Die MegaLithos News
Nr. C41-C50 vom 30.10.-25.11.2006
Aktuelle Meldungen / zum Archiv

Decadal Review-Ärger | Telescope Array im Bau | LOFAR im Bau | SOFIA erst 2012 bereit? | HST SM 4 kommt! | Erdbahn & Evolution | NSF Senior Review | Dunkle Energie konstant | M 42 ganz bunt | Halo simuliert | Marsige News |

50-Meter-Radioteleskop in Mexiko fertig!

Es hat 115 Mio.$ gekostet, steht auf dem 4600 m hohen Exvulkan Sierra Negra in Mexiko und gilt als das leistungsfähigste Radioteleskop für kurze Millimeterwellen: das Large Millimeter Telescope (LMT), das nun nach 8-jähriger Bauzeit fertiggestellt wurde. Zwei Jahre Tests des Instruments, an dem u.a. auch eine deutsche Antennenfirma mitbaute, können nun beginnen: die Homepage und Artikel von BBC und DPA. [25.11.2006]

Machbarkeitsstudie für chinesisches Riesenradioteleskop läuft - FAST aus Artikel A40b) soll ein Mega-Arecibo mit 500 m Durchmesser werden: Xinhua.

Massig Meilensteine der Marsforschung
MRO beginnt Primärmission - MER wieder in Bewegung - MGS verschollen


Just als der Mars Reconnaissance Orbiter (MRO) Anfang November - nach dem Ende der Sonnenkonjunktion - mit seinem wissenschaftlichen Programm begann, ist der Kontakt zum Mars Global Surveyor (MGS) abgerissen, der vor genau 10 Jahren startete. Und während der Mars Exploration Rover (MER) Opportunity bereits eine Reise entlang des Randes des großen Kraters Victoria begonnen hat, bewegt sich auch Spirit nach langer Winterpause wieder: Auch fast drei Jahre nach den Landungen geht es den beiden immer noch gut, wie auch den älteren Marsorbitern Odyssey und Mars Express.

  • Am 11.9. hatte der Mars Reconnaissance Orbiter (siehe Artikel B05, B08' und B99) nach 426 Aerobraking-Passagen durch die Marsatmosphäre und einem Bahnmanöver seinen endgültigen Orbit von 250 x 316 km Höhe mit 2 Stunden Periode erreicht, doch außer dem Ausfahren und Einschalten seiner Radaranlage - erstes Echo am 19.9. - und ein paar Tests seiner Instrumente vom 29.9. bis 6.10. (u.a. wurde der MER Opportunity direkt am Kraterrand abgelichtet; die Superkamera HiRISE machte insgesamt 64 riesige Bilder) ging erst einmal nichts: Während der Konjunktion des Mars mit der Sonne herrschte Funkstille. Am 6.11. jedoch wurde HiRISE wieder eingeschaltet, und seit dem 7.11. läuft die zunächst auf ein Marsjahr angelegte Primary Science Phase (PSP), in der z.B. HiRISE 1-2% der Oberfläche erfassen soll.

    In den nächsten Monaten geht es neben der Marsforschung an sich vor allem um die Landeplatzsuche für die nächsten NASA-Lander Phoenix (Start: 3.8.2007!) und Mars Science Laboratory (2009) - aber bei passender Gelegenheit soll auch nach den Wracks des Mars Polar Lander und von Beagle 2 gesucht werden: Das Trümmerbild könnte bestätigen oder widerlegen, was die Untersuchungskommissionen mangels Telemetrie an Unfallszenarien lediglich erraten konnten (siehe einen Skyweek-Artikel bzw. Artikel A19b). Mit dem MER Spirit hat der MRO bereits probehalber kommuniziert: Auch seiner Aufgabe als Funkrelais - das kommt nach der PSP - wird der neue Orbiter also gerecht. Nach den neuesten Treibstoffberechungen könnte sich der MRO bis 2018 in seinem aktuellen niedrigen Science-Orbit halten: vier Jahre länger als noch beim Start 2005 vorausgesagt worden war.

  • Der Mars Exploration Rover Opportunity, der am 27. September den Rand des 800 Meter großen und 60 m tiefen Impaktkraters Victoria erreicht hatte, fährt seit dem 7.11. im Uhrzeigersinn am Rand entlang: Zum einen werden dabei die hier aufgeschlossenen Sedimente erfaßt (die ein viel größeres Stück der Marsgeschichte umfassen als was in Endurance zugänglich war), zum anderen eine sichere Einfahrt gesucht, auf daß Opportunity ihnen nähertreten kann. Das gilt als wissenschaftlich derart reizvoll, daß der MER wahrscheinlich auch dann in den Krater hinab geschickt werden wird, wenn es kein Entkommen mehr gibt. Die enge Zusammenarbeit mit dem scharfsichtigen MRO, der mit seiner Superkamera HiRISE sogar Details des Rovers auflösen und natürlich das umliegende Terrain in ungeahnter Schärfe beurteilen kann, hat am 3.10. quasi eine neue ra der Marsforschung eingeleitet.

    Beide MER haben gerade - am 25.10. bzw. 16.11. - ihre 1000-Sol- Marken auf der Marsoberfläche überschritten, was 1026 Erdtagen entspricht: 90 Tage war die Minimalforderung gewesen (siehe Artikel 880), und einige Software mußte erst auf 4-stellige Sol-Zahlen umgestellt werden! Spirit verbrachte 204 Sols stehend auf Low Ridge, um optimal besonnt den Winter zu überstehen, hat sich aber am 5.11. zum ersten Mal wieder bewegt, 70 cm weit, um neues Gestein in Reichweite seines Instrumentenarms zu bekommen. Bald wird sich auch Spirit wieder in Bewegung setzen und zur immer noch mysteriösen »Home Plate« zurückkehren, wo der MER auf dem Weg zum Winterquartier nur entlanghetzen konnte. Die »Odometer« der beiden Rover standen übrigens Mitte November bei 9.4 bzw. 7.0 km - und, natürlich, am 1.10. wurden ihre Missionen wieder um ein Mars- bzw. zwei Erdjahre verlängert! Wobei das Ende selbstverständlich jeden Tag kommen kann, wie sich nun beim MGS zu zeigen scheint.

  • Zum letzten Mal wurde ein sehr schwaches Signal des Mars Global Surveyor am 5.11. empfangen, 42 Dezibel unter der üblichen Stärke, ohne erkennbare Telemetrie auf dem Träger und drei Tage nachdem der betagte Orbiter - noch mit voller Sendeleistung - Probleme mit der Ausrichtung seiner Solarzellen gemeldet hatte. Seither wurde nichts mehr von ihm gehört, auch Opportunity lauschte zweimal vergebens nach Funksignalen, und auf Bildern diverser Kameras des MRO war der MGS nicht zu finden. Was allerdings nicht viel zu bedeuten braucht: Vielleicht hat sich seine Bahn durch erratische Düsenzündungen nur ein wenig verändert, oder der MGS stand einfach ungünstig zur Sonne, oder die Ausrichtung des MRO, mit dem es noch kaum Erfahrungen gibt, stimmte nicht ganz (der MGS selbst hatte einst keine Probleme, seine Mitorbiter per Telekamera abzulichten).

    Möglicherweise ist jenes Solarzellenpanel für den Ausfall des MGS verantwortlich, daß schon beim seinem Eintritt in den Marsorbit 1997 Sorgen machte und ein besonders schonendes Aerobraking erzwang: Vielleicht ist dem Orbiter einfach der Strom ausgegangen, weil das Panel in schlechter Position klemmt? Gelegentlich wird nun noch nach Funksignalen gelauscht, aber die NASA hat sich praktisch schon mit dem Verlust der bislang ertragreichsten Marsmission überhaupt abgefunden, die das Bild des Planeten nachhaltig verändert hat: Allein über 240'000 Bilder hat der MGS geliefert, und wie er konnte und kann kein anderer Orbiter das globale Wettergeschehen des Mars überwachen. Vor allem, weil er nun nicht weiter nach Veränderungen auf der Marsoberfläche Ausschau halten kann (siehe Artikel B25!), wird der MGS vermißt werden, dessen Mission just am 1.10. ein weiteres Mal verlängert worden war.
Auch von den Viking-Landern gibt es Neuigkeiten - indirekter Art, versteht sich, 30 Jahre nach ihren Landungen: Ein ihrem Detektor für organische Verbindungen ähnliches Instrument wurde jetzt in mehreren irdischen Wüsten ausprobiert, wo es sich ganz schön schwertat, Leben auf der Erde nachzuweisen! Das bedeutet im Umkehrschluß, daß die Interpretation der widersprüchlichen Messungen der Bioexperimente auf den Landern noch unklarer ist, als man bisher angenommen hatte ... [25.11.2006]

[C50] Links zu allen Themen gibt es zuhauf im roten Kasten im Cosmic Mirror # 302.

Der Start von ExoMars wird auf 2013 verschoben, dafür dürfte der ESA-Marsrover aus Artikel A45 aber auf eine größere Rakete umziehen und mehr Nutzlast sowie einen eigenen Relais-Orbiter mitbekommen - wenn die Finanzmittel entsprechend aufgestockt werden: BBC.


Die detaillierteste Simulation der Bildung des Halos der Milchstraße

verfolgte das Schicksal von 234 Millionen Testteilchen Dunkler Materie über die gesamten 13.7 Mrd. Jahre Geschichte des Universums, was 320'000 CPU-Stunden des stärksten Supercomputers der NASA verbrauchte: Dabei entstanden fast 10'000 Subhalos, zehnmal mehr als bei früheren Simulationen, und einige von ihnen zeigen wiederum Unterstruktur. Das verschärft das »Problem der fehlenden Satelliten«, denn rund um die Milchstraße sind, trotz einer Flut von neuen Entdeckungen in den letzten Jahren, erst etwa 15 Zwerggalaxien bekannt, die Simulation liefert aber etwa 120 Subhalos vergleichbarer Masse. Stellt sich also die Frage: In welchen dieser Dunkelmaterie-Klumpen bilden sich sichtbare Minigalaxien und warum nur dort? Die Simulation gilt jedenfalls als besonders zuverlässig, weil die Anfangsbedingungen (sie startet 50 Mio. Jahre nach dem Urknall) genau auf der neuen Analyse der WMAP-Daten der Kosmischen Hintergrundstrahlung aus Artikel C02 basieren. [25.11.2006]

[C49] Links: ein UCSC Press Release und ein Artikel des New Sci.

HST & Spitzer: M 42 bunter denn je ...

Hochauflösende Bilder der zwei Satelliten mit Wellenlängen von 430 nm bis 8 µm wurden für dieses farbenfrohe Falschfarbenbild des Orionnebels verwendet: Als Blau sind Farben von 430 bis 530 nm dargestellt, in Grün 600 bis 910 nm, in Orange 3.6 µm und in Rot 8 µm. Damit erscheinen heisse Gase bläulich und warme Wolken aus PAHs rötlich, während freistehende Sterne ins blaugrüne tendieren und in dichtem Staub verborgene ins gelborange. [20.11.2006]

Ein Fern-IR-Bild der LMC ist ein Ergebnis der Himmelsdurchmusterung mit dem Satelliten Akari (siehe Artikel B96 und Kasten C13'), die diesen Monat fertig sein sollte: JAXA Release.

Indizien stärker: Dunkle Energie zeitlich konstant

Vielleicht steckt ja wirklich »nur« die Kosmologische Konstante aus der Allgemeinen Relativitätstheorie hinter der Dunklen Energie (DE), die gegenwärtig den Kosmos beschleunigt auseinandertreibt, was immer das eigentlich physikalisch bedeuten würde: Jede Menge neue Ia-Supernovae hoher Rotverschiebung, die mit dem Hubble Space Telescope entdeckt wurden, lassen die Expansionsgeschichte des Alls vor 11 bis vor 8 Mrd. Jahren wieder etwas besser erkennen - und zumindest bis zu einer Rotverschiebung z um 1.3 zurück, d.h. vor rund 9 Mrd. Jahren, hatte demnach die DE inetwa dieselbe Stärke wie heute. In dieser Zeit verlangsamte sich die Expansion des viel dichteren Alls noch, aber die DE »schob« auch damals schon. Einige exotische Erklärungsversuche für sie können damit ausgeschlossen werden, aber viele sind weiter im Rennen. Gleichwohl gestärkt sind nun aber jene Modelle, bei denen die DE zeitlich konstant und nicht z.B. irgendwie mit der Dichte des Alls gekoppelt ist. Aber weniger rätselhaft ist sie deswegen noch lange nicht: Ihre just derzeit mit dem Energiegehalt der Materie vergleichbare Stärke, die in manch exotischem Modell die logische Folge gewesen wäre, bleibt nun weiter ohne erkennbaren Grund.

Bereits vor zwei Jahren war mit Hilfe eines halben Dutzends sehr ferner Supernovae ein ähnliches Ergebnis erzielt worden (siehe Artikel 849c), allerdings mit weit grösseren Fehlerbalken. Jetzt hat Hubble - nach 3 Jahren Beobachtungen mit der ACS mit zusammen etwa 1/3 Jahr Belichtungszeit - bereits 23 Supernovae mit z > 1 aufgespürt (was vom Erdboden aus kaum möglich ist), während gleichzeitig parallel die Analyse von 3 statt einem Jahr WMAP-Messungen vorliegt (siehe Artikel C02), die in die Gesamtauswertung mit eingeht. Nunmehr lässt sich sagen, dass die Zustandsgleichung der DE vor 9 Mrd. Jahren bei den im konstanten Fall zu erwartenden -1 ± ca. 45% lag (während man das näher an der Gegenwart bereits auf ±10% genau sagen kann). Das Verständnis der DE ist »das grösste Problem, dem die heutige Physik gegenübersteht« (M. Livio, STScI), und die zahlreichen Lösungsvorschläge zerfallen in 3 Klassen: Es gibt Kosmologische Konstante, die vermutlich mit der Vakuumenergie zu tun hat, oder ein mysteriöses Extrafeld, das sich zeitlich verändert, oder wir verstehen die Schwerkraft insgesamt nicht.

Die neuen HST-Ergebnisse sind konsistent mit einer konstanten DE, die damals dieselben Eigenschaften wie heute hatte, und zeigen zumindest klar, dass sich nicht rasant verändert (also z.B. damals noch gar nicht existierte oder deutlich anders war). Aber die Daten reichen bei weitem noch lange nicht, um alle Alternativen auszuschliessen - selbst extreme Ideen wie der Big Rip, bei dem die DE in der Zukunft dramatisch ansteigt, lassen sich damit allein noch nicht eliminieren. Immerhin zeigen die Detailbeobachtungen der fernen Supernovae (bei denen auch Keck mit Spektren half), dass sie chemisch identisch mit nahen sind und damit ihre Eichung als Standardkerzen auch bis in den frühen Kosmos steht. Die WFC3, die 2008 bei der letzten HST Servicing Mission eingebaut werden wird, sollte etwa doppelt so effektiv nach fernen Supernovae fahnden können wie die ACS, und wenn denn doch noch etwas aus der Joint Dark Energy Mission (siehe Artikel 774) werden sollte, 3 Finalisten sind immerhin ausgesucht, dann könnten in kurzer Zeit so viele entdeckt werden wie von Hubble in 100 Jahren. Aber auch neue Beschleuniger wie der LHC könnten indirekt zur Aufklärung der DE beitragen. [19.11.2006]

[C48] Quelle: NASA-Telecon am 16.11.2006. Links: ein ausnehmend dickes Paper von Riess & al., HST, NASA und JHU Releases and Artikel von BBC, Wash. Post und Space Today.

Wie zwei kollidierende Galaxienhaufen die Existenz der Dunklen Materie beweisen (siehe auch Artikel C34), zeigt mit viel weniger Worten ein weiteres Paper von Clowe & al.

Eine Gravitationslinse, die zwei Bilder eines Quasars mit 22½" Abstand produziert, ist rekordverdächtig (s.a. Artikel 804 aber auch 819 Kurzm. 5): ein Paper von Inada & al.

Gravitationslinsen hellen ferne Galaxien stark auf: Bei Rotverschiebungen von 2.7 und 3.1 sind Lyman-Break-Galaxien entdeckt worden, die das »kosmische Teleskop« um so viel heller gemacht hat, dass sie sich nun spektroskopisch untersuchen lassen.


Einschnitte bei etablierten US-Observatorien: Radioastronomen fühlen sich missverstanden

Die Aufgabe war unmissverständlich: Um Mittel für Investitionen in neue Superobservatorien freizustellen, die die US-Astronomie unbedingt will, mussten jährliche 30 Mio.$ bei den Betriebskosten bestehender Einrichtungen identifiziert werden, die einzusparen sind. Die Senior Review der National Science Foundation (die praktisch allein für die nicht privat finanzierten US-Sternwarten am Boden sorgt) hat am 3.11. - um Monate verspätet - ihren Bericht vorgelegt, mit dem die optischen Nacht- und Sonnenastronomen insgesamt einverstanden sind, die Radioastronomen aber nicht. Wenn keine externen Geldquellen gefunden werden, so nämlich die Review, sollten nach 2011 sowohl das Riesenradioteleskop von Arecibo wie das Antennennetz des Very Long Baseline Array dichtgemacht werden. Vor allem für den Fortbestand von Arecibo kämpft nun lautstark die betreibende Cornell University - die den Reviewern auch vorwirft, gar nicht kapiert zu haben, was in Puerto Rico eigentlich passiert, nämlich auch Ionosphären- und per Radar einmalige Planetenforschung. Und diese beiden Communities waren nicht einmal befragt worden. [18.11.2006]

[C47] Links: der Bericht des Senior Review, Reaktionen von Cornell, NRAO, DPS, NOAO und AURA und Artikel von Cornell Daily Sun, Ithaka Journal und New Sci. Zusätzliche Quelle: Nature vom 9.11.2006 S. 128.


Schwankungen der Erdbahn Triebkraft der Evolution auf 1- bis 2½-Megajahr-Skalen?

Im Auf und Ab des Lebens auf der Erde - beim Entstehen und Aussterben von Arten und ihrer Verbreitung - sehen die Paläontologen heute vier charakteristische Zeitskalen am Werk: 1. eine kurze ökologische durch Klimawandel und Wettbewerb untereinander, 2. Klimaschwankungen durch diverse Milankovich-Zyklen wegen Schwankungen der Erdachse und Erdbahnexzentrizität (21, 41, 100 und 400 Tsd. Jahre), 3. das Kommen und Gehen von Arten im Rhythmus von rund 1 Mio. Jahren und 4. die gewaltigen Faunenschnitte auf Skalen von Jahrhundertmillionen durch globale Katastrophen. Die Statistik des bisher unerklärten 3. Prozesses ist nun durch die gemeinsame Analyse von 80'000 Nagetierzähnen aus Spanien aus einem Zeitraum von 22 Mio. Jahren drastisch verbessert worden: Periodizitäten von 1.0 und 2.4-2.5 Mio. Jahren treten klar hervor. Und die passen gut zu längeren Zyklen der Erdachsenneigung (1.3 Mio. Jahre) und Bahnexzentrizität (2.4 Mio. Jahre): Die beeinflussen direkt das Klima, und - so die Vermutung - immer beim Erreichen bestimmter Ausschläge kommt das Leben einfach nicht mehr mit. Die bislang mysteriöse mittlere Lebensdauer einer Säugetierart von 2½ Mio. Jahren könnte damit eine astronomische Erklärung gefunden haben. [17.11.2006]

[C46] Quelle: van Dam & al., Nature 443 [12.10.2006] 687-91 + xiii.

Zerbröselter Asteroid Ursache einer Sternscheibe? Das IR-Spektrum der Scheibe um HD 69830 passt genau zu den Trümmern eines Asteroiden des Typs P oder D, nicht jedoch zu bekanntem Kometenstaub: ein Paper von Lisse & al.

Erstaunlich viel Staub in einem Kugelsternhaufen, Messier 15, deutet an, dass auch metallarme Sterne effizient kosmischen Staub produzieren können: Univ. Minnesota PR.

20 neue Sterne in der Nachbarschaft der Sonne hat das RECONS-Programm aufgestöbert, alles Rote Zwerge, zu denen 69% der Bewohner der Milchstrasse gehören: ein NOAO Release und Artikel von Space.com und BdW.


Jetzt ist es amtlich: Hubble bekommt noch einmal Besuch!

Tosender Beifall um 16:08 MEZ am 31.10.2006. Soeben hat NASA-Chef Mike Griffin in einem »agency-wide employee meeting« am Goddard Space Flight Center in Anwesenheit zahlreicher NASA- und Hubble-Honoratioren verkündet, was seit Tagen eh jeder zu wissen glaubte: Es wird eine fünfte und letzte Servicing Mission zum Hubble Space Telescope geben, die seine Lebensdauer bis mindestens 2013 verlängern soll! Mit der Absage des Fluges durch seinen Columbia-geschockten Vorgänger (siehe Artikel 824 bzw. A19c) war Griffin nie einverstanden gewesen, das hatte er seit seinem Amtsantritt klar gemacht (siehe Artikel A60). Doch bevor der Return-to-Flight des Shuttles (zwei Missionen) absolviert und eine gewisse Fähigkeit entwickelt war, kleinere Schäden am Orbiter selbst zu reparieren, konnte er kein grünes Licht geben. Als die Mission Anfang 2004 gestrichen wurde, gab es »a huge amount of unknowns«, bittet Griffin zu bedenken. So mußten

  • Methoden entwickelt werden, um im Orbit nach eventuellen Schäden beim Start oder durch Mikrometeoriten oder Weltraummüll zu suchen, die einen Wiedereintritt gefährenden könnten, und man mußte Erfahrung sammeln, wie lange solche Inspektionen dauern.

  • Es war klar, daß für die Hubble-Wartung 4, wahrscheinlich 5 EVAs nötig sein würden, und es mußten in der Timeline genug Reserven vorhanden sein, um im Falle gefundener Probleme zusätzliche Spezialuntersuchungen und ggf. eine Extra-EVA für Reparaturen einfügen zu können.

  • Es mußten Techniken entwickelt werden, um kleinere Schäden an der Orbiter-Hülle zu flicken: Die gibt es jetzt. Wenn überhaupt kritische Schäden auftreten, dann sind statistisch gesehen solche am wahrscheinlichsten, die mit den heute verfügbaren Techniken (die weiter verbessert werden) tatsächlich reparabel sind, das hätten Tests unter simulierten Wiedereintrittsbedingungen demonstriert.

  • Die Astronauten mußten in der Lage sein, überhaupt zu allen denkbaren Reparaturstellen zu gelangen: Der normale Robotarm des Shuttles ist nicht lang genug, und es war nicht klar, ob dessen Verlägerung (OBSS) stabil genug war, um Astronauten herumzutragen. Daß dies geht, wurde beim zweiten Testflug (siehe Artikel C24) demonstriert, ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu Hubble.

  • Und schließlich mußte klar sein, daß die EVA-Timelines kurz genug und genügend Verbrauchsgüter an Bord sein konnten, um im schlimmsten Notfall (schwere Schäden, Reparatur unmöglich) 25 Tage lang in der Umlaufbahn überleben zu können: bis ein zweiter Shuttle zu Hilfe eilt.
Die Wahrscheinlichkeit, daß solch eine Rettungsmission nötig werden würde, ist zwar extrem gering, aber, so Griffin, »we're not gonna risk a crew«: So wird auf der zweiten Startrampe ein leerer Shuttle bereit stehen, der nach erfolgreicher Rückkehr des Hubble-Shuttles zur einer regulären ISS-Mission aufbricht - oder aber seitlich am gestrandeten Orbiter festmacht, während die Astronauten via EVA umziehen. Die Machbarkeit einer solchen Rettungsmission und ihre Notwendigkeit sind durchaus umstritten: Auch einige Astronauten sprachen sich dagegen aus. Aber für die Hubble-Mission selbst waren alle ohne Einschränkung, wie Griffin zu berichten wußte, und auf einer PK erklärte die designierte Crew, der Shuttle sei 2008 »much safer« als bei der letzen Hubble-Mission 2002 (und »a mission to Hubble is worth risking my life for,« wie einer betonte).

Auf dem Meeting sprach auch die demokratische Senatorin Barbara Mikulski, die dem HST besonders verbunden ist. In ungewöhnlich klaren Worten führte sie die damalige Streichung der Hubble-Mission auf »grief and fear and apprehension« des Griffin-Vorgängers (nicht im Publikum) zurück, der aber anständig genug gewesen sei, auf ihre Forderung »give us a 2nd opinion, but get it from the engineers« einzugehen. Deren Urteil fiel eindeutig aus: Eine zeitweise erwogene robotische Mission (siehe Artikel 936c) war unrealistisch, die Shuttlemission dagegen sinnvoll und nicht riskanter als andere Flüge (siehe Artikel 986). Die Sicherheit der Astronauten habe natürlich Priorität, aber Hubble habe allein letztes Jahr für 40% aller wissenschaftlichen Entdeckungen der NASA gesorgt und sei gerade als Motivator für die Jugend unersetzlich.

In einem Frage-und-Antwort-Block sowie auf zwei Pressekonferenzen später am selben Tag wurden allerlei Details der Servicing Mission bekannt, an der schon rund ein Jahr lang in der Erwartung eines Go gearbeitet wurde. Sie soll in 18 Monaten, im Mai 2008, stattfinden, wenn irgend möglich bis Herbst 2008: Dann besteht noch eine 95%ige Wahrscheinlichkeit, daß der Satellit noch lebt. Weniger relevant sind dabei die Gyros der Lageregelung: Auch ohne einen einzigen kann der Satellit in einem sicheren Zustand gehalten werden. Doch wenn die 17 Jahre alten Batterien schlappmachen (die immer dann für Strom sorgen, wenn Hubble im Schatten der Erde fliegt), stirbt der Satellit binnen weniger Tage: Er kühlt rapide ab, und elementare Teile der Optik drohen sich irreparabel zu verziehen, Hubble wäre kein Präzisionsinstrument mehr. Die Batterien erlitten nach der letzten Servicing Mission 2002 zwei Jahre lang einen starken Kapazitätsverlust, aber die letzten zwei Jahre blieben sie nahezu stabil, mit rund der Hälfte der Kapiziät von 1990. Batterien sind für Ingenieure letztlich marginal verstandene Chemieexperimente, aber es gibt Grund zu der Hoffnung, daß sie bis mindestens 2009 durchhalten könnten.

Von den ursprünglich sechs Gyroskopen an Bord sind zwei ausgefallen, und um die anderen zu schonen, wird derzeit in einem 2-Gyro-Modus (statt dem normalen mit dreien) gearbeitet, während 2 in Reserve gehalten werden: Dank cleverer Programmierung ist trotzdem ein fast uneingeschränktes Wissenschaftsprogramm möglich. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 50%, daß dies auch im Oktober 2008 noch so wäre, aber sicherheitshalber wird bereits an einem 1-Gyro-Modus gearbeitet, der im Frühjahr 2007 getestet werden soll, selbst über einen ganz ohne Gyros wird schon nachgedacht. Bei der Servicing Mission sollen jedenfalls neben allen 6 Batterien auch alle 6 Gyros ausgetauscht werden, dazu ein Fine Guidance Sensor und eine Over-voltage Protection Device. Zwei neue Instrumente werden eingebaut, die Hubble zu einem ganz neuen Observatorium - auf der Spitze seiner Leistungsfähigkeit - machen werden. Zudem soll versucht werden, den im August 2004 ausgefallenen Spektrographen STIS zu reparieren, es wird an drei Stellen des Satelliten die Wärmeisolation erneuert, und an seinem Ende wird ein passiver Andockmechanismus installiert.

Ursprünglich war einmal geplant gewesen, bei der Hubblemission einen Raktenmotor an Hubble zu montieren, der den Satelliten am Ende seines Lebens gezielt in den Ozean steuern sollte. Doch dann stellte sich heraus, daß Hubbles Bahn viel stabiler als erwartet war (siehe Artikel A88): Man rechnet jetzt mit einem natürlichen Absturz zwischen 2020 und 2025. Also ließ man den Motor weg (was eine Menge Geld und Masse sparte) und beschränkt sich auf die »Soft Capture Device«, die übrigens aus dem Programm des Shuttle-Nachfolgers CEV stammt: Irgendwann kann man einen Roboter zu Hubble schicken, um es zu versenken - oder auch das CEV selbst, das bis 2020 schließlich sogar bis zum Mond fliegen soll. Und wer weiß, vielleicht kann man dann sogar noch etwas Sinnvolleres mit Hubble anfangen. Noch einen Shuttleflug zu ihm wird es aber in keinem Fall geben, auch wenn 2008 etwas schief gehen sollte: Diese eine Mission passt ins Manifest, so Griffin, mehr nicht, Punkt. Rund 10 Tonnen Hardware wird der Orbiter (nach derzeitiger Planung die Discovery) zu Hubble schleppen, fünf 6-Stunden-EVAs an 5 Tagen durch zwei Teams (je ein erfahrener Astronaut und ein Neuling) stehen an. Für den Astronauten John Grunsfeld wird es bereits der 3. Hubble-Besuch (und der 5. Shuttleflug).

Im Prinzip unterscheidet sich die fünfte Servicing Mission (die SM-4 heißt, weil die Nr. 3 in zwei Teile gespalten wurde) in ihrem Ablauf wie auch ihrer technischen Komplexität kaum von ihren Vorgängern - außer in einem Punkt: der Reparatur von STIS. Dessen Elektronikbox ist zwar von außen gut zugänglich, war aber definitiv nicht dafür gedacht, im Orbit geöffnet zu werden. Genau 111 winzige Schrauben müssen gelöst werden - die nicht gegen ein Davonschweben gesichert sind. Ein cleverer Aufsatz mit vielen kleinen Löchern wurde deswegen entwickelt, um einerseits dem Schraubendreher Zugang zu lassen, andererseits aber alle Schrauben und sonstigen Kleinteile festzuhalten (nach der Reparatur wird der Deckel durch einen anderen ersetzt, der einfach einrastet). Eine weitere Komplikation könnte sich auch beim Herauszerren der defekten Plantine ergeben, die von einem Mechanismus festgehalten wird, der wie eine chinesische Fingerfalle funktioniert: Ein Spezialwerkzeug ist schon in der Mache, das das Problem notfalls mit Gewalt löst. Das Training der Crew wird nach dem Go erheblich intensiviert: Praktisch jeden Monat geht es z.B. in den großen Wassertank, wegen der langen Unterwasser-Sessions dauern die Vorbereitungen der SM-4 auch 18 Monate.

Rund 900 Mio.$ wird die gesamte Servicing Mission kosten, inklusive des Shuttle-Anteils, wobei interessanterweise noch nicht geklärt zu sein scheint, wieviel von diesem der Wissenschaftshaushalt beisteuern soll. Aber es wird sich lohnen, daran lassen die Hubble-Wissenschaftler keinen Zweifel: Noch habe sich der Satellit die Grenzen seiner Möglichkeiten gar nicht genähert, was er mit den zwei neuen Instrumenten aber tun werde. Geht alles glatt, dann besitzt Hubble nach der SM4 sechs voll funktionsfähige Instrumente, die einen riesigen Aufgabenbereich abdecken. Insbesondere wird der neue Cosmic Origins Spectrograph der beste UV-Spektrograph aller Zeiten sein, und die Wide Field Camera 3 das beste Gerät für Himmelsdurchmusterungen. Und zwar lückenlos im Spektralbereich 200 bis 1700 nm, was noch näher an die Ära der Reionisation heranführt als das Ultra Deep Field und die Brücke zum James Webb Space Telescope schlägt: Das soll nach gegenwärtiger Planung bekanntlich 2013 starten, und wenn Hubble - zur Not in speziellen Betriebsmodi - diesen Zeitpunkt nicht nur erreicht sondern sogar noch überschreitet, dann wären sogar die einst geplanten Parallelbeobachtungen von 1 bis 2 Jahren wieder möglich. [2.11.2006]

[C45] Quellen: Employee Meeting + 2 Pressekonferenzen am 31.10.2006 via NASA TV. Links: eine NASA-Seite zur Entscheidung, ein Transkript der 1. PK, NASA, ESA, CU Boulder und Univ. of AZ Press Releases (es gibt noch viel mehr ...) und Artikel von Spaceflight Now, Wash. Post, Fla. Today, Houston Chronicle, Astronomy, Sky & Tel., New Scientist, BBC, Guardian, Space.com und Space Today.


Umstrittener neuer Zeitplan für SOFIA: Astroforschung erst ab 2012?

Zwar hat die NASA die Streichung der fliegenden amerikanisch-deutschen Sternwarte SOFIA (siehe Artikel B92) unter Druck der heimischen Astronomen wie der deutschen Partner wieder rückgängig gemacht, aber deswegen wird das Stratospheric Observatory for Infrared Astronomy noch lange nicht abheben: Der neue Managementplan der NASA sieht drei Jahre währende Flugtests vor, die einige Projektveteranen für schlicht überflüssig halten. Nun wurde noch nie ein so großes Loch in einen Jumbojet geschnitten wie für das 2.4-m-Teleskop SOFIAs nötig war, und mit 12 bis 14 km wird er auch höher fliegen als normal (um möglichst wenig Wasserdampf zwischen Teleskop und Weltraum zu haben): Das erfordere umfassende Tests, findet die NASA, auch wenn damit noch einmal 250 bis 350 Mio.$ bis zur Einsatzreife ausgegeben werden müssen, zusätzlich zu den 485 Mio.$, die in den vergangenen 10 Jahren bereits in SOFIA gesteckt wurden. Im Projekt selbst war man noch Ende 2005 von lediglich 150 Mio.$ und dem ersten echten Forschungsflug bereits Mitte 2008 ausgegangen. So aber wird es 2008 erst vorsichtige Rundflüge mit offener Klappe geben (nach vielen mit geschlossener 2007) und nicht vor 2010 die ersten Testbeobachtungten; operationell wird SOFIA demnach frühestens 2012. Ob derart umfassende Tests wirklich nötig - oder eher ein ABM-Programm für die neuerdings dafür zuständige und mangels Luftfahrtforschung unterbeschäftigte Dryden Flight Research Facility der NASA - sind, darüber wird nun gestritten ... [2.11.2006]

[C44] Quelle: Space News vom 16.10.2006. Links: Artikel von Sky & Tel., Space.com und TechnoPolis sowie Bilder von der neuen Bemalung SOFIAs und eine Managerin zur Astronomie bei der NASA.


LOFAR nimmt Gestalt an, deutsche Erweiterung kommt - und nur noch zwei Standortkandidaten für den Square Kilometer Array

Es ist wohl das seltsamste Radioteleskop der Astronomiegeschichte: nicht weil sich die Komponenten des Low Frequency Array (LOFAR) über hunderte Quadratkilometer und mehrere Länder verteilen, das gibt es schon lange (Very Long Baseline Array, Merlin etc.) - aber die zahllosen Einzelantennen sehen kaum mehr wie welche aus. Und das Meßprinzip, vorgestellt in Artikel 410, ist revolutionär: Einzelne Gruppen aus Antennen (»Stationen«) bilden als Phased Aperture Arrays 4 bis 8 digitale Antennenkeulen, die ohne irgendwelche bewegten Teile beliebig am Himmel platziert werden können. Und die Stationen zusammen arbeiten als Radiointerferometer, das eine enorme Winkelauflösung generiert. Das ehemals internationale Projekt ist zu einem überwiegend niederländischen geworden, nachdem die dortige Regierung generös für die Finanzierung sorgte (siehe Artikel 790), und so stehen die meisten der 77 Stationen der 1. LOFAR-Phase auf niederländischem Boden: 32 in einem Kernbereich von 2 x 3 km in der Nähe des Dorfes Exloo, der Rest auf 9 konzentrischen Ringen mit jeweils 5 Stationen.

Große Mühe hat man sich gemacht, die 77 Stationen optimal zu verteilen, so daß sich besonders klare Radiobilder erzeugen lassen werden: Der dichtbestückte Kernbereich sorgt für Empfindlichkeit, die Ringe (auf denen die Stationen so gegeneinander versetzt sind, daß quasi Spiralarme entstehen) für Schärfe; ein Arm ragt bis nach Norddeutschland hinein. Jede Station (die erste wurde diesen September fertig) besteht aus zwei Antennensystemen für 15 bis 80 und 110 bis 240 MHz, die wiederum aus jeweils 96 gekreuzten Dipolen bestehen: Für die niedrigen Frequenzen sind es einfach aufgespannte Drähte, die Antennen für die höheren sehen aus wie Campingkocher. Bis Ende 2008 sollen alle 77 Stationen stehen, die über einen eigenen Digital Beam Former und vor allem eine ultraschnelle Datenleitung (mindestens 3 Gigabit/sec) zum Zentralrechner verfügen, der den enormen Datenstrom verarbeiten muß: Als die Planung für LOFAR begann, gab es entsprechende Computer noch gar nicht, aber das Moore'sche Gesetz (Verdopplung der Rechenpower alle 18 Monate) hat brav - in Gestalt eines IBM Blue/Gene - für einen gesorgt. Noch während des Aufbaus werden 2008 erste Beobachtungen möglich sein, wobei die Projekte vom Sonnensystem bis zu den fernsten Galaxien reichen.

Während die Handvoll Stationen auf deutschen Boden von den Niederlanden selbst stammt, sind auch schon die ersten deutschen Zusatzstationen in Arbeit, die die Basislinien LOFARs signifikant verlängern werden: Diesen Mai hat sich das German Long Wavelength Consortium (GLOW) konstituiert, das für insgesamt 12 deutsche Stationen sorgen will. Sieben sind bereits im Bau (die erste direkt neben dem 100-m-Radioteleskop in Effelsberg; First Light 2007) oder zumindest schon finanziert, die anderen 5 werden erhofft. Eine Station selbst kostet nur rund 500'000 Euro - die Highspeed- Datenverbindung zum niederländischen Zentralrecher freilich ein Vielfaches davon (wobei es immer noch preiswerter ist, die Leitung selbst zu bauen als zu mieten). Auch in Großbritannien, Frankreich, Italien, Polen und Skandinavien gibt es Interesse, mit eigenen Stationen LOFAR noch größer zu machen, so daß eines Tages ein gesamteuropäisches Interferometer mit einer zehnmal höheren Winkelauflösung als in der LOFAR-Phase 1entstehen dürfte, mit Gesamtkosten von rund 100 Mio. Euro.

Das sind freilich Peanuts verglichen mit dem internationalen Square Kilometer Array (SKA), der mit einem vergleichbaren technologischen Ansatz aber bei kürzeren Wellenlängen und mit ungleich aufwändigeren Antennen bis 2020 entstehen und rund 2 Milliarden Euro kosten soll. Schon seit weit über einem Jahrzehnt laufen die Planungen (vgl. Artikel 942), und seit diesem September steht immerhin schon fest, daß nur Südafrika und Australien als Standorte in Betracht kommen: Die anderen beiden Finalisten Argentinien und China sind ausgeschieden, weil sie jeweils ein Schlüsselkriterium nicht erfüllen konnten, und die USA waren schon vorher ausgestiegen (werden aber hoffentlich im Konsortium bleiben, sonst sieht es mit der Finanzierung düster aus; entscheidend wird dabei die nächste Decadal Review, siehe unten). Auch beim SKA wird es zahlreiche Stationen geben, die sich an einem Punkt konzentrieren, während die äußeren sogar tausende Kilometer entfernt liegen. Sowohl die Republik Südafrika wie der Bundesstaat Westaustralien haben bereits vorgelegt und bauen kleinere aber hypermoderne Radioteleskope (die recht ähnlichen Karoo Array Telescope bzw. Extended New Technology Demonstrator) an den Idealpunkten, die sich insbesondere durch die Freiheit von Störsignalen aller Art auszeichnen.

Über den Gewinner wird erst 2009 oder 2010 entschieden: Bekommt Südafrika den Zuschlag, dann würde das Zentrum in der Nördl. Kap-Provinz bei Carnarvon in der Großen Karoo-Wüste liegen, mit den äußersten Stationen in Ghana, Kenia und auf Mauritius, in Westaustralien würde die Mileura-Station bei Meekatharra die Mitte bilden, mit Stationen auf dem ganzen Kontinent und evtl. auch Neuseeland. Zunehmend politische Aspekte werden nun eine Rolle spielen, um zwischen den beiden astronomisch gleichwertigen Optionen zu entscheiden; so wird die langfristige Stabilität der »Verhältnisse« in der RSA und ihren Nachbarn gewiß ein Thema sein. Und in Australien hat sich auf einmal herausgestellt, daß eine lokale Verwaltung jede Menge Bergbauverkehr - 50 Eisenerz-Trucks pro Tag - in der radiokritischsten Zone erlaubt hat: Schon fürchtet man um den Zuschlag. Das genaue Design der SKA-Stationen steht noch nicht fest, aber es werden vermutlich (auch dies analog zu LOFAR) jeweils zahlreiche Antennen zweier unterschiedlicher Typen verwendet werden: ein Phased Array (mit allerdings ziemlich exotischem Design) für niedrige (100 MHz bis 1 GHz) und ein Feld aus kleinen drehbaren Antennenschüsseln für hohe Frequenzen (1 bis 25 GHz). Und auch hier gilt: Ein Rechner, der mit der Datenflut fertig werden könnte, wird erst existieren, wenn die Antennen stehen ... [30.10.2006]

[C43] Links: Papers von Röttgering & al. und Falcke & al. sowie ein GLOW Press Release zu LOFAR und ein Press Release und The Age zum SKA. Zusätzliche Quellen: eine SKA-Broschüre von 2005 + Science vom 18.8.2006 S. 910-2 + ein Vortrag von R. Beck im Deutschen Museum Bonn am 25.10.2006.


Kosmische Strahlung ultrahoher Energie alles Einbildung? Neue Detektoren versprechen baldige Antworten

Bald könnte die Hochenergie-Astrophysik wissen, ob eines ihrer größten Rätsel überhaupt existiert: die UHECR, Ultrahigh-energy Cosmic Rays mit mehr als 5 x 1019 Elektronenvolt Energie. Der japanische Akeno Giant Air Shower Array (AGASA) scheint zwischen 1990 und 2004 ein Dutzend solcher Partikel nachgewiesen zu haben, die es eigentlich gar nicht geben dürfte: Wechselwirkung mit der Kosmischen Hintergrundstrahlung (»GZK-Effekt«) würde sie nur 100 Mio. Lichtjahre weit kommen lassen, und in diesem Radius sind keine offensichtlichen Quellen zu entdecken. AGASA ist ein Szintillationsdetektor, der die Einschläge Kosmischer Strahlungsteilchen in Wassertanks direkt registriert: Die Alternative sind Fluoreszenz-Detektoren, bei denen empfindliche Kameras nachts auf atmosphärische Blitze lauern. Das beste derartige System ist das High Resolution Fly's Eye in Utah - und das registrierte in den vergangenen Jahren wesentlich weniger UHECRs. Der Widerspruch ist gewaltig und bisher ungelöst, aber das sollte sich nun ändern: nicht nur dank des großen Auger-Observatoriums in Argentinien (siehe Artikel B01a), sondern auch des Telescope Array, den Japaner (die das meiste bezahlen) und Amerikaner derzeit gemeinsam in Utah bauen und der wie Auger beide Nachweistechniken vereinigt. Schon versprechen die ersten Physiker, daß Auger eine definitive Antwort innerhalb der nächsten 6 Monate liefern könnte und der Telescope Array in einem Jahr. [30.10.2006]

[C42] Link: Univ. of Utah Media Advisory. Zusätzliche Quelle: New Scientist vom 14.10.2006 S. 14.


»Decadal Reviews« in der Krise: Haben die US-Astronomen den Bogen überspannt?

Einst galten sie als leuchtende Vorbilder für die Forschungsplanung auch in anderen Sektoren und Ländern: die Decadal Reports, die rund einmal pro Jahrzehnt die Prioritäten für künftige astronomiche Großprojekte in den USA festlegen. Mehrmals ließ sich der Erfolg daran ablesen, daß ein Großteil der Wünsche in den folgenden 10 Jahren auch tatsächlich umgesetzt wurde - aber nun sind schon 6 Jahre seit dem letzten Decadal Report (siehe Artikel 35) vergangen, und die Realisierung ausgerechnet der bedeutendsten Projekte ist noch immer nicht abzusehen. Insbesondere mehrere der großen Weltraumobservatorien sind kaum aus den Startlöchern gekommen und teilweise gar auf unbestimmte Zeit verschoben worden (wofür die überwiegende Schuld allerdings beim Columbia-Unglück und der radikalen Revision der NASA-Prioritäten liegt) - und die Kosten der meisten Projekte hatten die Gutachter Anno 2000 z.T. überdies drastisch unterschätzt. Jetzt wird der Ruf nach Reformen des Review-Prozesses lauter: Zum Beispiel könnte man generell die vielversprechendsten Forschungsfelder benennen anstatt sich wie bisher auf konkrete Projekte und ihr Ranking festzulegen. Vielleicht wird der Review-Prozeß auch offener ablaufen als bisher. So oder so: Diesen Winter muß die nächste Decadal-Review-Kommission ihre Arbeit aufnehmen. Denn diese Papiere geben den US-Astronomen immerhin eine gemeinsame Stimme, was die Politik sehr begrüßt: Ohne die Reviews wäre das alljährliche Chaos im amerikanischen Budgetprozeß wohl noch viel größer. [30.10.2006]

[C41] Quelle: Nature vom 28.9.2006 S. 386-9.


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