Die MegaLithos News
Nr. C41-C50 vom 30.10.-25.11.2006
Aktuelle Meldungen / zum Archiv
Decadal Review-Ärger |
Telescope Array im Bau |
LOFAR im Bau |
SOFIA erst 2012 bereit? |
HST SM 4 kommt! |
Erdbahn & Evolution |
NSF Senior Review |
Dunkle Energie konstant |
M 42 ganz bunt |
Halo simuliert |
Marsige News |
50-Meter-Radioteleskop in Mexiko fertig!

Es hat 115 Mio.$ gekostet, steht auf dem 4600 m hohen Exvulkan
Sierra Negra in Mexiko und gilt als das leistungsfähigste
Radioteleskop für kurze Millimeterwellen: das Large
Millimeter Telescope (LMT), das nun nach 8-jähriger
Bauzeit fertiggestellt wurde. Zwei Jahre Tests des Instruments,
an dem u.a. auch eine deutsche Antennenfirma mitbaute,
können nun beginnen: die
Homepage und Artikel von
BBC und
DPA. [25.11.2006]
| Machbarkeitsstudie für chinesisches
Riesenradioteleskop läuft - FAST aus Artikel A40b) soll ein Mega-Arecibo mit 500 m Durchmesser werden:
Xinhua.
| |
Massig Meilensteine der Marsforschung
MRO beginnt Primärmission - MER wieder in Bewegung - MGS verschollen
Just als der Mars Reconnaissance Orbiter (MRO) Anfang
November - nach dem Ende der Sonnenkonjunktion - mit seinem
wissenschaftlichen Programm begann, ist der Kontakt zum Mars
Global Surveyor (MGS) abgerissen, der vor genau 10 Jahren
startete. Und während der Mars Exploration Rover (MER)
Opportunity bereits eine Reise entlang des Randes des
großen Kraters Victoria begonnen hat, bewegt sich auch
Spirit nach langer Winterpause wieder: Auch fast drei Jahre nach
den Landungen geht es den beiden immer noch gut, wie auch den
älteren Marsorbitern Odyssey und Mars Express.
- Am 11.9. hatte der Mars Reconnaissance Orbiter
(siehe Artikel B05, B08' und B99) nach 426
Aerobraking-Passagen durch die Marsatmosphäre und
einem Bahnmanöver seinen endgültigen Orbit von
250 x 316 km Höhe mit 2 Stunden Periode erreicht, doch
außer dem Ausfahren und Einschalten seiner Radaranlage -
erstes Echo am 19.9. - und ein paar Tests seiner Instrumente vom
29.9. bis 6.10. (u.a. wurde der MER Opportunity direkt am
Kraterrand abgelichtet; die Superkamera HiRISE machte
insgesamt 64 riesige Bilder) ging erst einmal nichts:
Während der Konjunktion des Mars mit der Sonne
herrschte Funkstille. Am 6.11. jedoch wurde HiRISE wieder
eingeschaltet, und seit dem 7.11. läuft die zunächst
auf ein Marsjahr angelegte Primary Science Phase (PSP), in der
z.B. HiRISE 1-2% der Oberfläche erfassen soll.
In den nächsten Monaten geht es neben der
Marsforschung an sich vor allem um die Landeplatzsuche
für die nächsten NASA-Lander Phoenix (Start:
3.8.2007!) und Mars Science Laboratory (2009) - aber bei
passender Gelegenheit soll auch nach den Wracks des Mars Polar
Lander und von Beagle 2 gesucht werden: Das Trümmerbild
könnte bestätigen oder widerlegen, was die
Untersuchungskommissionen mangels Telemetrie an
Unfallszenarien lediglich erraten konnten (siehe einen
Skyweek-Artikel bzw.
Artikel A19b). Mit dem MER
Spirit hat der MRO bereits probehalber kommuniziert: Auch seiner
Aufgabe als Funkrelais - das kommt nach der PSP - wird der neue
Orbiter also gerecht. Nach den neuesten Treibstoffberechungen
könnte sich der MRO bis 2018 in seinem aktuellen
niedrigen Science-Orbit halten: vier Jahre länger als noch
beim Start 2005 vorausgesagt worden war.
- Der Mars Exploration Rover Opportunity, der am
27. September den Rand des 800 Meter großen und 60 m
tiefen Impaktkraters Victoria erreicht hatte, fährt seit dem
7.11. im Uhrzeigersinn am Rand entlang: Zum einen werden dabei
die hier aufgeschlossenen Sedimente erfaßt (die ein viel
größeres Stück der Marsgeschichte umfassen
als was in Endurance zugänglich war), zum anderen eine
sichere Einfahrt gesucht, auf daß Opportunity ihnen
nähertreten kann. Das gilt als wissenschaftlich derart
reizvoll, daß der MER wahrscheinlich auch dann in den
Krater hinab geschickt werden wird, wenn es kein Entkommen
mehr gibt. Die enge Zusammenarbeit mit dem scharfsichtigen
MRO, der mit seiner Superkamera HiRISE sogar Details des
Rovers auflösen und natürlich das umliegende
Terrain in ungeahnter Schärfe beurteilen kann, hat am
3.10. quasi eine neue ra der Marsforschung eingeleitet.
Beide MER haben gerade - am 25.10. bzw. 16.11. - ihre 1000-Sol-
Marken auf der Marsoberfläche überschritten, was
1026 Erdtagen entspricht: 90 Tage war die Minimalforderung
gewesen (siehe Artikel 880), und einige
Software mußte erst auf 4-stellige Sol-Zahlen umgestellt
werden! Spirit verbrachte 204 Sols stehend auf Low Ridge, um
optimal besonnt den Winter zu überstehen, hat sich aber
am 5.11. zum ersten Mal wieder bewegt, 70 cm weit, um neues
Gestein in Reichweite seines Instrumentenarms zu bekommen.
Bald wird sich auch Spirit wieder in Bewegung setzen und zur
immer noch mysteriösen »Home Plate«
zurückkehren, wo der MER auf dem Weg zum
Winterquartier nur entlanghetzen konnte. Die
»Odometer« der beiden Rover standen übrigens
Mitte November bei 9.4 bzw. 7.0 km - und, natürlich, am
1.10. wurden ihre Missionen wieder um ein Mars- bzw. zwei
Erdjahre verlängert! Wobei das Ende
selbstverständlich jeden Tag kommen kann, wie sich nun
beim MGS zu zeigen scheint.
- Zum letzten Mal wurde ein sehr schwaches Signal des
Mars Global Surveyor am 5.11. empfangen, 42 Dezibel
unter der üblichen Stärke, ohne erkennbare
Telemetrie auf dem Träger und drei Tage nachdem der
betagte Orbiter - noch mit voller Sendeleistung - Probleme mit der
Ausrichtung seiner Solarzellen gemeldet hatte. Seither wurde
nichts mehr von ihm gehört, auch Opportunity lauschte
zweimal vergebens nach Funksignalen, und auf Bildern diverser
Kameras des MRO war der MGS nicht zu finden. Was allerdings
nicht viel zu bedeuten braucht: Vielleicht hat sich seine Bahn
durch erratische Düsenzündungen nur ein wenig
verändert, oder der MGS stand einfach ungünstig zur
Sonne, oder die Ausrichtung des MRO, mit dem es noch kaum
Erfahrungen gibt, stimmte nicht ganz (der MGS selbst hatte einst
keine Probleme, seine Mitorbiter per Telekamera
abzulichten).
Möglicherweise ist jenes Solarzellenpanel für den
Ausfall des MGS verantwortlich, daß schon beim seinem
Eintritt in den Marsorbit 1997 Sorgen machte und ein besonders
schonendes Aerobraking erzwang: Vielleicht ist dem Orbiter
einfach der Strom ausgegangen, weil das Panel in schlechter
Position klemmt? Gelegentlich wird nun noch nach Funksignalen
gelauscht, aber die NASA hat sich praktisch schon mit dem
Verlust der bislang ertragreichsten Marsmission
überhaupt abgefunden, die das Bild des Planeten
nachhaltig verändert hat: Allein über 240'000 Bilder
hat der MGS geliefert, und wie er konnte und kann kein
anderer Orbiter das globale Wettergeschehen des Mars
überwachen. Vor allem, weil er nun nicht weiter nach
Veränderungen auf der Marsoberfläche Ausschau
halten kann (siehe Artikel
B25!), wird der MGS vermißt werden, dessen Mission
just am 1.10. ein weiteres Mal verlängert worden war.
Auch von den Viking-Landern gibt es Neuigkeiten - indirekter Art,
versteht sich, 30 Jahre nach ihren Landungen: Ein ihrem
Detektor für organische Verbindungen ähnliches
Instrument wurde jetzt in mehreren irdischen Wüsten
ausprobiert, wo es sich ganz schön schwertat, Leben auf der
Erde nachzuweisen! Das bedeutet im Umkehrschluß,
daß die Interpretation der widersprüchlichen
Messungen der Bioexperimente auf den Landern noch unklarer
ist, als man bisher angenommen hatte ... [25.11.2006]
[C50] Links zu allen Themen gibt es zuhauf im roten
Kasten im Cosmic Mirror # 302.
Der Start von ExoMars wird auf 2013 verschoben, dafür dürfte der ESA-Marsrover aus Artikel A45 aber auf eine größere Rakete umziehen und mehr Nutzlast sowie
einen eigenen Relais-Orbiter mitbekommen - wenn die Finanzmittel entsprechend aufgestockt werden:
BBC.
Die detaillierteste Simulation der Bildung des
Halos der Milchstraße
verfolgte das Schicksal von 234 Millionen Testteilchen Dunkler
Materie über die gesamten 13.7 Mrd. Jahre Geschichte des
Universums, was 320'000 CPU-Stunden des stärksten
Supercomputers der NASA verbrauchte: Dabei entstanden fast
10'000 Subhalos, zehnmal mehr als bei früheren
Simulationen, und einige von ihnen zeigen wiederum
Unterstruktur. Das verschärft das »Problem der
fehlenden Satelliten«, denn rund um die Milchstraße
sind, trotz einer Flut von neuen Entdeckungen in den letzten
Jahren, erst etwa 15 Zwerggalaxien bekannt, die Simulation liefert
aber etwa 120 Subhalos vergleichbarer Masse. Stellt sich also die
Frage: In welchen dieser Dunkelmaterie-Klumpen bilden sich
sichtbare Minigalaxien und warum nur dort? Die Simulation gilt
jedenfalls als besonders zuverlässig, weil die
Anfangsbedingungen (sie startet 50 Mio. Jahre nach dem
Urknall) genau auf der neuen Analyse der WMAP-Daten der
Kosmischen Hintergrundstrahlung aus Artikel C02 basieren. [25.11.2006]
[C49] Links: ein UCSC Press
Release und ein Artikel des
New Sci.
HST & Spitzer: M 42 bunter denn je ...

Hochauflösende Bilder der zwei Satelliten mit
Wellenlängen von 430 nm bis 8 µm wurden für dieses farbenfrohe
Falschfarbenbild
des Orionnebels verwendet: Als Blau sind Farben von 430 bis 530
nm dargestellt, in Grün 600 bis 910 nm, in Orange 3.6
µm und in Rot 8 µm. Damit erscheinen heisse Gase
bläulich und warme Wolken aus PAHs rötlich,
während freistehende Sterne ins blaugrüne tendieren
und in dichtem Staub verborgene ins gelborange. [20.11.2006]
| Ein Fern-IR-Bild der LMC ist ein
Ergebnis der Himmelsdurchmusterung mit dem Satelliten Akari
(siehe Artikel B96 und
Kasten C13'), die diesen Monat fertig sein sollte:
JAXA Release.
| |
Indizien stärker: Dunkle Energie zeitlich konstant
Vielleicht steckt ja wirklich »nur« die Kosmologische
Konstante aus der Allgemeinen Relativitätstheorie hinter
der Dunklen Energie (DE), die gegenwärtig den Kosmos
beschleunigt auseinandertreibt, was immer das eigentlich
physikalisch bedeuten würde: Jede Menge neue
Ia-Supernovae hoher Rotverschiebung, die mit dem Hubble Space
Telescope entdeckt wurden, lassen die Expansionsgeschichte des
Alls vor 11 bis vor 8 Mrd. Jahren wieder etwas besser erkennen -
und zumindest bis zu einer Rotverschiebung z um 1.3
zurück, d.h. vor rund 9 Mrd. Jahren, hatte demnach die DE
inetwa dieselbe Stärke wie heute. In dieser Zeit verlangsamte
sich die Expansion des viel dichteren Alls noch, aber die DE
»schob« auch damals schon. Einige exotische
Erklärungsversuche für sie können damit
ausgeschlossen werden, aber viele sind weiter im Rennen.
Gleichwohl gestärkt sind nun aber jene Modelle, bei denen
die DE zeitlich konstant und nicht z.B. irgendwie mit der Dichte
des Alls gekoppelt ist. Aber weniger rätselhaft ist sie
deswegen noch lange nicht: Ihre just derzeit mit dem
Energiegehalt der Materie vergleichbare Stärke, die in
manch exotischem Modell die logische Folge gewesen wäre,
bleibt nun weiter ohne erkennbaren Grund.
Bereits vor zwei Jahren war mit Hilfe eines halben Dutzends sehr
ferner Supernovae ein ähnliches Ergebnis erzielt worden
(siehe Artikel 849c),
allerdings mit weit grösseren Fehlerbalken. Jetzt hat Hubble
- nach 3 Jahren Beobachtungen mit der ACS mit zusammen etwa
1/3 Jahr Belichtungszeit - bereits 23 Supernovae mit z > 1
aufgespürt (was vom Erdboden aus kaum möglich
ist), während gleichzeitig parallel die Analyse von 3 statt
einem Jahr WMAP-Messungen vorliegt (siehe Artikel C02), die in die
Gesamtauswertung mit eingeht. Nunmehr lässt sich sagen,
dass die Zustandsgleichung der DE vor 9 Mrd. Jahren bei den im
konstanten Fall zu erwartenden -1 ± ca. 45% lag
(während man das näher an der Gegenwart bereits
auf ±10% genau sagen kann). Das Verständnis der
DE ist »das grösste Problem, dem die heutige Physik
gegenübersteht« (M. Livio, STScI), und die zahlreichen
Lösungsvorschläge zerfallen in 3 Klassen: Es gibt
Kosmologische Konstante, die vermutlich mit der Vakuumenergie
zu tun hat, oder ein mysteriöses Extrafeld, das sich zeitlich
verändert, oder wir verstehen die Schwerkraft insgesamt nicht.
Die neuen HST-Ergebnisse sind konsistent mit einer
konstanten DE, die damals dieselben Eigenschaften wie heute
hatte, und zeigen zumindest klar, dass sich nicht rasant
verändert (also z.B. damals noch gar nicht existierte oder
deutlich anders war). Aber die Daten reichen bei weitem noch
lange nicht, um alle Alternativen auszuschliessen - selbst extreme
Ideen wie der Big Rip, bei dem die DE in der Zukunft dramatisch
ansteigt, lassen sich damit allein noch nicht eliminieren.
Immerhin zeigen die Detailbeobachtungen der fernen Supernovae
(bei denen auch Keck mit Spektren half), dass sie chemisch
identisch mit nahen sind und damit ihre Eichung als
Standardkerzen auch bis in den frühen Kosmos steht. Die
WFC3, die 2008 bei der letzten HST Servicing Mission eingebaut
werden wird, sollte etwa doppelt so effektiv nach fernen
Supernovae fahnden können wie die ACS, und wenn denn
doch noch etwas aus der Joint Dark Energy Mission (siehe Artikel 774) werden sollte,
3 Finalisten sind immerhin ausgesucht, dann könnten in
kurzer Zeit so viele entdeckt werden wie von Hubble in 100 Jahren.
Aber auch neue Beschleuniger wie der LHC könnten
indirekt zur Aufklärung der DE beitragen. [19.11.2006]
[C48] Quelle: NASA-Telecon am 16.11.2006.
Links: ein ausnehmend dickes Paper von
Riess & al.,
HST,
NASA und
JHU Releases and Artikel von
BBC,
Wash. Post
und Space Today.
Wie zwei kollidierende Galaxienhaufen die Existenz der
Dunklen Materie beweisen (siehe auch Artikel C34), zeigt mit viel
weniger Worten ein weiteres Paper von Clowe & al.
Eine Gravitationslinse, die zwei Bilder eines Quasars mit
22½" Abstand produziert, ist rekordverdächtig
(s.a. Artikel 804 aber
auch 819 Kurzm. 5): ein
Paper von Inada & al.
Gravitationslinsen hellen ferne Galaxien stark auf: Bei Rotverschiebungen von
2.7 und
3.1 sind
Lyman-Break-Galaxien entdeckt worden, die das
»kosmische Teleskop« um so viel heller gemacht hat,
dass sie sich nun spektroskopisch untersuchen lassen.
Einschnitte bei etablierten US-Observatorien:
Radioastronomen fühlen sich missverstanden
Die Aufgabe war unmissverständlich: Um Mittel für
Investitionen in neue Superobservatorien freizustellen, die die
US-Astronomie unbedingt will, mussten jährliche 30 Mio.$
bei den Betriebskosten bestehender Einrichtungen identifiziert
werden, die einzusparen sind. Die Senior Review der National
Science Foundation (die praktisch allein für die nicht privat
finanzierten US-Sternwarten am Boden sorgt) hat am 3.11. - um
Monate verspätet - ihren Bericht vorgelegt, mit dem die
optischen Nacht- und Sonnenastronomen insgesamt
einverstanden sind, die Radioastronomen aber nicht. Wenn keine
externen Geldquellen gefunden werden, so nämlich die
Review, sollten nach 2011 sowohl das Riesenradioteleskop von
Arecibo wie das Antennennetz des Very Long Baseline Array
dichtgemacht werden. Vor allem für den Fortbestand von
Arecibo kämpft nun lautstark die betreibende Cornell
University - die den Reviewern auch vorwirft, gar nicht kapiert zu
haben, was in Puerto Rico eigentlich passiert, nämlich auch
Ionosphären- und per Radar einmalige Planetenforschung.
Und diese beiden Communities waren nicht einmal befragt
worden. [18.11.2006]
[C47] Links: der Bericht des
Senior Review,
Reaktionen von Cornell,
NRAO,
DPS,
NOAO und
AURA
und Artikel von Cornell Daily Sun,
Ithaka Journal
und New Sci.
Zusätzliche Quelle: Nature vom 9.11.2006 S. 128.
Schwankungen der Erdbahn Triebkraft der Evolution auf 1- bis 2½-Megajahr-Skalen?
Im Auf und Ab des Lebens auf der Erde - beim Entstehen und
Aussterben von Arten und ihrer Verbreitung - sehen die
Paläontologen heute vier charakteristische Zeitskalen am
Werk: 1. eine kurze ökologische durch Klimawandel und
Wettbewerb untereinander, 2. Klimaschwankungen durch diverse
Milankovich-Zyklen wegen Schwankungen der Erdachse und
Erdbahnexzentrizität (21, 41, 100 und 400 Tsd. Jahre), 3.
das Kommen und Gehen von Arten im Rhythmus von rund 1 Mio.
Jahren und 4. die gewaltigen Faunenschnitte auf Skalen von
Jahrhundertmillionen durch globale Katastrophen. Die Statistik
des bisher unerklärten 3. Prozesses ist nun durch die
gemeinsame Analyse von 80'000 Nagetierzähnen aus
Spanien aus einem Zeitraum von 22 Mio. Jahren drastisch
verbessert worden: Periodizitäten von 1.0 und 2.4-2.5 Mio.
Jahren treten klar hervor. Und die passen gut zu längeren
Zyklen der Erdachsenneigung (1.3 Mio. Jahre) und
Bahnexzentrizität (2.4 Mio. Jahre): Die beeinflussen direkt
das Klima, und - so die Vermutung - immer beim Erreichen
bestimmter Ausschläge kommt das Leben einfach nicht
mehr mit. Die bislang mysteriöse mittlere Lebensdauer
einer Säugetierart von 2½ Mio. Jahren könnte
damit eine astronomische Erklärung gefunden haben. [17.11.2006]
[C46] Quelle: van Dam & al., Nature 443
[12.10.2006] 687-91 + xiii.
Zerbröselter Asteroid Ursache einer Sternscheibe?
Das IR-Spektrum der Scheibe um HD 69830 passt genau zu den
Trümmern eines Asteroiden des Typs P oder D, nicht
jedoch zu bekanntem Kometenstaub: ein Paper von
Lisse & al.
Erstaunlich viel Staub in einem Kugelsternhaufen,
Messier 15, deutet an, dass auch metallarme Sterne effizient
kosmischen Staub produzieren können:
Univ. Minnesota PR.
20 neue Sterne in der Nachbarschaft der Sonne hat das
RECONS-Programm aufgestöbert, alles Rote Zwerge, zu
denen 69% der Bewohner der Milchstrasse gehören: ein
NOAO Release und Artikel von
Space.com und
BdW.
Jetzt ist es amtlich: Hubble bekommt noch einmal Besuch!
Tosender Beifall um 16:08 MEZ am 31.10.2006. Soeben hat NASA-Chef
Mike Griffin in einem »agency-wide employee
meeting« am Goddard Space Flight Center in Anwesenheit
zahlreicher NASA- und Hubble-Honoratioren verkündet,
was seit Tagen eh jeder zu wissen glaubte: Es wird eine
fünfte und letzte Servicing Mission zum Hubble Space
Telescope geben, die seine Lebensdauer bis mindestens 2013
verlängern soll! Mit der Absage des Fluges durch seinen
Columbia-geschockten Vorgänger (siehe Artikel 824 bzw. A19c)
war Griffin nie einverstanden gewesen, das hatte er seit seinem Amtsantritt klar
gemacht (siehe Artikel
A60). Doch bevor der Return-to-Flight des Shuttles (zwei
Missionen) absolviert und eine gewisse Fähigkeit entwickelt war,
kleinere Schäden am Orbiter selbst zu reparieren, konnte er
kein grünes Licht geben. Als die Mission Anfang 2004
gestrichen wurde, gab es »a huge amount of
unknowns«, bittet Griffin zu bedenken. So mußten
- Methoden entwickelt werden, um im Orbit nach eventuellen
Schäden beim Start oder durch Mikrometeoriten oder
Weltraummüll zu suchen, die einen Wiedereintritt
gefährenden könnten, und man mußte
Erfahrung sammeln, wie lange solche Inspektionen dauern.
- Es war klar, daß für die Hubble-Wartung 4,
wahrscheinlich 5 EVAs nötig sein würden, und es
mußten in der Timeline genug Reserven vorhanden sein, um
im Falle gefundener Probleme zusätzliche
Spezialuntersuchungen und ggf. eine Extra-EVA für
Reparaturen einfügen zu können.
- Es mußten Techniken entwickelt werden, um kleinere
Schäden an der Orbiter-Hülle zu flicken: Die gibt es
jetzt. Wenn überhaupt kritische Schäden auftreten,
dann sind statistisch gesehen solche am wahrscheinlichsten, die
mit den heute verfügbaren Techniken (die weiter verbessert
werden) tatsächlich reparabel sind, das hätten Tests
unter simulierten Wiedereintrittsbedingungen demonstriert.
- Die Astronauten mußten in der Lage sein,
überhaupt zu allen denkbaren Reparaturstellen zu
gelangen: Der normale Robotarm des Shuttles ist nicht lang
genug, und es war nicht klar, ob dessen Verlägerung (OBSS)
stabil genug war, um Astronauten herumzutragen. Daß dies
geht, wurde beim zweiten Testflug (siehe Artikel C24) demonstriert, ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu Hubble.
- Und schließlich mußte klar sein, daß die
EVA-Timelines kurz genug und genügend
Verbrauchsgüter an Bord sein konnten, um im
schlimmsten Notfall (schwere Schäden, Reparatur
unmöglich) 25 Tage lang in der Umlaufbahn
überleben zu können: bis ein zweiter Shuttle zu Hilfe eilt.
Die Wahrscheinlichkeit, daß solch eine Rettungsmission
nötig werden würde, ist zwar extrem gering, aber, so
Griffin, »we're not gonna risk a crew«: So wird auf der
zweiten Startrampe ein leerer Shuttle bereit stehen, der nach
erfolgreicher Rückkehr des Hubble-Shuttles zur einer
regulären ISS-Mission aufbricht - oder aber seitlich am
gestrandeten Orbiter festmacht, während die Astronauten
via EVA umziehen. Die Machbarkeit einer solchen
Rettungsmission und ihre Notwendigkeit sind durchaus
umstritten: Auch einige Astronauten sprachen sich dagegen aus.
Aber für die Hubble-Mission selbst waren alle ohne
Einschränkung, wie Griffin zu berichten wußte, und
auf einer PK erklärte die designierte Crew, der Shuttle sei
2008 »much safer« als bei der letzen Hubble-Mission
2002 (und »a mission to Hubble is worth risking my life
for,« wie einer betonte).
Auf dem Meeting sprach auch die
demokratische Senatorin Barbara Mikulski, die dem HST
besonders verbunden ist. In ungewöhnlich klaren Worten
führte sie die damalige Streichung der Hubble-Mission auf
»grief and fear and apprehension« des
Griffin-Vorgängers (nicht im Publikum) zurück, der aber
anständig genug gewesen sei, auf ihre Forderung
»give us a 2nd opinion, but get it from the engineers«
einzugehen. Deren Urteil fiel eindeutig aus: Eine zeitweise
erwogene robotische Mission (siehe Artikel
936c) war unrealistisch, die Shuttlemission dagegen sinnvoll und nicht
riskanter als andere Flüge (siehe Artikel
986). Die Sicherheit der Astronauten habe natürlich
Priorität, aber Hubble habe allein letztes Jahr für 40%
aller wissenschaftlichen Entdeckungen der NASA gesorgt und sei
gerade als Motivator für die Jugend unersetzlich.
In einem Frage-und-Antwort-Block sowie auf zwei
Pressekonferenzen später am selben Tag wurden allerlei
Details der Servicing Mission bekannt, an der schon
rund ein Jahr lang in der Erwartung eines Go gearbeitet wurde. Sie
soll in 18 Monaten, im Mai 2008, stattfinden, wenn irgend
möglich bis Herbst 2008: Dann besteht noch eine 95%ige
Wahrscheinlichkeit, daß der Satellit noch lebt. Weniger
relevant sind dabei die Gyros der Lageregelung: Auch ohne einen
einzigen kann der Satellit in einem sicheren Zustand gehalten
werden. Doch wenn die 17 Jahre alten Batterien schlappmachen
(die immer dann für Strom sorgen, wenn Hubble im
Schatten der Erde fliegt), stirbt der Satellit binnen weniger Tage:
Er kühlt rapide ab, und elementare Teile der Optik drohen
sich irreparabel zu verziehen, Hubble wäre kein Präzisionsinstrument
mehr. Die Batterien erlitten nach der
letzten Servicing Mission 2002 zwei Jahre lang einen starken
Kapazitätsverlust, aber die letzten zwei Jahre blieben sie
nahezu stabil, mit rund der Hälfte der Kapiziät von
1990. Batterien sind für Ingenieure letztlich marginal
verstandene Chemieexperimente, aber es gibt Grund zu der
Hoffnung, daß sie bis mindestens 2009 durchhalten könnten.
Von den ursprünglich sechs Gyroskopen an Bord sind zwei
ausgefallen, und um die anderen zu schonen, wird derzeit in
einem 2-Gyro-Modus (statt dem normalen mit dreien) gearbeitet,
während 2 in Reserve gehalten werden: Dank cleverer
Programmierung ist trotzdem ein fast uneingeschränktes
Wissenschaftsprogramm möglich. Die Wahrscheinlichkeit
liegt bei 50%, daß dies auch im Oktober 2008 noch so
wäre, aber sicherheitshalber wird bereits an einem 1-Gyro-Modus
gearbeitet, der im Frühjahr 2007 getestet werden soll, selbst über
einen ganz ohne Gyros wird schon nachgedacht. Bei der Servicing
Mission sollen jedenfalls neben allen 6 Batterien auch alle 6 Gyros
ausgetauscht werden, dazu ein Fine Guidance Sensor und eine
Over-voltage Protection Device. Zwei neue Instrumente werden
eingebaut, die Hubble zu einem ganz neuen Observatorium - auf
der Spitze seiner Leistungsfähigkeit - machen werden.
Zudem soll versucht werden, den im August 2004 ausgefallenen
Spektrographen STIS zu reparieren, es wird an drei Stellen des
Satelliten die Wärmeisolation erneuert, und an seinem Ende
wird ein passiver Andockmechanismus installiert.
Ursprünglich war einmal geplant gewesen, bei der
Hubblemission einen Raktenmotor an Hubble zu montieren, der
den Satelliten am Ende seines Lebens gezielt in den Ozean steuern
sollte. Doch dann stellte sich heraus, daß Hubbles Bahn viel
stabiler als erwartet war (siehe Artikel A88): Man rechnet jetzt mit einem
natürlichen Absturz zwischen 2020 und 2025. Also
ließ man den Motor weg (was eine Menge Geld und Masse
sparte) und beschränkt sich auf die »Soft Capture
Device«, die übrigens aus dem Programm des
Shuttle-Nachfolgers CEV stammt: Irgendwann kann man einen Roboter
zu Hubble schicken, um es zu versenken - oder auch das CEV
selbst, das bis 2020 schließlich sogar bis zum Mond fliegen
soll. Und wer weiß, vielleicht kann man dann sogar noch
etwas Sinnvolleres mit Hubble anfangen. Noch einen Shuttleflug
zu ihm wird es aber in keinem Fall geben, auch wenn 2008 etwas
schief gehen sollte: Diese eine Mission passt ins Manifest, so Griffin,
mehr nicht, Punkt. Rund 10 Tonnen Hardware wird der Orbiter (nach
derzeitiger Planung die Discovery) zu Hubble schleppen, fünf
6-Stunden-EVAs an 5 Tagen durch zwei Teams (je ein erfahrener Astronaut und
ein Neuling) stehen an. Für den Astronauten John Grunsfeld wird es bereits
der 3. Hubble-Besuch (und der 5. Shuttleflug).
Im Prinzip unterscheidet sich die fünfte Servicing Mission
(die SM-4 heißt, weil die Nr. 3 in zwei Teile gespalten wurde)
in ihrem Ablauf wie auch ihrer technischen Komplexität
kaum von ihren Vorgängern - außer in einem Punkt:
der Reparatur von STIS. Dessen Elektronikbox ist zwar von
außen gut zugänglich, war aber definitiv nicht
dafür gedacht, im Orbit geöffnet zu werden. Genau
111 winzige Schrauben müssen gelöst werden - die
nicht gegen ein Davonschweben gesichert sind. Ein cleverer
Aufsatz mit vielen kleinen Löchern wurde deswegen
entwickelt, um einerseits dem Schraubendreher Zugang zu
lassen, andererseits aber alle Schrauben und sonstigen Kleinteile
festzuhalten (nach der Reparatur wird der Deckel durch einen
anderen ersetzt, der einfach einrastet). Eine weitere
Komplikation könnte sich auch beim Herauszerren der
defekten Plantine ergeben, die von einem Mechanismus
festgehalten wird, der wie eine chinesische Fingerfalle
funktioniert: Ein Spezialwerkzeug ist schon in der Mache, das das
Problem notfalls mit Gewalt löst. Das Training der Crew
wird nach dem Go erheblich intensiviert: Praktisch jeden Monat
geht es z.B. in den großen Wassertank, wegen der langen
Unterwasser-Sessions dauern die Vorbereitungen der SM-4 auch 18 Monate.
Rund 900 Mio.$ wird die gesamte Servicing Mission kosten,
inklusive des Shuttle-Anteils, wobei interessanterweise noch
nicht geklärt zu sein scheint, wieviel von diesem der
Wissenschaftshaushalt beisteuern soll. Aber es wird sich
lohnen, daran lassen die Hubble-Wissenschaftler keinen
Zweifel: Noch habe sich der Satellit die Grenzen seiner
Möglichkeiten gar nicht genähert, was er mit den zwei
neuen Instrumenten aber tun werde. Geht alles glatt, dann besitzt
Hubble nach der SM4 sechs voll funktionsfähige
Instrumente, die einen riesigen Aufgabenbereich abdecken.
Insbesondere wird der neue Cosmic Origins Spectrograph der
beste UV-Spektrograph aller Zeiten sein, und die Wide Field
Camera 3 das beste Gerät für
Himmelsdurchmusterungen. Und zwar lückenlos im
Spektralbereich 200 bis 1700 nm, was noch näher an die Ära
der Reionisation heranführt als das Ultra Deep Field und die
Brücke zum James Webb Space Telescope schlägt: Das soll nach
gegenwärtiger Planung bekanntlich 2013 starten, und
wenn Hubble - zur Not in speziellen Betriebsmodi - diesen
Zeitpunkt nicht nur erreicht sondern sogar noch
überschreitet, dann wären sogar die einst geplanten
Parallelbeobachtungen von 1 bis 2 Jahren wieder möglich. [2.11.2006]
[C45] Quellen: Employee Meeting + 2 Pressekonferenzen
am 31.10.2006 via NASA TV. Links: eine
NASA-Seite zur
Entscheidung, ein
Transkript der
1. PK,
NASA,
ESA,
CU Boulder
und Univ. of AZ
Press Releases (es gibt noch
viel
mehr ...) und Artikel von
Spaceflight Now,
Wash. Post,
Fla. Today,
Houston Chronicle,
Astronomy,
Sky & Tel.,
New Scientist,
BBC,
Guardian,
Space.com und
Space Today.
Umstrittener neuer Zeitplan für SOFIA: Astroforschung erst ab 2012?
Zwar hat die NASA die Streichung der fliegenden amerikanisch-deutschen
Sternwarte SOFIA (siehe Artikel B92) unter Druck der heimischen
Astronomen wie der deutschen Partner wieder
rückgängig gemacht, aber deswegen wird das
Stratospheric Observatory for Infrared Astronomy noch lange
nicht abheben: Der neue Managementplan der NASA sieht drei
Jahre währende Flugtests vor, die einige Projektveteranen
für schlicht überflüssig halten. Nun wurde
noch nie ein so großes Loch in einen Jumbojet geschnitten
wie für das 2.4-m-Teleskop SOFIAs nötig war, und mit
12 bis 14 km wird er auch höher fliegen als normal (um
möglichst wenig Wasserdampf zwischen Teleskop und
Weltraum zu haben): Das erfordere umfassende Tests, findet die
NASA, auch wenn damit noch einmal 250 bis 350 Mio.$ bis zur
Einsatzreife ausgegeben werden müssen, zusätzlich
zu den 485 Mio.$, die in den vergangenen 10 Jahren bereits in
SOFIA gesteckt wurden. Im Projekt selbst war man noch Ende
2005 von lediglich 150 Mio.$ und dem ersten echten
Forschungsflug bereits Mitte 2008 ausgegangen. So aber wird es
2008 erst vorsichtige Rundflüge mit offener Klappe geben
(nach vielen mit geschlossener 2007) und nicht vor 2010 die
ersten Testbeobachtungten; operationell wird SOFIA demnach
frühestens 2012. Ob derart umfassende Tests wirklich
nötig - oder eher ein ABM-Programm für die
neuerdings dafür zuständige und mangels
Luftfahrtforschung unterbeschäftigte Dryden Flight
Research Facility der NASA - sind, darüber wird nun
gestritten ... [2.11.2006]
[C44] Quelle: Space News vom 16.10.2006.
Links: Artikel von Sky & Tel.,
Space.com
und TechnoPolis
sowie Bilder von der
neuen Bemalung
SOFIAs und eine Managerin
zur Astronomie bei der NASA.
LOFAR nimmt Gestalt an, deutsche Erweiterung kommt - und nur noch zwei Standortkandidaten für den
Square Kilometer Array
Es ist wohl das seltsamste Radioteleskop der
Astronomiegeschichte: nicht weil sich die Komponenten des Low
Frequency Array (LOFAR) über hunderte
Quadratkilometer und mehrere Länder verteilen, das gibt es
schon lange (Very Long Baseline Array, Merlin etc.) - aber die
zahllosen Einzelantennen sehen kaum mehr wie welche aus. Und
das Meßprinzip, vorgestellt in Artikel 410, ist revolutionär: Einzelne Gruppen aus Antennen
(»Stationen«) bilden als Phased Aperture Arrays 4 bis
8 digitale Antennenkeulen, die ohne irgendwelche bewegten Teile
beliebig am Himmel platziert werden können. Und die
Stationen zusammen arbeiten als Radiointerferometer, das eine
enorme Winkelauflösung generiert. Das ehemals
internationale Projekt ist zu einem überwiegend
niederländischen geworden, nachdem die dortige Regierung
generös für die Finanzierung sorgte (siehe
Artikel 790), und so stehen
die meisten der 77 Stationen der 1. LOFAR-Phase auf
niederländischem Boden: 32 in einem Kernbereich von 2 x 3
km in der Nähe des Dorfes Exloo, der Rest auf 9
konzentrischen Ringen mit jeweils 5 Stationen.
Große Mühe hat man sich gemacht, die 77 Stationen
optimal zu verteilen, so daß sich besonders klare Radiobilder
erzeugen lassen werden: Der dichtbestückte Kernbereich
sorgt für Empfindlichkeit, die Ringe (auf denen die
Stationen so gegeneinander versetzt sind, daß quasi
Spiralarme entstehen) für Schärfe; ein Arm ragt bis
nach Norddeutschland hinein. Jede Station (die erste wurde
diesen September fertig) besteht aus zwei Antennensystemen
für 15 bis 80 und 110 bis 240 MHz, die wiederum aus jeweils
96 gekreuzten Dipolen bestehen: Für die niedrigen
Frequenzen sind es einfach aufgespannte Drähte, die
Antennen für die höheren sehen aus wie
Campingkocher. Bis Ende 2008 sollen alle 77 Stationen stehen,
die über einen eigenen Digital Beam Former und vor allem
eine ultraschnelle Datenleitung (mindestens 3 Gigabit/sec) zum
Zentralrechner verfügen, der den enormen Datenstrom
verarbeiten muß: Als die Planung für LOFAR begann,
gab es entsprechende Computer noch gar nicht, aber das
Moore'sche Gesetz (Verdopplung der Rechenpower alle 18
Monate) hat brav - in Gestalt eines IBM Blue/Gene - für
einen gesorgt. Noch während des Aufbaus werden 2008
erste Beobachtungen möglich sein, wobei die Projekte vom
Sonnensystem bis zu den fernsten Galaxien reichen.
Während die Handvoll Stationen auf deutschen Boden von
den Niederlanden selbst stammt, sind auch schon die ersten
deutschen Zusatzstationen in Arbeit, die die Basislinien LOFARs
signifikant verlängern werden: Diesen Mai hat sich das
German Long Wavelength Consortium (GLOW)
konstituiert, das für insgesamt 12 deutsche Stationen
sorgen will. Sieben sind bereits im Bau (die erste direkt neben dem
100-m-Radioteleskop in Effelsberg; First Light 2007) oder
zumindest schon finanziert, die anderen 5 werden erhofft. Eine
Station selbst kostet nur rund 500'000 Euro - die Highspeed-
Datenverbindung zum niederländischen Zentralrecher
freilich ein Vielfaches davon (wobei es immer noch preiswerter ist,
die Leitung selbst zu bauen als zu mieten). Auch in
Großbritannien, Frankreich, Italien, Polen und
Skandinavien gibt es Interesse, mit eigenen Stationen LOFAR
noch größer zu machen, so daß eines Tages ein
gesamteuropäisches Interferometer mit einer zehnmal
höheren Winkelauflösung als in der LOFAR-Phase
1entstehen dürfte, mit Gesamtkosten von rund 100 Mio.
Euro.
Das sind freilich Peanuts verglichen mit dem internationalen
Square Kilometer Array (SKA), der mit einem
vergleichbaren technologischen Ansatz aber bei kürzeren
Wellenlängen und mit ungleich aufwändigeren
Antennen bis 2020 entstehen und rund 2 Milliarden Euro kosten
soll. Schon seit weit über einem Jahrzehnt laufen die
Planungen (vgl. Artikel
942), und seit diesem September steht immerhin schon fest,
daß nur Südafrika und Australien als Standorte in
Betracht kommen: Die anderen beiden Finalisten Argentinien und
China sind ausgeschieden, weil sie jeweils ein
Schlüsselkriterium nicht erfüllen konnten, und die
USA waren schon vorher ausgestiegen (werden aber hoffentlich
im Konsortium bleiben, sonst sieht es mit der Finanzierung
düster aus; entscheidend wird dabei die nächste
Decadal Review, siehe unten).
Auch beim SKA wird es zahlreiche Stationen geben, die sich an
einem Punkt konzentrieren, während die
äußeren sogar tausende Kilometer entfernt liegen.
Sowohl die Republik Südafrika wie der Bundesstaat
Westaustralien haben bereits vorgelegt und bauen kleinere
aber hypermoderne Radioteleskope (die recht ähnlichen
Karoo Array Telescope bzw. Extended New Technology
Demonstrator) an den Idealpunkten, die sich insbesondere durch
die Freiheit von Störsignalen aller Art auszeichnen.
Über den Gewinner wird erst 2009 oder 2010 entschieden:
Bekommt Südafrika den Zuschlag, dann würde das
Zentrum in der Nördl. Kap-Provinz bei Carnarvon in der
Großen Karoo-Wüste liegen, mit den
äußersten Stationen in Ghana, Kenia und auf
Mauritius, in Westaustralien würde die Mileura-Station bei
Meekatharra die Mitte bilden, mit Stationen auf dem ganzen
Kontinent und evtl. auch Neuseeland. Zunehmend politische
Aspekte werden nun eine Rolle spielen, um zwischen den beiden
astronomisch gleichwertigen Optionen zu entscheiden; so wird
die langfristige Stabilität der
»Verhältnisse« in der RSA und ihren Nachbarn
gewiß ein Thema sein. Und in Australien hat sich auf einmal
herausgestellt, daß eine lokale Verwaltung jede Menge
Bergbauverkehr - 50 Eisenerz-Trucks pro Tag - in der
radiokritischsten Zone erlaubt hat: Schon fürchtet man um
den Zuschlag. Das genaue Design der SKA-Stationen steht noch
nicht fest, aber es werden vermutlich (auch dies analog zu LOFAR)
jeweils zahlreiche Antennen zweier unterschiedlicher Typen
verwendet werden: ein Phased Array (mit allerdings ziemlich
exotischem Design) für niedrige (100 MHz bis 1 GHz) und
ein Feld aus kleinen drehbaren Antennenschüsseln
für hohe Frequenzen (1 bis 25 GHz). Und auch hier gilt: Ein
Rechner, der mit der Datenflut fertig werden könnte, wird
erst existieren, wenn die Antennen stehen ... [30.10.2006]
[C43] Links: Papers von
Röttgering & al. und
Falcke & al. sowie ein
GLOW Press Release zu LOFAR und ein
Press Release
und The Age
zum SKA. Zusätzliche Quellen: eine SKA-Broschüre von 2005 + Science vom 18.8.2006 S.
910-2 + ein Vortrag von R. Beck im Deutschen Museum Bonn am 25.10.2006.
Kosmische Strahlung ultrahoher Energie alles Einbildung? Neue Detektoren versprechen baldige Antworten
Bald könnte die Hochenergie-Astrophysik wissen, ob eines
ihrer größten Rätsel überhaupt existiert:
die UHECR, Ultrahigh-energy Cosmic Rays mit mehr als 5 x
1019 Elektronenvolt Energie. Der japanische Akeno
Giant Air Shower Array (AGASA) scheint zwischen 1990 und
2004 ein Dutzend solcher Partikel nachgewiesen zu haben, die es
eigentlich gar nicht geben dürfte: Wechselwirkung mit der
Kosmischen Hintergrundstrahlung (»GZK-Effekt«)
würde sie nur 100 Mio. Lichtjahre weit kommen lassen, und
in diesem Radius sind keine offensichtlichen Quellen zu
entdecken. AGASA ist ein Szintillationsdetektor, der die
Einschläge Kosmischer Strahlungsteilchen in Wassertanks
direkt registriert: Die Alternative sind Fluoreszenz-Detektoren, bei
denen empfindliche Kameras nachts auf atmosphärische
Blitze lauern. Das beste derartige System ist das High Resolution
Fly's Eye in Utah - und das registrierte in den vergangenen
Jahren wesentlich weniger UHECRs. Der Widerspruch ist gewaltig
und bisher ungelöst, aber das sollte sich nun ändern:
nicht nur dank des großen Auger-Observatoriums in
Argentinien (siehe Artikel
B01a), sondern auch des Telescope Array, den Japaner (die
das meiste bezahlen) und Amerikaner derzeit gemeinsam in Utah
bauen und der wie Auger beide Nachweistechniken vereinigt.
Schon versprechen die ersten Physiker, daß Auger eine
definitive Antwort innerhalb der nächsten 6 Monate liefern
könnte und der Telescope Array in einem Jahr. [30.10.2006]
[C42] Link: Univ. of Utah Media Advisory.
Zusätzliche Quelle: New Scientist vom 14.10.2006 S. 14.
»Decadal Reviews« in der Krise: Haben die US-Astronomen den Bogen überspannt?
Einst galten sie als leuchtende Vorbilder für die
Forschungsplanung auch in anderen Sektoren und
Ländern: die Decadal Reports, die rund einmal pro
Jahrzehnt die Prioritäten für künftige
astronomiche Großprojekte in den USA festlegen. Mehrmals
ließ sich der Erfolg daran ablesen, daß ein
Großteil der Wünsche in den folgenden 10 Jahren
auch tatsächlich umgesetzt wurde - aber nun sind schon 6
Jahre seit dem letzten Decadal Report (siehe Artikel 35) vergangen, und die Realisierung
ausgerechnet der bedeutendsten Projekte ist noch immer nicht
abzusehen. Insbesondere mehrere der großen
Weltraumobservatorien sind kaum aus den Startlöchern
gekommen und teilweise gar auf unbestimmte Zeit verschoben
worden (wofür die überwiegende Schuld allerdings
beim Columbia-Unglück und der radikalen Revision der
NASA-Prioritäten liegt) - und die Kosten der meisten
Projekte hatten die Gutachter Anno 2000 z.T. überdies
drastisch unterschätzt. Jetzt wird der Ruf nach Reformen
des Review-Prozesses lauter: Zum Beispiel könnte man
generell die vielversprechendsten Forschungsfelder benennen
anstatt sich wie bisher auf konkrete Projekte und ihr Ranking
festzulegen. Vielleicht wird der Review-Prozeß auch offener
ablaufen als bisher. So oder so: Diesen Winter muß die
nächste Decadal-Review-Kommission ihre Arbeit
aufnehmen. Denn diese Papiere geben den US-Astronomen
immerhin eine gemeinsame Stimme, was die Politik sehr
begrüßt: Ohne die Reviews wäre das
alljährliche Chaos im amerikanischen Budgetprozeß
wohl noch viel größer. [30.10.2006]
[C41] Quelle: Nature vom 28.9.2006 S. 386-9.
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