16.2 Mrd.$ für die NASA - und eine Ohrfeige
Im letzten Moment hat der US-Kongreß der NASA für
das Finanzjahr 2005 trotz starker Sparzwänge doch noch
praktisch den gesamten Betrag zugesprochen, den das
Weiße Haus im Februar beantragt hatte (siehe Artikel 842, 2. Teil) - vor
allem aufgrund von Manövern einzelner
Kongreßabgeordneter wurden die meisten Kürzungen
in Sachen »Exploration« zurückgenommen, die
in den Monaten zuvor diverse Ausschüsse vorgesehen
hatten. Am 20.11. aber stand fest: Es wird 16.2 Mrd.$ geben, nur
44 Mio.$ weniger als gefordert und 822 Mio.$ mehr als 2004.
Allerdings ist noch nicht klar, in welchen Posten wie viel genau
fließen wird: Die NASA muß dem Kongreß binnen
60 Tagen erst einmal genau erklären, wieviel die
Wiederaufnahme der Shuttle-Flüge und die angedachte
robotische Hubble-Reparatur tatsächlich kosten werden.
Die Weltraumbehörde hat danach aber im Prinzip freie
Hand, Mittel aus anderen Bereichen umzuschichten, um
Deckungslücken zu schließen.
Auch sonst hat der Kongreß eine Fülle von
Maßnahmen ergriffen, um die Überwachung der
Ausgaben zu verschärfen: So wird großes
Mißtrauen gegenüber dem Shuttle-Nachfolger - und
Herzstück der »Exploration« - CEV gehegt, der
immer noch kaum definiert sei. Unter allen Umständen
müsse hier eine Kostenexplosion wie bei der ISS vermieden
werden, weshalb ein unabhängiger Ausschuß jeden
Monat (!) der NASA-Führung wie der Politik Bericht
erstatten soll. Und ausgerechnet die bisher einzige konkrete
Wissenschaftsmission im Rahmen der
»Exploration«, der einmal für 2008 geplante
Lunar Reconnaissance Orbiter, wird 2005 nur 10 statt 70 Mio.$
erhalten: Die Abgeordneten verlangen eine Neuorientierung in
Richtung Grundlagenforschung, weil der Orbiter zu einer
Ingenieur-Demonstration zu verkommen drohe. Auch die
Abgeordneten selbst haben freilich »gesündigt«:
Wieder einmal schrieben sie für 426 Mio.$ an der NASA
vorbei ihre Lieblingsprojekte von rein lokalem Interesse,
sogenannte Earmarks, in den Etat, um in ihren Wahlkreisen zu
punkten - Geld, das der NASA bei ihren eigentlichen Projekten
fehlt.
Unmittelbar nach dem Etat-Kompromiß mußte die
NASA eine schallende Ohrfeige einstecken: Das Special Committee
on NASA Funding for Astrophysics der einflußreichen
American Physical Society (APS) weist in einem Papier nach, wie
die »Exploration« schon jetzt das ganze
NASA-Programm aus der Balance geworfen hat. Wichtige
wissenschaftliche Missionen, für die Gutachter
höchste Priorität gefordert hatten, werden auf die
lange Bank geschoben, eine Kostenexplosion des wissenschaftlich
nicht begründeten bemannten Mond- und Mars-Projekts
sei nach den Erfahrungen der Vergangenheit wahrscheinlich,
und der resultierende Schaden könne gewaltig sein,
über die NASA hinaus. Ob die APS-Forderung nach
Beibehaltung einer ausbalancierten NASA-Programmatik (so es
sie je gab) und umfassender externer Begutachtung der
Mond/Mars-Pläne in der aktuellen politischen
Konstellation überhaupt noch eine Chance auf Gehör
hat? Die »Exploration«-Fans gehen jedenfalls davon
aus, daß sie bis zur nächsten Präsidentenwahl
unumkehrbare Weichen gestellt haben werden ... [30.11.2004]
[981] Links:
Details
des NASA-Haushalts 2005, das Papier der
APS
und eine Pressemitteilung
dazu (beides PDF) und Artikel von
Fla. Today,
Aerospace
Daily,
Houston Chronicle
und Space Today.
Das Schicksal Hubbles ist weiterhin offen, denn alle drei
Optionen - unbemannte oder bemannte Servicing-Mission (vgl. Artikel 936c) oder ein
kompletter Ersatz des Satelliten - sind extrem teuer und
risikobehaftet: eine lange Analyse von
The Space Review.
Die enormen Kosten des Robot-Servicing könnten die Mission kippen:
Fla. Today.