Ein erster Nachweis von (Anti-)Neutrinos aus dem Erdinneren
ist mit dem japanischen KamLAND-Detektor gelungen, der 2003
durch direkte Messungen vom Neutrinooszillationen bekannt
wurde (siehe Artikel 575):
Jetzt hat er eine Handvoll »Geoneutrinos« eingefangen, die beim radioaktiven
Zerfall von Uran-238 und Thorium-232 entstehen, welche
zusammen 84% der radiogenen Leistung der Erde liefern.
Genauer gesagt handelt es sich um Antineutrinos, die bei
Betazerfällen während der Zerfallsketten der beiden
Isotope freigesetzt werden und ungehindert das Erdinnere
verlassen können: Zwischen 5 und 54 davon haben sich in
749 Meßtagen in der Kilotonne Flüssigszintillator von
KamLAND durch negativen Betazerfall verraten. (Dabei reagieren
sie mit einem Proton, und heraus kommen ein Positron und ein
Neutron - letzteres verbindet sich mit einem Proton zu einem
Deuteron, wobei ein Gammaquant mit 2.2 MeV entsteht; das
löst dann die Szintillation im Detektor aus.)
Insgesamt 152 Kandidaten für Geoneutrinos wurden in
dem Zeitraum registriert, doch die Kunst ist das Abziehen des
Untergrundes: Der wird von Antineutrinos aus Kernkraftwerken
in der Umgebung dominiert, und radioaktive Verunreinigung des
Szintillators trägt ebenfalls markant bei. Als wahre Zahl der
detektierten Neutrinos aus der Erde bleibt schließlich rund
25±20 übrig: ein statistisch eher schwaches
Ergebnis, das aber doch ein großes Paper in Nature
wert war. Die japanischen Forscher leiten daraus eine Obergrenze
von 60 Terawatt für die radiogene Gesamtleistung der
beiden Isotope ab - aber Kritiker sehen darin noch zu viele
Annahmen versteckt: Nach ihrer Meinung kann man aus den
bisherigen KamLAND-Zahlen nur eine viel schwächere
Obergrenze von 162 TW ableiten. Die beste theoretische
Voraussage liegt ohnehin bei 16 Terawatt (bzw. 19 TW für
sämtliche Isotope), während der gemessene
Gesamtwärmefluß der Erde bei 30 bis 45 TW liegt: Eine
Anzahl mechanischer Prozesse in der Tiefe dürfte für
die Differenz verantwortlich sein. [10.8.2005]
[B01c] Quellen: Araki & al., Nature 436
[28.7.2005] 499-503 + McDonough, ibid. 467-8.
Links: ein Paper von
Fiorentini &
al. mit alternativen Berechnungen,
ein Physics News Update
und ein Artikel von BdW.