Die MegaLithos News
Nr. A01-A10 vom 20.-25.1.2005
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Beta Pictoris, Vega: Scheiben jung | Die dicksten Sterne | Riesenlöcher in Galaxienhaufen | Akustischer Peak auch in Galaxienmuster | Hipparchs Sternkatalog wiedergefunden? | "Astrophotonik" im Kommen | Long Wavelength Array | RAVE hat 50'000 Spektren | LSST-Spiegel geordert | MER findet Meteorit | Braun-Zwerg-Modelle alle falsch?
Klare - aber indirekte - Indizien für flüssiges Methan auf der Titan-Oberfläche

sehen die Huygens-
Forscher nach der ersten Woche Auswertung der Daten aus der fernen Welt: Spuren scheint es allerorten hinterlassen zu haben, doch just zum Zeitpunkt und am Ort des Abstiegs der Kapsel war gerade keines zu sehen. Aber was sonst, fragt man sich vor allem beim DISR-Experiment, sollte wohl die dunklen Kanalsysteme erzeugt haben, die man auf den Titanhügeln sieht? Denn die stereoskopische Auswertung der Bilder aus verschiedenen Höhen hat inzwischen gezeigt, daß die hellen Gebiete - überwiegend aus steinhartem Wassereis - etwa 100 m über den dunklen Ebenen liegen: Etwas floß die Hänge dieser Hügel hinab.

Schon formt sich ein erstes Bild der Stoffkreisläufe auf dem Titan: In der oberen Atmosphäre entstehen durch Photochemie komplexe und dunkle organische Verbindungen, die sich langsam auf der Oberfläche ansammeln. Und gelegentlich regnet es auch Methan, vielleicht alle paar Tage, vielleicht nur in einer Regenzeit: Der Regen spült das dunkle Material von den Hügeln in die Ebenen, und zurück bleibt es nur auf dem Boden der Abflußrinnen (wo die Albedo 12% beträgt) und in den Ebenen selbst (10%), wo das Methan zugleich im porösen Boden versickert, um später wieder zu verdunsten und die Zyklus zu schließen. Die weichen mechanischen Eigenschaften des Bodens passen in dieses Bild, und auch die Perspektive nach der Landung mag sich einfügen: Vielleicht ist die geröllfreie Zone zwischen den - von Erosion in einer Flüssigkeit rundgeschliffenen? - Eisklumpen vorne und hinten eines der letzten Abflußgebiete nach dem jüngsten Regen.

Immer mehr Details des Abstiegs von Huygens werden jetzt bekannt, z.B. die genauen Zeiten: Aufgewacht ist die Kapsel um 5:41 MEZ Sondenzeit (für die Erdempfangszeit addiere man 67 Minuten Lichtlaufzeit), sie berührte die Atmosphäre um 10:07, die Fallschirme öffneten sich um 10:10 und 10:25, und der Boden wurde um 12:38 MEZ erreicht. Die Struktur der Atmosphäre entsprach bis auf Details (der Dunst reicht bis 20 km hinab) genau den Modellen (so beträgt der Druck an der Oberfläche 1.46 bar), und Huygens kam gut damit zurecht. Cassini, der noch bis 13:50 MEZ lauschte, empfing den Datenstrom 3 Stunden und 40 Minuten lang, davon 72 Minuten von der Oberfläche - und wie lange Huygens danach noch weiterfunkte, steht immer noch nicht fest. In der oberen Atmosphäre war der Flug sehr unruhig (was sowohl die Verfolgung durch das Radioteleskop Greenbank wie die Messungen des Sonnensensors von DISR zeigen), weiter unten ging es dagegen sanfter weiter: Die erste Analyse der Greenbank-Daten kommt auf Windgeschwindigkeiten von 40 bis 50 m/s in 50 km Höhe, die bis auf wenige m/s über der Oberfläche abnehmen. Dank der ruhigen Strömung sind auch die DISR-Bilder aus mehreren Kilometern Höhe so scharf geworden.

Hier und da sieht man auf diesen Bildern, die allmählich zusammengefügt werden, auch Stellen, wo Eis aus dem Boden gequollen zu sein scheint, und kurze Kanäle könnten von Quellen stammen. Weiterhin erkennt man hier und da tränenförmige Strukturen, die auf Fließprozesse hindeuten (das kennt man auch vom Mars), und verbreitete elliptische Gebilde könnten Spuren der letzten Tümpel sein, wo das Methan im Boden versickerte. Die DISR-Bilder werden bereits zur »Ground Truth«, die beim Verständnis der verwirrenden Aufnahmen der Cassini-Kamera und auch der Radardaten vom Oktober helfen könnten. Die auffälligen dreieckigen Radargebilde z.B. könnten durchaus Deltas sein, wo sich die Methanströme von den Hügeln in die Ebenen ergossen haben. Auch wenn weder die Orbiterinstrumente noch DISR irgendwelche Anzeichen eines heute präsenten Feuchtgebiets entdecken konnten, so sind die Spuren von Fließprozessen für das Geologenauge jedenfalls allgegenwärtig.

Das Bild wird weiter abgerundet durch die anderen Instrumente: Während der Atmosphärenanalysator GCMS in der oberen Atmosphäre Stickstoff dominieren sah, nahm der Methananteil zum Boden hin immer weiter zu - genau wie man in der Erdatmosphäre weiter unten mehr Wasserdampf findet. Und der Boden war sogar voll von Methan, das der Impakt von Huygens verdampfte und in den Detektor trieb. Gut daß es keinen freien Sauerstoff gibt: Der Titanboden wäre höchst brennbar! Seine Konsistenz ähnelt nach den Messungen der Surface Science Package am ehesten einem Ton mit einer harten Kruste, die Huygens beim Aufsetzen durchbrach und dann ca. 15 cm tief einsackte. Das Bild des Titan nach einer Woche ist das einer erstaunlich erdähnlichen Welt, allerdings rund 200° kälter und mit völlig anderer Chemie: Die Rolle von Gestein übernimmt Wassereis, statt Wassers fließt und dampft Methan, und das ganze bedeckt ein finsteres organisches Gebräu. [25.1.2005]

[A10] Quelle: eine weitere Pressekonferenz der Huygensforscher am 21.1.2005 im ESA HQ in Paris via ESA TV via NASA TV via Internet + ein Vortrag von Mike Bird im Astron. Inst. der Univ. Bonn am 25.1.2005. Links: ein ESA und PPARC Press Releases, mehr Fakten, ein APOD und Artikel von AstroBio, Sky & Tel., Spacefl. Now, Nature, Guardian, Wired, BBC und NetZeitung. Außerdem eine detaillierte Reportage von den Vorgängen in Darmstadt rund um die Huygens-Ankunft, die BBC über die geringe Chance für Leben auf Titan - und Galerien der (durch ein Versehen schon nach Stunden in die Öffentlichkeit gelangten) DISR-Rohbilder bei der Univ. of AZ, der ESA und Lyle; aus ihnen wurden von Fans schon bald »inoffizielle« Mosaike wie dieses, ein Film aus allen Bildern nach dem Aufsetzen und noch manches mehr hergestellt.

Staubströme vom Saturn trafen Cassini im Anflug auf den Planeten - genau wie der Jupiter beschleunigt sein Magnetfeld geladene Staubteilchen: eine Pressemitteilung der MPG, ein Univ. of CO Press Release und ein Artikel von AFP.


Direkte Massenbestimmung eines Braunen Zwergs stellt Modelle in Frage

Jede bisher genannte Masse eines bestimmten Braunen Zwergs war nicht gemessen sondern berechnet worden: anhand vermeintlich sehr zuverlässiger Modellvorstellungen aus leichter zu bestimmenden Größen wie seiner absoluten Leuchtkraft und dem Alter. Jetzt sind zum ersten Mal bei einem Braunen Zwerg gleichzeitig eine direkte Massenbestimmung und die genaue Messung der anderen Parameter gelungen - und die tatsächliche Masse weicht um einen schockierenden Faktor von fast 2 vom Modellwert ab! AB Doradus C kreist in nur 2.3 AU Abstand um den mit 50 Mio. Jahren sehr jungen Stern AB Dor A und zwingt ihm dabei einen schon länger bekannte minimale Reflexbewegung in der Himmelsebene auf, wonach AB Dor C 93±5 Jupitermassen hat.

Erst jetzt aber konnte auch das Objekt selbst - mit dem Very Large Telescope, Adaptiver Optik und dem Simultaneous Differential Imager - dicht neben dem blendend hellen Stern gesichtet werden, was zuvor nicht einmal mit Hubble geglückt war. AB Dor C erwies sich dabei als überraschend kühl und lichtschwach: Der gängigen Theorie zufolge dürfte dieser Braune Zwerg nur etwa 50 Jupitermassen besitzen. Wenn nun alle theoretischen Massenbestimmungen von substellaren Objekte in gleicher Weise um einen Faktor 2 zu klein ausgefallen sein sollten, dann wären so manche vermeintlichen Braunen Zwerge in den Katalogen in Wirklichkeit Zwergsterne und einige der »frei schwebenden Planeten« eher als Braune Zwerge anzusehen. [25.1.2005]

[A09] Quelle: Close & al., Nature 433 [20.1.2005] 286-9. Links: Press Releases von der Univ. of AZ, der ESO und der MPG und Artikel von Sky & Tel. und BdW.

Ein Stern mit zwei Planeten im Transit? Noch sind die Lichtkurven nicht schlüssig, aber OGLE-TR-111 könnte der erste Fall sein, bei dem man ein Planetensystem im Transit vor der Planetenscheibe beobachten kann: ein Paper von Minniti.

Warum Rote Zwerge keine zirkumstellaren Scheiben zu haben scheinen (meist findet man dort keinerlei warmen Staub), könnte geklärt sein - ihr starker Sternwind treibt die Staubteilchen sehr effizient davon: UCLA Press Release.

Ein detailreiches »Bild« des Sterns Regulus ist das erste wissenschaftliche Ergebnis des optischen Interferometers CHARA - seine starke Abplattung und damit einhergehende deutliche Temperaturunterschiede zwischen Äquator und Pol haben sich direkt messen lassen: GSU Press Release.


Opportunity findet einen Eisen-Meteoriten

Damit hatte niemand gerechnet, aber vielleicht machen es die Umweltbedingingen auf der Marsoberfläche ja besonders leicht, auf Meteoriten zu stoßen: Ein kurioser Stein in unmittelbarer Nähe des alten Hitzeschilds des Marsrovers Opportunity hat sich nach eingehender Untersuchung mit dem IR-Spektrometer Mini-TES und den Instrumenten auf dem Robotarm als Eisenmeteorit entpuppt! Und wer weiß, an wievielen Steinmeteoriten die Rover bisher achtlos vorbeigefahren sind: Die Bilder des vergangenen Jahres sollen noch einmal dahingehend durchforstet werden. Eine lebensfeindliche Welt wie der - heutige - Mars könnte der Erhaltung von Meteoriten sehr förderlich sein: Aus ihrer Zahl könnte man einiges über langfristige Klimaprozesse lernen!

Der Besuch beim Hitzeschild selbst war hingegen wenig ergiebig: Man hatte gehofft, die Folgen des Atmosphäreneintritts für seine Außenseite untersuchen zu können - doch beim Aufschlagen wurde gewissermaßen das Innere nach außen gekehrt, und die interessanten Schichten waren nicht zugänglich. Diese Woche soll die Reise weiter in Richtung des aus dem Orbit interessant erscheinenden 60 bis 70 m großen und kreisrunden Gebildes Vostok in 1.2 km Entfernung gehen, bevor Opportunity in das Erosionsgebiet des »etched terrain« eindringen wird. Spirit fährt derweil immer höher in die Columbia Hills hinein - und beiden Rovern geht es auch ein Jahr nach der Landung bestens. (Opportunity hatte kürzlich durch einen lokalen Staubsturm etwas Energiesorgen, aber der Staub legte sich rasch wieder.) Finanziert ist ihre Mission - die jeden Monat 3 Mio.$ kostet - zwar nur bis Ende März, aber es gilt als ausgeschlossen, daß die NASA dann einfach den Stecker zieht. [25.1.2005]

[A07] Links: ein JPL Press Release, weitere Fern- und Mikroskop-Bilder des Meteoriten und Artikel von Nature, New Scientist, Sky & Tel., Planetary Soc. und Space.com - und ein MGS-Bild von Opportunity aus dem Orbit zwischen Eagle und Endurance! Zusätzliche Quelle: AW&ST vom 10.1.2005 S. 37.


Hauptspiegel für Riesen-Surveyteleskop LSST bestellt

Die Large Synoptic Survey Telescope Corporation hat jetzt das Steward Observatory Mirror Lab mit der Herstellung des 8.4 Meter großen Hauptspiegels für dieses Instrument mit außergewöhnlich großer Kamera (vgl.
Artikel 659) beauftragt: Die 2.3-Mio.$-Spende eines Wohltäters hat es möglich gemacht. Der Geschäftsmann aus Arizona war vor allem von dem Plan angetan, daß die Bilder der Drei-Gigapixel-Kamera sofort jedermann zur Verfügung stehen werden. Außerdem fand er das Mirror Lab cool, wo inzwischen 8-m-Spiegel in Serie hergestellt werden, und er interessierte sich besonders für eine der vielen Aufgaben des LSST, via Gravitationslinsen der Natur der Dunklen Energie nachzuspüren. Die Stärke des LSST wird die Erzeugung immenser Datenmengen werden, alle 10 Sekunden ein neues, tiefes Bild, 30 Terabyte jede Nacht. Das LSST-System soll die Datenflut automatisch auswerten und Alarm schlagen, wenn sich irgendwo am Himmel etwas Neues gezeigt hat.

Fertig wird das LSST allerdings frühestens 2012, und die Gesamtfinanzierung ist noch alles andere als sicher: So wird schon die komplette Herstellung des Spiegels bis zum Einsetzen in seine Zelle 13.8 Mio.$ kosten. Das nächste Ziel ist erst einmal ein detailliertes Design, das potenziellen Finanzierungsorganisationen vorgelegt werden soll, und dieses Jahr werden auch unter vier Kandidaten für den Standort (darunter den Kanaren) zwei Finalisten gewählt. Erst vor kurzem war beim Mirror Lab ein ebenfalls 8 m großer Teilspiegel für ein 25-m-Teleskop bestellt worden (siehe Artikel 991) - wie MegaLithos jetzt vom Projektmanager erfahren hat, handelt es sich wie vermutet um einen Prototypen, mit dem die Herstellung von Off-Axis-Spiegeln dieser Größe demonstriert werden und der in eine große optische Testanlage kommen soll. Das GMT soll überwiegend privat finanziert werden, und die Gesamtkosten stehen noch gar nicht fest. [20.1.2005]

[A07a] Link: die Homepage des LSST und Univ. of AZ und LSST Corp. Press Releases. Zusätzliche Quelle: eine Mail vom 12.1.2005 von Matt Johns vom GMT-Projekt.

Keck-Laser-AO in extragalaktischer Anwendung - mit Hilfe des neuen künstlichen Lasersterns sind erstmals ferne Galaxien und deren Kollisionsprozesse mit großer Schärfe untersucht worden: UCSC und Keck Obs. Press Releases.


RAVE hat schon 50'000 Sternspektren im Kasten

Das internationale Projekt, die Spektren von Millionen Sternen der Milchstraße aufzunehmen, um auf ihre räumlichen Bewegungen und damit die Dynamik der Galaxis zu schließen (siehe
Artikel 657), kommt voran: Anfang Dezember 2004 wurde bereits das 50'000. Spektrum aufgenommen. Und dabei sind die Forscher von RAVE derzeit nur Untermieter am UK Schmidt Telescope, das sie nur 7-mal pro Monat benutzen können, wenn helles Mondlicht die 'normalen' Astronomen bei ihrer 6dF-Galaxiendurchmusterung stört. Diesen August sollte der Zugang auf 15 und später sogar auf 25 Nächte pro Monat steigen, wobei in jeder klaren Nacht bis zu 600 Sternspektren entstehen. Mit dem - vorgeschlagenen - Super-Multi-Spektrographen Ukidna ließe sich dies sogar auf 20'000 pro Nacht steigern: Dann könnte das Endziel von ein paar Millionen auf ein paar Zehnmillionen Sterne gesteigert werden. [20.1.2005]

[A07b] Quelle: Watson, Anglo-Australian Observatory Newsletter #106 [Dec. 2004] 10-11. Link: eine neue Homepage von RAVE.

Ein Prototyp für ein ultraleichtes optisches Teleskop mit 40 cm Öffnung ist bereits fertig, und ein 1-m-Teleskop soll Ende des Jahres fertig sein - die ULTRA-Kollaboration setzt auf Graphit-Fasern und Abformkörper (Mandrels), um superleichte Hauptspiegel in Serie zu produzieren: Pressematerial.


Ein Radiointerferometer für ganz lange Wellen

wollen Astronomen des Naval Research Lab. in einer unbewohnten Region im Südwesten der USA errichten: rund 50 Teleskope, verteilt über ein 400 km großes Areal und optimiert für 3.75 bis 15 Meter, was 80 bis 20 MHz entspricht. In diesem Bereich nahm einst die Radioastronomie ihren Anfang (Jansky beobachtete 1932 bei 15 Metern), aber seither ist er fast in Vergessenheit geraten: Die Radioastronomen drängten stattdessen zu immer kürzeren Wellen, wo man leichter scharfe Bilder erhalten kann und zugleich Störungen durch die Ionosphäre der Erde minimiert. Lediglich das Giant Metrewave Radio Telescope in Indien und ein 74-MHz-Empfänger für den VLA kümmern sich derzeit um das langwellige Ende des Radiospektrums mit einiger Winkelauflösung - und in einigen Jahren der LOFAR aus
Artikel 410. Der Long Wavelength Array (LWA) befindet sich noch in einer frühen Planungsphase und verspricht besonders bei der Beobachtung der frühesten und fernsten Radiogalaxien manchen Durchbruch. [20.1.2005]

[A07c] Link: NRL Press Release.

Ein neues 32-m-Radioteleskop in den Anden ist peruanischen (und japanischen) Astronomen in den Schoß gefallen - die ehemalige INTELSAT-Station brauchte die Post nicht mehr: ein Paper von Ishitsuka & al.


»Astrophotonik« vor dem Durchbruch: mit Glasfaser-Tricks gegen fiese Spektrallinien

Galaxien im Rotverschiebungsbereich 1 bis 2 lassen sich von der Erde aus kaum beobachten, weil ihre wichtigsten Spektrallinien in den nahinfraroten J- und H-Bändern ankommen - und dort gibt es eine Fülle schmaler Emissionslinien, die von OH-Radikalen in der kühlen Hochatmosphäre stammen und die Himmelshintergrund gegenüber dem im Sichtbaren dramatisch aufhellen; 98% des Hintergrunds stammt von diesen Linien. Auch Galaxien mit z=7 bis 10 würde sucht man z.B. vorzugsweise im Nah-IR, einem der populärsten Spektralbereiche der Astronomie überhaupt: Viel ist schon versucht worden, um diesen Himmelshintergrund aus gemessenen Spektren zu subtrahieren, aber die Resultate befriedigten wenig. Jetzt sind australische Astronomen auf eine völlig andere Idee gekommen - und bereits dabei, sie mit Hilfe von hochspezialisierten Firmen aus dem Bereich der Glasfasertechnik in die Tat umzusetzen.

Das Zauberwort lautet Fibre Bragg Grating (FGB): Der Brechungsindex im Inneren einer Glasfaser variiert dabei entlang der Faser periodisch, so daß Licht einer bestimmten extrem scharfen Wellenlänge die Faser nicht passieren kann und komplett reflektiert wird. Alles andere Licht kommt dagegen fast ungedämpft durch: Im Prinzip ein fantastischer Engbandfilter, doch der Weg zur Praxisreife für die Astronomie ist lang. Zum einen muß ein Filter wider die OH-Linien über hundert davon gleichzeitig eliminieren. Dazu bedient man sich aperiodischer FGBs, die im Auftrag der Astronomen überhaupt erst entwickelt wurden (sonst braucht das niemand) und tatsächlich funktionieren. Und die Eintrittsöffnung in die derzeit schon herstellbaren Glasfasern ist nur wenige Mikrometer groß: Nur perfekte plane Wellen, wie sie in der echten Astronomie eigentlich nur Adaptive Optik (AO) liefern kann, lassen sich überhaupt einkoppeln.

Schon wird aber an Multimode-Fasern gearbeitet, die vielleicht 1/10 mm Durchmesser erreichen und in die man auch Seeing-verdorbenes Sternenlicht schicken kann. »Astrophotonik« wird diese Technologie genannt, bei denen Himmelslicht durch die Materialeigenschaften von Gerätschaften im Strahlenlang gezielt manipuliert wird: Die ersten Prototypen mit Einzelmode-Fasern für Großteleskope der 8-m-Klasse mit AO stehen im Prinzip schon für erste Tests am Himmel bereit. Und der Direktor des Anglo-Australian Observatory, wo diese innovative Idee ihren Ausgang nahm, sieht bereits »wahrscheinlich [...] dramatische Konsequenzen für nahinfraroten Beobachtungen vom Boden aus«: Er hofft angesichts der vielversprechenden Experimente, daß wir »das Universum im nahen Infraroten bald mit so wenig Hintergrund wie im Sichtbaren sehen werden,« in der Spektroskopie ebenso wie auch mit abbildenden Instrumenten. [20.1.2005]

[A06] Quellen: Bland-Hawthorn, Anglo-Australian Observatory Newsletter # 106 [Dec. 2004] 4-6 + Colless, ibid. 2. Link: ein Paper von Bland-Hawthorn & al.


Sternkatalog des Hipparch in bekannter Atlas-Statue aufgespürt?

Alle Exemplare des bahnbrechenden Sternkatalogs von Hipparch aus dem Jahre 129 v.u.Z. sind verlorengegangen - aber die Himmelskugel, die die römische Statue eines Atlas trägt, könnte direkt auf den Sternpositionen aus dem Hipparch-Katalog basieren. Dieser Atlas von Farnese ist die Kopie eines griechischen Originals und zeigt die Positionen der Sternbilder auf angeblich 3½ Grad genau - besser als sie ein Künstler nach mündlichen Beschreibungen hätte anbringen können. Auch passen der dargestellte Zustand der Präzession - die Sternbildpositionen entsprechen dem Jahr 125±55 v.u.Z. - ebenso am besten zu Hipparch wie diverse Details der Sternbilddarstellungen (die sich von allen anderen zeitgenössischen Werken unterscheiden). Man weiß auch, daß der Astronom auch selbst Himmelsgloben hergestellt hat: Die Kugel, die der Atlas von Farnese trägt, ist vielleicht eine Kopie 2. Grades eines solchen Originals. [20.1.2005]

[A05] Links: ein Paper von Schaefer (PDF), ein LSU Press Release und noch mehr Material.

Ein Sternkatalog mit 1.1 Milliarden Einträgen, der Naval Observatory Merged Astrometric Dataset (NOMAD), wird derzeit aus diversen Katalogen synthetisiert, darunter dem UCAC2 aus Artikel 727 - er soll bis zur 21. Sterngröße komplett sein: die NOMAD Homepage, ein USNO Press Release und Bilder dazu.

4000 Galaxien-Bilder der SDSS in einem Atlas vereint hat man als Abfallprodukt dieser großen Himmelsdurchmusterung - denn die Farbbilder stellen den größten visuellen Galaxienatlas aller Zeiten dar: SDSS Press Release.

Eine Bilder-Galerie der Gemini-Teleskope mit drei besonders hübschen Bildern von Galaxien und einem Sternentstehungsgebiet: Gemini Release.


»Akustischer Peak« des Urknalls in der räumlichen Verteilung der Galaxien gesichtet

Derselbe erste akustische Peak, der seit etwa 1998 in Powerspektren der Kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung gesehen wird, ist nun auch in der räumlichen Verteilung der Galaxien in Kosmos entdeckt worden - ein zwar schwaches Signal, das aber die beiden derzeit größten Galaxiendurchmusterungen SDSS und 2dFGRS unabhängig in ihren Daten finden konnten. Abstände zweier Galaxien voneinander im Bereich von 500 Mio. Lichtjahren kommen demnach rund 1% häufiger vor als wenn sie völlig gleichmäßig im Raum verteilt wären: Das ist der »missing link« zwischen der Hintergrundstrahlung als dem direktesten Abbild der Bedingingen kurz nach dem Urknall und dem All, das dabei herausgekommen ist. Die Standardkosmologie kann also wieder einen wesentlichen Erfolg verbuchen, und aus den Powerspektren der Galaxienmuster kann man - in Kombination mit den Messungen der Hintergrundstrahlung durch WMAP - z.B. zehnmal genauer als bisher schließen, daß die Geometrie des Universums flach ist. Die Natur der Dunklen Materie und Dunklen Energie, die das All dominieren, wird durch die neuen Erkenntnisse leider auch nicht klarer ... [20.1.2005]

[A04] Links: Papers von Eisenstein & al. und Cole & al., SDSS und Univ. of AZ Press Releases und Artikel von Sky & Tel., Physics News Update, BBC, AFP und Space Today.

Dunkle Materie klumpt wie erwartet in Galaxienhaufen und hat damit Struktur auf allen Größenskalen, wie von der Standardkosmologie gefordert - Hubble-Beobachtungen von Gravitationslinsen lieferten diese wichtige Einsicht: Yale Press Release.

Spiralgalaxien durch verschmelzende Spiralen? Möglicherweise sind die meisten heutigen Spiralgalaxien das Produkt einer oder mehrerer Fusionen, behauptet das neue Szenario »spiral rebuilding«: ESO Press Release.

»Giant Blobs« rund um ferne Galaxien zeugen von Verschmelzungen, die gerade ablaufen - das legen Spitzer-Beobachtungen dieser Gaswolken nahe, die 10-mal größer als die Galaxien darin sein können: Spitzer PR.

Große Sternhaufen entstehen durch die Fusion kleinerer - das legen jedenfalls Beobachtungen der Sternentstehungsregion NGC 5461 in der Galaxie M 101 nahe, deren Kern Hubble in drei riesige Haufen dicht beieinander auflösen konnte: UIUC Press Release.

Jet-induzierte Sternbildung in der Radiogalaxie NGC 541 dürfte der Mechanismus sein, der die seltsame Sternbildungsregion »Minkowskis Objekt« produziert hat: LLNL Press Release.


Galaxie bläst Riesenlöcher in Galaxienhaufen

6 x 1061 erg Energie hat die Zentralgalaxie eines fernen (z=0.22) Galaxienhaufens in das heiße Gas zwischen den Galaxien geblasen und dadurch zwei gewaltige Hohlräume, je 200 kpc groß, und Schockfronten erzeugt: Das war der kraftvollste Radioausbruch, der je beobachtet wurde. Solcherlei Energieinput kann dafür sorgen, daß sich die Abkühlung des Haufengases um mehrere Jahrmilliarden verzögert: Das scheint eine triftige Erklärung für Röntgenbeobachtungen der letzten Jahre zu sein, nach denen die theoretisch zu erwartenden »Cooling Flows« in den meisten Galaxienhaufen nicht vorhanden sind und das Gas extrem heiß (mindestens 2 keV) bleibt. Daß Radiojets der gigantischen Galaxien in den Haufenzentren dahinter stecken, wurde schon lange vermutet: Die Chandrabeobachtungen der beiden Riesenlöcher bestätigen nun das Bild. [20.1.2005]

[A03] Quelle: McNamara & al., Nature 433 [6.1.2005] 45-7. Links: NASA, Ohio Univ. und Chandra Press Releases, ein Chandra Photo und Artikel von Sci. Am., Discovery und Space Today.

Gaswolken, die um ein Galaxienzentrum rasen, sind bei Markarian 766 als Individien verfolgt worden - und in der Nähe eines Mikroquasars in der Milchstraße könnte es Hinweise auf den Lense-Thirring-Effekt geben, der sich durch quasiperiodische Oszillationen geringer Frequenz verrät: NASA, CfA und ESA Press Releases und Artikel von Space.com und BdW.

Ein »Schwarm« von 10'000 Schwarzloch-Kandidaten und Neutrononensternen rund um Sgr A*, die Zentralquelle unserer Milchstraße scheint von Chandra entdeckt worden zu sein - »dynamische Reibung« an anderen Sternen hat die Röntgenquellen wahrscheinlich bis in 70 Lichtjahre und weniger Abstand von Sgr A* transportiert: NASA und MSFC Press Releases, Chandra-Bilder und Artikel von Sky & Tel., Daily Bruin, BdW und Welt.

Die meisten Nachbarn von Sgr A* sind keine Neutronensterne oder Schwarzen Löcher, sondern Weiße Zwerge, zeigen dagegen Beobachtungen mit dem Magellan-Teleskop, genauer gesagt Nullresultate - im Großteil der Röntgenquellen in 75 LJ Abstand von Sgr A* können nur massearme Partner stecken, wahrscheinlich magnetische Weiße Zwerge, sonst gäbe es an diesen Stellen IR-Quellen, die man aber nicht sieht: CfA Press Release.


Die Sterne mit den größten Durchmessern

in der Milchstraße sind KW Sagittarii, V354 Cephei und KY Cygni, die es jeder auf etwa 1500 Sonnendurchmesser bringen oder 14 AU - und es sind alles Einzelsterne, die kein Begleiter zum Aufblähen brachte (wie den ähnlich großen VV Cephei). Der bisherige Rekordhalter µ Cephei wird knapp abgehängt, und der wohl berühmteste Riesenstern Betelgeuse bleibt mit seinen 650 Sonnendurchmessern noch weit darunter. 74 Rote Überriesen waren bei einer systematischen Durchmusterung beobachtet und die eigentlichen Messungen - Helligkeit und Spektraltyp - anhand neuer Computermodelle über die Rolle von Molekülen in den Hüllen solcher Sterne sowie der bekannten Entfernungen in Temperatur, Leuchtkraft und Durchmesser umgerechnet worden.

Die drei Sterne sind mit rund 25 Sonnenmassen weder die massereichsten bekannten (die haben 150 Sonnenmassen) noch mit 300'000 Sonnenleuchtkräften die absolut hellsten (andere bringen es auf einen Faktor 5 Millionen), noch sind sie mit 3450 Kelvin die kühlsten: Braune Zwerge liegen noch weit darunter. Aber es ist die Kombination von mittelhohen Leuchtkräften und relativ niedrigen Temperaturen, denen sie ihre enormen Durchmesser verdanken: Würde man sie anstelle der Sonne setzen, läge ihre Photosphäre zwischen den Bahnen von Jupiter und Saturn. Bei den neuen Temperatur- und Durchmesserbestimmungen ging es aber nicht um eine Rekordjagd: Vielmehr liegen die neuen Temperaturen um 10% über den bisher angenommenen Werten, und Theorie und Beobachtung stimmen erstmals exakt überein. [20.1.2005]

[A02] Quelle: Press Release von Levesque (MIT) & Massey (Lowell Obs.) vom 10.1.2005. Links: eine Grafik und Artikel von BBC und San Diego Union.

Ein Stern, der 200-mal so schnell rotiert wie die Sonne, ist FK Comae nach Beobachtungen des Satelliten FUSE - wahrscheinlich ist er das Produkt des Verschmelzens zweier Sterne: U. Colorado Press Release.

Rote Riesen flackern stärker als gedacht, hat sich beim Vergleich von WFPC2-Aufnahmen von 1995 und 1999 gezeigt - ob große Sternflecken, Flares oder Partnersterne hinter diesem überraschenden (und für künftige Satellitenmissionen störenden) Verhalten stecken, ist noch nicht klar: NOAO Press Release.

21 neue Pulsare in einem einzigen Kugelsternhaufen sind mit dem GBT entdeckt worden - damit sind in Terzan 5 nun derer 24 bekannt, alles offensichtlich recyclete Millisekundenpulsare: NRAO Press Release.

Neue Zahlen zur Kohlenstoff-Bildung in Sternen gibt es aus Laborexperimenten des CERN und in Japan, für 10 Mio. bis 10 Mrd. Kelvin Kerntemperatur - für normale Sterne stimmen sie mit den herkömmlichen gut überein, bei Exoten gibt es aber Abweichungen: CERN Press Release, BdW.

Mehrere UHECRs von derselben Quelle? Noch ist die Statistik nicht überzeugend, aber die Hochenergie-Astrophysik könnte der ersten kosmischen Quellen von Kosmischer Strahlung extrem hoher Energie auf der Spur sein: ein Paper von Farrar, ein NYU Press Release und ein Artikel von Space.com.


Beta Pictoris, Vega: Neulich krachte es in den Scheiben

Wobei das »neulich« im ersten Fall die letzten Jahrzehnte bis Jahrhunderte und im zweiten die letzte Jahrmillion bedeutet - aber im kosmischen Maßstab ist beides heute. Die Staubscheiben um beide Sterne enthalten Teilchen, die so klein sind, daß sie der Strahlungsdruck der Sterne in kurzer Zeit herausblasen müßte und sie mithin durch fortdauernde Prozesse nachgeliefert werden müssen. Bei Beta Pic zeigen neue Gemini-Bilder nur einen definierten Klumpen auf einer Seite des Sterns, aus 0.1 µm kleinen Teilchen, die extrem geringe Lebensdauern haben: Hier ist eine gewaltige Kollision vor wenigen Dutzend Jahren die naheliegendste Erklärung. Und bei Vega - wo die Teilchen mehrere µm groß und damit langlebiger sind - dürften in der letzten Million Jahre Pluto-große Körper zusammengestoßen sein. Außerdem ist Vegas Scheibe nach Beobachtungen mit dem IR-Satelliten Spitzer mit einem Radius von mindestens 815 AU größer als angenommen. [20.1.2005]

[A01] Links: Gemini und JPL Press Releases und ein Artikel von Sky & Tel.

Tief in den Trifid-Nebel geschaut hat das IR-Teleskop Spitzer und dabei die frühesten Phasen der Sternentstehung gesichtet - und ein spektakuläres Falschfarbenbild geliefert, das sich erheblich vom Anblick dieses Gasnebels im Visuellen unterscheidet: NASA Press Release.

Zwei mögliche Planeten Weißer Zwerge sind bei einer Durchmusterung von 20 dieser toten Sterne entdeckt worden, als winzige Lichtpunkte dicht daneben - zum Spektroskopieren und damit Beweis ihrer Planetennatur leider zu schwach: PSU Press Release.

Bilder mehrerer Kometen durch das IR-Teleskop Spitzer liegen jetzt vor, insbesondere vom Kometen Encke und seinem materiereichen Dust Trail, der auch für den Schnuppenstrom der Tauriden sorgt: Spitzer Press Release.


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