Besuch von Hubble sicherer als ein Flug zur ISS?!
Detaillierte Studien eines NASA-Ingenieurs - der aus Angst vor
Repressalien anonym bleiben will - zirkulieren jetzt unter
amerikanischen Astronomen: Mit detaillierten Argumenten
widersprechen sie der Begründung O'Keefes für die
Absage der letzten Servicing Mission zum Hubble Space Telescope
(siehe Artikel 824). Nach
den Untersuchungen, die die NASA in einer ersten Reaktion
nicht gelten lassen will, ist ein Flug zur ISS riskanter, weil er
in eine größere Bahnneigung zum Äquator geht und
mehr Energie erfordert - wodurch ein Nichterreichen des Orbits
wahrscheinlicher sei als beim Anfliegen des HST. Und am Ziel
angekommen, sei ein Orbiter an der ISS stärker durch
Mikrometeoritentreffer gefährdet als beim HST, denn dort
könne er sich in eine optimale Position
rückwärts drehen, an der ISS angedockt hingegen
nicht.
Auch das Hauptargument O'Keefes, ein beschädigt auf dem
HST-Orbit angekommener Orbiter könne sich nicht zur ISS
als »sicherem Hafen« retten, sticht nicht, sagen die
Untersuchungen schließlich: Nichts spräche ja
dagegen, den HST-Flug unmittelbar vor den nächsten
planmäßigen Flug zur ISS durchzuführen - und
der zweite Shuttle könnte notfalls die im Orbit gestrandete
Besatzung des ersten retten. Durch eine simple Luftschleuse
könnte die Astronauten einfach von einem Orbiter zum
anderern wechseln ohne in den freien Raum aussteigen zu
müssen. Die Papiere dürften auch bei einer
Anhörung des House Science Committee am 12.2. zur
Sprache kommen - und sie werden nicht nur von betroffenen
Astronomen (darunter dem Direktor des STScI) gefeiert, sondern
auch von gestandenen Astronauten befürwortet, darunter
Bruce McCandless, der selbst einst Hubble wartete. Und die Frage
steht im Raum: Wußte O'Keefe, daß die
Sicherheitsbedenken unnötig waren - und strich er die
Servicing Mission aus anderen, dunkleren Gründen?
Der Grundlagenforschung geht es schlecht im neuen US-Haushalt,
haben Analysten der American Astronomical
Society ausgerechnet: Vorgesehen sind 26.8 Mrd.$ im FY 2005
gegenüber 26.7 Mrd.$ im FY 2004, was nicht einmal die
Inflation ausgleicht - und eine derartige reale Schrumpfung gibt es
seit Bush 2001 ins Weiße Haus geriet. Geradezu rosig nimmt
sich dagegen der Etatentwurf für die NASA aus, der mit
16.244 Mrd.$ um 5.6% über den 15.378 Mrd.$ von 2004
liegt - ob der Kongreß solch einen Sprung mitmacht, ist aber
keineswegs sicher. Die Weltraumforschung insgesamt soll dabei
auf 4.238 Mrd.$ steigen, überwiegend zugunsten von
Programmen, die der »Exploration« zuarbeiten, wie die
neuen Mond-»Visionen« offiziell heißen. Konkret
für neue (unbemannte) Mondsonden sind 70 Mio.$
vorgesehen (der Jahresetat steigt dann bis 2009 auf 420 Mio.$)
und für Marsprogramme 691 Mio.$ (2009: 1.2 Mrd.$), was
bis zu einer Sample Return Mission 2013 führen
könnte. Doch vielen reinen Astronomiesatelliten drohen
ebenso Kürzungen wie der Erdbeobachtung,
Biowissenschaften und Physik. [10.2.2004]
[842] Links: die beiden
Dokumente und Artikel dazu von
Sky & Tel.,
Wash. Post,
Fla. Today,
ABC,
SpaceRef und
Space Today sowie die offizielle
Homepage der "Commission on Moon, Mars and Beyond", Details
des 2005 NASA Budget Request,
Space.com zu den neuen Mondsonden,
Space News zur
Zukunft von Prometheus, The
Space Review über ein Streitgespräch zur Frage Mensch vs. Roboter - und Anmerkungen von
Dave Barry.
Zusätzliche Quelle: ein Rundschreiben der AAS vom 3.2.
WMAP-Karten durch ausgedehnten SZ-Effekt beeinträchtigt?
Wie zuverlässig sind die fundamentalen Parameter des
Universums wirklich, die in den letzten paar Jahren immer
konsistenter durch zahlreiche Methoden ermittelt wurden (vgl. Artikel 265)
und vor einem Jahr durch die Kartierung der Kosmischen
Hintergrundstrahlung (CMB) durch den Satelliten WMAP
bestätigt und mit kleineren Fehlerbalken versehen wurden
(siehe Artikel 606)?
Kaum noch zu überblicken sind all die Verfahren, die
unabhängig voneinander immer wieder dasselbe - wenn
auch bizarre - Universum, dominiert von Dunkler Materie und
Dunkler Energie, bestätigt haben. Doch ein paar Zweifler
gibt es immer noch: Für sie ist ein Kosmos ohne Dunkle
Energie und/oder oder Dunkle Materie zu schön, um nicht
wahr zu sein. Und vage Beobachtungsbefunde, die in diese
Richtung deuten könnten, haben sie auch zu
präsentieren.
Zum Beispiel eine Gruppe Astronomen von der Universität
im britischen Durham: Sie hat Kreuzkorrelationen zwischen den
WMAP-Karten und diversen Himmelsdurchmusterungen
extragalaktischer Quellen berechnet - und eine geringfügige
Verringerung der CMB-Temperatur überall dort gefunden,
wo man Galaxienhaufen kennt. Dahinter steckt offensichtlich der
altbekannte Sunyaev-Zeldovich-Effekt, bei dem das heiße
Gas in den Haufen die Energie der CMB-Photonen per inversem
Compton-Effekt beeinflußt. Doch in dieser Analyse reicht
der SZ-Effekt der Haufen bis in jeweils 1° Abstand am
Himmel, was durch Wolken heißen Gases rund um die
Haufen erklärt werden könnte. Dieser ausdehente
SZ-Effekt, so die Durhamer, verunstalte die CMB-Karten
stärker als die WMAP-eigenen Auswerter angenommen
hätten. Und das beträfe auch das Powerspektrum des
CMB, aus dem die ganzen kosmologischen Größen
abgeleitet werden: Insbesondere Höhe wie Lage des ersten
akustischen Peaks werde womöglich drastisch
verfälscht.
Die augenblickliche Qualität der
Galaxienhaufendurchmusterungen zeige das zwar noch nicht
wirklich, doch »die Frage, wie stark SZ-Effekte das
ursprüngliche Powerspektrum verschmutzen, ist neu
eröffnet.« Schließlich werden ja auch Strukturen
im CMB-Powerspektrum auf kleinsten Skalen dem SZ-Effekt in
die Schuhe geschoben (siehe Artikel 662). In einem aktuellen Paper feiert
einer der Durhamer den »Extended SZ Effect« bereits
als neuen Beleg für seine langgehegte Vermutung eines
Universums mit Omega-Baryon=1 und Omega-Dunkelmaterie =
Omega-Lambda = 0. Daß dies nur mit einer - heute allgemein
ausgeschlossenen - Hubble-Konstante < 50 km/s/Mpc ginge,
nimmt er ebenso hin wie die Franzosen aus Artikel 801, die in eine
ähnliche Richtung drängen. Und die Ia-Supernovae,
die energisch ein Omega-Lambda > 0 fordern (Artikel 686), müsse
man eben auch wegdiskutieren: Irgendwas mache ferne
Supernovae halt dunkler ... [10.2.2004]
[841] Links: Papers von
Myers &
al. zum Extended SZ Effect und von
Shanks
mit vielen Ausrufezeichen und der
Forderung nach einer einfacheren(?) Kosmologie, ein
R.A.S.
Press Release, der das erste Paper unkritisch
feiert, und Artikel aus dem
Economist und
Physics Web, die das gut finden.
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