg-Signallaufzeit ist von 9½ auf 11 Minuten gestiegen) waren diesmal sogar noch klarere Signale während der gesamten EDL-Phase zu empfangen. Die diesmal sogar noch vor dem Aufsetzen mit einem Jubelausbruch nach dem anderen begrüßt wurden. 6:02 MEZ: Maximale Abbremsung in der Atmosphäre. 6:04: Fallschirm draußen, Hitzeschild abgeworfen. 6:05:20: Radar sieht den Boden, Bremsraketen feuern. 6:05:40 MEZ: Ein Signal von der Marsoberfläche!

Und diesmal reißt die Funkverbindung nicht unmittelbar nach dem Aufsetzen ab: Stattdessen empfangen beide Bodenstationen des Deep Space Network in Australien und Kalifornien ohne Unterbrechung ein starkes Signal. »We are on Mars, everybody!« ruft jemand, und nach der Ansage »The Signal continues to be very high« um 6:07:30 bricht wieder Jubel aus, der gar nicht mehr enden will. Um 6:22:20 machen die Tonsignale klar, daß keinerlei Fehlfunktionen aufgetreten sind, und man weiß bereits, daß das Aufsetzen auf der Oberfläche mit nur 2 bis 3 g außerordentlich sanft geraten ist. Zur allgemeinen Überraschung schwankt die Signalstärke aber auch um 6:24 noch periodisch, was man zunächst anhaltendem Herumrollen auf der sehr flachen Meridiani-Ebene zuschreibt.

Doch um 6:33 weiß EDL-Manager Rob Manning, daß die Ursache eine ganz andere ist: Opportunity liegt längst ruhig auf der Marsoberfläche - aber auf der Seite, so daß die sendende Antenne gleichzeitig zur Erde und auf den Boden weist, wo die Wellen reflektiert werden. Die Signale erreichen die Erde auf zwei Wegen gleichzeitig und interferieren, mal positiv, mal negativ, und weil die Erde von Meridianii aus gesehen allmählich untergeht, ändert sich die Distanz ständig, was die Signalstärke periodisch schwanken läßt. Auf einer jubilanten PK eine Stunde später wird auch schon bekannt, daß der Lander die Mitte der 74 x 5 km großen Zielellipse um ca. 24 km verfehlt hat aber natürlich noch mitten in der Hämatit-reichen Zone sitzt. Und daß es diesmal weniger Seitenwind gab, so daß die kleinen Korrekturdüsen nicht ansprangen.

Der Gesundheitszustand von Spirit (das Bild zeigt die Landeplattform, rechts scharfgerechnet, am 19.1., vom MGS aus gesehen!) war derweil am 24. Januar vom JPL »von kritisch auf ernst« heraufgestuft worden: Der Rover hat eine stabile Stromversorgung, gute Temperaturen - und hört er auf Kommandos von der Erde! Genug Informationen über seinen Gesundheitszustand konnten bereits zur Erde geholt werden, um den Fehler einzugrenzen, der ihn am 21.1. schlagartig außer Gefecht gesetzt hatte: Schuld sind demnach das Flash Memory des Rovers, die assoziierte Elektronik oder die Software, um Daten in diesen nichtflüchtigen Speicher (ähnlich dem einer Digitalkamera) zu schreiben. Um mit Spirit zu arbeiten, ist bereits ein so genannter »cripple mode« entwickelt worden, der das Flash Memory umgeht.

Jeder Mars Exploration Rover besitzt drei Arten von Speichern, ein flüchtiges RAM (das nachts alles vergißt), das Flash Memory (mit insgesamt 256 Megabyte Kapazität) und ein mühsam zu benutzendes EEPROM. Ohne das Flash Memory muß Spirit jeden Marsmorgen neu von der Erde aus im cripple mode hochgefahren werden: Wenn man das zuverlässig im Griff hat, soll als nächstes versucht werden, den Inhalt des Flash Memory auszulesen. Denn darin verbergen sich vielleicht Hinweise auf den »root cause« des ganzen Ärgers, den immer noch mysteriösen Auslöser der Störung, die sich während einer nie beendeten Drehung eines Spiegels auf dem Mast des Rovers ereignete. Eine Hardware-Ursache ist ebenso denkbar wie ein tief versteckter Softwarebug: Nur im letzteren Fall könnten die Auswirkungen auf Opportunity gravierend sein.

Die nächste Phase wäre dann die Wiederinbetriebnahme des Rovers, mit oder ohne Flash Memory: Auch ohne diesen Speicher ist eine wissenschaftliche Mission möglich, es müßten nur immer alle Daten noch am selben Sol zur Erde gesendet werden, und nächtliche Arbeit wäre stark eingeschränkt. In grob geschätzt drei Wochen könnte Spirit aber wieder im Gusev-Krater herumfahren - und die Gesamtausbeute braucht nicht einmal geringer zu sein als einst geplant. Denn die drei Monate Lebensdauer, die man jedem MER vor dem Start gegeben hat, sind - das wird inzwischen immer lauter ausgeprochen - wirklich nur als Untergrenze zu verstehen: Das Roverteam ist inzwischen sehr zuversichtlich, daß die MER auch Monate länge durchhalten können sollten, vielleicht gar doppelt so lange wie bisher geplant! [25.1.2004]

[830] Quelle: Pressekonferenzen und Live-Events am JPL vom 23.-25.1., via NASA Select TV per Telefon (001-321-867-1260) plus teilweise via CNN-I. Links: erste verarbeitete Bilder und alle Rohbilder von Opportunity, MER Press Releases vom 25. Jan. (früher), 24. Jan. und 23. Jan. (früher), laufende Updates und erste Artikel von Spaceflight Now (früher), BBC, Fla. Today, AFP, Space Today (früher), NetZeitung und Rh. Post zur Landung von Opportunity und von Spaceflight Now, Fla. Today, LA Times, Space Today und NetZeitung zum Status von Spirit. Außerdem PDSR zur Bedeutung des Hämatits und Pressemitteilungen der Uni und des MPI für Chemie Mainz zu den deutschen Analysegeräten auf den Rovern.


NASA-»Vision« mit Notausgängen

Die NASA-Führung weiß selbst noch überhaupt nicht, wie sie die nun verordneten »Visionen« aus
Artikel 823 in die Tat umsetzen soll: Das hat Chef O'Keefe bei diversen Anlässen seither - zuletzt bei einem Pressegespräch am JPL kurz vor der Landung von Opportunity - recht klar erkennen lassen. Stattdessen legt er Wert auf die Feststellung, daß der stufenweise Plan zahlreiche »off ramps« besitzt, Notausgänge sozusagen, wenn sich größere Probleme ergeben: Ob das bedeutet, daß ein Abbruch in absehbarer Zeit schon eingeplant wird? Es wird auch betont daß der Zeitplan keineswegs bindend ist und daß er sich jederzeit der aktuellen Finanzlage anpassen könne - was es bis zur Mondlandung insgesamt kosten soll, scheint dabei wirklich noch niemand zu wissen.

Immerhin gibt es konkrete Vorstellungen über die Entwicklung des NASA-Etats in den nächsten fünf Jahren. Schon vor der neuen Zielsetzung für die Weltraumbehörde hatte das Weiße Haus geplant, daß er jedes Jahr etwas schneller als die Inflation steigen sollte - um teilweise 5% pro Jahr. Inklusive der nun geforderten Extramilliarde in den ersten 5 Jahren sollte danach der 15.4 Mrd.$ große Etat des FY 2004 (des Finanzjahrs, das im Oktober 2003 begann) auf 16.2 Mrd.$ im FY 2005, 16.9 Mrd.$ im FY 2006 und 17.7 Mrd.$ im FY 2007 steigen. Dann allerdings sieht der Fünfjahrplan nur noch eine Steigerung um 1.5% für das FY 2008 vor. Rund die Hälfte der 11 Mrd.$, die überwiegend in die Entwicklung des CEV fließen sollen, 6.6 Mrd.$, soll dabei aus Etatposten stammen, die bisher für das OSP und die SLI vorgesehen waren. [25.1.2004]

[829] Quellen: AW&ST vom 19.1.2004 S. 394-5 + O'Keefe am JPL am Morgen des 25.1. MEZ + div. US-Zeitungsberichte der letzten Tage.

Widerstand gegen das Ende der HST Service Missions (siehe Artikel 824) regt sich nicht nur unter Astronomen auf der ganzen Welt - auch die Senatorin Barbara Mikulski will gegen die einsame Entscheidung des NASA-Chefs vorgehen: ein offener Brief von Mikulski, Statements der AAS und der JHU, eine FAQ-Liste und Artikel von Sky & Tel., Space.com und ZEIT.


Höhenforschungsrakete startete mit Instrumenten für Merkur, Vulcanoids-Jagd

Mitte Januar trug von Wallops aus eine Black Brant-Höhenrakete für kurze Zeit zwei Nutzlasten über die Erdatmosphäre hinaus, die sich dem innersten Sonnensystem zuwandten - einer Region, die wegen der Nähe zur Sonne für Satelliten wie Hubble tabu ist und auch von der Erde aus kaum zu beobachten ist, weil man sie entweder nur in der Dämmerung oder nur knapp über dem Horizont sehen kann. Die Hauptnutzlast war der 220-kg-UV-Spektrograph »Big Dog«, der auf den Planeten Merkur gerichtet wurde (um die Chemie seiner Oberfläche zu erkunden) - und an Bord war auch VULCAM, eine Spezialversion jener Kamera, mit der Astronomen seit Jahren nach theoretisch möglichen Asteroiden innerhalb der Merkurbahn, sogenannten Vulcanoids suchen (siehe
Artikel 734).

Zuvor war die intensive Suche selbst von hochfliegenden Flugzeugen aus ergebnislos geblieben (vgl. Artikel 522): Auf über 200'000 einzelnen Videobildern war nicht ein einziger Intramerkur zu entdecken. Das bedeutet: Wenn es Vulcanoids mit mehr als 10 km Durchmesser überhaupt gibt, dann nicht mehr als »ein paar Handvoll« im ganzen Sonnensystem. Die neuen Untersuchungen - auch ein Einsatz der Kameras an hochfliegenden Ballonen ist geplant - sollten entweder zur Entdeckung der ersten Vulcanoids führen. Oder sie können ausschließen, daß es irgendwelche bis zu einem Durchmesser von vielleicht 1 km hinab gibt: Dann müßte man sich zumindest eine andere Ursache für die starke Verkraterung der Merkuroberfläche ausdenken. [25.1.2004]

[828] Link: ein SwRI Press Release. Zusätzliche Quelle: Stern, Astronomy 2/2004 S. 42-6.


Schwere Störung auf Spirit (aber er spricht wieder) - Noch mehr Ergebnisse vom Mars Express - Opportunity vor der Landung

Während die ESA am 23. Januar weitere frühe Resultate ihres Orbiters Mars Express präsentiert hat (hier Bilder der Südpolkappe von OMEGA im CO2-, H2O- und sichtbaren Licht), kämpft die NASA um ihren ersten Marsrover Spirit: Seit dem 21.1. hatte er lange keine Daten mehr geschickt, sondern nur noch vage Lebenszeichen, und erst am 23.1. kamen wieder ein paar Informationen mit 10 Bit/Sekunde. Das mag helfen, den Gesundheitszustand Spirits zu verstehen: Er scheint - ohne jede Vorwarnung - in einen tiefen Safe Mode gerutscht zu sein, ähnlich wie ein abgestürzter Computer. Und das zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn am Morgen des 25.1. um 6:05 MEZ wird auch der zweite Rover den Mars erreichen, und eigentlich wollten sich alle in diesen Tagen ganz auf Opportunity konzentrieren ... [23.1.2004]

[827] Links: laufende Updates, Press Releases vom 23., 22. and 21. Januar und Artikel von Spaceflight Now (früher und noch früher), Sky & Tel., Nature Science Update, Fla. Today, BBC, Space.com, Space Today, Rh. Post und NetZeitung zur Spirit-Krise, ESA, BMBF und TU Berlin Press Releases und BBC, AFP, Space.com, Rh. Post und NetZeitung zum Mars Express und letzten Versuchen, Beagle 2 zu finden, und Science@NASA, BBC, USA Today, CSM und NetZeitung zur Landung von Opportunity.


Mysteriöse Röntgenstrahlen vom Saturn

hat der Satellit Chandra im April 2003 beobachtet und damit zwar eine frühere marginale Sichtung des Planeten durch ROSAT bestätigt - aber warum er eine (sehr schwache) Röntgenquelle ist, haben die neuen Beobachtungen auch nicht klarer gemacht. Wirklich eindeutig ist nur, daß Röntgenphotonen von der Scheibe des Planeten kommen, und zwar vorwiegend aus niedrigen Breiten: Bei 18 Stunden(!) Belichtungszeit wurden 162 Photonen gemessen, während der Hintergrund in derselben Fläche bei 56 Photonen lag. Auch eine der beiden Ringansen scheint eine Röntgenquelle zu sein. Trotz der aufwändigen Messungen - die inzwischen XMM-Newton bestätigt hat - bleibt der Emissionsmechanismus vorerst rätselhaft: Polarlichter (wie sie den Jupiter als Röntgenquelle erstrahlen lassen; siehe
Artikel 444) sind es offenkundig nicht, und gestreute Sonnenstrahlung sollte lange nicht so hell sein. [23.1.2004]

[826] Link: ein Paper von Ness & al.


Bilder vom Mars Express, Chemiedaten von Spirit: Mars jetzt fest in deutscher Hand

Nahezu auf der endgültigen Umlaufbahn angekommen, hat der Mars Express sechs seiner sieben Instrumente eingeschaltet und die ersten Daten gewonnen - lediglich das Tiefenradar ist erst im April an der Reihe. Am 19. Januar wurde das erste Bild der deutschen Kamera HRSC veröffentlicht, das am 14.1. aus 275 km Höhe entstanden war und einen 65 km breiten Streifen aus den Valles Marineris zeigt (der im Original 1700 km lang ist): nicht nur als einfaches Bild von oben (Abb.), sondern auch als 3D-Modell, denn die Kamera scannt den Boden nicht nur unter sich, sondern auch etwas vor und hinter dem Nadir, und liefert - nach entsprechender photogrammetrischer Auswertung - die Höheninformation gleich mit.

Ein derartiges Instrument gibt es zum ersten Mal im Marsorbit, und dazu mit einer Auflösung von 12 Metern pro Pixel: Die (Mono-)Kameras der Viking-Orbiter schafften nur typischerweise 100 Meter. Und die Kamera des Mars Global Surveyor kann ihre maximale Auflösung von 2 Metern (die die HRSC mit einem Spezialkanal auch schafft) nur sehr lokal ausspielen. Am 23. werden weitere Bilder und erste Ergebnisse der anderen Instrumente vorgestellt, und Ende des Monats sollten auch alle Bahnmanöver abgeschlossen sein. Nach einer letzten Zündung des Haupttriebwerks am 11.1. ist es jetzt endgültig abgeschaltet und isoliert worden, und kleine Düsen sorgen nun bis zum 26.1. mit sieben Zündungen für die gewünschte Umlaufszeit von 7.6 Stunden (noch sind es 10 Stunden).

Unterdessen hat der Marsrover Spirit Kontakt mit seinem ersten Felsen genommen: Nach einer 40°-Drehung fuhr er 1.9 Meter zu »Adirondack«, benannt nach einem Gebirge im Norden des Staates New York mit rund 2000 Gipfeln, dem Südostausläufer des kanadischen Schilds. Dieser Felsen schien weniger verstaubt als der näher liegende Sashimi: Mit den beiden deutschen Spektrometern (der Universität bzw. des MPI für Chemie in Mainz) und dem Microscopic Imager werden seit dem 20.1. Chemie und Struktur des Steins ausgiebig untersucht. Die Instrumente hatten zuvor den Marsboden direkt vor dem Rover untersucht und etliche chemische Elemente bzw. Eisentypen nachweisen können - und überraschend Spuren des vergänglichen Minerals Olivin gefunden. [20.1.2004]

[825] Links: ESA und FU Berlin PMn, ein Status Report und Artikel von Sky & Tel., Astronomy, BBC, Space Today, NetZeitung und Rh. Post zum Mars Express und MER Press Releases (mit gelinkten Bildergalerien) vom 20., 19., 16. und 15. Januar zu Spirits ersten Abenteuern auf der Marsoberfläche und vom 16. Januar sowie eine PM der Uni Bonn zum Zielanflug Opportunitys, plus Artikel von Spaceflight Now, Sky & Tel. und Space.com.


NASA streicht alle Serving Missions, überläßt Hubble seinem Schicksal

Das Hubble Space Telescope droht - zwar indirekt aber mit zwingender Logik- das erste Opfer der neuen halbgaren »Visionen« der NASA (siehe
Artikel unten) zu werden: Nur zwei Tage nach deren Verkündigung teilte der NASA-Chef dem schockierten Hubble-Team am Goddard Space Flight Center am 16.1. mit, daß der Satellit nie wieder von einem Space Shuttle besucht werden wird! Zwar bemühte er sich ausgiebig, die folgenschwere Entscheidung zu begründen, doch die Argumente überzeugten kaum. Insbesondere da die Vorbereitungen der nächsten Mission (der fünften, die aber die Nummer SM4 tragen sollte) bis eben noch auf vollen Touren liefen, die Mission weiter im internen Shuttle- Startkalender stand (für das Frühjahr 2006) - und die beiden neuen Instrumente, die dabei installiert werden sollten, auch schon fast fertig sind!

Ein Verzicht auf jedwede weitere Servicing Mission hatte zwar schon seit der Columbia-Katastrophe wie ein Damokles-Schwert über dem HST geschwebt, doch Fortschritte bei den Reparaturtechniken für Schäden am Thermal Protection System der Raumfähren hatten Mut gemacht. Und im August hatte schließlich ein Beratergremium die Streichung aller SMs zur schlechtesten aller denkbaren Optionen erklärt (siehe Artikel 726) und sich umgekehrt sogar für eine zusätzliche Mission stark gemacht, sofern das Ende des Jahrzehnts wissenschaftlich lohnend erschiene - was umgekehrt wieder die NASA zu ersten Vorbereitungen einer entsprechenden Ausschreibung bewog. Warum nun die plötzliche Kehrtwende, die nach O'Keefes Worten »auf des Messers Schneide« gestanden hatte und die seine persönliche Entscheidung war?

An der Finanzierung der seit Jahren vorbereiteten SM4 selbst lag es nicht, betonen NASA-Vertreter: Vielmehr ist es die nun überraschend angekündigte Außerdienststellung der Shuttles schon um 2010, die als offizielle Erklärung angeführt wird, verbunden mit der strengen Forderung Nummer R6.4-1 des Columbia Accident Investigation Board, daß Außenschäden an einem Orbiter, der nicht zur ISS fliegt, von der Crew ganz alleine zu reparieren sein müssen. Letzteres zu ermöglichen kostet Geld und auch Zeit und hätte sich nach NASA-Überlegungen wohl gelohnt, wenn man die Shuttles noch - wie bisher geplant - bis 2020 oder so benutzen würde. Jetzt aber hält man solche Maßnahmen plötzlich für unökonomisch, da sämtliche anderen Flüge zur ISS gehen sollen (die im schlimmsten Fall auch monatelang als »safe haven« die Besatzung aufnehmen könnte, bis sie ein anderer Orbiter abholt).

Stattdessen läßt man lieber Hubble sterben, das Projekt, das der NASA einige ihrer größten Publicity-Erfolge überhaupt eingebracht hat und aus der modernen Astronomie kaum mehr wegzudenken ist. Denn mit nur noch vier verbliebenen Gyroskopen, von denen eines bereits angeschlagen ist, hat Hubble nach probabilistischen Rechnungen eine Chance von 50%, gerade einmal bis Mitte 2007 seiner Arbeit nachgehen zu können - wobei die letzten beiden Jahre schon mit zwei Gyros und Softwaretricks improvisiert werden müßte: Die SM4 hätte die Lebensdauer auf mindestens 2010 verlängert. Wenn es vorbei ist, wird jedenfalls - das gilt weiterhin - ein robotisches System zu dem großen Satelliten gebracht, um ihn gezielt im Pazifik zu versenken. Und die NASA denkt jetzt darüber nach, wenigstens die beiden neuen Instrumente COS und WFC3 auf kleinen Satelliten - mit kleinen Teleskopen - fliegen zu lassen, um ein bißchen der Wissenschaft zu retten ... [20.1.2004]

[824] Links: semioffizielle Info-Seiten zur SM4-Cancellation beim STScI (mit einem detaillierten Bericht von der entscheidenden Sitzung), der ST-ECF und der AAS, erste Memos und Artikel von Spaceflight Now, Fla. Today, Astronomy, Discovery, Wash. Post, AFP und NetZeitung.


Mond-»Vision« des Weißen Hauses gefährdet NASA-Forschung

Was sich ein Beraterstab im Weißen Haus bei monatelangen Geheimsitzungen ausgedacht und was der - ansonsten in Sachen Weltraum völlig desinteressierte - Präsident (der z.B. als Gouverneur von Texas nicht ein einziges Mal das Johnson Space Center in Houston besuchte) schließlich am 14.1. im NASA-HQ 18 Minuten lang vorlas, bevor er von der Bühne huschte, könnte im Falle einer konsequenten Umsetzung die NASA radikal verändern. Und dabei viele erfolgreiche Programme insbesondere der Weltraumforschung zerstören, während die hehren Pläne eines neuartigen bemannten Raumschiffs nach einer Weile infolge einer Kostenlawine und technischer Probleme aufgegeben werden müßten, wie es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder der Fall war: Diese düstere Vision drängt sich bei nüchterner Betrachtung der erschreckend wenigen bisher durchdachten Details auf. Man weiß nämlich nur,

Klingt erst mal toll, und selbst mancher gestandene US-Astronom, Planetenforscher oder deutsche Weltraumfunktionär (für den eben noch Satelliten zur Erdbeobachtung das höchste der Gefühle und bemannte Raumfahrt jenseits der ISS zutiefst suspekt waren) äußerte in ersten Reaktionen Faszination und Anerkennung. Doch bei Licht besehen ist die große Vision des Weißen Hauses kaum realistischer - oder auch nur preiswerter - als die auf ganzer Linie und rasch gescheiterte »Space Exploration Initiative« (SEI) des anderen Bush von 1989, die ebenfalls via Mond zum Mars führen - und rund 400 Milliarden damalige Dollar kosten - sollte. Heute ist die NASA-Führung immerhin von Anfang an eingeweiht worden und nun wild entschlossen, mit der Umsetzung der Pläne zu beginnen - und ganz unabhängig von deren völlig offenen Schicksal in einigen Jahren hat das schon heute gravierende Konsequenzen, während der 1989-er SEI-Flop folgenlos blieb.

Denn bereits für allererste Phase, die Entwicklung des CEV, werden in den fünf NASA-Finanzjahren 2005-9 zwölf Milliarden Dollar veranschlagt: Nur 1 Mrd.$ soll dabei durch eine moderate Etat-Erhöhung erreicht werden, um im Mittel 200 Mio.$/Jahr, während 11 Mrd.$ durch interne Etat-Umschichtungen besorgt werden sollen. Da aber in diesem Zeitraum noch unverändert viel für Shuttle und ISS ausgegeben werden muß (und vielleicht sogar noch einiges mehr, um den Shuttle wirklich sicherer zu machen), können diese 11 Mrd.$ nur aus jenen Posten stammen, die bisher für die Space Launch Initiative (zwecks Entwicklung eines wirklich modernen bemannten Raumschiffs) und das (ähnlich primitive) OSP reserviert waren - und aus dem Feld der Weltraumforschung mit unbemannten Satelliten und Raumsonden.

Tatsächlich wird bereits angekündigt, daß alle Forschungsprogramme, die nicht direkt der bemannten Mondfahrt zuarbeiten, gekürzt oder ganz gestrichen werden sollen: Genau das sind aber jene NASA- Aktivitäten, die in den letzten Jahrzehnten immer wieder die größten Erfolge (auch in den Augen der Öffentlichkeit!) erzielt haben. Und die, nach einigen Turbulenzen in den Goldin-Jahren, inzwischen recht durchdacht organisiert sind, in der Planetenforschung ebenso wie in der Astronomie mit Satelliten. Was konkret geopfert werden soll, wird mal wieder nicht erwähnt (viele halten z.B. die Pluto-Mission für besonders gefährdet), aber die erste Strukturmaßnahme hat schon stattgefunden: Die Space Launch Initiative, das (Ex-)OSP und das Prometheus-Programm für interplanetare Nuklearantriebe wurden bereits im neuen »Office of Exploration Systems« zusammengeführt.

Geradezu dreist vertuscht wurden zunächst die vermutlichen Gesamtkosten des Mondprogramms über die »Anzahlung« der 12 Mrd.$ hinaus - aber bald sickerten doch relativ konkrete Schätzungen durch: Bis 2020 liegen die Vermutungen zwischen 120 und 170 Milliarden Dollar, und bei der ESA hat man bereits als quasi amtliche Zahl 130 Mrd.$ gehört. Das wären ziemlich genau die Kosten des Apollo-Programms der 60-er Jahre, durch Inflationskorrektur auf heutige Dollars umgerechnet. Bedenkt man nun, daß gerade Großprojekte der Raumfahrt - man erinnere sich an die ISS, die einst 8 Mrd.$ kosten sollte! - zu gewaltigen Kostenüberschreitungen neigen, dann ist es wohl nicht unrealistisch, von etwa ½ Billion Dollar in den nächsten zwei Jahrzehnten auszugehen, die allein bis zum Bau der Mondstation fällig würden. Und das war auch der Kostenvoranschlag für die SEI des anderen Bush gewesen ...

Jetzt ist eine Kommission unter Leitung des früheren Air Force Secretary Pete Aldridge eingesetzt worden, die die in den nächsten vier Monaten etwas mehr Details zusammenschreiben soll, und bereits im NASA-Etatentwurf für das FY 2005, der am 3. Februar vorgelegt wird, dürften sich wesentliche Etatverschiebungen und -trends ablesen lassen. Womit sich dann freilich der US-Kongreß zu beschäftigen hat, was meist bis in den Herbst oder Winter dauert, d.h. bis nach den Präsidentschaftswahlen. Zwar wurde im Kongreß als unmittelbares Echo allgemein begrüßt, daß es überhaupt mal eine Vision für die NASA geben soll, doch wenn es dann an die Details geht, sind harte Debatten absehbar. Das öffentliche Echo in den USA ist schon jetzt extrem gespalten und reicht von Jubel bis zu radikaler Ablehnung und Verurteilung als Wahlkampfgag einer Administration, die angesichts ihres Rekorddefizits lieber geschwiegen hätte. [20.1.2004]

[823] Links: ein dürres Fact Sheet aus dem Weißen Haus, die komplette Rede im NASA-HQ und der Cosmic Mirror # 270 mit Links zu jeder Menge Artikel und Stellungnahmen.


Doch viele Einschlagskrater auf dem Kern von Wild 2?

Der dritte Kern eines Kometen, den eine Raumsonde aus der Nähe begutachtet hat, sieht erheblich anders aus: Während Halley und Borrelly einerseits sehr unförmige Körper mit andererseits ziemlich glatten Oberflächen sind, ist Wild 2 ein relativ rundes Objekt, doch von Kratern übersät (siehe Artikel 810). Da gibt es »Felsen« von Scheunengröße und 100 m hohe Klippen: Nach dem ersten Schock interpretierten die Stardust-Forscher all diese Strukturen als Folgen der Sublimation des eisigen Kernmaterials, doch inzwischen scheint sich die Sichtweise zu ändern.

Im Gegensatz zu den beiden anderen Kometen ist Wild 2 erst 1974 ins innere Sonnensystem geraten und hat nur wenige Periheldurchgänge hinter sich: Insofern dürfte sein Kern auch dem typischen Anblick eines ursprünglichen Kometen näher kommen. Bei den Vertiefungen könnte es sich demnach um bis zu 1 km große Impaktkrater handeln, denn auch fern der Sonne unterliegen Kometen so mancher Wechselwirkung, Zusammenstößen inklusive (vgl. Artikel 725!) - und nach Jahrmilliarden könnte sich einiges angesammelt haben. Bei den anderen Kernen hat die Sonne diese Details dagegen wegsublimiert. Die Bilder des Wild-Kerns mit der Navigationskamera waren eigentlich nur ein Bonus, doch nun werfen sie ein neues Schlaglicht auf die Geschichte der Kometen im Sonnensystem.

Und die Bilder sollen im europäischen Rosetta-Projekt (Start: 26.2.) einige Besorgnis ausgelöst haben: was wenn der Kern des Zielkometen Churyumov-Gerasimenko von ebenso schroffen - und offenbar auch ziemlich harten - Geländeformen aus Staub und gefrorenen Gasen überzogen ist? Dem Lander wäre eine weiche Oberfläche wie bei Halley lieber. Auch bei Deep Impact (Start: 30.12.) grübelt man über Konsequenzen. Unterdessen sind die Stardust-Planer froh, daß sie die nominale Vorbeiflugdistanz an Wild 2 vor einigen Monaten von den vorher geplanten 150 auf 225 km erhöht hatten: Auch in diesem Abstand scheint Stardust von hochgerechnet 10 Mio. Staubteilchen getroffen worden zu sein, und in der ursprünglichen Distanz hätte die Sonde womöglich fatalen Schaden genommen. Auch so mußten ihre Düsen in den 12 Minuten rund um die größte Nähe über 1000-mal feuern, um ihre Lage zu stabilisieren! [20.1.2004]

[822] Quellen: Science 9. + New Scientist 10. + AW&ST 12.1.2004 S. 151/11/29. Link: Science@NASA.


Israelisches Weltraumteleskop auf indischem Satelliten

Eigentlich sollte es auf dem sowjetischen großen Astronomiesatelliten Spektrum-X-Gamma sitzen, doch da dieser - auch weil sie die ESA außer Stande sieht, dem Projekt finanziell unter die Arme zu greifen - bis auf weiteres am Boden bleibt, haben Israels Astronomen jetzt radikal umgesattelt. Nun wird das UV-Teleskop TAUVEX auf den indischen experimentellen Nachrichtensatelliten GSAT-4 gesetzt, integriert in ein Navigationsexperiment, und gelangt so im Jahre 2005 endlich in den Weltraum. Der Umbau des Experiments mit drei Teleskopen kostete fast 5 Mio.$, dafür ist aber der Start umsonst: Die Inder erhalten stattdessen Zugang zu den Daten, was wiederum bei der Vorbereitung des eigenen Astronomiesatelliten ASTROSAT hilft, der ebenfalls u.a. ein UV-Teleskop trägt. [20.1.2004]

[821] Link: ein ISRO Press Release. Zusätzliche Quelle: AW&ST vom 5.1.2004 S. 26.


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