Meldungen Nr. 901-910
vom 20.-25.6.2004
Aktuelle Meldungen / Archiv


Ist das die wahre Farbe des fernen Alls?

Das glauben jedenfalls mehrere Kosmologen, denen die »offizielle« Farbdarstellung des HST Ultra Deep Field aus Artikel 867 nicht behagt: Die helleren Galaxien, die dort bei Sättigung eine Farbkanals einfach weiß erscheinen, müßten bei farberhaltender Verwertung der I-, V- und B-Band-Aufnahmen eigentlich rötlich sein. Auch kommen bei der neuen Darstellungsweise die Zentralbereiche der Galaxien besser zur Geltung, die sonst weiß zulaufen. Aber ob die neue Sichtweise des fernen Alls die ästhetisch ansprechendere ist ...? [25.6.2004]

[910] Link: ein Paper von Wherry & al. und die neuen Bilder im Detail, außerdem ein HST Nugget und Artikel von Sky & Tel. und Space.com zu weiteren frühen Hubble-UDF-Analysen.

Den »Klang« des Urknalls hörbar gemacht hat ein Astronom, der das (gemessene) Frequenzspektrum der Hintergrundstrahlung und seine (modellierte) zeitliche Entwicklung um 50 Oktaven höher gesetzt und dann möglichst direkt in Töne umgewandelt hat: die Homepage des Autors mit zahlreichen Files und einem Press Release sowie Artikel von BBC, New Scientist, Space.com und BdW.


Polaris Teil eines Sternhaufens - und in der Antike viel dunkler?

Der Polarstern ist der hellste und erdnächste Cepheide, doch ein wirklicher Prototyp dieser wichtigen Klasse Veränderlicher ist er nicht: In vielen Parametern weicht er von der Norm ab. Zum Beispiel ist die Amplitude seiner Helligkeitsvariationen zu klein und hat überdies in den letzten 50 Jahren auch noch dramatisch abgenommen (und nimmt neuerdings wieder zu, auf derzeit 0.04m). Und seine Pulsationsperiode ändert sich auch viel zu schnell und nimmt gegenwärtig jedes Jahr um 3.5 Sekunden zu. Jetzt gibt es mehrere provokative (und umstrittene) neue Befunde über Polaris: Zum einen glaubt ein Astronom, mindestens vier weitere Begleiter des Sterns (zusätzlich zu den zwei lange bekannten) in den Daten des Hipparcos-Satelliten gefunden zu haben.

Vielleicht ist das der Überrest des kompakten Kerns eines Sternhaufens, in dem auch Polaris entstand - dieser Haufen hätte allerdings eine Entfernung von nur 306 Lichtjahren, während die Hipparcos-Parallaxe Polaris allein in 431 Lichtjahre Distanz setzte. Wäre der Stern ebenfalls deutlich näher, dann würde seine absolute Helligkeit immerhin besser zur Pulsationsperiode passen (womit man dann nicht mehr annehmen müßte, daß Polaris einer der seltenen Oberton-Cepheiden ist; er würde im normalen Fundamentalmodus pulsieren). Vermutlich wandelt sich Polaris derzeit von einem heißen, blauen wasserstoffverbrennenden Hauptreihenstern in einen roten, kühlen heliumverbrennenden Superriesen um: Diese Phase dauert nur ein paar hunderttausend Jahre, weniger als 1% des Alters von Polaris von 90 Mio. Jahren. Nur etwa 5 der über 200 gut untersuchten Cepheiden in der Milchstraße sind solche »first crosser«.

Für eine rasante Evolution von Polaris spricht auch eine Neuanalyse historischer Helligkeitsbestimmungen des Sterns: Danach hat seine Helligkeit in den vergangenen zwei Jahrtausenden um mehr als eine Größenklasse (oder einen Faktor 2.5) zugenommen. Heute hat Polaris 1.97m Helligkeit, doch sowohl Al-Sufi vor 1000 wie Ptolemäus vor 2000 Jahren gaben ihm jeweils nur 3.0m - während Al-Sufi alle anderen Sterne des kleinen Bären höchstens eine Drittel Größenklasse anders schätzte als heute (bei Ptolemäus sind hingegen Eta und Gamma UMi rund eine Größenklasse heller). Im Mittel liegen Al-Sufi um 0.2 und Ptolemäus um 0.5 Größenklassen »daneben«: Insgesamt gewinnt damit ihre übereinstimmend wesentlich dunklere Helligkeitsangabe für Polaris an Glaubwürdigkeit, zumal der Stern auch in den letzten paar Jahrhunderten von Hevelius, den Herschels etc. um 0.4m dunkler als heute gesehen wurde. [25.6.2004]

[909] Quellen: Press Releases von D. Turner (Saint Mary's Univ. Nova Scotia) und S. Engle (Villanova Univ.) et al. von der 204. AAS-Tagung in Denver + Science vom 18.6. S. 1740-1. Links: Artikel von Astronomy und Sky & Tel.


Kernphysiker lassen Kugelhaufen um fast 1 Mrd. Jahre altern

Nein, das Alter des Universums, das die heutige Kosmologie mit 13.7±0.2 Mrd. Jahren ansetzt (siehe
Artikel 606), muß nicht revidiert werden - aber die ältesten Sterne in den Kugelsternhaufen sind offenbar um 700 Mio. bis 1 Mrd. Jahre älter als bisher angenommen: Das ergibt sich aus neuen kernphysikalischen Labormessungen, die eine Schlüsselreaktion des CNO-Zyklus betreffen. Dieser spezielle Fusionszyklus im Inneren von Sternen beginnt, wenn sie bereits den Großteil ihres Wasserstoffs verbrannt haben und er den pp-Zyklus ablöst: Wann sich ein Stern von der Hauptreihe verabschiedet, hängt entscheidend von den Parametern des ziemlich komplizierten CNO-Zyklus ab.

Die zuverlässigste Methode zur Altersbestimmung von Sternhaufen basiert auf der Helligkeitsmessung des blauesten Punktes der Hauptreihe (des »turnoffs«): Um daraus auf das Alter zu schließen, muß man die Entfernung kennen, die Extinktion und die Chemie des Haufens - und man braucht eine theoretisch berechnete Turnoffhelligkeits-Alters-Beziehung. Die Helligkeit des Turnoff hängt nun entscheidend von der Rate der der Umwandlung von 14N in 15O des CNO-Zyklus ab: Je größer die Reaktionsrate, desto lichtschwächer der Turnoff. Wie nun die Kernphysiker des Laboratory for Underground Nuclear Astrophysics (LUNA) in Assergi festgestellt haben, ist der Wechselwirkungsquerschnitt dieser Reaktion spürbar kleiner als bisher extrapoliert worden war.

Weil der Wirkungsquerschnitt zwar die Helligkeit aber kaum die Lebensdauer des Sterns beeinflußt, bedeutet eine geringere Rate bei gegebener Turnoff-Helligkeit ein höheres Alter: In letzter Konsequenz steigen die Altersangaben für Kugelsternhaufen um 0.1 bis 1 Gyr, und die ältesten Exemplare landen bei 14±1 Milliarden Jahren. Im Rahmen der Fehlerbalken (die genau zu quantifizieren eine Kunst für sich ist) bleibt das mit den 13.7 Mrd. Jahren Weltalter allemal verträglich, denn die ersten Sterne entstanden bereits 100 bis 400 Mio. Jahre nach dem Urknall. An den Grundfesten der modernen Kosmologie rütteln die LUNA-Messungen also nicht. Im Gegenteil unterstreichen sie ein weiteres Mal die Notwendigkeit eines positiven Omega-Lambda-Terms bzw. den bekannten Befund, daß bei einem flachen Kosmis die Materiedichte kleiner als 35% des kritischen Wertes sein muß - und das ganz ohne Hinzuziehung von anderen kosmologischen Messungen wie etwa der Helligkeit ferner Supernovae. [25.6.2004]

[908] Links: ein Paper von Imbriani & al., die Homepage von LUNA, ein Press Release von INFN mit absurder Headline und Artikel von BBC und BdW.

Das Deuterium/Wasserstoff-Verhältnis in der Milchstraße liegt bei 23 ppm, ergibt sich aus Absorptionen in Sternspektren, die der Satelliten FUSE im UV mißt, wobei ein in Staubteilchen gefangener erheblicher Anteil bereits einkalkuliert wird - das liegt schon nahe am primordialen Wert von 28 ppm, ist aber doch durch chemische Evolutionseffekte schon etwas kleiner geworden: CU Boulder Press Release.


Die erste direkte Massenbestimmung von Braunen Zwergen des Spektraltyps L

ist durch intensive Beobachtungen eines Paares solcher Substerne mit dem HST sowie Gemini North, VLT und Keck gelungen: Mit diesen Großteleskopen konnten von 2000 bis 2004 2/3 eines Orbits verfolgt werden. Die Gesamtmasse des Systems 2MASSW J0746425+2000321 ergibt sich zu 0.15 Sonnenmassen, und da die Spektralklassen der beiden durch unabhängige HST-Spektren zu L0±0.5 und L1.5±0.5 sowie ihre effektiven Temperaturen bestimmt werden konnten, ließen sich auch die Einzelmassen ableiten: Es handelt sich um zwei Körper haarscharf an der Grenze von Braunem Zwerg und echtem Stern, mit rund 0.085 bzw. 0.065 Sonnenmassen, die 300±150 Mio. Jahre alt sind. [25.6.2004]

[907] Links: ein ESO Press Release mit Link zum Originalpaper.

Der Cirrus-Nebel liegt uns näher als man lange Zeit dachte, ergibt sich aus dem FUSE-Absorptionsspektrum eines UV-hellen Sterns, der zufälligerweise genau dahinter steht - der Supernovarest kann höchstens 1800 Lichtjahre entfernt sein, anstatt der noch bis vor kurzem vermuteten 2500 Lichtjahre: ein JHU Press Release mit Zugaben und ein Artikel von Astronomy.


Die ersten Sterne des Universums hatten nur 20 bis 100 Sonnenmassen

und nicht viele hundert: Das ergibt sich aus neuen Modellrechnungen zur Reionisation des undurchsichtigen Alls durch die ersten Lichtquellen. Die einzige direkte Hinterlassenschaft der allersten Sterngeneration, die nur aus Wasserstoff und Helium bestand, sind die schweren Elemente, die diese Sterne nach ihrem kurzen Leben in Supernovae produzierten und die in spätere Sterngenerationen aufgenommen wurden: Die Chemie des heutigen Kosmos gibt darüber indirekte Auskunft und schränkt die Modellrechungen ein. Auch wenn die ersten Sterne weniger massereich waren als manche frühere Rechnungen zu ihrer Entstehung vermuten lassen, so dürften sie doch insgesamt noch ausgereicht haben, um die Reionsation des neutralen Alls zu bewerkstelligen.

Die begann nach den Messungen von WMAP schon bei einer Rotverschiebung von 15 bis 20 (siehe Artikel 606), doch das All wurde nicht mit einem Mal durchsichtig. Das wird zunehmend klarer: Spektren ferner heller Quasare aus der Sloan Digital Sky Survey zeigen, daß es noch bis z=6.2 neutrales Gas gab, während man andererseits immer mehr Galaxien mit 6.5 und mehr findet (gerade wieder eine mit 6.535). Die Reionisation des Kosmos zog sich demnach über beinahe eine Milliarde Jare hin. Kurioserweise sehen wir übrigens die fernsten noch erreichbaren Galaxien zu einer Zeit, als die ältesten Sterne entstanden, die man heute in der Milchstraße findet: Wir sehen gewissermaßen gleich zweimal denselben chemischen Schnappschuß des Kosmos, als er etwa 1 Mrd. Jahre alt war, einmal am Horizont und einmal vor der Haustür ... [25.6.2004]

[906] Quelle: ein Press Release von A. Venkatesan (U. Colorado) vom 1.6. Links: U Chicago und NOAO Press Releases.

Zu wenig Sternbildung bei z=6, um die Reionisation zu erklären, sieht eine erste Auswertung des Hubble Ultra Deep Field und der GOODS-Durchmusterung - danach wurde damals zu wenig UV-Strahlung produziert, und »more distant sources, seen at earlier epochs,« müßten wohl vorhanden sein: Caltech Press Release (DOC), Sky & Tel.


Venus-Durchgang mit moderner Optik: wenig Tropfenphänomen, viel Lomonossov-Ring

Manche waren regelrecht enttäuscht: Da waren die Chroniken des 18. und 19. Jh. voll von dramatischen Beschreibungen und Zeichnungen geheimnisvoller dunkler Brücken zwischen der Venus und dem Sonnenrand kurz nach dem 2. und vor dem 3. Kontakt der Durchgänge - aber nichts davon war zu sehen, beim lang ersehnten nächsten Venusdurchgang am 8. Juni 2004! Je besser das Teleskop und/oder das Seeing waren, desto sauberer trennte sich die dunkle Venus vom Sonnenrand und berührte ihn 6 Stunden wieder, mit allenfalls einem minimalen halbdunklen Streifen dazwischen.

Nur durch gezielt eingebrachte Fehler - per Defokussierung und/oder Überbelichtung - ließ sich das klassische Tropfenphänomen (»black drop«) inetwa reproduzieren, während die weltbesten Sonnenteleskope (auf den Kanarischen Inseln und auf den Satelliten TRACE) nicht eine Spur des Effektes zeigten, der einstmals vielen Expeditionen auf der Suche nach der Astronomischen Einheit die Genauigkeit der Kontaktzeitnahme ruiniert hatte. Der Verdacht erhärtet sich damit, daß optische Mängel der historischen Teleskope, gefaltet mit der Randverdunklung der Sonne, die Ursache des Tropfenphänomens waren (siehe Artikel 900a) - während die Venusatmosphäre keinen nennenwerten Beitrag dazu leistete. Doch letztere sorgte für einen anderen, spektakulären Effekt!

Bereits mit moderaten Teleskopen (bei gutem Seeing), erst recht aber mit den großen Sonnenteleskopen, war während Aus- und Eintritt zeitweise ein leuchtender Bogen um den Venusrand außerhalb der Sonnenscheibe zu sehen: Auch dies hatten die Beobachter der Vergangenheit beschrieben, v.a. im 19. Jh., und als Lomonossov-Effekt in die Literatur eingeführt. Daß sich der Ringbogen aus von der Venusatmosphäre vorwärtsgebrochenem Sonnenlicht trotz normaldichter Sonnenfilter bemerkbar machte, belegt eine enorme Helligkeit, die aber theoretischen Berechnungen entspricht: Die Flächenhelligkeit kann so groß sein wie die der Photosphäre. Der Venusatmosphäre spürten, als Absorber eines winzigen Bruchteils des gesamten Sonnenlichts, während des Transits auch mehrere Profisonnenwarten mit Spektrographen nach, so wie man es auch mit den Atmosphären von Exoplaneten im Transit vor den Scheiben ihrer Sterne versucht.

Im Prinzip hätten über 5 Milliarden Menschen den sechsstündigen Venusdurchgang zumindest teilweise verfolgen können: Das Timing war außerordentlich günstig (nur der Nordwesten Amerikas ging völlig leer aus), Hauptsichtgebiete wie Europa hatten fast überall wolkenlosen Himmel - und die Venus vor der Sonne war bereits mit den einfachsten Hilfsmitteln zu sehen. Alte Sonnenfinsternisbrillen zeigten sie problemlos als einen markanten dunklen Punkt (selbst als sie schon teilweise über den Sonnenrand hinaus gewandert war), und auch mit Lochkameras war sie eindeutig abzubilden. Natürlich kamen wieder etliche Fotos zustande, bei denen neben der Sonne auch Flugzeuge vor der Sonnenscheibe her zogen - und in der Slowakei gelang es einem gut vorbereiteten Beobachter auch, die ISS zu filmen, wie sie vor der Sonne und der Venus vorbeizog.

Und dann waren da noch die Versuche, die klassische »Halley-Methode« zur Bestimmung der Astronomischen Einheit nachzuvollziehen: Beobachter auf verschiedenen geografischen Breiten sollten die Zeit messen, die die Venus für den kompletten Transit benötigte. Nahezu in Echtzeit wurden die Daten bei der ESO ausgewertet, mit einem verblüffenden Ergebnis: Während die Streuung der Einzelmessungen gravierend war, schälte sich binnen Stunden ein Ergebnis für die AE heraus, das nur um 1/10'000 vom wahren Wert abwich! Bis zum 18.6. waren Kontaktzeiten von 1283 Beobachtern eingegangen, aus denen sich - bei einer Streuung von 1.66 Mio. km - eine AE ergab, die um nur 0.01% oder 15'223 km vom korrekten Wert abwich. Was mancherlei Fragen aufwirft, so auch diese: Hätten unsere frustrierten Altvorderen, die die Venustransits als Methode der der AE-Messung schließlich de facto verworfen hatten, doch einen exzellenten Wert erzielen können, wenn sie noch viel mehr Expeditionen losgeschickt hätten ...? [20.6.2004]

[905] Links: umfangreiche Bildergalerien oder Linksammlungen haben u.a SpaceWeather, WAA, ESO, RB in der Südstadt und Bueter, Berichte und mehr Bilder gibt es von den Satelliten TRACE (mehr Bilder) und SOHO, dem Swedisch Solar Telescope und dem Dutch Open Telescope auf La Palma, von der ESO, der Uni Duisburg/Essen, dem WDR und GONG, Artikel hatten Sky & Tel. (früher), Astronomy (früher), New Scientist, Guardian, BBC, CNN, AP, AFP, NetZeitung und Rhein. Post, und interessante Ergebnisse Einzelner haben z.B. Gährken, Rondi, Maruska, Seip, Bosman, White, Birkner, Gussmann, Hackmann, Dietrich & al., Krause, Jahn, Fischer, Dittie und die VdS, die Sternwarte Antares und das Amtsgymn. Sønderborg veröffentlicht. Und die Theorie zum Lomonossov-Ring hat Tanga (PDF).

Detailreiche Bilder der beiden Kometen im Mai (siehe Artikel 900a) hat Lüthen aus Mintron-Videos gezaubert. Und bei der WAA und sogar beim DCP findet man weitere Bilder aus Namibia ...


Montag, 15:30 MESZ: Erster privater Raumflug steht bevor

Nach drei Testflügen mit eingeschaltetem Raketenantrieb, dessen letzter am 13. Mai bis in 64.4 km Höhe führte, wollen es die Luft- (und Raumfahrt-)Pioniere um Burt Rutan jetzt wissen: Für den frühen Morgen kalifornischer Ortszeit des 21. Juni haben sie den ersten Versuch angekündigt, mit einem rein privat finanzierten Raumschiff für kurze Zeit die 100-km-Marke zu knacken. Der Suborbitalausflug des SpaceShipOne ist zugleich der erste seiner Flüge, der im Vorfeld angekündigt und zu dem gar die Öffentlichkeit in die Mojave-Wüste eingeladen wurde: Zumindest per Feldstecher sollen sich alle Phasen des Fluges verfolgen lassen. Er soll schon um 6:30 Uhr (15:30 MESZ) beginnen, weil dann die Luft noch am ruhigsten ist; Verschiebungen bei schlechten Wetterbedingungen sind natürlich jederzeit möglich.

Zunächst wird das Trägerflugzeug White Knight das SS1 in 15 km Höhe tragen und gegen 16:30 MESZ ausklinken, dann das Raketentriebwerk etwa 80 Sekunden lang brennen, bis der gesamte Treibstoff aufgebraucht ist. Das sollte reichen, um das Raumschiff nebst seinem Piloten bis in 100 km Höhe zu treiben, was nach allen Definitionen ausreicht, um ihn zum Astronauten zu machen. Etwa drei Minuten lang wird er Schwerelosigkeit empfinden, dann geht es im Gleitflug zurück zur Erde, und gegen 16:55 MESZ müßte der historische Flug zuende sein. Schon im Mai war die volle Treibstoffmenge an Bord gewesen, doch das Triebwerk war bereits nach 55 Sekunden gezielt abgeschaltet worden. Diesmal wird auch eine - im Flug noch nie getestete - größere Düse verwendet, das SpaceShipOne wird höheren Temperaturen widerstehen müssen und dabei wahrscheinlich etwas beschädigt, und es wird sich nach Brennschluß in wesentlich dünnerer Luft befinden, was das Manövrieren erschwert: Viele Risiken bleiben!

Fliegertechnisch gesehen war der größte Sprung in Sachen »Envelope« des Testprogramms allerdings schon mit dem Mai-Flug erzielt worden: Das SS1 erreichte viel höhere Mach-Zahlen in den kritischen Phasen - bis 2.5 - als zuvor, und war zum ersten Mal mit Überschall (nämlich mit Mach 1.9) wieder in die tiefere Atmosphäre eingedrungen. Am 21. Juni sollten sogar Mach 3.5 erreicht werden (auch wenn die eigentliche Fluggeschwindigkeit nicht höher ist). Im Mai waren übrigens mitten während der Beschleunigung alle Instrumentenpanele im Cockpit ausgefallen: Offenbar hatten die Kräfte ein Potentiometer, das ihre Helligkeit regelt, regelrecht auseinander gezogen und den Kontakt unterbrochen. Später gingen die Lichter von selbst wieder an, aber für dieses Mal hat man die Elektrik ununterbrechbar neu verkabelt: Schließlich soll der Pilot nicht raten müssen, ob er es tatsächlich bis in den Weltraum geschafft hat ... [20.6.2004]

[904] Quelle: AW&ST vom 7.6. S. 36. Links: die Homepage des SS1, ein Press Release zum 21. Juni und Artikel von CNN, Fla. Today, BBC, Nature Science Update, CSM, Economist und Space.com.


Cassini bei Saturnmond Phoebe: ein Körper aus dem Kuiper-Gürtel?

Wesentlich näher als jede Raumsonde zuvor ist Cassini dem äußeren Saturnmond Phoebe am 11. Juni gekommen - und die Aufnahmen zeigen eine ausnehmend verkraterte Welt, die sich in Vielem von den typischen Asteroiden unterscheidet, von denen es Nahaufnahmen gibt. Insbesondere ist die Oberfläche auf eine Weise gesprenkelt, die eher an einen Körper weitgehend aus Eis erinnert. Und das scheint - nach dem Diskussionsstand wenige Tage nach dem Flyby jedenfalls - die Hypothese zu stützen, daß Phoebe ursprünglich vom Rand des Sonnensystems stammt und erst später vom Saturn eingefangen wurde.

Nach den atemberaubenden Aufnahmen scheint die rund 220 km große Phoebe ein Eisbrocken zu sein, den eine 300 bis 500 Meter dicke Schicht aus dunklerem Material bedeckt. Die Bilder zeigen helle Streifen, die von den Wällen größerer Krater ausgehen, aber auch helle Strahlen rund um kleinere Krater und Gräben, die sich quer über den Körper erstrecken. Es gibt auch Spuren von Erdrutschen, Ketten kleiner Gruben und Bergrücken, alles Indizien für das Innenleben von Phoebe, die noch verstanden werden wollen. Auf jeden Fall sehen Experten hier einen urtümlichen Körper, wie sie vor 4 Mrd. Jahren in den Außenbereichen des Sonnensystems entstanden sind. Noch sind allerdings die Messungen der zehn anderen Instrumente des Cassini-Orbiters nicht ausgewertet, die manch weitere Einsicht versprechen.

Der Flyby an Phoebe war eigentlich nur eine Zugabe, denn Cassini nähert sich nun rapide dem wohl kritischsten Manöver der ganzen Mission: Am 1. Juli (UTC) soll das Haupttriebwerk den 1997 gestarteten Riesensatelliten in eine erste Umlaufbahn um den Saturn schießen, an dem alle anderen Sonden (Pioneer 11 und Voyager 1 und 2) immer nur vorbei geflogen waren. Am 16. Juni gab es dazu die wahrscheinlich letzte Kurskorrektur, für die das Triebwerk 38 Sekunden lang brannte: Nun zielt Cassinis Trajektorie genau in eine - hoffentlich - besonders materialarme Zone zwischen den F- und G-Ringen, die die Sonde im Rahmen des Orbiteinschusses zweimal durchqueren muß. Sicherheitshalber wird Cassini bei beiden Durchquerungen der Ringebene so gedreht, daß die große, stabile Hauptantenne wie ein Schutzschirm wirkt. Anschließend beginnt die intensive Erkundung des Saturnsystems, wobei vor allem enge Titan-Passagen zu weiteren Kursänderungen genutzt werden sollen. [20.6.2004]

[903] Links: die Homepages Cassinis bei der NASA und der ESA, Status Reports & Press Releases vom 17., 14. und 12. Juni, eine umfassende Bildersammlung mit deutschen BUs, drei Phoebe-Highlights und Artikel von BBC, Space Today und BdW. Außerdem eine detaillierte Vorschau auf die Saturnmission, ein Space Science Inst. Press Release dazu und die genaue Timeline des Einschusses.

Opportunity in Endurance, Spirit bei den Columbia Hills - während der eine Marsrover ganz vorsichtig in den großen Krater vordringt, um neuartige Sedimente unter die Lupe zu nehmen, hat der andere (trotz Problemen mit einem der sechs Räder) pünktlich die Hügelkette erreicht und prompt interessante Steine gefunden: MER Press Releases vom 16., 8. und 4. Juni und Artikel von Fla. Today, BBC, Planetary Soc. und Discover.


Kann ein Robotsatellit Hubble retten?

Während die öffentliche Debatte über das Für und Wider einer weiteren Shuttle-Mission zum Hubble Space Telescope nicht leiser wird, setzt die NASA - die die Mission aus allen Startkalendern getilgt hat - auf eine gewagte Alternative: Sie hat eine Ausschreibung für eine HST Robotic Servicing & De-orbit Mission (HRSDM) gestartet, bei der ein ferngesteuerter Roboter zum Weltraumteleskop geschickt werden soll. Bis zum 16. Juli sind die Vorschläge fällig, und bis zum Herbst soll entschieden werden, wie weit das Hubble Robotic Vehicle, das bis Ende 2007 startklar sein muß, die ursprünglichen Ziele der Shuttle-Mission erfüllen kann. Die Minimalaufgabe ist das Anbringen eines Raketenmotors, um das Teleskop später gezielt versenken zu können: Daß dafür eine Satellit zum HST geschickt werden muß, was rund 300 Mio.$ kosten sollte, steht schon eine Weile fest.

Aber nun wird erstmals auch erwogen, den Roboter neue Gyros und Batterien einbauen zu lassen - und vielleicht sogar die beiden letzten neuen wissenschaftlichen Instrumente. Während das erfahrene Astronauten für absurd halten und sich zunehmend für den Shuttleflug stark machen, haben sich etliche NASA-Ingenieure von der Machbarkeit eines robotischen Servicing überzeugen lassen, wobei autonome und ferngesteuerte Operationen gemischt eingesetzt werden dürften. Zum einen gelangen wichtige Demonstrationen in einem HST-Simulator am GSFC verblüffend gut (bei manchen Aufgaben war der Robotor sogar präziser als der Mensch). Und es gibt bereits erhebliche Vorarbeiten für einen sehr wendigen Weltraum-Robotarm, den eine kanadische Firma für die ISS entwickelt: Es gilt praktisch als sicher, daß er eine Schlüsselrolle bei der HRSDM spielen wird - wenn die NASA dafür tatsächlich grünes Licht gibt. [20.6.2004]

[902] Quelle: AW&ST vom 7.6.2004 S. 32-3. Links: ein NASA Press Release, Sky & Tel. und NetZeitung zum Request for Proposals, Space.com zur Rolle des Robot-Arms, Hochrechungen zur Lebensdauer des HST und den NASA-Denkprozessen, die zur HRSDM geführt haben - und der Apollo-7-Astronaut W. Cunningham im Houston Chronicle mit massiven Zweifeln daran.

Aldridge-Panel fordert weitreichende NASA-Reformen - die Präsidentenkommission, die die Machbarkeit der neuen Weltraumpolitik ergründen sollte, ruft in einem ebenso pathetischen wie ziemlich allgemein gehaltenen 62-Seiten-Bericht nach grundlegenden Strukturreformen und insbesondere viel mehr Einbeziehung der Privatwirtschaft, was schon wieder Kritik ausgelöst hat: der Bericht (PDF), sein Executive Summary und Artikel von Spaceflight Now, BBC und Wired.


Abschied von den klassischen Galaxien-Klassen?

»Die Klassifikation von Galaxien wurde erstmals von Hubble anhand ihrer Form im Jahre 1929 durchgeführt,« heißt es - z.B. - im Lexikon der Astronomie (Herder 1989: Bd. 1 S. 231): »Er ordnete die regulären Galaxien in seinem berühmten 'Stimmgabeldiagramm' an, wobei die beiden Äste den Spiralgalaxien mit bzw. ohne Balken entsprechen.« Und es wird konstatiert, daß »diese Art der morphologischen (Form-)Klassifizierung bis heute ihre zentrale Bedeutung in der Astrophysik behalten« habe - doch nun zeichnet sich ab, daß erstens die Historie nicht stimmt und zweitens die klassische »Stimmgabel« das Zeitalter der Infrarotastronomie nicht überleben wird. Nach aktuellen Recherchen von Astrohistorikern hat nämlich zwar Hubble bereits 1926 über das unterschiedliche Erscheinungsbild der Galaxien publiziert, und die Stimmgabel erscheint erstmals 1929 in der Literatur - aber (in sehr ähnlicher Y-Form) in einem Buch von J. H. Jeans.

In der heute noch gebräuchlichen Gabelform trug Hubble die Galaxientypen zum ersten Mal 1936 auf, ohne dabei allerdings Jeans' Diagramm zu erwähnen - und während die galaktische Stimmgabel für die Einordnung von Galaxienbildern im sichtbaren Licht tatsächlich über ein halbes Jahrhundert Bestand hatte, wankt sie nun dank der Fortschritte in der IR-Beobachtungstechnik und insbesondere des Spitzer Space Telescope. Dessen Kamera IRAC kann die Sterne gewissermaßen vom warmen Staub befreien - und z.B. in mancher elliptischen oder linsenförmigen Galaxie eine kleine Sternenspirale orten. Oder es bestätigt sich der Verdacht, daß weit mehr Spiralgalaxien über einen zentralen Balken verfügen als der Anblick im Sichtbaren vermuten läßt (nämlich rund 72%!). Jetzt wird über ein ganz neues (und sogar quantitatives) Klassifikationsschema nur anhand von IR-Bildern nachgedacht: Ob es sich wohl durchsetzen und so langlebig sein wird wie das alte? [20.6.2004]

[901] Links: ein Paper von Pahre & al., ein CfA Press Release und ein Artikel von Astronomy. Zusätzliche Quellen: Vorträge von D. Block und anderen auf der Tagung »Penetrating Bars Through Masks of Cosmic Dust: the Hubble Tuning Fork Strikes a New Note« im Pilanesberg NP, Südafrika, am 7.-12. + Science vom 18.6.2004 S. 1740.

So sieht Spitzer die Galaxie M 33 nach dem »Entstauben« dieser prototypischen Spiralgalaxie: CfA Press Release.

Auch das Innenleben von Centaurus A wird klarer, und der bekannte Staubgürtel zeigt sich Spitzer als stark verbogene Scheibe: JPL Release.

Die Entstehung der Spiralstruktur von M 51 erschließt sich aus Radio-Daten - die die klassische Theorie bestätigen: NRAO Press Release.


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