Die MegaLithos News
Nr. A71-A80 vom 15.6. - 7.7.2005
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Discovery steht wieder auf der Rampe | Herschel, Kepler in Schwierigkeiten | Exoplanet mit <10 Erdmassen | Cosmos 1 vor Start | Deep Impact sieht Kern | Cosmos 1 verschollen | Staubring um Fomalhaut | Cosmos 1 am Ende | Neuartige Sternhaufen | Chemie der Erde | Cosmos 1 kurz im Orbit? | Jets im Labor | Schöner Einstein-Ring | Exoplanet mit dickem Kern
Volltreffer Deep Impact: Blitz auf dem Kern, Ejekta-Fontäne - aber Tempel 1 wird nicht heller

Die ungewöhnlichste Mission in der Geschichte der interplanetaren Raumfahrt ist geglückt: Der Impaktor von Deep Impact hat den Kern des Kometen 9P/Tempel 1 getroffen, zuvor eine spektakuläre Serie immer schärferer Bilder geliefert und beim Auftreffen eine substanzielle Explosion ausgelöst, die vom Mutterschiff - und zahllosen Teleskopen anderswo im Sonnensystem - perfekt beobachtet werden konnte. Zuerst gab es einen grellen Blitz von weniger als 1/50 Sekunde Dauer, als sich an der Einschlagstelle eine tausende Grad heiße Dampf- und Trümmerwolke bildete, dann stieg eine optisch dichte Fontäne aus Ejekta auf, die anfangs sogar einen Schatten warf und sich schließlich fächerförmig in die Koma Tempels ausbreitete. Doch dort verlor sie sich nahezu spurlos, und die geringe Gesamthelligkeit des Kometen stieg kaum merklich an: Auch in diesem - für Amateurbeobachter enttäuschenden - Aspekt des ersten aktiven Experiments mit einem Kometen könnte freilich Fundamentales stecken.

Daß der Impakt tatsächlich gelungen war, wußte die Flugkontrolle am kalifornischen Jet Propulsion Lab fünf Minuten später: Zwar war die Funkstrecke vom Impaktor zum Mutterschiff pünktlich um 7:52 MESZ abgerissen, doch das konnte im Prinzip viele Ursachen haben, z.B. einen fatalen Staubtreffer. Erst als um 7:57 MESZ die ersten Bilder der geringauflösenden Kamera auf dem Flyby Spacecraft mit der sich schon ausbreitenden hellen Ejektawolke auf den Bildschirmen erschienen (Abb. oben), war kein Zweifel mehr möglich und der Jubel grenzenlos. Die Unwägbarkeiten der Deep Impact-Mission waren immens gewesen (vgl. Artikel A70), und das fing schon mit der Navigation ins Ziel an. Die erste der drei Bahnkorrekturen, die der 24 Stunden vor dem Einschlag abgeworfene Impaktor autonom durchführte, hatte zum Mißfallen der Flugkontrolleure seine Bahn sogar weiter vom Kern weggeführt, aber die anderen beiden korrigierten den Fehler wieder. Und sorgten letztlich dafür, daß die optimale Stelle auf dem Kern auf 50 m genau getroffen wurde!

Jedes der zahlreichen Bilder des Impaktors, die größtenteils erst viele Minuten nach seinem feurigen Ende über das Mutterschiff die Erde erreichten, zeigte einen etwas kleineren Ausschnitt des »dicken« Endes des ungefähr Avocado-förmigen Gebildes, auf dem bald mehrere runde Strukturen (Alte Einschlagskrater? Einsenkungen der Kruste?) erkennbar wurden, dazu auch so etwas wie Bergrücken und ausgedehnte ganz flache Zonen, die der Krümmung der Kernoberfläche folgen. Keinem der beiden bisher bekannten Kometenkerne, die mit ähnlicher Auflösung aufgenommen wurden, von Borrelly (siehe Artikel 340) und Wild 2 (siehe Artikel 810, 822 und 934), ähnelt die Oberfläche von Tempels Kern. Hatte man die Unterschiede zwischen Borrelly und Wild 2 noch auf ihre unterschiedlichen Orbitalgeschichten im Sonnensystem zurückführen wollen, so ist nun klar, daß es noch mehr Faktoren geben muß, die die Topographie von Kometenkernen bestimmen: Tempel und Wild haben eine ähnliche Vergangenheit gehabt.

Nur 3.7 Sekunden vor dem Aufprall entstand das letzte Bild der Impaktor-Kamera auf dem Impaktor, und die Auflösung dürfte - aus 30 km Abstand - rund einen halben Meter betragen: um bis zu zwei Größenordnungen schärfer als auf den besten Aufnahmen, die es je von einem Kometenkern gab (Halley: ca. 100 m, Borrelly: ca. 50 m, Wild 2: ca. 25 m). Aus der Anflugsequenz hat hier Jost Jahn ein Mosaik zusammengestellt, so lange sich die Bilder noch überlappten: Welche Kräfte man hier in kleinstem Maßstab am Werke sieht, darüber wurden auf den beiden einzigen Post-Impakt-Pressekonferenzen bisher, die dem Impakt in 2 und 12 Stunden Abstand folgten, noch nicht einmal spekuliert. So müssen sich die Mondforscher gefühlt haben, nachdem die erste Kamera-Kapsel der Ranger-Serie vor über 40 Jahren auf den Mond stürzte ...

Etwas weiter hängten sich die Deep-Impact-Forscher schon bei der Interpretation der Erscheinungen direkt nach dem Impakt (Bildserie ganz oben) aus dem Fenster, namentlich der Spezialist für die Bildung kosmischer Krater, Pete Schultz: Für ihn bedeutet die Zeitverzögerung zwischem dem Anfangsblitz - der übrigens auch mit mindestens einem optischen Teleskop auf der Erde gefilmt wurde! - und der Ausbildung der Ejektafontäne (Bild oben), daß der Impaktor erst eine weiche Kruste durchschlug und erst später in größerer Tiefe kometare Gase in größerer Menge verdampften. Und das »leider« mit solcher Inbrunst, daß die helle und dichte Ejektawolke die ganzen 13 Minuten, bis sich das Flyby Spacecraft wegdrehen mußte, die eigentliche Einschlagstelle verbarg: Man weiß bis heute nicht, wie der Krater in der Kernkruste aussieht, der beim Impakt entstand, und wie groß er ist. Mittels Bildverarbeitung wird man ihn vielleicht noch sichtbar machen können, und IR-Aufnahmen des Kerns, die wegen der Datenmenge erst am Schluß übertragen werden sollen, zeigen ihn vielleicht klarer.

Nachdem Deep Impact im »Shield Mode« durch die innere Koma gesaust war und dabei nicht den geringsten Schaden nahm, konnte sich die Sonde wieder Richtung Kometenkern drehen und die weiter expandierte Staubwolke im Gegenlicht bewundern (Bild): Aus der durch den Impakt geschaffenen neuen Aktivitätsstelle strömte es noch. Zu diesem Zeitpunkt hatten auch zahlreiche Teleskope auf der Raumsonde Rosetta, Satelliten im Erdorbit und auf der Erde (und dort v.a. Hawaii) die ersten Anzeichen des Impakts erspäht: Die expandierende Ejektawolke machte sich bei geringer Auflösung - auch im Amateurteleskop - als Anstieg der Helligkeit der zentralen Komaverdichtung um ungefähr einen Faktor 2 bemerkbar, während die scharfsichtigsten Instrumente (namentlich die ACS von Hubble; Bildserie unten) bald eine halbkugelförmig mit 15 bis 20 km/s in die Koma expandierende Wolke ausmachen konnten.

Spektrographen vieler Teleskope wie auch auf Deep Impact selbst konnten in den Ejekta Wasserdampf und seine Abbauprodukte aber auch andere chemische Verbindungen nachweisen, viele noch unidentifiziert und manche angeblich noch nie bei einem Kometen gesehen (was die Bild-Zeitung zwei Tage später zu einem bizarren Aufmacher inspirierte: »Komet schießt zurück«). Was dagegen ausblieb, war ein nennenswerter Anstieg der Helligkeit des Kometen insgesamt: Die Ejekta des Impakts verloren sich schon bald in der Koma, ohne sie insgesamt aufzuhellen, und vom Impakt ausgelöste neue Aktivität bewirkte auch nichts. Das war vielleicht die größte Überraschung: Wenn selbst solch ein Impakt keinen Helligkeitssprung der Gesamtkoma auszulösen vermag, wie kommen dann die plötzlichen Anstiege mancher Kometen um viele Größenklassen zustande? Interessanterweise hat auch Tempel 1 in den Wochen vor dem Impakt vier moderate Ausbrüche gezeigt, die mehr Teleskope als je zuvor verfolgten: Vielleicht wird der Vergleich der natürlichen Kerneruptionen und der künstlichen die Erforschung dieses Phänomens voranbringen. Die Analyse der Deep-Impact-Daten jenseits der spektakulären Bilderserien hat gerade erst begonnen ... [7.7.2005]

[A80] Quellen: Live-Übertragung des Impakts und von fünf Pressekonferenzen vom 1., 3. und 4. Juli im NASA TV via Telefon oder WWW (und in den 15 Minuten um den Impakt selbst via n-tv, als der NASA-Server in die Knie ging - man hatte den Bedarf unterschätzt und mußte überstürzt erst neue Rechner zuschalten). Links der ersten Stunden und Tage findet man zuhauf in inverser chronologischer Reihenfolge in einem umfangreichen »Blog« des Autors, das auf unbegrenzte Zeit weitergeführt wird, und systematisch sortiert im Cosmic Mirror # 289; erwähnt seien davon hier nur die zentrale NASA-Seite mit News von Deep Impact, wo auch weitere freigegebene Bilder erscheinen dürften, ein Press Release aus Hawaii über Livebeobachtungen des Impaktblitzes von dort, die BBC mit unabhängigen ersten Gedanken europäischer Kometenforscher und Ermittlungen von SpaceRef zu einer möglichen Extended Mission des Flyby Spacecraft zum Kometen Boethin.


Ein Exoplanet mit riesigem Kern aus schweren Elementen

umkreist den 8m-Stern HD 149'026 alle 2.9 Tage und zieht dann immer vor dessen Scheibe her: Dabei nimmt die Sternhelligkeit nur um 0.003m ab, während man angesichts der Saturn-Masse des Planeten eigentlich einen Abfall um 0.007m erwarten würde. Wie man die Modelle für sein Innenleben auch dreht und wendet: Der geringe Durchmesser von 73% Jupiters und seine Masse von 36% Jupiters passen nur zusammen, wenn er aus einem Kern aus schweren Elementen von rund 67 Erdmassen besteht, den eine Hülle aus Wasserstoff und Helium umgibt. Was ein derartiger Himmelskörper in unmittelbarer Nähe eines G-Sterns zu suchen hat, darüber rätseln die Theoretiker noch, aber die Entdeckung - die manche für eine der bedeutendsten in der 10-jährigen Geschichte der Exoplanetenforschung halten - spricht zumindest in diesem Falle stark für das klassische Bild der Entstehung der Riesenplaneten. In diesem »core accretion«-Szenario sammeln sich Gase um einen zuerst entstandenen Kern, während sich bei der Alternative »gravitational instability« der gesamte Planet auf einmal bildet: Letzteres scheint hier ausgeschlossen. [7.7.2005]

[A79] Links: ein langes Paper von Sato & al., die Homepage der Forscher, NASA und SFSU Press Releases und Artikel von Sky & Tel. und New Sci. - und nochmal Sky & Tel. über Amateurbeobachtungen desselben Exoplaneten, trotz des minimalen Effekts!

Eine »planetare Baustelle« rund um den Stern TW Hydrae« verrät sich dem Very Large Array durch Radiostrahlung, die von cm-großen Kieseln stammen dürfte - und ein Planet ist vielleicht schon fertig: CfA und NRAO Press Releases.


Ein besonders formschöner »Einstein-Ring«

und zugleich derjenige mit der größten Entfernung ist mit dem Very Large Telescope im Fornax entdeckt worden: Die linsende Galaxie ist rund 8, die gelinste 12 Mrd. Lichtjahre entfernt, d.h. wir sehen sie zu einer Zeit, als das Universum nur 12% des heutigen Alters hatte. Das Arrangement ist so perfekt, daß die hintere Galaxie vom Schwerefeld der vorderen zu einem zu 3/4 kompletten Ring auseinandergezogen wird. Und durch den Linseneffekt auch um einen Faktor 10 heller erscheint, was ihre Erforschung vereinfacht: Sie hat gerade einen Starburst erlebt und ist nur 7000 Lichtjahre groß. [7.7.2005]

[A78] Link: ESO Press Release.

Eine neue Bestimmung des Alters der Galaxis anhand von zwei radioaktiven Elementen in Meteoriten kommt auf 14.5±3 Mrd. Jahre - die Milchstraße enstand mithin schon sehr kurz nach dem Urknall vor 13.7 Mrd. Jahren: Univ. of Chicago Press Release.


Astrophysikalische Jets im Labor nachgebaut

Man nehme ein »planar spheromak gun«, schicke einen intensiven elektrischen Strom durch ein Gas, um ein Plasma zu erzeugen, und bringe das Ganze in ein äußeres Magnetfeld - und heraus kommen wahre Schnüre aus Plasma, extrem gut kollimiert und jenen Plasmajets erstaunlich ähnlich, die man vielerorts im Kosmos findet. »Wir haben die Essenz astrophysikalischer Jets eingefangen«, glaubt man nun am Caltech, und auch wenn manches Detail natürlich noch nicht stimmt: Die entscheidende Rolle von Magnetfeldern bei der Bündelung der Plasmastrahlung läßt sich kaum mehr abstreiten. In die astrophysikalischen Plasmen scheint dabei das Magnetfeld »eingefroren« zu sein und sich wie ein Gummiband darumzuwickeln: Bei magnetischer Beschleunigung führt die Feldgeometrie zu einer Kontraktion des Plasmas und damit der Kollimation des Strahls - der im Labor 30 cm, im Weltraum auch schon mal Millionen Lichtjahre lang sein kann. [7.7.2005]

[A77] Link: Caltech Press Release.

Ein Pulsar treibt einen kosmischen Maser an - solch eine Konstellation, bei der der Maser in der interstellaren Wolke im Vordergrund im Takt des Pulsars leuchtet, wurde nun zum ersten Mal in der Milchstraße entdeckt: New Scientist.


Cosmos 1 war vielleicht - für ganz kurze Zeit - doch im Orbit

Aber auch eine Woche nach dem Start des kleinen Sonnenseglers auf einer russischen Volna-Uboot-Rakete (von dem es jetzt auch ein Video gibt; hier ein Standbild) und den verwirrenden Meldungen danach (siehe die Kästen ganz unten und unten) herrscht keine Klarheit darüber, wie weit der Satellit wirklich gekommen ist. Von russischer Seite geht man davon aus, daß sich Cosmos 1 wegen eines Raketenfehlers nie von der Volna (unrühmlich bekannt schon aus Artikel 315) trennte und zusammen mit ihr gleich wieder in die Barents-See stürzte. Solch ein Problem hatte auch den Suborbitalflug eines Prototypen vor vier Jahren sowie ein anderes Technologieexperiment 2002 ruiniert.

Doch die schwachen Funksignale ohne Telemetrie aber ungefähr zur richtigen Zeit und mit dem richtigen Dopplereffekt, die zwei kleine mobile Empfangsstationen der Planetary Society auf der Kamtschatka-Halbinsel und den Marshall-Inseln sowie eine feste Station in Tschechien in der Stunde nach dem Start empfingen (aber auch nur dann), wären eher mit einem extrem niedrigen Orbit verträglich, der Cosmos 1 wenigstens einmal fast ganz um die Erde herum führte. Freilich mit einem Wiedereintritt des Satelliten - den die amerikanische Weltraumüberwachung in der Zeit nie in einer Umlaufbahn lokalisieren konnte - schon kurze Zeit später. Wie schon der Suborbital-Demonstrator vor vier Jahren ist damit auch der eigentliche Satellit einem Versagen derselben Billigrakete zum Opfer gefallen: Bei keinem der beiden Flüge konnte die Nutzlast auch nur beginnen, die Sonnensegel zu entfalten, was die Fehlschläge besonders bitter macht - denn nun weiß man immer noch nicht, ob die spezielle Technologie von Cosmos 1 unter Realbedingungen eine Chance gehabt hätte.

Der erste Versuch einer Organisation von Weltraumenthusiasten, allein mit den bescheidenen Mitteln eines Sponsors (nur 4 Mio.$) und ohne jede direkte Unterstützung einer Weltraumagentur einen höchst innovativen experimentellen Technologieforschungssatelliten in den Orbit zu bringen, ist gescheitert. Ob das Projekt - erstmals publik geworden in Artikel 227 - einen dritten Anlauf nehmen kann, sollte sich bald zeigen: Es müßten vor allem neue Sponsorengelder gewonnen werden, denn diesmal war der Start nicht wie beim ersten Fehlschlag versichert. Zwar lassen viele Raumfahrtbehörden auf relativ niedrigem Level an Sonnensegeltechnik forschen (vgl. Artikel 936b), doch Cosmos 1 war der einzige je zum Start gebrachte Orbitaltest. Das war fraglos eine bemerkenswerte Leistung - und das Medienecho in den Tagen um den schicksalhaften 21. Juni größer als bei manchem Shuttle-Flug der Vergangenheit ... [30.6.2005]

[A76] Links: ein detaillierter Bericht und die letzten Blog-Beiträge der Planetary Society sowie Artikel von Wired, Kommersant und New Sci. Zusätzliche Quelle: AW&ST vom 27.6.2005 S. 26-8.


Innenleben der Erde gründlich mißverstanden

Mit einem stark verbesserten Massenspektrometer ist kürzlich das Verhältnis der Isotope 142 und 144 des Elements Neodym in mehreren Chondriten neu bestimmt worden - und zum ersten Mal ist nun klar, daß das 142Nd/144Nd-Verhältnis in diesen besonders primitiven Meteoriten 20 Teile pro Million geringer als in irdischem Gestein ist. In allen früheren Untersuchungen war es identisch erschienen, aber der führende Vertreter dieser Sicht hat sofort die neue und erheblich klarere Erkenntnis akzeptiert: Offenbar haben Prozesse bei Abkühlen der ganz jungen Erde dazu geführt, daß das Isotop in einer unteren Zone des Erdmantels angereichert wurde - zusammen mit diversen anderen chemischen Elementen. Das hat eine Fülle von Konsequenzen für das Verständnis der chemischen Zusammensetzung der gesamten Erde und ihrer Restradioaktivität ebenso wie selbst des Geodynamo, dem sie ihr Magnetfeld verdankt - zahlreiche Disziplinen sind angesprochen, und deren Theoretiker dem Vernehmen nach ganz aus dem Häuschen ... [30.6.2005]

[A75] Quelle: Science vom 17.6.2005 S. 1723-4.


Zwei neue Arten von Sternhaufen in nur drei Jahren?

2002 und erneut vor wenigen Wochen traten zwei verschiedene Astronomengruppen mit der Entdeckung jeweils einer völlig neuartigen Klasse von Sternhaufen in die Öffentlichkeit, auf die sie bei anderen Galaxien gestoßen waren: siehe Artikel
464 und A50c. Dabei konnte die Beschreibung der neuen diffusen Haufen bei der Andromeda-Galaxie M 31 an die älteren »fuzzy cluster« erinnern - aber dasselbe sind die M-31-Haufen nicht, wie Vertreter beider Entdeckergruppen übereinstimmend gegenüber MegaLithos zu Protokoll gaben. Die M31-Haufen sind nämlich noch deutlich diffuser und auch metallärmer - und sie sitzen im Halo einer Spiralgalaxie, während die »faint fuzzies« in den Scheiben von Lenticulargalaxien wohnen. Aber vielleicht gibt es ja ein Kontinuum von Haufenparametern, und es sind Objekte mit Eigenschaften »erlaubt«, die bisher niemand erahnte? [30.6.2005]

[A74] Quellen: E-Mail-Interviews mit N. Tanvir am 15. und S. Larsen am 16.6.2005.

Messier 82 ist eine Spiralgalaxie und keine Irreguläre - mexikanische Astronomen sind in nahen Infraroten dahinter gekommen, daß sie vom morphologischen Typ SBc ist, d.h. mit zwei Armen, die an einem kurzen zentralen Balken ansetzen: ein Paper von Mayya & al.

Cosmos 1 wahrscheinlich abgestürzt
Die Planetary Society hat sich inzwischen weitgehend der russischen Version (siehe unten) über den Fehlschlag des Volna-Starts (siehe weiter unten) angeschlossen, wobei allerdings Verteidigungsminister Iwanov jetzt erklärt, man wisse nichts wirklich über den Verbleib des Satelliten. Die Berichte über schwache Funksignale - inklusive korrektem Dopplereffekt - lassen auch keine Ruhe, selbst wenn es leicht "Phantomsignale" gewesen sein können, und so gib man noch nicht ganz auf: spärlich gewordene Updates und deutlich gehaltvollere Blog-Einträge der Society sowie neuere Artikel von Kommersant, New Scient., AFP, InterFax, Spacefl. Now, LA Times, Scotsman, Space Today und Welt.

Staubring um Fomalhaut von Hubble aufgelöst
Der Verdacht, daß in der Debris Disk um den Stern ein Planet umläuft (siehe Artikel 543 Kurzm.), scheint sich zu bestätigen, denn es handelt sich - wie koronografische ACS-Bilder zeigen - um einen scharf begrenzten exzentrischen Staubring: HST und Berkeley Releases und Artikel von Sky & Tel., Fla. Today und Space Today.
Meteorströme durch zerbrechende Kometenkerne keine Seltenheit? Jenniskens (PDF, 13 Seiten) nennt bereits 5 solche Fälle, darunter ein ganz neuer.
Aufnahmen des jüngst zerbrochenen Kometen C/2005 K2 (LINEAR) sind in Italien zuhauf gelungen: eine Webseite der UAI, mit Bildern z.B. vom 15., 16. und 18. Juni.

Völlige Unklarheit über Verbleib von Cosmos 1
Der Sonnensegler ist pünktlich gestartet, aber dann hörte man zunächst nichts mehr von ihm und schließlich schwache Funksignale an immerhin drei Bodenstationen - doch ob diese wirklich von dem kleinen Satelliten stammen, ist alles andere als klar, weil man in Rußland von einem eindeutigen Versagen der Volna-Rakete 83 sec nach dem Start ausgeht: laufende Updates sowie ein informellerer Blog von der der Planetary Society und erste Artikel von MosNews, Spaceflight Now, Press Assoc., Guardian, AFP, BBC und Space Today.

Deep Impact sieht bereits den Kern von Tempel 1
Schon Ende Mai hat der Medium Resolution Imager von Deep Impact in der Koma von Tempel 1 dessen großen Kern erkannt - aber das wurde erst klar, als jetzt ein Modell dieser Koma abgezogen wurde: UMD Press Release.
Rosetta wird nach dem Impakt eine wichtige Rolle spielen: ESA Release. Derweil ist bekannt geworden, daß K. Meech - die die Beobachtungen des Kometen von der Erde aus koordiniert - einen Helligkeitsanstieg nach dem Impakt von 10 auf 3m erwartet, und später sei durch die induzierte verstärkte Kernaktivität ein noch größerer Anstieg der Gesamthelligkeit zu erwarten ... (Kidger, The Astronomer 42 # 494 [Juni 2005] 46)

Erster Sonnensegler Stunden vor dem Start!
Am 21. Juni um 21:46 MESZ soll eine Volna-Rakete vom russischen Uboot Borisoglebsk aus Cosmos 1 in den Orbit bringen: Der Stand der Mission (die 3½ Jahre verspätet kommt - vgl. Artikel 315 - und deren Prototyp 2001 bei einem identischen Ubootstart verlorenging) kann direkt beim Initiator, der Planetary Society, verfolgt werden (wobei der Server unter der Last der Abfragen ächzt ...); es gibt auch einen Beobachtungsaufruf und Vorberichte von Spacefl. Now, Discovery und National Geographic.

Ein Exoplanet mit nur 6 bis 9 Erdmassen

kreist dicht um den Stern Gliese 876, begleitet von zwei lange bekannten Exo-Jupiters weiter draußen: Schon vor drei Jahren gab es die ersten Anzeichen für den dritten Planeten im Radialgeschwindigkeitssignal des Sterns, aber erst jetzt, nach über 150 Spektren, steht seine Existenz außer Frage. Der rote Zwerg mit 1/3 Sonnenmasse hat trotz nur 15 Lichtjahren Entfernung eine Helligkeit von nur 10m, weshalb die Radialgeschwindigkeit selbst mit dem besten Spezialspektrographen und Keck nur auf 3 bis 4 m/s genau gemessen werden kann - und die Amplitude, die der Mini-Planet verursacht, beträgt nur 6.4 m/s. Alle 1.94 Tage umkreist er den Stern, und wenn er dies in derselben Bahnebene tut wie die beiden Jupiters, dann hat er eine Masse von 7.5 Erden. Solch eine Art Planet gibt es im Sonnensystem nicht: Zwischen der Erde und dem Uranus mit 14 Erdmassen ist kein Begleiter der Sonne bekannt.

Theoretiker halten den »Kleinen« für eine Art Chimäre zwischen den kleinen Gasplaneten Uranus und Neptun und der Erde, d.h. für größtenteils felsig, aber mit einer substanziellen Atmosphäre ausgestattet. Durch seine Nähe zum Stern - Bahnradius 3 Mio. km - wird seine Oberfläche jedenfalls auf 200 bis 400° C aufgeheizt, und weder flüssiges Wasser noch »life as we know it« sind möglich. Auch die Entstehung des Planeten ist unklar: War er einst ein »Jupiter«, der nach innen wanderte und den Großteil seiner Masse verlor - oder entstand er aus felsigem Material vor Ort? Auf jeden Fall trägt der kleine Begleiter von Gliese 876 einstweilen den Titel »erdähnlichster Planet eines fremden Sterns« (außer den Miniplaneten aus Artikel 496 gibt es wirklich!), und weil letzterer uns so nahe steht, könnte es sogar der gleichzeitig seiner eigenen wie unserer 'Sonne' nächstgelegene Planet überhaupt in der ganzen Galaxis sein!

Seine Entdeckung ist enormen Fortschritten in der Meßtechnik zu danken: Die verantwortlichen Exoplanetenjäger um Geoff Marcy aus Berkeley haben in 17 Jahren die Geschwindigkeitsauflösung der Spektroskopie um einen Faktor 100 gesteigert und in den Bereich ±1 m/s getrieben und dabei 107 fremde Planeten entdeckt, den Großteil der 155 heute bekannten. 1300 Sterne werden derzeit überwacht, und es gibt durchaus angedeutete Signale von weiteren Miniplaneten - doch bevor man nicht sicher ist, wird nicht verraten wo. Zu der Entdeckung bei GJ 876 kam es v.a. deshalb, weil das System himmelsmechanisch besonders interessant ist und daher intensiv überwacht wurde: Die beiden Jupiters haben Umlaufsperioden von 30 und 61 Tagen, was zu spannenden Resonanzeffekten und ständig deutlichen Schwankungen der Bahnelemente führt. [15.6.2005]

[A73] Quelle: Pressekonferenz der National Science Foundation in Arlington, VA, USA, am 13.6.2005. Links: ein (langes) Paper von Rivera & al. (PDF), ein NSF Press Release, technische und bunte Bilder, der Enzyklopädie-Eintrag und Artikel von AstroBiology, Sky & Tel., BBC, Space Today und Telepolis.

Proplyds könn(t)en tatsächlich Planeten bilden - Messungen des SMA zeigen, daß in den protoplanetaren Scheiben im Orionnebel genug Staub vorhanden ist: CfA Press Release.


Herschel und Kepler in Schwierigkeiten

Gemeint sind natürlich nicht die Physiker sondern die beiden nach ihnen benannten Astronomiesatelliten der ESA, die eigentlich im Februar 2007 starten sollten: Die Entwicklung ihrer insgesamt fünf extrem komplexen Instrumente ist hinter den Zeitplan zurückgefallen, während der Kostenrahmen bereits um 20% überschritten wurde und bei 1.6 Mrd. Euro angekommen ist - die Hoffnung, durch Bündelung verwandter Missionen vor drei Jahren am Ende Geld zu sparen (siehe
Artikel 480), hat sich in diesem Fall eindeutig nicht erfüllt. Normalerweise finanziert die ESA nur die Satelliten, während nationale Einrichtungen die Instrumente liefern, aber hier mußte die ESA selbst 87 Mio. Euro zuschießen, damit es überhaupt weiterging: Viele Institutionen hatten sich mit den jeweils rund 100 Mio. Euro teuren IR-Instrumenten schlicht übernommen. Irgendwelche Übeltäter konnte eine interne Untersuchung indes nicht ausmachen: Die komplizierten ESA-Strukturen waren einfach überfordert gewesen. Nun wird auf einen Start der Satelliten, eines IR- und eines Kosmologie-Observatoriums, im August 2007 gehofft. [15.6.2005]

[A72] Quelle: Space News vom 23.5.2005.


Die Discovery steht zum zweiten Mal auf der Rampe

für einen Start, den die NASA weiterhin im Fenster 13. bis 31. Juli für möglich hält (am 13. ginge es um 21:51 MESZ los): Schon einmal war der Shuttle am 6./7. April auf das Launch Pad 39B gerollt worden, doch am 26. Mai war es wieder zurück ins Vehicle Assembly Building gegangen, das indes heute früh schon wieder verlassen werden konnte. Grund des »Rückrufs« waren beunruhigende Beobachtungen bei einem Betankungstest am 14. April gewesen: Jede Menge Eis hatte sich am großen Außentank gebildet, und der NASA war klarer denn je geworden, daß man vor lauter Sorge um abfallende Schaumstoffteile zu wenig über das Risiko durch fliegende Eisbrocken nachgedacht hatte. Daß sich bis zu 13 cm große Eisbrocken von einer Sauerstoffzuleitung des Außentank ablösen können, war erst vor einigen Monaten klargeworden, bei Vibrationstests im Labor wie in Modellrechnungen, und der Test hatte die Befürchtungen bestätigt.

Der Außentank der Discovery wurde im VAB rasch gegen den eigentlich für die Atlantis vorgesehen ausgetauscht (inklusive der schon anmontierten Feststoffbooster): Dieser Tank war bereits mit einer zusätzlichen Heizung an einer besonders kritischen Stelle versehen worden, einer Leitung für flüssigen Sauerstoff, die den Tank entlang führt. Vor dem Rollback hatte es am 20. Mai noch einen zweiten Betankungstest gegeben, um die Eisbildung weiter zu untersuchen und vor allem, weil am 14.4. zwei seltsame Anomalien mit Sensoren und Ventilen aufgetreten waren - die wiederholten sich jetzt nicht mehr bzw. konnten verstanden werden. Auf die Verschiebung vom Mai- auf das Juli-Startfenster und den Rollback ins VAB hatten sich der frischgebackene NASA-Chef Mike Griffin und das Shuttle-Management am 28. April geeinigt: Es war allen klar geworden, daß noch zu viel zu erledigen war, von weiteren Sicherheitsanalysen bis zum Einbau des Heizers.

Viele Faktoren zusammen waren es schließlich gewesen, die es ratsam erscheinen ließen, mit dem Start lieber 6 bis 7 Wochen zu warten: Jedwede Hektik zu vermeiden und sich nicht von Termindruck treiben zu lassen, ist schließlich heute die Devise (schon am 20. April war der erste mögliche Starttermin vom 15. auf den 22. Mai geschoben worden, um mehr Zeit für die Beantwortung etlicher offengebliebener Fragen zu gewinnen). Am 8. Juni ließ die Return to Flight Task Group immerhin wissen, daß sie - obwohl drei der 15 zentralen CAIB-Forderungen immer noch nicht erfüllt sind - im Prinzip nichts mehr gegen einen Start einzuwenden hätte. Die offenen Punkte, bei denen es um die Festigkeit des Thermal Protection System, abfallende Teile vom Außentank und die Inspektion von Orbitern in der Umlaufbahn geht, würden vermutlich bis Monatsende abgehakt - und die Flight Readiness Review ist am 29. und 30. Juni. [15.6.2005]

[A71] Links: der Status von Discovery und Artikel von AP, BBC, Spacefl. Now und Fla. Today zum neuen Rollout sowie von BBC, Houston Chronicle, Fla. Today und Space Today zum Bericht der Task Group.

Zwei Konsortien mit Entwicklung des Shuttle-Nachfolgers CEV beauftragt - aber statt des früher geplanten "Wettfliegens" der beiden Konzepte soll bereits 2006 der Hauptkontraktor ausgewählt werden, auf daß das CEV schon deutlich vor 2014 zur Verfügung stehen möge: NASA Release, Discovery, Space News, Space Today und Welt.


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