Abschied von den klassischen Galaxien-Klassen?
»Die Klassifikation von Galaxien wurde erstmals von Hubble
anhand ihrer Form im Jahre 1929 durchgeführt,«
heißt es - z.B. - im Lexikon der Astronomie (Herder
1989: Bd. 1 S. 231): »Er ordnete die regulären
Galaxien in seinem berühmten 'Stimmgabeldiagramm' an,
wobei die beiden Äste den Spiralgalaxien mit bzw. ohne
Balken entsprechen.« Und es wird konstatiert, daß
»diese Art der morphologischen (Form-)Klassifizierung bis
heute ihre zentrale Bedeutung in der Astrophysik behalten«
habe - doch nun zeichnet sich ab, daß erstens die Historie
nicht stimmt und zweitens die klassische
»Stimmgabel« das Zeitalter der Infrarotastronomie
nicht überleben wird. Nach aktuellen Recherchen von
Astrohistorikern hat nämlich zwar Hubble bereits 1926
über das unterschiedliche Erscheinungsbild der Galaxien
publiziert, und die Stimmgabel erscheint erstmals 1929 in der
Literatur - aber (in sehr ähnlicher Y-Form) in einem Buch
von J. H. Jeans.
In der heute noch gebräuchlichen Gabelform trug Hubble die
Galaxientypen zum ersten Mal 1936 auf, ohne dabei allerdings
Jeans' Diagramm zu erwähnen - und während die
galaktische Stimmgabel für die Einordnung von
Galaxienbildern im sichtbaren Licht tatsächlich über
ein halbes Jahrhundert Bestand hatte, wankt sie nun dank der
Fortschritte in der IR-Beobachtungstechnik und insbesondere
des Spitzer Space Telescope. Dessen Kamera IRAC kann die Sterne
gewissermaßen vom warmen Staub befreien - und z.B. in
mancher elliptischen oder linsenförmigen Galaxie eine
kleine Sternenspirale orten. Oder es bestätigt sich der
Verdacht, daß weit mehr Spiralgalaxien über einen
zentralen Balken verfügen als der Anblick im Sichtbaren
vermuten läßt (nämlich rund 72%!). Jetzt wird
über ein ganz neues (und sogar quantitatives)
Klassifikationsschema nur anhand von IR-Bildern nachgedacht:
Ob es sich wohl durchsetzen und so langlebig sein wird wie das
alte? [20.6.2004]
[901] Links: ein Paper von
Pahre & al., ein
CfA Press Release und ein
Artikel von Astronomy.
Zusätzliche Quellen: Vorträge von D. Block
und anderen auf der Tagung »Penetrating Bars Through
Masks of Cosmic Dust: the Hubble Tuning Fork Strikes a New Note«
im Pilanesberg NP, Südafrika, am 7.-12. + Science vom 18.6.2004 S. 1740.
So sieht Spitzer die Galaxie M 33 nach dem
»Entstauben« dieser prototypischen Spiralgalaxie:
CfA Press Release.
Auch das Innenleben von Centaurus A wird klarer, und
der bekannte Staubgürtel zeigt sich Spitzer als stark verbogene Scheibe:
JPL Release.
Die Entstehung der Spiralstruktur von M 51 erschließt sich
aus Radio-Daten - die die klassische Theorie bestätigen:
NRAO Press Release.