Die MegaLithos News
Nr. 981-990 vom 30.11.-15.12.2004
Aktuelle Meldungen / zum Archiv

16.2 Mrd.$ für die NASA - und eine Ohrfeige | Erkenntnisschwall über das Saturnsystem | Machholz auf dem Weg zum 3m-Kometen | Osterinsel: Alles auf die Plejaden ausgerichtet? | Aufruhr im jungen Sonnensystem | Akademie fordert Shuttle-Flug zu Hubble | Exoplaneten und alte Staubscheiben um dieselben Sterne | CMEs und Ikeya-Zhang | Quaoars Oberfläche 'kürzlich' neu gebildet
Deep Impact startet erst am 12. Januar

2005 zum Kometen Tempel 1 - aber der Einschlag ist weiter für den 4. Juli geplant. Lange war der Start für Ende Dezember vorgesehen, dann rutschte er auf den 8.1., weil Unstimmigkeiten in der Sondensoftware entdeckt worden waren, und jetzt auf den 12.1., weil ein Teil der Delta-2-Rakete nicht den Vorschriften entsprach und ausgetauscht werden muß. Anlaß zur Sorge gibt es aber nicht, betont das Projektmanagement mit Nachdruck: Der aktuelle Starttermin liegt genau in der Mitte des Fensters, das noch bis zum 28. Januar reicht - und daß man die beiden Probleme entdeckte, zeige doch, wie besonders sorgfältig man sich diesmal vor dem Start um alles kümmere. Weil die ganze Reise nur ein halbes Jahr dauert, gäbe es schließlich weniger Möglichkeiten als sonst vielleicht, um Probleme unterwegs zu beheben.

Abgesehen von der nicht ganz einfachen Navigation bis zum Ziel ist Deep Impact eine ziemlich simple Mission: Ein 370-kg-»Impactor«, der eine Kamera, ein Triebwerk und eine 145-kg-Masse reines Kupfer trägt, schlägt einen Krater in den Kometenkern, und das Flyby spacecraft, das ihn ablieferte und dann 500 km am Kern vorbeizieht, schaut sich diesen mit zwei Kameras an (darunter der größten, die je auf einer Planetensonde flog). Aber den größten Teil des Schauspiels werden sie gar nicht mitbekommen: wie sich die Ejektawolke immer weiter ausbreitet, die Staubkoma auffüllt und für einen Staubschweif sorgt. Die Sonde ist dann längst wieder weg und funktioniert vielleicht schon gar nicht mehr: Deswegen sind für einen Erfolg der Mission die großen Astrosatelliten Hubble, Spitzer etc. ebenso entscheidend wie zahlreiche kleinere Weltraumobservatorien und eine Vielzahl irdische Sternwarten, insbesondere auf Hawaii.

Die Vorhersagen diverser Kometenforscher, was wirklich mit dem Kern passieren wird, gehen allerdings weiterhin extrem auseinander (siehe auch Artikel 958 Listenpunkt 2): Sie reichen von überhaupt keinem Effekt - der Impactor verschwindet einfach unter der Oberfläche - bis zum Zerbrechen des Kerns. Aber unsere Unwissenheit über das Innenleben der Kometenkerne zu mindern, ist schließlich die Aufgabe der Mission, und auch die besten Nahaufnahmen eines Kometenkerns dürfte sie liefern: mit der Kamera auf dem Impactor, die diesem ansonsten beim Zielanflug hilft. Sollte das Startfenster zu Tempel 1 übrigens doch verpaßt werden, könnte man später zu Schwassmann-Wachmann 3 fliegen, der allerdings einen kleineren Kern und eine staubigere Koma hat. [15.12.2004]

[990] Quelle: NASA-Pressekonferenz mit den Top-Managern des Projekts am 14.12.2004. Links: ein NASA Release und Artikel von Spacefl. Now und Space Today.

Komet Machholz wird immer heller (siehe auch Artikel 983) und hatte bis zum 15. Dezember bereits rund 4.5m erreicht, doch die Flächenhelligkeit seiner beiden Schweife ist sehr gering: die aktuellen Schätzungen, Fotos von Kerschhuber, Koprolin und Westlake und Berichte von Vollmann.


Quaoars Oberfläche 'kürzlich' neu gebildet

Mit dem japanischen 8-m-Teleskop Subaru ist der Nachweis von kristallinem Wassereis und auch Ammoniak-Hydrat in der Oberfläche des großen und nur 18.5mV hellen Kuiperoids (50'000) Quaoar gelungen (wobei das bei der zweiten Verbindung weniger klar ist): Das ist eine Überraschung, denn Wassereis bei Quaoars Gleichgewichtstemperatur von 50 Kelvin sollte nur als amorphes Eis ohne Kristallstruktur vorliegen. Um es in den kristallinen Zustand zu bringen, muß es auf mindestens 110 K »erhitzt« werden: Erst dann werden die Wassermoleküle in dem Festkörper genügend in Bewegung gebracht, um sich in die kompaktere kristalline Phase zu bewegen.

Nun kann sich Quaoar diese Wärme weder bei einem Besuch näher an der Sonne zugezogen haben (seine Bahn ist ein stabiler Kreis, weil er dem Neptun nie nahekommt), noch kann das kristalline Eis aus seiner wilderen Entstehungszeit stammen: Einschläge geladener Teilchen sorgen im Kuipergürtel dafür, daß kristallines Eis innerhalb von 10 Mio. Jahren wieder amorph wird. Stattdessen kann man vermuten, daß es im Inneren Quaoars noch genügend Radioaktivitätswärme gibt, um kristallines Eis zu erzeugen und einen Kryovulkanismus - wie auf einigen Uranusmonden - anzutreiben, der es zur Oberfläche steigen läßt. Und auch gelegentliche Impakte könnten einen Beitrag zur Freilegung neuer Schichten leisten. [15.12.2004]

[989] Quelle: Jewitt & Luu, Nature 432 [9.12.2004] 731-3. Links: eine Sonderseite von Jewitt (mit Link zum Paper) und Artikel von Nature und Space Today.

Ein Planet kreist um ein Paar aus einem Stern und einem Braunen Zwerg, wobei Planet und Zwerg eine 1:5-Bahnresonanz haben - wie solch ein exotisches System entstanden sein mag, gibt zu denken: ein Paper von Correia & al.


Auswirkungen koronaler Massenauswürfe im Gasschweif Ikeya-Zhangs gesichtet

Dank der vielen Amateuraufnahmen des Frühjahrskometen von 2002 (siehe
Artikel 450) und der ständigen Überwachung der Sonnenkorona durch den Satelliten SOHO ist es jetzt gelungen, mehrere kurzzeitige Verbiegungen des Plasmaschweifs von Komet 153P direkt auf koronale Massenauswürfe (CMEs) der Sonne zurückzuführen - ohne den Einsatz der Amateure wäre dies schlicht unmöglich gewesen. Nun läßt sich zeigen, daß die Störungen im Sonnenwind bis zu 1131 km/s schnell waren, gegenüber der normalen Strömungsgeschwindigkeit des Sonnenwinds von 800 km/s.

Die CMEs brauchten jeweils 1 bis 2 Tage bis zum Kometen, dessen Schweif jeweils kurz »wedelte« (so am 2., 9. und 10.3. und 17.4.2004) und nach spätestens einer Stunde wieder so ungestört aussah wie zuvor. Auch alte Kometenfotos sollen nun entsprechend analysiert werden (was bei Halley-Bildern von 1985 und auch 1910 schon geklappt hat): Das Verhalten der Sonnenkorona zu vielen Zeiten vor der Ära der Sonnensatelliten könnte sich recht zuverlässig rekonstruieren lassen. Korona-Archäologie, sozusagen ... [15.12.2004]

[988] Link: Nature.

Ultraschall in der Photosphäre der Sonne ist in Daten des Satelliten TRACE nachgewiesen worden - die Schwingungen haben mit 1/10 Hertz eine viel höhere Frequenz als die altbekannten Sonnenoszillationen und werfen viele Fragen auf: ein SwRI Press Release mit Bildern.


Exoplaneten und alte Staubscheiben um dieselben Sterne

Bislang gab es nur einzelne vage Hinweise in Sub-mm-Daten, die nicht wirklich überzeugten, aber der IR-Satellit Spitzer hat sie nun eindeutig gefunden: Staubscheiben um gleich mehrere sonnenähnliche Sterne, bei denen zuvor bereits - mit der Radialgeschwindigkeitsmethode - ausgewachsene Planeten nachgewiesen worden waren. Bei 26 derartigen Sternen in 50 bis 100 Lichtjahren Entfernung ist Spitzer insgesamt sechsmal fündig geworden: Zwar kann der Satellit mit seinem Mini-Teleskop die Scheiben nicht räumlich auflösen, aber die Sterne zeigen zwischen 2- und 15-mal so starke IR-Emission wie sie nach ihrem Spektraltyp zu erwarten wäre. Fein verteilter Staub in einigen Dutzend Astronomischen Einheiten Sternabstand, der von den Sternen auf rund 50 Kelvin erwärmt wird, ist die naheliegende Erklärung dafür.

Dieser Staub hat nichts mehr mit jener Scheibe zu tun, aus der die Planeten einst entstanden: Bis auf einen Fall sind die Sterne alle viel zu alt (ähnlich wie die Sonne). Vielmehr dürfte es sich um Staub handeln, der heute noch produziert wird, und zwar in Gegenstücken zum Kuipergürtel des Sonnensystems, wo übriggebliebene Planetesimals gelegentlich zusammenstoßen. Das muß auch in unserem Kuipergürtel passieren, wo allerdings so wenig Staub entsteht, daß er sich dem direkten Nachweis über seine IR-Emission entzieht (aber siehe Artikel 421). Auch Spitzer hätte unseren Kuiperstaub bei einem anderen Stern nicht entdecken können: In den sechs detektierten Staubscheiben steckt die 10- bis 100-fache Menge (aber immer noch so wenig, daß man daraus nicht mal einen Erdmond machen könnte).

Die geringe Emission könnte auch die Erklärung sein, warum bei den 20 anderen Sternen kein Nachweis glückte: Spitzer kann zwar um etwa einen Faktor 5 tiefer schauen als alle bisherigen Methoden, sieht aber vermutlich doch nur die dicksten Scheiben (von denen eine eventuell auch direkt von Hubble gesichtet werden könnte und die sich in jedem Fall als Motive für die zukünftigen Satelliten JWST und TPF anbieten). Doch das ist bereits ein weiterer fundamentaler Schritt: Zum ersten Mal sieht man nun bei mehreren Sternen gleichzeitig Spuren von Überresten aus der Entstehungsphase ihres Planetensystems und die Planeten selbst (wobei keine Korrelation zwischen der Stärke des IR-Exzesses und Besonderheiten der Planeten ins Auge sticht). Und das bestätigt die Standardvorstellung, daß solche Systeme erst durch eine Planetesimal-Phase gehen mußten. [10.12.2004]

[987] Quelle: NASA-Telekonferenz am 9.12.2004. Links: Press Releases von Spitzer und Hubble (Hubbles Scheiben wurden bei jungen Sternen beobachtet und haben mit den Spitzer-Scheiben nicht direkt zu tun) und ein Artikel von Sky & Tel.

Ein ultrakühler Unterzwerg mit extrem hoher Eigenbewegung (3.5 Bogensekunden pro Jahr) ist bei einer Himmelsdurchmusterung aufgespürt worden - es dürfte der derzeit sonnennächste Stern aus dem Halo der Milchstraße sein, der zufälligerweise vorbeikommt: ein Paper von Scholz & al. und eine AIP PM.

Kein Staub im Supernova-Rest Cas A - ein vermeintlicher Nachweis hat sich als Täuschung durch Staubwolken im Vordergrund erwiesen, womit weiter nach dem Ursprung von Staub in fernen Quasaren gesucht werden muß: ein Paper von Krause & al. und ein U of A Press Release.

Eine Galaxie ganz in unserer Nähe, die vor nur 500 Mio. Jahren entstand und aus irgendeinem Grund erst dann begann, in mehreren Schüben Sterne zu bilden, ist I Zwicky 18 - dieser Verdacht bereits aus dem Jahr 1972 ist nun durch Hubble-Aufnahmen klar bestätigt worden: ein HST Press Release und Artikel von BBC und BdW.


Gutachter halten Hubble-Roboter für unrealistisch - und die Akademie fordert eine bemannte Mission!

Der Anfang vom Ende für die kühnen NASA-Pläne aus
Artikel 936c, das Hubble Space Telescope mit einem ferngesteuerten Roboter zu warten? Ein externes Gutachten hat ein vernichtendes Ergebnis, und die National Academy of Sciences, die die Optionen für das Weltraumteleskop unter die Lupe genommen hat, ist in ihrem Abschlußbericht zu derselben Einschätzung gekommen. Nach Einschätzung der Aerospace Corp. würde es fünf (!) Jahre dauern, die bis nötige Technologie für einen Service-Roboter überhaupt einsatzreif sei (dann ist der Satellit wahrscheinlich bereits irreparabel ausgefallen), bis zu 2 Mrd.$ kosten (wovon allerdings auch interne NASA-Studien ausgehen) und trotzdem nur eine Erfolgschance von 50% haben. Dann doch lieber einen neuen Satelliten für die zwei neuen Instrumente bauen: Das würde zwar 1.9 bis 2.3 Mrd.$ kosten, hätte aber eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 80%. Die Akademie sieht dieselben Zeitprobleme und sogar nur eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 30% und macht sich daher gegen den Roboter und für die ursprünglich geplante Shuttle-Mission stark - deren Risiko kaum größer als bei einem ISS-Besuch sei.

Die Einwände der Studien läßt die NASA indes nicht gelten: Fortschritte in der Weltraumrobotik in diesem Jahr (allerdings im Laborversuch und nicht unter Realbedingungen) hätten gezeigt, daß es eben doch ginge - und daß man komplexe Probleme in Rekordzeit lösen könne, habe doch schon die Vorbereitung der ersten Hubble-Service-Mission bewiesen. Die war 1990 beschlossen und schon Ende 1993 erfolgreich durchgeführt worden - die Hardware (zum Korrigieren von Hubbles Sehfehler und zum Ersetzen der schwingenden Solarzellen) war innerhalb von drei Jahren aus dem Nichts entwickelt worden, während es diesmal sogar schon Vorarbeiten in Sachen Robothände gäbe. Die Befürworter eines bemannten Hubble-Servicing gewinnen durch das Gutachten und den bisher nur als Preprint vorliegenden Bericht indes weiter an Boden, und es werden schon die tollsten Szenarien diskutiert, um das Risiko für die Astronauten noch weiter zu senken: Man könnte z.B. eine russische Mini-Raumstation auf den Orbit des HST schießen, in die sich die Astronauten bei einem schweren Shuttle-Schaden flüchten könnten - womöglich immer noch billiger als der Roboter ... [10.12.2004]

[986] Links: ein Nat'l Academies Press Release, der komplette Bericht als Preprint, und Artikel von Sky & Tel., Nature, Fla. Today, Wired, Space Today und Welt dazu sowie Houston Chronicle, Space Today und Fla. Today zu dem anderen Gutachten. Zusätzliche Quelle: ein Kommentar in AW&ST vom 6.12.2004 S. 78.

Der Shuttle soll ohne Reparaturmöglichkeit für schwere Außenschäden starten, wenn die Flüge im Mai 2005 wieder aufgenommen werden - entgegen früherem Optimismus ist man von Technologie, um ein Leck wie bei der Columbia zu beheben, noch Jahre entfernt, und das CAIB habe ja auch nur gefordert, das möglichste zu versuchen: Spacefl. Now, Fla. Today, Houston Chronicle.

Auf der ISS werden die Nahrungsmittel knapp, weil die Besatzungen in letzter Zeit zu viel gefuttert haben - jetzt ist Kaloriensparen angesagt, und wenn der nächste Progress-Transporter verunglücken sollte, müßte die Station binnen Tagen evakuiert werden: Aerosp. Daily, Houston Chron., Fla. Today.

Die nächste ESA-Mission zur ISS heißt »Eneide«, nach dem Vergil-Epos über u.a. die Gründung Roms - der Italiener Roberto Vittori wird die Expedition 11 begleiten und mit Nr. 10 nach 10 Tagen zurückkehren und damit als erster Europäer zum zweiten Mal die Raumstation besuchen: ESA Press Release.


Schiebung, Mischung, Fremdplaneten? Aufruhr im jungen Sonnensystem

Das Sonnensystem ist nicht in der Form entstanden, wie wir es heute vorfinden: Das haben in den letzten zehn Jahren Computersimulationen einerseits und Untersuchungen an Proto-Planetensystemen fremder Sterne andererseits immer klarer gemacht. Die Eigenschaften der heutigen Bahnen bestimmter Objekte lassen sich am einfachsten und vermutlich nur erklären, wenn es in der Anfangsphase des Sonnensystems - das damals noch in einer massereichen Scheibe aus übriggebliebenen Bausteinen bestand - zu erheblichen dynamischen Prozessen gekommen ist. Und die chemisch-physikalischen Eigenschaften der Körper lassen sich am besten verstehen, wenn bereits die Staubwolke, aus der alles entstand, kräftig umgerührt worden ist.

  • Der Neptun wanderte um mindestens 7 AU nach außen, durch Drehimpulsaustausch mit den Resten der Scheibe: Dieses erstmals 1995 postulierte Szenario ist durch verfeinerte Computersimulationen inzwischen so weit entwickelt worden, das es alle wesentlichen Eigenschaften des Kuiper-Gürtels zwanglos erklärt (s.a. Artikel 791). Während Neptuns Orbit expandierte und seine Bahnperiode zunahm, wanderten auch die 2:3- und 1:2-Resonanzen der Umlaufzeiten nach außen durch die Restscheibe aus Planetesimals - die dabei in den Resonanzen gefangen und mit ihnen konsequent nach außen »gefegt« wurden.

    In den neuesten Modellen endete die ursprüngliche Scheibe bereits bei einem Radius von 30 AU, eine Annahme, die gleich drei fundamentale Beobachtungen erklärt. Zum einen mußte die Wanderung Neptuns zwangsläufig dort enden, wo die Scheibe zuende war, und der Planet hat heute einen Bahnradius von 30 AU. Gleichzeitig findet aber auch das ziemlich harte Ende des Kuipergürtels bei 50 AU (siehe Artikel 142) eine natürliche Erklärung: Hier sind die von Neptun aufgefegten und eingefangenen Planetesimals in der 1:2-Resonanz mit dem Planeten gelandet (während die in der 2:3-Resonanz die weiter innen umlaufenden »Plutinos« sind).

    Und schließlich wird auch klar, warum der heutige Kuipergürtel mit 1/100 bis 1/10 Erdmasse eine viel geringere Masse hat, als man erwarten sollte - denn nur bei einer 100- bis 1000-mal größeren Gesamtmasse wäre es zu verstehen, warum sich die Körper überhaupt dort hätten bilden können. Im neuen Szenario befand sich aber anfangs in der Zone 30 bis 50 AU überhaupt nichts, und die heute dort anzutreffenden Kuiperoids hat erst der wandernde Neptun dorthin geschoben - während gleichzeitig eine wesentlich größere Zahl an Planetesimals aus dem Sonnensystem herausgeworfen wurde. Auch wesentliche Details der Verteilungen der Bahnelemente im Kuipergürtel kann das Modell nun gut beschreiben.

  • Kam es zu einer intensiven Wechselwirkung mit einer anderen Planetesimalscheibe? Diese Möglichkeit ist ebenfalls in Rechnermodellen - mit enormen Verbrauch an CPU-Zeit! - erforscht worden, denn die Sonne residierte anfangs vermutlich wie die meisten Sterne in einem dichten Sternhaufen. Wenn zwei Sterne nahe aneinander vorbei zogen, würde dies zum einen eine (weitere) Erklärung für das abrupte Ende des heutigen Kuipergürtels bei 50 AU liefern - und auch für die Herkunft der Exoten Sedna (siehe Artikel 869, 871 und 891) und 2000 CR105 mit ihren großen Periheldistanzen und hohen Exzentrizitäten.

    Um den Ursprung Sednas war es bei den Simulationen ursprünglich gegangen: Zwar hätten 1000-km-Körper nach heutiger Vorstellung in akzeptabler Zeit auch in 70 AU Sonnenabstand wachsen können - doch auf Kreisbahnen. Um sie auf starke Ellipsen zu befördern, wäre ein viel größerer Planet in ähnlichem Abstand als Störer vonnöten gewesen, doch der hätte so weit draußen gar nicht entstehen können (und es wurde auch nie einer entdeckt). Der Vorbeiflug eines sonnenähnlichen Sterns in einigen hundert AU Abstand ist die naheliegende Alternative, um Körper auf Sedna-artige Orbits zu befördern, und nun wurde diese Art von Wechselwirkung zum ersten Mal im Detail simuliert: Auch der andere Stern erhielt dabei eine Restscheibe verpaßt.

    Das Ergebnis hängt stark von den geometrischen Details der Begegnung ab, aber die Wahrscheinlichkeit, daß ein Planetoid auf einer Bahn mit 60 bis 80 AU Radius am Schluß auf Sednas Orbit landet, liegt demnach bei rund 50%. Und es gibt sogar eine 10%ige Chance, daß Sedna aus der Scheibe des anderen Sterns eingefangen wurde! Umgekehrt könnte unser Sonnensystem Körper an den anderen Stern abgegeben haben - solche »Fremdkörper« würden durch große Bahnneigungen auffallen, und der Fund weiterer Sedna-ähnlicher Objekte fern der Ekliptik würde das heute noch ziemlich spekulative Austauschszenario unterstützen. Die Wahrscheinlichkeit, daß 2000 CR105 solch ein Eingefangener ist, liegt immerhin 2- bis 3-mal höher als bei Sedna.

  • Indizien für eine radiale Durchmischung protoplanetarer Scheiben liefern IR-Spektren dreier solcher Scheiben anderer Sterne mit dem VLT-Interferometer: Dank seiner 20 Millibogensekunden = 1-2 AU Auflösung konnte es die Innenbereiche der Scheiben separat spektroskopieren. Die Unterschiede zu den Außenbereichen sind markant: Näher am Stern ist der Staub größtenteils kristallisiert, offenbar die Folge der Hitze, die amorphes Material verändert. Allerdings findet man in zirkumstellaren Scheiben wie auch im Sonnensystem kristalline Silikate auch in größerem Sternabstand: Entweder ist es dort durch Schocks, Blitze etc. zur Kristallisation gekommen - oder aber es gibt effiziente Transportprozesse. Die VLTI-Spektren scheinen das letztere Szenario zu unterstützen.
Besonders auffällig ist die Ähnlichkeit der Spektren der inneren Sternscheiben mit denen der Kometen Halley, Levy und Hale-Bopp: Die Zusammensetzung des Staubs dürfte ähnlich sein. Also wurden die Bausteine der Kometen des Sonnensystems in ähnlicher Weise und ähnlich stark verändert - eine Überraschung, da sich die Kometen im Außenbereich des solaren Nebels gebildet haben. Es gibt allerdings schon länger Hinweise, daß Kometenmaterie auch heiße Phasen erlebt hat (siehe Ende des Artikels 648), was erst recht für eine radiale Durchmischung des protosolaren Nebels spricht (später waren die Kometen dann noch weiteren Veränderungen unterworfen; s. Artikel 725). Insgesamt kann man nun sagen, daß die Silikate in zirkumstellaren Scheiben bereits kristallisieren, bevor die Bildung terrestrischer Planeten beginnt - deswegen ist die kristalline Phase im ganzen Sonnensystem so verbreitet, obwohl der interstellare Staub, aus dem es entstand, überwiegend amorph war. [5.12.2004]

[985] Quellen: Morbidelli, Science 306 [19.11.2004] 1302-3 + Kenyon & Bromley, Nature 432 [2.12.2004] 698-701 + van Boekel & al., Nature 432 [25.11.2004] 479-82. Links: das 2. Paper als Preprint und Univ. of Utah und CfA Press Releases und ein Space Today-Artikel dazu sowie ein ESO Press Release zum 3. Paper.


Osterinsel: Alles auf die Plejaden ausgerichtet?

Schon lange ist bekannt, daß sich die Ureinwohner der Osterinsel (Rapanui) detaillierte Gedanken über den Sternenhimmel gemacht hatten - und es gab die Vermutung, daß eine Anzahl der großen Zeremonialplattformen (Ahus), auf denen die berühmten Steinköpfe aufgestellt wurden, auf wichtige Sonnenauf- und untergangspunkte ausgerichtet sind. Dem widersprichen nun zwei Archäoastronomen, von denen einer die letzten vierzig Jahre auf Rapanui und anderen polynesischen Inseln unterwegs war: Der Asterismus der Plejaden (»Matariki« = die kleinen Augen) und der Gürtel des Orion (»Tautoru« = die drei Hübschen) waren demnach entscheidend für den Rapanui'schen Kalender. Und bei den vermeintlich an der Sonne orientierten Ahus sehen sie tatsächlich Ausrichtungen auf den Auf- oder Untergangspunkt der Plejaden. Das allerdings hatte vermutlich einen rituellen Sinn; als »Sternwarten« dürfe man die Plattformen nicht mißverstehen. [5.12.2004]

[984] Quelle: Edwards & Belmonte, Journal for the History of Astronomy 35 [Nov. 2004] 421-33. Link: ein viel beachteter Artikel von Diamond über den Untergang der Rapanui-Kultur.


Machholz auf dem Weg zu einem 3m-Kometen!

So sieht es jedenfalls die VdS-Fachgruppe Kometen in ihrem neuesten Gutachten über den Ende August entdeckten Kometen (siehe Artikel 945), der sich »etwas positiver als zunächst erwartet« entwickelt habe: »Demnach scheint der Aktivitätsfaktor etwas über dem Durchschnitt zu liegen.« Konkret ist es mit der Helligkeit von C/2004 Q2 seit der Entdeckung kontinuierlich mit 12 log(r) aufwärts gegangen, wobei r der Sonnenabstand in AU ist. Mitte bis Ende November hatte Machholz bereits bei 6.3m gestanden und war unter Idealbedingungen mit dem bloßen Auge erhascht worden.

»Sofern der Komet diese Entwicklung im weiteren Verlauf seiner Sichtbarkeit beibehält, sollte er Anfang Januar immerhin 3.5m hell werden,« geht die Analyse weiter: »Aufgrund der recht großen Erdnähe würde er in diesem Fall eine Koma von 35' und eine maximale visuelle Schweiflänge von 4-5° aufweisen (allerdings dürfte die Flächenhelligkeit des Schweifs aufgrund der doch recht großen Sonnendistanz nur gering sein). [...] In den kommenden Wochen wird der Komet steil nach Norden wandern und dabei durch die Sternbilder Eridanus, Stier, Perseus in die Cassiopeia laufen. Am 6. Januar wird er der Erde mit 0.347 AE am nächsten stehen und dabei Horizonthöhen von 60° erreichen« - während kein Mond am Himmel stört. Bei einem weiteren Sichtfenster Ende Januar (mit vielleicht noch 3.9m) steht Machholz dann fast im Zenit. [30.11.2004]

[983] Quelle: Kammerer, Schweifstern 20 # 109 [Nov. 2004] 10-11. Links: die aktuelle FgK-Analyse, gesammelte Helligkeiten, erste Bilder, Cometography und mehr Infos.

Die spektakulärsten Himmelsereignisse des 21. Jahrhunderts, die sich vorhersagen lassen, von seltenen Planetenkonjunktionen über exotische Sternbedeckungen bis zu den größten Sonnenfinsternissen, sind in einer neuen Liste aufgeführt - Ergänzungsvorschläge sind willkommen!

Mal wieder hat ein Bolide für Aufsehen gesorgt - und für Anrufe bei den UFO-Forschern: CENAP News, NetZeitung. Im Sommer gab es jede Menge astronomisch verursachte UFO-Meldungen: CENAP Newsflash (PDF).

Die 23. Bochumer Herbsttagung fand am 20. November statt und lieferte wieder ein buntes Bild vom Zustand der Amateurastronomie: ein Bericht von Holl. Im Rahmen der Tagung erhielt der Videoastronomie-Pionier G. Dittié die VdS-Medaille: Auszüge aus der Laudatio.


Erkenntnisschwall über das Saturnsystem

Seit dem Eintritt in die Saturnumlaufbahn am 1. Juli liefert der Riesenorbiter Cassini nicht nur während der engen Vorbeiflüge an den Monden eine Flut von Daten, sondern praktisch ohne Unterlaß - und dabei hat die Mission des Orbiters gerade erst und die des Landers Huygens noch gar nicht begonnen. Auf der alljährlichen Welttagung der Planetenforscher im November wurde eine erste Bilanz des Titan-Besuchs vom Oktober (siehe
Artikel 970) und anderer Beobachtungen der letzten Monate gezogen - jede Menge Facetten (s.a. Artikel 964), die in den nächsten Jahren zu einem umfassenden Gesamtbild des Saturn-Systems beitragen werden:

  • Die Vorstellungen vom Wesen Titans ändern sich bereits rapide, nachdem Cassini flüssige Kohlenwasserstoffe auf der Oberfläche weder sehen noch per Radar nachweisen konnte. Zwar ist bisher nur ein kleiner Prozentsatz der Oberfläche im Detail untersucht worden - aber unter den Titanologen scheinen bereits alternative Modelle die Oberhand zu gewinnen, bei denen das (für den Methangehalt der Atmosphäre von 1.8±0.5% - auch eine Cassini-Messung - nötige) flüssige Methan entweder in einer Art Schlamm oder unterirdisch vorliegt.

  • Immer mehr Ähnlichkeiten der Titan-Oberfläche mit der der Venus (!) sehen manche Planetenforscher in den ersten Radarbildern: Da gibt es z.B. ein 100 km großes erhabenes rundes Gebilde, das sehr an die klar vulkanischen »pancake domes« der Venus erinnert. Vermutung: Auch auf dem Titan ist ähnlicher Vulkanismus am Werke, natürlich mit Wasser- oder Ammoniak-reichem Eis als Lava (»Kryovulkanismus«). Mutmaßliche Lavazungen (»lobate features«) passen in dieses Bild.

  • Ein eigenes Magnetfeld hat der Titan nach ersten Auswertungen des Oktober-Flyby nicht (aber im Dezember wird es viel eindeutigere Messungen geben). Dafür hat sich die Plasmaumgebung Titans als ausgesprochen komplex erwiesen: Elektronen, die auf seine äußere Atmosphäre regnen, unterstützen das schwache Sonnenlicht als Motoren der umfangreichen chemischen Prozesse dort. Auch eine Erkenntnis: Es gibt kein Argon in Titans Atmosphäre.

  • Auf dem Saturnmond Japetus könnte es die höchsten Berge des Sonnensystems geben, die mit 10 bis 20 km Höhe selbst den Olympus Mons auf dem Mars schlagen: Sie erscheinen auf Cassini-Bildern aus größerer Distanz als weiße Gipfel, die aus der dunklen Seite des Mondes herausragen. Drei große Impaktbecken auf Iapetus zeigen die Bilder auch - leider gibt es erst im Sept. 2007 den ersten nahen Vorbeiflug.

  • Cassini hat per Kamera Ring-Phänomene auf so kleinen Skalen beobachten können, daß sie den Voyagers entgangen waren, und bei der Bedeckung des Sterns Xi Ceti am 6.10. konnten sie - vom UV-Instrument, das Hochgeschwindigkeitsphotometer spielte - besonders detailreich vermessen werden: Es gibt scharfe Kanten, wo das Sternlicht innerhalb von nur 30 Metern von voller Helligkeit auf komplette Absorption wechselt.

  • Stets scheinen kleine, unentdeckte Monde hinter den feinen und seltsamen Ringstrukturen zu stecken, z.B. bei Ausfransungen am Außenrand der Keeler-Lücke. Klare Veränderungen seit die Voyagers 1980/81 vorbeikamen, gibt es im Rahmen der Auflösungsgrenzen der Kameras nicht. Aber erstmals gelang es nun mit den Radio- und Plasmawellen-Detektoren, die Impakte kleiner Partikel auf die Ringteilchen direkt nachzuweisen.

  • Die vielen Effekte durch Monde, Impakte etc., denen die Ringe fortwährend unterliegen, sprechen für ein Alter von nur ein paar hundert Mio. Jahren und ihre Entstehung, als ein alter Saturnmond von einem anderen Körper zertrümmert wurde (siehe auch Artikel 794). Cassini hat auch zwei neue Ringe entdeckt, einen in der Bahn des Mondes Atlas zwischen A- und F-Ring, den anderen in derselben Region, knapp innerhalb der Bahn von Prometheus.

  • Der Mond Pan ist auf einer exzentrischen Bahn und sorgt für ein Wellenmuster im A-Ring - aus dem man wiederum die Masse des Mondes bestimmen kann und damit auch die Dichte des 25-km-Brockens: 0.5 Gramm pro Kubikzentimeter, wie bei mehreren anderen kleinen Saturnmonden auch. Vermutlich bestehen sie alle nicht aus festem Wassereis, sondern sind poröse Körper (»rubble piles«).

  • In einem Gürtel der Saturn-Wolken bei 36° Süd sind in den vergangenen Monaten mehrere große Stürme entstanden: Man spricht bereits von der »Allee der Stürme«. Gewitter in solcherlei Stürmen hat Cassini inzwischen klar beobachten können - und eine starke Aufhellung der Polarlichter Saturns am 25. Juli, als eine Schockfront im Sonnenwind des Planeten erreichte.

  • Eine große Wolke Wasserstoff-Atome dehnt sich vom Planetenäquator bis in 45 Saturnradien Abstand aus, während es näher am Planeten eine stark variable Wolke aus Sauerstoff-Atomen gibt. Die Atome stammen offenbar aus den Ringen und von kleinen Monden, wo Impakte Wassermoleküle losschlagen, die dann von Saturns Strahlungsgürteln aufgespalten werden.
Unterdessen laufen die Vorbereitungen für den zweiten engen Titan-Flyby am 13. Dezember und die Landung von Huygens. Nach der gegenwärtigen Planung sollen die Aufnahmen, die der Lander mit seiner Abstiegskamera DISR schießen wird, nicht der Öffentlichkeit in dem Moment gezeigt werden, wenn sie über den Cassini-Orbiter die Erde erreichen: Wie DISR-Chef M. Tomasko gegenüber MegaLithos erklärte, wolle man die Bilder erst zu Panoramen zusammenfügen und bearbeiten, um sie etliche Stunden später auf einer PK zu präsentieren. Auf das Argument, daß erst eine »Live«-Übertragung von Rohbildern - wie sie die NASA bei den Mars Exploration Rovern und auch bei der Cassini Saturn Orbit Insertion wagte - den wahren Thrill einer interplanetaren Reise ausmacht und die bearbeiteten Versionen erst so richtig würdigen hilft, ging Tomasko leider nicht ein ... [30.11.2004]

[982] Links: PPARC und Univ. of AZ Press Releases, Univ. of CO Press Releases vom 8. und 9. Nov. und Artikel von Sky & Tel., AstroBiology, Planetary Soc., Guardian und New. Scient. vom 9. und 10. Nov. zu den neuen Erkenntnissen sowie ein Univ. of AZ Press Release und ESA Releases vom 4. und und 23. Nov. zu Huygens.

Das ungewöhnlichste Farbbild seit der Ankunft im Saturnsystem hat Cassini am 7.11. aufgenommen - es zeigt den Mond Mimas vor den Wolken Saturns, auf die wiederum der komplexe Ringschatten fällt: PhotoJournal, Sky & Tel., BBC.


16.2 Mrd.$ für die NASA - und eine Ohrfeige

Im letzten Moment hat der US-Kongreß der NASA für das Finanzjahr 2005 trotz starker Sparzwänge doch noch praktisch den gesamten Betrag zugesprochen, den das Weiße Haus im Februar beantragt hatte (siehe
Artikel 842, 2. Teil) - vor allem aufgrund von Manövern einzelner Kongreßabgeordneter wurden die meisten Kürzungen in Sachen »Exploration« zurückgenommen, die in den Monaten zuvor diverse Ausschüsse vorgesehen hatten. Am 20.11. aber stand fest: Es wird 16.2 Mrd.$ geben, nur 44 Mio.$ weniger als gefordert und 822 Mio.$ mehr als 2004. Allerdings ist noch nicht klar, in welchen Posten wie viel genau fließen wird: Die NASA muß dem Kongreß binnen 60 Tagen erst einmal genau erklären, wieviel die Wiederaufnahme der Shuttle-Flüge und die angedachte robotische Hubble-Reparatur tatsächlich kosten werden. Die Weltraumbehörde hat danach aber im Prinzip freie Hand, Mittel aus anderen Bereichen umzuschichten, um Deckungslücken zu schließen.

Auch sonst hat der Kongreß eine Fülle von Maßnahmen ergriffen, um die Überwachung der Ausgaben zu verschärfen: So wird großes Mißtrauen gegenüber dem Shuttle-Nachfolger - und Herzstück der »Exploration« - CEV gehegt, der immer noch kaum definiert sei. Unter allen Umständen müsse hier eine Kostenexplosion wie bei der ISS vermieden werden, weshalb ein unabhängiger Ausschuß jeden Monat (!) der NASA-Führung wie der Politik Bericht erstatten soll. Und ausgerechnet die bisher einzige konkrete Wissenschaftsmission im Rahmen der »Exploration«, der einmal für 2008 geplante Lunar Reconnaissance Orbiter, wird 2005 nur 10 statt 70 Mio.$ erhalten: Die Abgeordneten verlangen eine Neuorientierung in Richtung Grundlagenforschung, weil der Orbiter zu einer Ingenieur-Demonstration zu verkommen drohe. Auch die Abgeordneten selbst haben freilich »gesündigt«: Wieder einmal schrieben sie für 426 Mio.$ an der NASA vorbei ihre Lieblingsprojekte von rein lokalem Interesse, sogenannte Earmarks, in den Etat, um in ihren Wahlkreisen zu punkten - Geld, das der NASA bei ihren eigentlichen Projekten fehlt.

Unmittelbar nach dem Etat-Kompromiß mußte die NASA eine schallende Ohrfeige einstecken: Das Special Committee on NASA Funding for Astrophysics der einflußreichen American Physical Society (APS) weist in einem Papier nach, wie die »Exploration« schon jetzt das ganze NASA-Programm aus der Balance geworfen hat. Wichtige wissenschaftliche Missionen, für die Gutachter höchste Priorität gefordert hatten, werden auf die lange Bank geschoben, eine Kostenexplosion des wissenschaftlich nicht begründeten bemannten Mond- und Mars-Projekts sei nach den Erfahrungen der Vergangenheit wahrscheinlich, und der resultierende Schaden könne gewaltig sein, über die NASA hinaus. Ob die APS-Forderung nach Beibehaltung einer ausbalancierten NASA-Programmatik (so es sie je gab) und umfassender externer Begutachtung der Mond/Mars-Pläne in der aktuellen politischen Konstellation überhaupt noch eine Chance auf Gehör hat? Die »Exploration«-Fans gehen jedenfalls davon aus, daß sie bis zur nächsten Präsidentenwahl unumkehrbare Weichen gestellt haben werden ... [30.11.2004]

[981] Links: Details des NASA-Haushalts 2005, das Papier der APS und eine Pressemitteilung dazu (beides PDF) und Artikel von Fla. Today, Aerospace Daily, Houston Chronicle und Space Today.

Das Schicksal Hubbles ist weiterhin offen, denn alle drei Optionen - unbemannte oder bemannte Servicing-Mission (vgl. Artikel 936c) oder ein kompletter Ersatz des Satelliten - sind extrem teuer und risikobehaftet: eine lange Analyse von The Space Review. Die enormen Kosten des Robot-Servicing könnten die Mission kippen: Fla. Today.


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