Die MegaLithos News
Nr. B41-B50 vom 5.-15.11.2005
Aktuelle Meldungen / zum Archiv

Kein Schwarzes Loch | Pluto hat 3 Monde | Eta Cars Partner gefunden | Cloudshine | Glimmen der Pop. III? | Es staubt auf dem Mars | Jede Menge Boliden | Showdown für Hayabusa | Prometheus & der F-Ring | Venus Express gestartet! | SN-87A-Ring immer heller | SALT eingeweiht
Minerva verfehlt Itokawa - kann Hayabusa am 19. niedergehen?

Das Absetzen des Minilanders »Minerva« (Micro/Nano Experimental Robot Vehicle for Asteroid) auf die Oberfläche des Asteroiden Itokawa ist am 12. November fehlgeschlagen: Als ihn das »Mutterschiff« Hayabusa abwarf, war es etwa 200 Meter entfernt, entfernte sich aber zufälligerweise gerade mit 15 m/s. Da die Fluchtgeschwindigkeit von dem winzigen Himmelkörper - oben ein Bild vom 12.11. mit rechts dem Schatten der Sonde (die anderen beiden sind vom 9.11.)! - nur 13 m/s beträgt, war eine Landung der antriebslosen Minerva (siehe Artikel 665 unmöglich, die stattdessen vielleicht in eine Umlaufbahn geriet, vielleicht aber auch einfach davondriftete. Zwar wurden Funksignale empfangen, aber bald verstummte die Verschollene. Der Fehlschlag war durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zustandegekommen: Der Ausfall zweier Gyroskope erschwert die Lageregelung Hayabusas (der seither wieder in die »Home Position« in 6.4 km Distanz zurückgekehrt ist), die Flugkontrolleure agierten ohne genaue Kenntnis der Bewegungen und hatten dabei einfach Pech.

Eigentlich war geplant gewesen, das Mutterschiff in 70 Metern Höhe zu »parken« und dann Minerva fallen zu lassen, doch die Bewegungen der Sonde mit ihrer improvisierten Lageregelung waren unerwartet hektisch - und sie fand sich auch plötzlich in deutlich geringerer Höhe wieder als zu diesem Zeitpunkt erwartet. Offenbar war der Laserhöhenmesser durch die Topografie verwirrt gewesen. Die Bodenkontrolle reagierte auf die geringe Höhe ebenso schnell wie falsch: Man schickte sofort das Kommando zum Abwurf. Leider braucht ein Funksignal derzeit aber 16 Minuten zum fernen Itokawa (und überdies wurde gerade zwischen zwei Antennen umgeschaltet, was zeitweise den Kontakt zu Hayabusa unterbrach): Als das Kommando zu Abtrennung Minervas eintraf, war die Sonde von ihrer eigenen autonomen Steuerung, die eine Kollision mit Itokawa - erfolgreich - verhindern sollte, bereits wieder etwas vom Asteroiden fortgelenkt worden und bewegte sich noch in diese Richtung ...

Noch scheint nicht ganz klar zu sein, ob es am 19. November zur ersten (und dann am 25.11. zur zweiten) kurzen Kontaktaufnahme Hayabusas mit der Asteroidenoberfläche zwecks Entnahme einer winzigen Bodenprobe kommen wird, oder ob stattdessen eine weitere Annäherungsübung stattfinden soll und später dann nur eine Probenentnahme möglich ist. Am 12. (als sich Hayabusa bis auf 55 m näherte) und zuvor auch am 9. November (70 m) hatte man bereits viel über das Manövrieren in unmittelbarer Nähe Itokawas gelernt, und auch das Problem vom 4.11. (siehe Kasten unten) ist verstanden: Die Bildverarbeitung an Bord war durch Schatten irritiert worden. Am 9. war problemlos der erste von mehreren Target Markern abgesetzt worden (Mitte): Nach 1500 Fotos und 1.4 Mio. Höhenmessungen des Laseraltimeters steht fest, daß zur Probenentnahme nur eine »Muses Sea« getaufte Ebene in Frage kommt; überall sonst liegen zu viele Felsbrocken herum. Mit 2.3±0.3 g/cm³ hat der 540 x 310 x 250 m große Itokawa übrigens eine geringere Dichte als bei Asteroiden des S-Typs erwartet: Vielleicht ist er voller Hohlräume oder besteht aus vielen kleineren Körpern. [15.11.2005]

[B50] Links: Artikel von New Scientist, Space.com, Asahi Shimbun und Space Today und ein Eintrag aus dem Blog der Planetary Society. Zusätzliche Quelle: AW&ST vom 7.11.2005 S. 42.

Arbeitsstopp für Asteroidenorbiter Dawn höchst ungewöhnlich - wegen technischer und finanzieller Unklarheiten läßt die NASA derzeit das Projekt aus Artikel 380 überprüfen, aber daß die Arbeiten daran nur ein halbes Jahr vor dem eigentlich für Juni 2006 geplanten Start (der sich allerdings um rund ein Jahr verschieben kann, ohne daß Dawn später bei Vesta ankommt) komplett ausgesetzt werden, ist eine beispiellose Maßnahme: New Sci., Space.com, Space Today.


Südafrikas Riesenteleskop eingeweiht - in einem Land fast ohne (eigene) Astronomen

First Light war schon (siehe Artikel B18), und am 10. November ist das South African Large Telescope (SALT) mit einem 11-Meter-Spiegel aus 93 Segmenten auch feierlich eingeweiht worden. Doch die Freude an dem internationalen Instrument wird getrübt durch einen extremen Mangel an Astronomen, die aus Südafrika selbst stammen: Die Ausbildung wurde sträflich vernachlässigt, auch in der Dekade nach dem Ende der Apartheid. Die Südafrikaner können daher derzeit die Beobachtungszeit gar nicht ausnutzen, die ihnen durch ihren 33%-Anteil an den Baukosten von rund 27 Mio. Euro zusteht. Vielleicht wird nun alles besser, und das SALT ist es auf jeden Fall: Es gilt als technisch erheblich ausgereifter als sein direktes Vorbild, das ein Jahrzehnt früher in Texas gebaute HET. So wurde hier ein Korrektor für die erhebliche sphärische Aberration des Hauptspiegels installiert, der schärfere Bilder und ein größeres Bildfeld und endlich die Ausnutzung der gesamten großen Spiegelfläche erlaubt. [15.11.2005]

[B49] Quelle: Nature vom 3.11.2005 S. 18-9. Links: Press Releases von McDonald Observatory, OOSA und VW-Stiftung.


Ring um SN 1987A jetzt rundherum von der Supernova erreicht

Die Röntgenhelligkeit des berühmten Ringes aus älterem Sterngas, der die Supernova 1987A in der Großen Magellanschen Wolke umgibt, steigt (im weichen Energiebereich 0.5 bis 2 keV) schneller und schneller, zeigt die regelmäßige Überwachung mit dem Röntgensatelliten Chandra. Die Ringstruktur strahlt inzwischen nahezu als ganze auf, und zudem ist ihre Expansionsrate im Röntgenbereich, die lange konstant bei 3800 km/s lag, Anfang 2004 ziemlich abrupt auf 1600 km/s gefallen: alles Indizien, daß die Ejekta der (im Röntgenbild unsichtbaren) Supernova selbst mit voller Wucht in den gesamten Ring gerast sind, während sie zuvor nur nach innen ragende Auswüchse des Rings erreicht hatten. Dessen Röntgenstrahlung ist nun bereits 8-mal so stark wie zu Beginn der Chandra-Messungen Ende 1999, und erstmals sind jetzt auch detailreiche Röntgenspektren möglich, die scharfe Linien zeigen: Ihre Analyse hat erst begonnen, aber es scheint klar, daß Plasma mit verschiedenen Temperaturen vorhanden ist. [15.11.2005]

[B48] Link: ein Paper von Park & al.

Barnards Pfeilstern erlebte eine seltenen Flare, wie erst jetzt publizierte Beobachtungen von 1998 zeigen - damit sind die drei erdnächsten bekannten Roten Zwerge Flaresterne, wobei es die anderen beiden (Proxima Cen und Wolf 359) aber viel häufiger blitzen lassen: Astronomy.

Zwei weitere Sterne, die die Milchstraße verlassen werden (s.a. Artikel A22), sind von deutschen Astronomen entdeckt worden - einer stammt vielleicht aus der Großen Magellanschen Wolke, der andere eher aus der Nähe des Zentrums der Milchstraße: Papers von Edelmann & al. und Hirsch & al. und ein ESO Press Release und Artikel von Discovery und BdW zum ersteren Fall.

Gas im Kugelsternhaufen Messier 15 ist mit dem Radioteleskop von Arecibo entdeckt worden, in der 21-cm-Linie des Wasserstoffs - und zwar erheblich weniger als man durch die Winde der Haufensterne eigentlich erwarten sollte, wobei es eine Reihe plausibler Verlustprozesse gibt: Astronomy.


Der Venus Express ist unterwegs!

Alles lief wie genau nach Drehbuch am Morgen des 9. November, als eine Soyuz-Rakete mit Fregat-Oberstufe die neueste europäische Planetensonde auf den Weg brachte - daß sich der Start wegen einer abfallenden Isolationsmaterials innerhalb der Nutzlastverkleidung um 14 Tage verzögert hatte, war schnell vergessen. Durch die Verschiebung war der Start vom Anfang in praktisch die Mitte des Startfensters gerutscht, was eine besonders energiegünstige Reise zur Venus erlaubt: Genau 5 Monate und 400 Mio. km nach dem Start soll der Einschuß in den Orbit erfolgen und die reguläre wissenschaftliche Arbeit der Sonde - in weiten Teilen ein Nachbau des bewährten Mars Express - im Sommer 2006 beginnen.

Startparties für russische Raketen haben ein ganz anderes Flair als wenn Europäer oder Amerikaner am Startknopf sitzen: Es gibt keine Bilder angespannter Gesichter aus dem Abschußraum und auch keinen Countdown. Wenn die Zeit - bei Venusflug währt das tägliche Startfenster gerade einmal eine Sekunde - gekommen ist, hebt die Rakete einfach ab. So geschah es dann auch um 4:33 MEZ, auf einen Sekundenbruchteil genau und verfolgt von hunderten verschlafener Venus-Fans auf Großbildleinwänden im europäischen Kontrollzentrum ESOC, das die ersten zwei Stunden allerdings auch nur Zuschauer war. Das Abwerfen der Booster war gerade noch durch dünne Wolken zu verfolgen, der Rest des Weges in zunächst eine Parkbahn um die Erde dann per Ansage: Die drei Stufen der Soyuz - für die es bereits Start Nr. 1703 war! - arbeiteten problemlos, ebenso das Abtrennen der Fregat-Oberstufe und deren erste kurze Zündung.

82 Minuten später war die Fregat dann erneut gefordert: 15 Minuten lang brannte sie, um sich und den Venus Express aus der Erdumlaufbahn zu katapultieren und letzteren gleich darauf abzuwerfen. Um 6:16 MEZ konnte ein Sprecher des Soyuz-Vermarkters Starsem Vollzug melden: Die Raketenstufen hatten ihre Arbeit erfüllt. Doch erst gegen 6:30 sollte sich der Venus Express zum ersten Mal selbst melden, eine eingeplante Verzögerung, um Abstand von der Fregat zu gewinnen. Daß die ESA-Bodenstation in Westaustralien etwas gehört hatte, konnte der Zuschauer um 6:31 MEZ ahnen, als die ESOC-Sprecherin allerlei grinsenden Managern ein »Thumbs Up«-Zeichen gab, um 6:33 war's dann auch offiziell: Genau pünktlich hatte der Venus Express angerufen. In der folgenden Dreiviertelstunde war dann auch schon zu erfahren, daß die Bahn Richtung Venus korrekt war (und bei zwei Bahnkorrekturen am 10. und 11. 11. nur noch geringfügig korrigiert zu werden brauchte) und daß die Sonde bereits ihre Solarzellen ausgefahren und zur Sonne eingestellt hatte. Am 11.11. war die besonders kritische Launch and Early Orbit Phase (LEOP) überstanden.

Bis zum 13. Dezember wird der Venus Express nun eingehend durchgecheckt, und während der Überprüfung seiner Instrumente sind auch Aufnahmen der Erde geplant - allerdings aus so großer Distanz, daß man nicht viel davon erwarten sollte. Während der weiteren Reise zur Venus schläft die Sonde praktisch, aber kurz vor dem Einschuß in den Venusorbit am 11. April 2006 wird es wieder spannend: 51 Minuten lang muß das Haupttriebwerk brennen, um die Sonde in einen ersten 250 x 350'000 km großen Orbit zu fangen, ein energiemäßig deutlich anspruchsvolleres Manöver als die Orbit Insertion des Mars Express (siehe Artikel 805). Im Laufe von 10 Tagen wird die Bahn dann auf 250 x 66'000 km und 24 Stunden Periode reduziert, bevor nach erneuten Checks aller Systeme des Orbiters - und der Aufnahme von Testdaten - am 4. Juni 2006 die eigentliche Wissenschaftsmission beginnt.

Der Venus Express ist zu einem erheblichen Teil (85% der Hardware!) eine Kopie des Mars Express - den sich die ESA wiederum nur hatte leisten können, weil einerseits seine Instrumente für eine verunglückte russische Marsmission bereits entwickelt worden und andererseits im Rahmen der aufwändigen Rosetta-Kometensonde viele wesentliche Sondensubsysteme entstanden waren, auf die man nun zurückgreifen konnte. Äußerlich unterscheidet sich der Venus Express nur wenig vom Mars Express (seine Solarzellen sind kleiner und speziell gegen die viel größere Sonneneinstrahlung geschützt, und seine Kommunikationsantenne konnte kleiner bleiben). Und seine Nutzlast ist eine Mischung der Instrumente des Mars Express und von Rosetta, wobei meist auf Flight Spares zurückgegriffen werden konnte: Diese vollwertigen Zweitversionen, die jeweils für Notfälle gebaut werden müssen, landen sonst im Museum. Nur zwei der sieben Geräte sind Neuentwicklungen.

Mit 220 Millionen Euro Gesamtkosten inklusive Rakete und Betrieb gilt der Venus Express (Gesamtmasse 1.24 Tonnen) geradezu als »Schnäppchen«, so der ESA-Sonnensystemsdirektor Gerhard Schwehm gegenüber MegaLithos. Und dabei hofft die ESA durchaus auf einen Erkenntnissprung in Sachen Venus, der - noch - größer ausfallen könnte als der Wissensgewinn, den der Mars Express gebracht hat. »Mars ist ja das Ziel vieler Missionen,« betont Schwehm, doch die »Venus war sozusagen lange Zeit Brachland« und damit sei »auch die Möglichkeit, neue und wirklich interessante Dinge zu finden, sehr sehr viel größer.« Gegeneinander aufwiegen sollte man die beiden Mission aber nicht, im Gegenteil: »Was wir machen, ist vergleichende Planetenforschung. Das heißt einfach: Wir untersuchen Mars, wir untersuchen die Venus, um zu lernen, wie sich das Sonnensystem entwickelt hat und vor allem die terrestrischen Planeten. Und es ist natürlich hervorragend, daß wir im Grunde dieselben Instrumente haben, die Mars angucken und dann die Venus.«

Während die Ergebnisse des Mars Express - jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung - völlig von den Bildern der Kamera dominiert werden, geht es bei der Venus naturgemäß primär um die Atmosphäre. »Die zentrale Aufgabe der Mission ist vor allem das Studium der Dynamik und der Zusammensetzung der Atmosphäre,« erklärt Schwehm: »Dann wollen wir die Wechselwirkung der Venusatmosphäre mit dem Sonnenwind studieren. Das ist ja ein ganz anderer Prozeß als der auf der Erde, weil Venus kein eigenes Magnetfeld hat, und da gibt es interessante Prozesse, die man studieren kann und die wir hier im Erdorbit nicht studieren können.« Aber ganz vergessen wird auch die Venusoberfläche nicht: Durch spezielle Fenster im nahen IR sollen die Instrumente VMC - das wesentliche neue Instrument an Bord - und VIRTIS bis zum Boden schauen, und auch die Funkwellen der Sonde bieten sich als improvisiertes Radar an. »Einige unserer Geologen« hoffen sogar, so Schwehm, »auch noch aktiven Vulkanismus zu finden.« [11.11.2005]

[B47] Vor Ort im ESOC am 9.11.2005 von 3:30 bis 8:30 MEZ: DF. Links: die Homepage des Venus Express, ESA Releases von 11., 10. und 9. November, eine PM der Uni Köln, Impressionen von der Launch Party und Artikel von Spacefl. Now, Planetary Soc., Astronomy, Guardian, Deutsche Welle, Discovery und Space Today. Zusätzliche Quellen: Space News vom 11.7. + AW&ST vom 1.8. + Science vom 21.10.2005 S. 10/52-3/431.


Wie Prometheus den F-Ring des Saturn kontrolliert

und insbesondere ein vorhangartiges Muster in der Randzone des kompliziert geformten äußeren Saturnrings produziert, haben jetzt Computersimulationen erhellt: Sie reproduzieren die Strukturen auf Cassini-Aufnahmen nahezu perfekt. Simple gravitative Beeinflussung der Ringteilchen durch die Schwerkraft des kleinen Mondes, der sich alle 14.7 Stunden dem Ring nähert, reicht bereits: Bei der Annäherung zieht Prometheus - deutlich sichtbar - Material aus dem Ring heraus, und aus dem entstandenen Loch wächst durch keplersche Scherung ein längerer Kanal. Bis 2009 wird Prometheus immer näher an den F-Ring heranrücken, was weitere ungewöhnliche Effekte erwarten läßt. Bei weiteren Verfeinerungen der Modellrechnungen sollen auch Kollisionen zwischen den Ringteilchen und ihre eigene Schwerkraft berücksichtigt werden: Dann kann man sich auch denProzessen widmen, die den dichteren Kern des F-Rings gestalten. [11.11.2005]

[B46] Quelle: Murray & al., Nature 437 [27.10.2005] 1326-9. Links: ein PPARC und SSI Press Releases und ein Bild. Und ein Cornell PR zum Nachweis von Gravitational Wakes in den A- und B-Ringen bei einer Sternbedeckung.

Entstehung der Wolken in Titans mittleren Breiten keineswegs klar - während erdgebundene Beobachter bei der Ausbildung kurzlebiger Wolken auf 40° Süd eine starke Konzentration auf einen bestimmten Längenbereich sehen und damit isolierte Quellen im Boden wittern (siehe Artikel B38 = Roe & al., Science 310 [21.10.2005] 477-9), sehen Beobachter auf Cassini keine klare Häufung über bestimmten Regionen und vermuten eher globale Zirkulationsmuster als treibende Kraft: Griffith & al., ibid. 474-7 + Science 21. + New Scientist 29.10.2005 S. 421/16.

Showdown für Hayabusa: Tolle Bilder, aber erster Anflug abgebrochen!
Der entscheidende Monat für die spektakuläre japanische Asteroidenmission (siehe Artikel B23 und B35) läuft: Erst gelangen perfekte Nahaufnahmen des kleinen Itokawa, die alleine schon als Riesenerfolg zu werten sind (Bild anklicken -> jede Menge mehr!) - aber dann mußte der erste von drei geplanten Anflügen am 4. November in 700 Metern Höhe abgebrochen werden, weil Hayabusa die Zielregion aus den Augen verlor. Wie es weitergehen soll, ist noch unklar, aber der Sonde selbst geht es jedenfalls gut - wahrscheinlich wird man versuchen, zweimal zu 'landen' und bei einem dieser Manöver auch MINERVA abzusetzen: ein offizieller Update und Artikel von Planetary Soc., Wash. Post, BBC und Space Today. [8.11.2005]

Mehrere extrem helle Feuerkugeln seit Ende Oktober - ein Geschenk der Tauriden?

Erst zog am 25.10. um 1:42 MESZ ein derart heller Bolide über Süddeutschland und angrenzende Länder hinweg, daß die Landschaft fast taghell erleuchtet wurde, dann gab es am 26.10. gegen 6:38 MESZ gleich noch eine sehr helle Feuerkugel über NRW und um 21:32 MESZ eine weitere wieder mehr im Süden. Auch aus anderen Ländern wird seit mehreren Wochen eine Häufung von Boliden berichtet, und zumindest teilweise können sie wohl dem Sternschnuppenstrom der Tauriden zugeschrieben werden, der im November aktiv ist. Und auf den Zerfall eines Kometenkerns zurückgeht, bei dem u.a. auch der Komet Encke entstand: Bereits 1993 war für 2005 eine besonders hohe Rate an hellen Meteoren aus dem Tauriden-Komplex vorausgesagt worden. So weit man bisher weiß, sind die großen Feuerkugeln alle in großer Höhe explodiert: Das würde zu einem kometaren Ursprung passen, und Restmasse, die die Erde erreichen könnte, ist ausgeschlossen. [5.11.2005]

[B45] Quellen: zahlreiche Postings auf diversen Mailinglisten sowie Asher & Clube, QJRAS 34 [1993] 481-511. Links: Science@NASA zu den Tauriden, Astronomie.at zum ersten Oktober-Boliden, Artikel der Anchorage Daily News und von National Geographic und umfangreiche Berichte des CENAP - zur öffentlichen Wahrnehmung des ganzen - vom 25. und 27. Oktober und 4. November.

Mehr Impakte auf der Erde als bisher gedacht? In einem sonderbaren Paper argumentieren Asher & al. (PDF, 4 Seiten), daß die Einzelfälle Apophis und Tunguska sowie die Mondmeteoriten der aufgrund astronomischer Beobachtungen eigentlich etablierten Impaktrate auf der Erde drastisch widersprächen.

Mars in Erdnähe & Opposition - mit mehreren Staubstürmen
Just in der Zeit um seine Erdnähe (69.4 Mio. km am 30.10.) und Opposition (7.11.) hat der Mars etwas zu bieten: Seit Mitte Oktober ist es mehrfach zu regionalen Staubstürmen gekommen, die bereits mit Amateurteleskopen klar abgebildet werden konnten (oben) und auch für das HST ein willkommenes Motiv darstellten (unten: dieselbe Region 2001 vs. 28.10.2005). Der dem jüngsten Sturm recht nahe lokalisierte Marsrover Opportunity spürt Abnahme der Sonnenstrahlung bereits (und ist deswegen sogar einmal zu spät aufgewacht), aber gefährlich dürfte das nicht werden: ein HST Release, ein MER Update und Artikel von Sky & Tel. (auch zur Opposition 2005 als solcher) und Space.com.

Ausgewählte Bilder sind im roten Kasten des Cosmic Mirror # 293 gelinkt, während die OAA und die MarsWatch gigantische Bildersammlungen bieten. Der helle Punkt am Nachthimmel - instruktive Grafiken zeigen die Schleifenbahn und das Wachsen des Scheibchens am Himmel - hat auch prompt wieder für UFO-Alarm gesorgt, obwohl ein Press Release von Sky & Tel. im Vorfeld international guten Anklang (großer Artikel in der WAZ z.B.) gefunden hatte: Artikel vom SF Chronicle und von der CENAP. [5.11.2005]

Schwaches Glimmen von der »Population III« aufgespürt?

Die allererste kurzlebige Sterngeneration des Universums, die aus historischen Gründen Population III genannt wird, hat sich bislang jeder direkten Beobachtung entzogen - aber das Spitzer Space Telescope könnte jetzt eine schwache und inhomogene Hintergrundstrahlung aufgespürt haben, die von ebendiesen Sternen stammen könnte. Wegen ihrer hohen Rotverschiebung sollte sie just in das Spektralfenster der Kamera IRAC (3.6 bis 8 µm) fallen, wo freilich auch jeder Menge nähergelegener Kosmos strahlt: All diese Objekte müssen erst einmal subtrahiert werden. Ob das den Spitzer-Forschern sauber genug gelungen sein kann, darüber wird bereits gestritten, doch erstere (und die Referees von Nature) sind davon überzeugt: Das klumpige Strahlungsmuster, das übrig blieb, stammt aus der Urzeit des Kosmos.

Weder eine unzureichende Subtraktion der Vordergrundquellen noch instrumentelle Probleme noch Zodiakalstaub im Planetensystem können es demnach erklären, wobei letzterer durch zwei Messungen in unterschiedlichen Jahreszeiten ausgeschlossen wird: Das Muster der infraroten Hintergrundstrahlung bleibt gleich, ebenso in verschiedenen Farbkanälen. Und ihre Eigenschaften passen zu dem, was man von der Population III erwarten würde, inklusive der räumlichen Verteilung: Die Klumpen spiegeln dann die unter dem Einfluß der Dunklen Materie entstehenden Superhaufen wieder, die damals 10 Mio. Lichtjahre massen. Die einzige Alternativerklärung, die die Autoren noch gelten lassen würden, wäre die Emission von Aktiven Galaktischen Kernen aus derselben frühen Ära. Ob sie wirklich auf das Licht der allerersten Sterne gestoßen sind, werden wohl erst IR-Teleskope der nächsten Generation wie das JWST klären können - dessen Start leider inzwischen auf frühestens 2013 gerutscht ist. [5.11.2005]

[B44] Links: ein Spitzer Press Release und Artikel von Nat'l Geogr., Guardian, Space Today und BdW.

Die erste direkte Entfernungsbestimmung der Andromeda-Galaxie, 2.5±0.1 Mio. Lichtjahre, ist mit Hilfe aufwändiger Beobachtungen eines Bedeckungsveränderlichen gelungen - das Ergebnis stimmt genau mit früheren Bestimmungen anhand von Cepheiden zusammen, die damit als Entfernungsmesser für Galaxien sicherer werden: ein Paper von Ribas & al. und ein Artikel von Astronomy.

»Wolkenschein« läßt dunkle Wolken schimmern
Die Oberflächen dichter Gas- und Staubwolken in der Galaxis glimmen im nahen Infraroten, angestrahlt vom gemeinsamen Licht zahlloser Sterne in der Umgebung - dieses bisher unbekannte Phänomen des »Cloudshine« sieht nicht nur hübsch aus, sondern läßt sich sogar zum Studium der Turbulenz in den sonst nur schwer zu durchdringenden Wolken einsetzen: Papers von Foster & Goodman und Padoan & al. und ein CfA Press Release. [5.11.2005]

Doppelnatur von Eta Carinae jetzt bewiesen?

Erst der UV-Satellit FUSE hat es möglich gemacht: Ihm scheint es 2003 gelungen zu sein, die fernultraviolette Emission eines Begleiters des berühmten Sterns Eta Carinae nachzuweisen. Damals war es - wie alle 5½ Jahre - zu einem markanten Einbruch der Röntgenstrahlung der Quelle gekommen, und ein Binärsystem gilt schon lange als die naheliegende Erklärung: Die Röntgenstrahlung entsteht dabei durch kollidierende Winde der beiden Sterne, und in einer bestimmten Phase ihres Umlaufs wird die strahlende Zone durch einen der Sterne verdeckt. FUSE sah nun zu genau diesem Zeitpunkt eine Fern-UV-Komponente des (gemeinsamen) Spektrums des mutmaßlichen Sternpaares verschwinden: Auch dies erklärt sich wohl am besten, wenn ein heißerer Partner hinter dem anderen Stern in Deckung geht. Während Eta Car A ein Luminous Blue Variable - und der bekannteste Vertreter dieser sehr massereichen Sternklasse überhaupt - ist, läßt sich über die Natur von Eta Car B trotz der FUSE-Spektren nur wenig aussagen: Auf jeden Fall aber ist es ein sehr heißer Stern, vielleicht vom Wolf-Rayet-Typ. [5.11.2005]

[B43] Quelle: Iping & al., Ap.J.L. 633 [1.11.2005] L37-40. Links: ein NASA Press Release und Artikel von Sky & Tel. und Space.com.

Sgr A* hat nur 1 AU Durchmesser, zeigen VLBA-Beobachtungen des mutmaßlichen Schwarzen Lochs im Zentrum der Milchstraße - die nächste Generation Radioteleskope könnte bereits in der Lage sein, allgemein-relativistische Effekte in unmittelbarer Umgebung des Objekts räumlich aufzulösen und den direkten Beweis zu führen, daß hier wirklich ein SL mit 3 Mio. Sonnenmassen wohnt: ein NRAO Press Release und Artikel von CSM, BdW, Telepolis und Welt.


Zwei weitere - kleine - Monde des Pluto

sind aller Wahrscheinlichkeit nach mit der Kamera ACS des Hubble Space Telescope entdeckt worden: Auch den größten erdgebundenen Teleskopen sind sie bislang entgangen, aber auf zwei neuen ACS-Bildern von diesem Mai sowie ganz schwach auf einer älteren Aufnahme von 2002 sind sie zu erkennen. Mit Helligkeiten von 23.0 und 23.4 mag. im V-Band dürften S/2005 P1 und der 25% schwächere P2 je nach Albedo (35 bis 4%) 50 bis 160 bzw. 40 bis 140 km groß sein. Und die neuen ACS-Bilder schließen weitere Monde mit mehr als 27.1 mag. (was 15 bis 20 km entspräche) in der gesamten Zone rund um den Pluto aus, in der es stabile Bahnen geben könnte.

Für eine eindeutige Bahnbestimmung reichen die beiden neuen Bilder nicht aus, aber daß es sich bei den beiden Lichtpunkten neben Pluto und dessen großem Mond Charon um heiße Pixel oder Geisterbilder oder auch um zufällig vorbeigekommene unabhängige Kuiperoids gehandelt hat, ist extrem unwahrscheinlich. Vor allem passen die Bewegung der Objekte relativ zum Pluto zwischen dem 15. und 18. Mai sowie ihre Positionen 2002 bestens zu Körpern, die in derselben Ebene wie Charon auf Kreisbahnen umlaufen: Die Bahnradien und Perioden wären dann 64'700±850 bzw. 49'400±600 km und 38.2±0.8 bzw. 25.5±0.5 Tage. »Offiziell« - und damit taufbar - werden die Himmelskörper frühestens kommenden Februar, wenn sie das HST wiederfindet. Weil das Weltraumteleskop nur noch mit zwei Gyroskopen betrieben wird, kann es nicht mehr jederzeit an jeden Ort des Himmels ausgerichtet werden, und erst nächstes Jahr erreicht die erlaubte Himmelszone wieder Pluto.

Die Mai-Beobachtungen waren (nach mehreren abgelehnten Anträgen) zur Vorbereitung der Pluto-Mission der NASA-Sonde New Horizons ermöglicht worden: Schon wird das Beobachtungsprogramm umgestrickt. Und die Theoretiker rätseln bereits, wo die beiden Monde hergekommen sind: Eine eindeutige Erklärung gibt es noch nicht. Vielleicht splitterten die Minimonde von Pluto ab, als ein gewaltiger Impakt in der Frühzeit des Sonnensystems Charon herausschlug? (Für die Entstehung der relativ kleinen Monde der größten Kuiperoids - drei der vier größten haben welche - ist das immerhin die bevorzugte Erklärung.) In diesem Fall könnte der Pluto sogar einen schwachen Ring mitbekommen haben. Oder wurden die Kleinmonde erst später eingefangen? So oder so ist der Pluto - über dessen umstrittene Natur als »vollwertiger« Planet auch dies nichts aussagt - nun das erste bekannte Objekt im Kuipergürtel mit mehr als einem Begleiter. [5.11.2005]

[B42] Quelle: Weaver & Stern, IAUC # 8625 vom 31.10.2005. Links: eine detaillierte Webseite mit allen Daten und Fakten, HST und SwRI Press Releases und Artikel von Sky & Tel., Space Today, IOTA-ES und BdW.


Ein Stern mit über 40 Sonnenmassen kollabierte nicht zu einem Schwarzen Loch

sondern zu einem Neutronenstern - obwohl sich die Theoretiker eigentlich einig waren, daß Sterne mit mehr als 25 Sonnenmassen als SL enden müssen: Diese Erkenntnis ist einem Pulsar (also Neutronenstern) zu verdanken, der in dem nur 30 Lichtjahre kleinen und jungen Sternhaufen Westerlund 1 sitzt. Dessen Sterne entstanden offensichtlich alle gleichzeitig, und es gibt noch welche mit 40 Sonnenmassen. Da nun ein Stern um so eher seinen Brennstoff verbraucht und zusammenbricht, je massereicher er ist, muß der Vorgänger des Neutronensterns - Schwarze Löcher pulsieren nicht! - eine ursprüngliche Masse von über 40 Sonnen besessen haben. Vielleicht hat er einen Großteil seiner Materie in seinem kurzen Leben als Sternwind abgegeben und ist so unter die SL-Grenze gerutscht? Da bei einem Kollaps zum Neutronenstern viel mehr Restmasse des Sterns ins interstellare Gas entweicht als bei der Bildung eines SL, hätte eine generell höhere Massengrenze gewichtige Auswirkungen auf die galaktische Chemie. [5.11.2005]

[B41] Links: ein Paper von Muno & al. und UCLA und Chandra Press Releases.

Eine zentrale Rolle akustischer Effekte bei Supernova-Explosionen sieht ein neues Modell, das allerdings bisher nur unzureichend durchgerechnet worden ist - wenn es die Neutrinos nicht schaffen, die Supernova auseinander zu treiben, wenn der Kern zum Neutronenstern kollabiert, dann schaffen es vielleicht Schallwellen von dort: ein Paper von Burrows et al. und ein Artikel von Sky & Tel.


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