Perihel 76 AU, Aphel 990 AU, Periode 12'300 Jahre: der erste
Himmelskörper in der Oortschen Wolke?
Mit 20.7m im Roten ist wäre er selbst
für einen Bewohner des Kuiper-Gürtels ganz schon
hell - doch der Kleinplanet 2003 VB12 wohnt noch weit dahinter:
Seine Bahn hat ein Perihel von 76 AU oder 11.3 Mrd. km und ein
Aphel von 990 AU oder 148 Milliarden Kilometern! Ein
Himmelskörper, dessen Perihel deutlich jenseits des
Kuiper-Gürtels liegt, der bei 49 AU ziemlich scharf
abgeschnitten ist (siehe Artikel 142), war bisher noch nie beobachtet
worden: Auch der Extrem-Asteroid 2000 CR105 aus Artikel 245, der sich
bis 410 AU von der Sonne entfernt, hält sich zumindest in Sonnennähe
noch im äußeren Kuiper-Gürtel auf (Perihel 44 AU). Mit dem doppelt
so weit draußen residierenden 2003 VB12 ist das
beobachtbare Sonnensystem wieder ein Stückchen
größer geworden: Er könnte jenseits der Kuiper-Welt
der erste direkt gesichtete Vertreter der Oortschen Wolke
sein - und was für einer!
Denn nicht nur die Bahn des 1300 bis 1800 km großen
Objekts ist außergewöhnlich (derartige Parameter
hatte niemand vorausgesagt), sondern auch seine
Beschaffenheit. Einerseits ist es extrem rot (nur der Mars ist
röter), was im äußeren Sonnensystem zwar
nicht selten ist - doch gleichzeitig ist seine Albedo sehr hoch.
Genau Durchmesser- und Albedo-Angaben fehlen leider: Dem
Spitzer Space Telescope gelang es nicht, 2003 VB12
nachzuweisen (und ebensowenig dem 30-m-Teleskop von IRAM),
so daß der Durchmesser wohl kleiner als
etwa 1700 km sein muß. Andererseits ist keine im
äußeren Sonnensystem zu erwartende chemische
Verbindung vorstellbar, die ihm gleichzeitig die intensive
Rotfärbung und eine Albedo von über 25%
verschaffen würde, und mit 25% hätte er angesichts
der visuellen Helligkeit einen Durchmesser von knapp 1300 km.
Zusammen mit Ixion, Quaoar und 2004 DW aus Artikel 850b (dessen
Maße immer noch unklar sind) gehört 2003VB12
damit zu den halben oder 3/4-Plutos.
Und die Frage »Was ist ein Planet?« stellt sich wieder
einmal neu. 2003 VB12, den der Entdecker Michael Brown vom
Caltech gerne Sedna taufen möchte (nach einer
Inuit-Göttin, die auf dem Boden des arktischen Meeres lebt),
wurde am 14.11.2003 mit der 1.2-Meter-Schmidtkamera des
Palomar Observatory gefunden: Dank einer neuen CCD-Kamera
mit 170 Megapixeln hat sie bereits 15% des Himmels abgesucht,
und auf Dreier-Paaren desselben Feldes wird automatisch nach
Punktquellen gesucht, die sich besonders langsam bewegen.
Später wurde Sedna auch auf anderen Aufnahmen bis 2001
zurück entdeckt, so daß inzwischen ein
dreijähriger Bogen der 12'300-Jahres-Bahn vorliegt: In
einem weiteren halben Jahr sollte die Bahn so gut bekannt sein,
daß der Himmelskörper eine endgültige
Nummer erhält, und die Taufe dürfte dann eine reine
Formalie sein. Doch ein Planet, »der zehnte« gar, ist
Sedna deswegen für Brown noch lange nicht - genau so
wenig wie Pluto.
Eine allgemein akzeptierte Definition von »Planet«
gibt es heute nicht (mehr), aber Browns Kriterium klingt
vernünftig: Als ausgewachsener Planet darf sich ein
Himmelskörper nur dann fühlen, wenn es keine
anderen Objekte vergleichbarer Größe mit
ähnlichen Bahnelementen gibt. Deswegen ist Pluto kein
Planet mehr (bzw. würde, wenn er erst heute entdeckt
würde, erst gar nicht diesen Status verliehen bekommen) -
und Sedna hilft es wenig, daß zur Zeit keine anderen
Himmelskörper mit ähnlichen Bahnen bekannt sind.
Brown ist nämlich zuversichtlich, daß im Rahmen der
laufenden Durchmusterung mit dem 1.2-m-Teleskop (und einer
bald beginnenden tiefen Suche mit dem 5-m-Spiegel) in den
nächsten fünf Jahren noch etliche Verwandte
aufgespürt werden dürften, darunter auch
größere Objekte. Und im Perihel sollten sie, genau wie
Sedna mit ihrer 21. Größe, auch schon mittleren
Amateurteleskopen zugänglich sein, wenn sie ähnlich
hohe Albedos besitzen.
Schon aus dem ersten mutmaßlichen Oort-Objekt zieht
Brown weitreichende Schlüsse: Die Oort-Wolke (einst als
Quelle bestimmter Kometen postuliert) entstand Modellen
zufolge, als im jungen Sonnensystem Planetesimals aus der Zone
zwischen Saturn und Neptun von den großen Planeten in die
Tiefen des Raumes geschleudert wurden, aber noch an die Sonne
gebunden blieben. Körper wie Sedna, so Brown, wurden
dabei durch eine nahe Begegnung mit einem Stern aufgehalten
und auf ihre heutigen Bahnen gelenkt. Und die Tatsache,
daß so etwas - mutmaßlich oft - vorgekommen ist
(wodurch der Innenbereich der Oortschen Wolke massereicher
wäre als bisher vermutet), könne man so deuten,
daß die junge Sonne damals noch in einem ziemlich dichten
Sternhaufen wohnte, wo solche Begegnungen an der
Tagesordnung waren. Ansonsten passierte den Körpern
dann nicht mehr viel: So wie keine anderen sollten sie den
Urzustand des Sonnensystems wiederspiegeln, leider arg weit von
uns entfernt. [16.3.2004]
[869] Quelle: NASA-Telefonkonferenz mit Brown
am 15.3.2004 - das erste Mal überhaupt wurde dieses
Medium (nur für Journalisten) ausprobiert, um
möglichst schnell die Fakten zu verbreiten, da bereits irrige
Gerüchte zirkulierten. Links: ein
MPEC mit den
genauen Bahnelementen von 2003 VB12, eine
Caltech-Sonderseite
dazu, eine Tabelle mit allen
Scattered Disk-Objekten
(und Centauren - und VB12),
JPL,
Spitzer und
Caltech Press Releases,
eine MPIfR PM und Artikel von
Planetary Soc.,
Sky & Tel.,
Astronomy,
Discovery,
Nature,
Houston Chr.,
Fla. Today,
LA Times,
BBC,
Space.com,
NetZeitung und
Rhein.
Post.