|
Nr. C51-C60 vom 10.12.2006-30.1.2007 Aktuelle Meldungen / zum Archiv STS-116 vor dem Start | Organische Globulen im "Tagish Lake" | Aktive Mars-Gullies | GRACE | Cassini-Funde | COSMIC | 3 Jahre MER | Lunar A weg | Dunkle Materie in 3D | Mars-Atmosphärenrätsel
Marsatmosphäre verliert kaum an den Sonnenwind - wo ist sie dann hin verschwunden?
Neuere Modellrechnungen sagen überdies genau diese
geringe Atmosphärenerosion für den
gegenwärtig geringen Stand der Sonnenaktivität
voraus - und auch, daß sie im Maximum nur um einen
Faktor 5 größer sein sollte: Damit bleibt der
Atmosphärenverlust auf diesem
»Fluchtkanal« um einen Faktor 100 zu gering, um
das Verschwinden der Uratmosphäre zu erklären.
Konkret dürften über den Sonnenwind in den letzten
3½ Mrd. Jahren zwischen 1 und 43 mbar Kohlendioxid
verschwunden sein und hochgerechnet eine Wassermenge, die
auf der gesamten Planetenoberfläche nur zwischen 4 und
70 cm hoch gestanden hätte. Um die zahlreichen
geomorphologischen Strukturen zu erklären, die allem
Anschein nach in der marsianischen Urzeit fließendes
Wasser gegraben hat, waren aber einst eine 600 bis 1000
Meter tiefe äquivalente Wasserschicht und zur
Aufrechterhaltung eines Treibhauseffekts, der flüssiges
Wasser erlaubte, mehrere bar Kohlendioxid nötig
gewesen.
Der Großteil der Atmosphäre muß mithin
entweder auf anderen Wegen in den Raum entschwunden
sein, etwa als kaltes Plasma, nach photochemischen Reaktionen
oder in Folge von großen Impakten: Dazu sagt ASPERA
nichts, aber Simulationen deuten an, daß diese alternativen
Kanäle viel bedeutender als der Sonnenwindeffekt sein
könnten. Z.B. hatte es kurz vor dessen vermeintlicher
Alleintäterschaft geheißen, die Impakte allein
könnten es geschafft haben (Skyweek 5 #15
[1989] 1). Oder es entstanden irgendwo unter der
Oberfläche gewaltige und bisher unentdeckte Deponien von
Wasser und Kohlendioxid: Diese Möglichkeit wurde in den
bisherigen Medienberichten völlig überbetont (bis hin
zur verwegenen Behauptung, dank dieser angeblichen gewaltigen
unterirdischen Wassermassen werde die Besiedlung des Planeten
ja nun viel einfacher), während die Autoren der neuen
ASPERA-Analyse eher zu den alternativen Fluchtkanälen in
den Raum zu neigen scheinen. Warum ASPERA auf Phobos vor 18
Jahren derart daneben lag, erklären sie übrigens
nicht ... [30.1.2006]
[C60] Quelle: Barabash & al., Science 315
[26.1.2007] 501-3. Links: Artikel von
New Sci.,
Dsc.,
Space.com,
Space Today
und BdW.
Zusätzliche Quellen: Lundin & al., Nature 341 [19.10.1989] 609-12
zu den Phobos-Daten und Melosh & Vickery, Nature 338 [6.4.1989] 487-89
zur Alternative Impakterosion.
Kosmisches »Gerüst« aus Dunkler Materie in 3D kartiert
Die Formen von einer halben Million Galaxien im 1637
Quadratgrad großen Feld der Cosmic Evolution Survey
(COSMOS; ein Mosaik aus 575 ACS-Aufnahmen) wurden dazu
vermessen und das linsende Schwerefeld rekonstruiert. Und zwar
auch in drei Dimensionen: Durch Berücksichtigung der
Rotverschiebungen der gelinsten Galaxien läßt sich ja
erkennen, wo etwa die für ihre Verzerrung verantwortliche
Masse im Raum sitzt (die Rotverschiebungen zahlreicher Galaxien
des COSMOS-Feldes wurden mit Teleskopen auf mehreren
Kontinenten anhand ihrer Farben abgeschätzt). Das
Ergebnis ist eine Karte der Dunklen Materie zwischen den
Rotverschiebungen 0 und 1. Danach tut sie genau das, was man
nach den aktuellen Computersimulationen der Entwicklung des
Kosmos (Artikel A69c)
erwartet: Die Dunkle Materie ist als lockeres Netzwerk aus
Filamenten verteilt, an deren Kreuzungspunkten die
Galaxienhaufen sitzen. Und man kann der Karte auch
entnehmen, daß das Netz der DM mit der Zeit (d.h.
abnehmender Rotverschiebung) dicker wird, ebenfalls wie in den
Simulationen: Wir sehen hier ein Tauziehen zwischen
andauernden Schwerkraftkollaps und der beschleunigten
Expansion des Alls.
Die Rotverschiebungen der etwas näheren COSMOS-Galaxien
konnten auch benutzt werden, um ihre Raumverteilung
und damit die Dichtestruktur der baryonischen, also normalen,
Materie zu bestimmen: Ihre Anhäufungen einerseits und
Gesamtmasse ihrer Sterne andererseits - letztere ebenfalls aus
den Farben bestimmbar - lieferten zwei Baryonen-
«Tracer«. Und tiefe Röntgenaufnahmen mit
dem Satelliten XMM-Newton dienten dazu, Konzentrationen
heißen Gases, wie sie mit Galaxienhaufen einhergehen,
aufzuspüren. Der Vergleich der weak-lensing-Daten mit den
drei Baryonen-Tracern (sowohl gemeinsam in die Himmelsebene
projiziert wie auch teilweise wieder nach
Rotverschiebungsbereichen aufgeteilt) zeigt, daß die
Baryonen der Dunklen Materie selbst auf den größten
räumlichen Skalen folgen: Auch hier liegt das heutige
Standardbild der Kosmologie also richtig. Ob kleinere
Widersprüche zwischen den Karten auf seltsame DM-freie
Galaxien und DM-Klumpen ohne baryonische Materie hindeuten
oder lediglich Artefakte bei der Rekonstruktion des kosmischen
»Gerüsts« aus DM sind, läßt sich
noch nicht sagen. [30.1.2007]
[C59] Quellen: Massey & al., Nature 445
[18.1.2007] 286-9 + Linder, ibid 274. Links: das
Paper und der
Kommentar als Preprints, die
Homepage von COSMOS,
NASA und
MPG
Press Releases und Artikel von BBC,
CSM und
New Sci..
Penetratoren zu anspruchsvoll: Japan bricht Mondmission Lunar A ab
[C58] Quelle: Science vom 26.1.2007 S. 445-6.
Links: Artikel von
Planetary Soc.
New Sci.
und Space Today.
Mars Exploration Rover munter vor den 3. Jahrestagen der Landungen
Das Erreichen des großen Impaktkraters Victoria - nach 7
km Fahrt in 21 Monaten - war natürlich die
Errungenschaft von Opportunity, und schon
während der Anfahrt gab es markante
Veränderungen des Terrains zu sehen. So waren die
berühmten Blueberries, die Konkretionen in den
Sedimenten, im Eagle-Krater 5 bis 6 mm groß gewesen,
während der Fahrt wurden sie immer kleiner aber in der
Umgebung Victorias wieder groß. Und das kann man sogar
verstehen: Die Berries entstehen, wenn Wasser von unten in
bestehende Sedimente eindringt, und Erosion legt die
Berry-führenden Schichten schließlich frei.
Opportunity fuhr die meiste Zeit etwas bergauf, d.h. auf immer
höheren Schichten, wo die großen Berries nie
entstanden waren. Aber der Victoria-Impakt hatte durch
Berry-freien Fels bis in die Berry-Schicht durchgeschlagen: Den
genauen Übergang sollte man erkennen können,
wenn der Rover in den Krater absteigt. Zunächst aber
fährt er weiter am Rand entlang, wo viel Impaktbrekkzie
herumliegt, und am gegenüberliegenden Rand ist eine 70 bis
120 cm dicke Schicht Sandstein zu erkennen.
Im Gegensatz zu den bisher untersuchten kleineren Kratern
lassen sich nun auch Veränderungen in horizontaler
Richtung (laterale Stratigrafie) ausmachen, und die wollen erst
einmal ausgiebig dokumentiert werden. Die Charakteristika der
Sedimente - die es nahezu identisch in einem Nationalpark in
Utah gibt - weisen bereits klar auf eine Ablagerung durch Wind
hin, d.h. der Impaktor schlug in ein massives Dünenfeld ein,
in das dann später hin und wieder Wasser von unten
eindrang. Das ist auch das generelle Szenario, das die Rover
immer wieder antrafen: An der Oberfläche gibt es
kaum je Spuren von flüssigem Wasser, die überhaupt
nur in drei Kratern gefunden wurden. Immer ist es aufsteigendes
Grundwasser, das in einer sehr trockenen
Wüstenlandschaft chemische Effekte auslöste, die
dann die Roverinstrumente nachweisen können. Bei der
Befahrung des Kraterrandes hat Opportunity bereits eine gute
Einfahrtsmöglichkeit gefunden, doch dort ginge
wahrscheinlich nur schwer wieder heraus. Vielleicht wird der
Rover in Victoria hinein-, hindurch- und woanders wieder
hinausgeschickt werden. Oder man wagt mehrere kleinere
Einfahrten in den Krater hinein: Entschieden ist noch nichts.
Spirit hat das gut 200 Sol lange lange Parken in
10½° Neigung gut nutzen können: für die
ersten Langzeitbeobachtungen der Umwelt von einem fixen
Standort aus. Dabei wurden z.B. Wolken aus Wassereis in 10 bis
15 km Höhe beobachtet, die im ersten Winter nicht
aufgetreten waren (daß es sich um Wassereis handelt,
basiert auf Daten von Orbitern). Langfristige
Veränderungen des Staubes, der auf der Landschaft liegt,
konnten ebenfalls verfolgt werden. Und mit den Spektrometern
konnten ausgewählte Steine und Böden in aller Ruhe
analysiert werden, was auch nötig ist: Die radioaktiven
Elemente, die den Instrumenten als Strahlenquelle dienen, sind
nach etlichen Halbwertszeiten schon sehr schwach geworden.
Den Ausfall eines der 6 Räder hat man sogar in einem
Vorteil ummünzen können: Spirit schleift es hinter
sich her - und »erforscht« damit die Beschaffenheit
des Bodens! Zwei weitere wahrscheinliche Meteoriten hat der
Rover auch noch gefunden (leider kann man nicht heranfahren):
Ihre IR-Eigenschaften zeigen eine sehr hohe Reflektivität,
typisch für Metall.
Es mache auch nach fast drei Jahren noch Spaß, mit den
Rovern herumzufahren, betonen die MER-Forscher um den
immer noch hörbar begeisterten Stephen Squyres:
Längst ist man von der Phase der frühen
großen Entdeckungen zu detaillierter Wissenschaft
übergegangen (wie etwa der Bestimmung des pH-Werts
eingesickerten Wassers). Und die beiden Landeplätze
würde man unter den mit der MER-Landetechnik sicher
erreichbaren erneut auswählen - wobei im Falle von Spirit
die anfängliche Ebene eine Enttäuschung war, die
bald erreichten Columbia Hills aber als ziemlich typische
Marslandschaft den Besuch wert waren. Prognosen über
die Lebensdauer der Rover (schon 3 Jahre statt 3 Monate ...)
werden nicht mehr abgegeben: Neben jederzeit möglichem
Versagen wesentlicher Systeme kommt auch viel auf »Dust
Cleaning Events« an, wenn Windstöße Staub
von den Solarzellen fegen (Opportunity ist es kürzlich
wieder passiert). Ernsthafte Gedanken über den dritten
Marswinter - in 1½ Erdjahren - macht man sich bereits ...
[15.12.2006]
[C57] Quelle: Pressekonferenz auf dem
Fall Meeting der AGU am 13.12.2006,
von dem auch die drei Meldungen unten stammen. Bilder: Victoria
in der Übersicht
und Details von Cape Verde
und Cape St. Mary,
die großen Blueberries in der Nähe
und ein Ausschnitt
aus dem großen Spirit-Panorama.
Links: Artikel von
SF
Chronicle, Guardian
und New Sci.
Radar des Mars Express findet alte Krater unter den
nördlichen Ebenen - die verschütteten
Impaktkrater von 130 bis 470 km Durchmesser zeugen von einer
älteren Ära schwerer Einschläge, deren Spuren
im Norden durch glatte, flache Ebenen getilgt wurden,
während man sie im Süden noch sieht:
ESA Release.
Durchbruch mit COSMIC: 6 Satelliten verbessern Wetterprofile
Und die COSMIC-Daten helfen schon jetzt, die Wettermodelle zu
verbessern: Derzeit werden jeden Tag 1800 Durchleuchtungen der
Atmosphäre pro Tag geliefert, Anfang nächsten
Jahres, wenn alle Satelliten auf ihren endgültigen
800-km-Bahnen angekommen sind und jeweils 30° Abstand
voneinander eingenommen haben, werden es sogar 2500 sein -
während die Wetterballons derzeit täglich 900 Profile
liefern. Erste Effekte zeigten sich bei der Hurrikan- und
Taifunvorhersage sowie bei Wetterprognosen für die
Antarktis, und Vorhersagen für die nächsten paar
Tage werden zuverlässiger. Neben diesen operationellen
Aspekten - seit Mitte Dezember »offiziell« -
bewährt sich COSMIC auch als »globales
Thermometer« (wichtig für Klimatrends) und
Meßgerät für die Elektronendichte in der
Hochatmosphäre (die ebenso wie die Temperatur und der
Wasserdampf ihre Brechkraft verändert). Die
COSMIC-Mission soll mindestens 5 Jahre dauern:
Während dieser Zeit ist keinerlei Nachkalibration des
Systems vonnöten und keine Drift der Meßergebnisse
zu erwarten (für deren Stabilität schließlich mit
Riesenaufwand das militärische GPS-System sorgt) - ein
Unterschied zu vielen anderen Erdbeobachtern im Orbit. [15.12.2006]
[C56] Quellen: Pressekonferenz auf dem Fall Meeting der AGU am 11.12.
sowie Science vom 7.4.2006 S. 48-9.
Links: die Homepage, ein
NCAR Press Release zu den Ergebnissen und ein
JPL Release und Artikel von
CSM und
Space Today zum Start.
Riesenkrater, Tektonik, Gebirge: scharfe IR-Bilder von Titan-Flyby Cassinis
[C55] Quelle: Pressekonferenz auf dem Fall
Meeting der AGU am 12.12.2006. Bilder: ein Titan-Komposit aus
T9+20
und T20-Details vom Gebirge
und tektonischen Komplex.
Link: JPL und
ESA Releases
und Artikel von SF
Chronicle, BBC,
New Sci.,
BdW und
Plan. Soc. Blog.
Durchbruch mit GRACE: 2 Satelliten messen Wasserbilanz der Erde
Wasserverlagerungen im Erdboden sind sogar das dominante
»Signal«, das GRACE im Laufe eines Jahres oder auch
von Jahr zu Jahr sieht - und das ist von vitalem Interesse
für viele Menschen auf diesem Planeten, die ihr Wasser
ausschließlich mittels Brunnen aus dem Boden beziehen!
GRACE detektiert sowohl Grundwasser wie auch die Feuchtigkeit
des Erdreichs: Die in den Kontinenten insgesamt gespeicherte
Wassermenge konnte zuvor nie zuverlässig erfaßt
werden. Und sie wird sich mit dem Klimawandel verändern:
Ein Teil des Wassers, das die Meeresspiegel steigen
läßt, kommt aus den Kontinenten, denn
schmelzendes Festlandeis und Wärmeexpansion allein
reichen nicht, um die Messungen zu erklären. Noch sind die
GRACE-Daten (aus inzwischen vier Meßjahren) zu
ungewohnt, um weitreichende Schlüsse zu ziehen, aber bei
der Überwachung der großen Flußtäler
Afrikas hat sich z.B. gezeigt, daß von 2003 bis 2005 bis zu
260 Kubikkilometer (im Fall des Kongo)
»verschwunden« sind. Anderswo in Afrika wurde der
Boden dagegen feuchter, in der Summe ist der Verlust gering.
Andere GRACE-Anwendungen, die sich schon abzeichnen, sind
Prognosen von Grundwassertrends in entlegenen Gebieten und
Schneemengenmessungen in Gebirgen (nützlich für
Flutwarnungen): Von den Satelliten wird man noch hören.
[15.12.2006]
[C54] Quelle: Pressekonferenz auf dem Fall
Meeting der AGU am 12.12.2006. Link: ein
BBC-Artikel.
Veränderungen an Mars-»Gullies« binnen weniger Jahre: flüssiges
Wasser kurzzeitig auf der heutigen Marsoberfläche?
In den sechs Jahrem seit ihrer Entdeckung auf Bildern des Mars
Global Surveyor (siehe Artikel 62)
hat sich kein zwingender Entstehungsmechanismus der sehr jungen Abflüsse an
steilen Wänden in mittleren Breiten auf dem Mars
herausgeschält (vgl. Artikel 71, 408 oder 612!) - aber nun belegen Bildpaare aus dem
Vermächtnis des jüngst verstummten Mars Global
Surveyor, daß diese »Gullies« auch heute
noch entstehen! Zwei Fälle wurden identifiziert, wo in
einem Gully-System - der MGS fand zehntausende davon auf dem
ganzen Planeten - zwischen 1999 und 2004 bzw. 2005 neue, helle
und mehrere 100 m lange Strukturen aufgetaucht sind, deren
Morphologie ziemlich eindeutig für etwas spricht, das einen
Hang hinab geflossen ist. So wurden Hindernisse quasi
umspült, und am Ende der 20 bis 30° steilen
Abhänge fächern die Gullies fingerförmig auf:
Am ehesten könnte man das mit einer Schlammlawine
vergleichen, »geschmiert« vermutlich mit jeweils 5 bis
10 Swimmingpools Wasser (die natürlich in der extrem
dünnen Marsatmosphäre sofort verdampften). In der wissenschaftlichen
Veröffentlichung dazu ist übrigens von einer "Flüssigkeit
mit den Eigenschaften von flüssigem Wasser" die Rede ...
Simple Hangrutschungen können die Bildung der hellen
Striemen jedenfalls nicht erklären, denn wo immer die
allgegenwärtige Staubschicht des Mars gestört wird,
pflegt dunkleres Material zu erscheinen, das z.B. auch die
Spuren der Marsrover markant nachzeichnet. Aber eine
eindeutige Erklärung für die hohe Reflektivität
des ganz frischen Gullymaterials gibt es auch in der
wässrigen Deutung nicht: Steckt Reif dahinter, der
jahrelang bestehen kann, weil von unten ständig
Feuchtigkeit nachgeliefert wird? Handelt es sich um helle Salze,
die aus dem verdampfenden Wasser auskristallisierten? Oder
liegt die Helligkeit an besonders winzigen Teilchen, die bevorzugt
an die Oberfläche des fließenden Breis gelangten?
Noch gibt es keine Spektren frischer Gullies, die einen direkten
Bezug zu Wasser herstellen würden, und so bleibt der
Mechanismus, der die Marsgullies erzeugt, fast so
rätselhaft wie zuvor: Der schon 2000 formulierten
Lieblingshypothese der Entdecker - Grundwasser, das bis nahe
der Oberfläche gekommen ist (»a below-ground wet
habitat conducive to life«) und gelegentlich durch eine
Eisbarriere bricht - stehen weiterhin Alternativen entgegen. Das
Phänomen an sich aber ist nun interessanter denn je geworden ...
Eine weitere Entdeckung in der Bilderflut vergangener
Global-Surveyor-Jahre sind frische Impaktkrater (vgl. auch Artikel B25): Der MGS hat
30% der Marsoberfläche in 7 Jahren Abstand zweimal
aufgenommen und dabei 20 neu entstandene Krater von 2 bis 150
m Durchmesser entdeckt (aufgrund ihres sehr dunklen
Auswurfmaterials auf dem hellen Marsboden
unübersehbar). Das sich daraus ergebende Auftauchen von
ungefähr 12 neuen Kratern pro Jahr auf der gesamten
Marsoberfläche paßt ganz gut zur Impaktrate, die man
aus der Zahl der Krater auf dem Erdmond hochgerechnet hat, die
sich über einen langen Zeitraum ansammelten - diese Rate
gilt mithin auch in der Gegenwart. Die substantielle Kraterbildung
stützt damit auch die verbreitete Annahme, daß
gänzlich kraterfreies Terrain auf dem Mars sehr jung sein
muß. Und sie ist von gewissem Interesse für
eine vielleicht einmal anstehende Besiedlung des Planeten: Alle 20
Jahre müßte es nach den MGS-Erkenntnissen
für einen gegebenen Standort einen Impakt in solcher
Nähe geben, daß ein Astronaut den Einschlag
hören würde ... [10.12.2006]
[C53] Links: zahlreiche MSSS Releases zu den
Gully-Effekten
und neuen Kratern,
NASA,
UC Davis and
ESA Press Releases und Artikel der
Planetary Soc.
und BBC
und von New Sci.,
Nat'l Geogr.,
Wash. Post,
Space Today
und BdW. Zusätzliche Quelle:
Malin & al., Science 314 [8.12.2006] 1573-7.
Organische Globulen im »Tagish Lake« älter als die Planeten
[C52] Quelle: Nakamura-Messenger & al., Science
314 [1.12.2006] 1439-42. Links:
JSC
und NHM
Press Releases und Artikel von
Nat'l Geogr.,
BBC und
BdW.
Die bisher schwierigste Etappe beim Bau der ISS
Bei STS-116 wird zwar weniger transportiert (nämlich an
größerer Hardware nur das 1.9 Tonnen schwere
Gerüstteil P5), dafür aber ein massiver Umbau der
Station eingeleitet. Die Stromversorgung, die später um
nochmals zwei Solarzellenpaare aufgestockt wird, wie das
Kühlsystem müssen jetzt in ihre endgültige
Konfiguration gebracht werden, was die zeitweise Abschaltung
von Teilen der ISS erfordert: eine Aussicht, die gewisses
Unbehagen auslöst. Und erst wenn im Verlauf der Mission
eine Hälfte (4B genannt) der ersten Solarzellen P6 - die 2000
bei ihrem Entfalten bockten (siehe
Artikel 168)
- wieder eingerollt worden ist, können die bei STS-115
installierten Solarzellen P4 mit der Stromlieferung beginnen:
STS-116 gilt allgemein als der komplexeste ISS-Montageflug
bisher, noch anspruchsvoller als es STS-115 gewesen war.
Besondere Gefahren für die EVA-Teams sind damit nicht
gemeint, sondern die gravierenden Konsequenzen
möglicher technischer Probleme: Wenn STS-116
nämlich nicht alle Ziele erreichen sollte, dann ist eine
zusätzliche Mission praktisch unverzichtbar, so sehr baut
bei der ISS-Konstruktion ein Schritt auf dem nächsten auf.
Neben der Montage von P5 mit dem Robotarm der ISS
während der ersten EVA am Flugtag 4 (d.h. 3 Tage nach dem
Start), bei der das Bauteil in nur 5 cm Abstand an anderen
vorbeigeführt werden muß - üblich sind sonst
mindestens 1.5 Meter - wird mit besonderer Spannung
vor allem die zweite EVA an Tag 6 geschaut: Die Stromversorgung
der halben Raumstation muß dabei herunter- und in neuer
Konfiguration wieder hochgefahren werden; zahlreiche
Lösungen für mögliche Probleme sind
vorsichtshalber entwickelt worden. EVA #3 an Flugtag 8
wiederholt dann dieselbe Prozedur für die andere
Hälfte von Stromversorgung und Kühlsystem.
STS-116 wird auch der erste Nachtstart seit vier Jahren
(und der 29. insgesamt) - und trotzdem dürften genau so
gute Informationen über abfallende Shuttleteile wie bei den
letzten drei Missionen gewonnen werden: Nicht nur die
beährten Radaranlagen, die alles erfassen, was
größer als wenige Zentimeter ist, werden den Start
überwachen, auch viele der seit 2005 eingesetzten Kameras
dürften sinnvoll eingesetzt werden. Um ihr Verhalten im
Dunkeln bei gleichzeitig grell brennenden Feststoffboostern zu
ergründen, wurde ein nächtlicher Boostertest
in Utah am 16. November (der auch im Hinblick auf die
Weiterverwendung des Designs bei der Ares-1-Rakete erfolgte),
intensiv beobachtet, um die Kameraeinstellungen zu optimieren.
Als Starttermin von STS-116 galt eine Weile der 14.12., aber er
konnte vorgezogen werden, weil die Arbeiten an der Discovery
Orbiter nach STS-121 im Juli nur 105 statt 110 Tage gedauert hatten.
Gestartet werden soll nach Möglichkeit bis zum 17.12. (und
wird diese Deadline verpaßt, dann beginnt das nächste
mögliche Intervall erst am 14.1.2007): weil die 30 Jahre alte Shuttle-Software einen
riskanten Neustart
erfordern würde, wenn eine Mission über den Jahreswechsel
hinaus dauern sollte (!), was noch nie vorkam. und auch weil die
Shuttle-Teams an den Feiertagen frei haben sollen.
Nächstes Jahr folgen dann (nach der derzeit
gültigen Planung - vom November - am 16.3.) Flug 13A =
STS-117 mit dem dritten Paar Solarzellen und 13A.1 = STS-118
(28.6.) mit weiterer Neuverkabelung und Gerüsten - und
dann wird die Station mit der Ankunft des Modules »Node
2« (mit STS-120 am 7.9.; einen klangvolleren Namen
für das Bauteil sollen US-Schulkinder in einem Wettbewerb
finden) auch physisch umgebaut. Die Solarzellen P6
müssen dazu komplett eingerollt und auf P5 verpflanzt und
wieder entfaltet und anschließend der nur temporär
an Node 1 geparkte Node 2 ebenfalls versetzt werden.
Erst dann ist der Weg frei für die Module Columbus der ESA
und Kibo aus Japan: Ursprünglich wollte man erst den
vierten Satz Solarzellen starten, hat aber bemerkt, daß der
Strom der ersten drei bereits für die Module der ISS-Partner
genügen wird. So ist Columbus nun schon für den
ersten Shuttle nach der Lieferung von Node 2 gebucht (17.10.;
begleitet wird es übrigens vom deutschen Astronauten
Hans Schlegel, der seit der D-2-Mission 1993 auf einen neuen
Flug wartete), gefolgt von zwei Missionen für die diversen
Teile Kibos (8.12.2007 + 29.2.2008). Es folgen der Rest der
ISS-Struktur und das letzte Paar Solarzellen (19.6.2008) und noch
fünf Logistikflüge mit
Einrichtungsgegenständen sowie einem dritten Node, der
auch eine Aussichtskuppel von der ESA besitzt (Anfang 2010). Um
das Jahr 2009 sollte die Besatzungszahl auch auf sechs steigen
können - die dann freilich bald ohne den Shuttle als
Transporter für Tonnen von Material nach oben wie nach
unten auskommen müssen. Und die Lebensdauer der seit
1998 im Bau befindlichen Raumstation nähert sich dann
auch schon wieder ihrem Ende ... [10.12.2006]
[C51] Links: der Status von STS-116,
ein Update der ESA,
Artikel von Spacefl. Now,
BBC,
Fla. Today
und New Sci.
zum 2. Versuch, von ABC,
New Sci. und
Space Today zur Startverschiebung und vom
New Sci. zur Nachtstart-Problematik
sowie eine ausführliche
Vorschau der Mission. Außerdem
ein Transkript der PK vom 4. und eine
Rede einer NASA-Managerin vom 5.12. zu den
nun offiziellen Plänen zum Bau einer Mondbasis. Zusätzliche Quelle: AW&ST vom 27.11.2006 S. 74-6.
|