Meldungen Nr. 1 bis 10 vom 1.-18.4.2000
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Streit um das fernste Himmelsobjekt

Ist ein Quasar mit der Rotverschiebung 5.8 das entfernteste Objekt des Universums, dessen Distanz wir sicher bestimmt haben - oder können stattdessen mehrere Galaxien diesen Ruhm beanspruchen? SDSS 1044-0125 ist auf jeden Fall der Quasar mit der höchsten Rotverschiebung: Nachdem das verdächtige Objekt von der Sloan Digital Sky Survey entdeckt worden war, bestätigte das Keck-Teleskop mit einem Spektrum klar die hohe Fluchtgeschwindigkeit, womit ein erst kürzlich entdeckter Quasar mit einer Rotverschiebung von 5.74 auf den zweiten Platz verwiesen wurde.

Allerdings sind schon länger eine ganze Reihe Galaxien bekannt, bei denen Rotverschiebungen von 6 und mehr geschätzt werden: ohne ein Spektrum in Händen zu halten und alleine aus dem Helligkeitsvergleich bei verschiedenen Wellenlängen. Diese Methode der photometrischen Rotverschiebungsmessung hat durchweg eine erstaunlich hohe Zuverlässigkeit bewiesen, wann immer man später mit einem großen Teleskop ein Spektrum aufnehmen konnte. Und ür sie steht der Rotverschiebungsrekord inzwischen bei nicht weniger als 12, mit etlichen weiteren Kandidaten bis 9. [18.4.2000]

[10] Links:
Berkeley- und SDSS-Press-Releases zum Rekordquasar, ein Paper zu Galaxien mit extremen Rotverschiebungen und Cosmic Mirror-, Physics Web- und SpaceViews-Stories.



Phänomenale Polarlichter über Deutschland

Der erste große geomagnetische Sturm des aktuellen Sonnenmaximums hat in der Nacht vom 6. zum 7. April zu aufsehenerregenden Polarlichtern über ganz Deutschland geführt - und selbst in Österreich, der Schweiz und Teilen Italiens war das in diesen Breiten extrem seltene Himmelsschauspiel noch zu sehen. Die Ursache war ein koronaler Massenauswurf der Sonne am Nachmittag des 4. April gewesen: Die Koronographen auf dem Sonnensatelliten SOHO konnten genau beobachten, wie die Wolke geladener Teilchen auf die Erde zukam (als sogenanntes Halo-Ereignis, weil die Wolke dabei immer größer zu werden scheint).

Polarlicht Genau zwei Tage später erreichte die interplanetare Störung die Erde: eine der größten Schockfronten des laufenden Sonnenzyklus, die mit einer Zunahme der Geschwindigkeit des Sonnenwinds um fast 200 km/s auf 570 km/s und einer Vervierfachung des interplanetaren Magnetfeldes einherging. Etliche Stunden lang war das Magnetfeld der Erde in Aufruhr, und das - ständig vorhandene - Aurora-Oval verschob sich so weit nach Süden, daß ganz Mitteleuropa in den Genuß ausnehmend heller und bunter Polarlichter oder zumindest eines intensiven roten Glimmens am Himmel kam. [9.4.2000].

[9] Links: ein Artikel von SpaceScience über den geomagnetischen Sturm, zahlreiche Bulletins über die Entwicklung des Sturms, und SpaceWeather.com mit vielen weiteren solar-terrestrischen Meldungen.

Spektakuläre Bilder der Nordlichter vom 6./7. April gibt es z.B. aus Schottland und Bonn, und berichtet haben neben vielen anderen die BBC und CNN, die Welt, der SPIEGEL und die Rheinische Post.

Den Sonnenwind in Echtzeit kann man dank des Satelliten ACE verfolgen und die Zustand des Auroraovals mit den Satelliten Polar und NOAA-15. Und die Poker Flat Research Range bietet neben Aurora-Voraussagen auch ein schönes Tutorial über Polarlichter - selbst für Kinder geeignet.



Hubbles vermeintlicher Planet nur ein Stern


Ein mysteriöser Lichtpunkt in einem Sternentstehungsgebiet im Stier, den die NASA vor zwei Jahren mit einigem Rummel als möglichen Protoplaneten präsentiert hatte - es wäre der erste direkt abgebildete Exoplanet gewesen -, hat sich jetzt als nur zufällig in dieser Richtung stehender, geröteter Hintergrundstern entpuppt: Spektren mit dem Keck-Teleskop zeigen, daß er eine Oberflächentemperatur von 2700 Kelvin hat, zu heiß für einen Protoplaneten, wie jung auch immer. [7.4.2000]

[8] Links:
Sonderseite der Entdeckerin von TMR 1-C, eine NASA-Pressemitteilung - und die ursprüngliche PM des STScI.



Zukunft von Mir bis Jahresende gesichert!

Andocken an Mir Kaum waren die zwei Tage vorher gestarteten Kosmonauten (siehe Meldung 5) in der Raumstation Mir eingezogen, gab der Finanzier der Mission, die Firma MirCorp, bekannt, daß sich nunmehr genügend Sponsoren gefunden haben, um den Betrieb der Station bis mindestens Ende 2000 zu sichern. So kann im September eine zweite Crew nach oben geschickt werden, die unter anderem »das erste Internet-Portal im Weltraum« einrichten soll - was immer das heißt ... [7.4.2000]

[7]Links: MirCorp Press Release nach dem Andocken.



Ulysses flog durch Hyakutakes Schweif - 500 Mio. km vom Kometenkopf!

Manchmal dauert es eine Weile bis zum großen Aha-Erlebnis: Erst vier Jahre nachdem der Komet Hyakutake durch das innere Sonnensystem gezogen ist, haben sich seltsame Störungen des Sonnenwindes, die die interplanetare Raumsonde Ulysses am 1. Mai 1996 gemessen hatte, auf den Kometen zurückführen lassen. Dessen Kopf aber stand zu diesem Zeitpunkt 500 Millionen Kilometer von der Raumsonde entfernt: Offenbar reicht der Plasmaschweif noch wesentlich weiter als jener bekannte Teil, der durch sein Leuchten auffällt.

Ulysses' Magnetometer maß einige Stunden lang ebenso charakteristische Veränderungen wie die Teilchendetektoren: Der Sonnenwind war seltsam heiß, ruhig und wesentlich dichter geworden. Jetzt steht fest, daß der in diesen Stunden registierte Kohlenstoff und Sauerstoff von dem Kometen stammte - Hyakutake ist erst der vierte, mit dem eine Raumsonde in direkten Kontakt gekommen ist, nach Giacobini-Zinner (ICE, 1985), Halley (5 Sonden, 1996) und Grigg-Skjellerup (Giotto, 1992). [6.4.2000]

[6] Links: Pressemitteilungen der
ESA, Univ. of Michigan (mit einer Animation) und NASA Science News.



Kosmonauten unterwegs zu Mir: Mission ins Ungewisse

Der Start der beiden Kosmonauten Sergei Zaletin und Alexander Kaleri am 4. April zur verwaisten Mir bedeutet keineswegs, daß die zweite Karriere der betagten Raumstation unter kommerzieller Regie schon gesichert ist. Zwar wurden der Start von Soyuz TM-30 und der mindestens 60tägige Aufenthalt der Crew an Bord komplett von der Firma MirCorp finanziert (ein Novum in der Geschichte der bemannten Raumfahrt), doch damit sind die Mittel des in den Niederlanden angesiedelten Unternehmens, das die Raumstation geleast hat, auch schon weitgehend erschöpft.

Start zur Mir Bis Ende April muß MirCorp gegenüber dem russischen Partner (und eigentlichen Mir-Besitzer) Energia wie auch der russischen Regierung (die für die Sicherheit verantwortlich ist) nachweisen, daß neue Mittel aufgetrieben worden sind, um den Betrieb der Station auch weiter zu gewährleisten. Denn dann muß das nächste Progress-Transportschiff zur Mir gestartet werden, dessen Konfiguration die Zukunft der Station bestimmt: Anheben der Bahn oder Einleitung des kontrollierten Absturzes für August oder September.

Zaletin und Kaleri werden - nach dem Andocken am Morgen des 6. April - die erste Zeit an Bord mit der Suche nach einem lästigen Leck verbringen, durch das langsam aber stetig Luft ausströmt: Dazu haben sie vier futuristische Meßgeräte dabei. Anschließend sich noch über 50 wissenschaftliche Experimente geplant. Wenn MirCorp die Station weiterhin in Betrieb halten kann, soll die nächste Besatzung im September einziehen - darunter eventuell der erste zahlende All-Tourist. [4.4.2000]

[5] Links: Latest News von MirCorp, zahlreiche Artikel von Space.com und die Homepage der Keep Mir Alive"-Kampagne, die den MirCorp-Deal mit einfädelte.



Ein 16-Monats-Zyklus tief in der Sonne

wurde mit Hilfe der Helioseismologie entdeckt: Das Muster von Gasströmungen rund 200 000 km unter der Oberfläche verändert sich ungefähr periodisch in diesem Zeitrahmen. Schauplatz des Geschehens ist die sogenannte Tachokline, die den Übergang von der Strahlungszone zur äußeren Konvektionszone markiert: Mal rotiert das Gas innerhalb der Tachokline etwas schneller und das Gas außerhalb etwas langsamer, dann kehrt sich das Bild um - und wiederholt sich alle 15-16 Monate unter dem Sonnenäquator und alle 12 Monate bei mittleren Sonnenbreiten.

Der Bereich rund um die Tachokline, wo starke Scherkräfte zwischen der differentiell rotierenden Konvektionszone und der relativ starr rotierenden Strahlungszone auftreten, gilt schon lange als Sitz des Dynamos, der das globale Magnetfeld der Sonne aufbaut. Der jetzt entdeckte regelmäße Drehimpulsaustausch zwischen verschiedenen Schichten in dieser Zone könnte eine entscheidende Rolle bei der Funktion des Dynamos spielen. Entdeckt wurden die von niemand vorausgesagten Strömungen in vierjährigen Meßreihen des MDI-Instruments auf dem Satelliten SOHO und des GONG-Netzes von Sonnenteleskopen rund um die Erde. [3.4.2000]

[4] Links: Sonderseite des National Solar Observatory mit vielen Bildern und Artikeln und ESA Science News.



Die ersten Exo-Planeten kleiner als Saturn

sind jetzt mit der bewährten Radialgeschwindigkeitsmethode entdeckt worden - bislang waren mit diesem spektroskopischen Verfahren nur Planeten fremder Sterne gefunden worden, die im Bereich von einer Jupitermasse oder mehr lagen. Die neuen Funde haben hingegen nur 0.22 bzw. 0.25 Jupitermassen, zwar immer noch 200mal schwerer als die Erde, aber doch ein wichtiger Meilenstein auf der Suche nach »fremden Erden«. [1.4.2000]

[3] Links: Origins Press Release, Berkeley Press Release, Extrasolar Planets Encyclopedia.



Die wahrscheinliche Erklärung für den Verlust des Mars Polar Lander

hat eine Untersuchungskomission gefunden: Beim Ausklappen der Landebeine ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Sensor ausgelöst worden, der dem Bordcomputer den Kontakt mit dem Boden suggerierte. Das entsprechend gesetzte Speicherbit wurde nach dem Ausklappen der Beine wegen eines Programmierfehlers nicht wieder auf Null gesetzt. Die Folge: Als der Computer in 40 Metern Höhe begann, Daten des Landesensors auszuwerten, nahm er an, die Landung sei schon erfolgt...

Mit augenblicklich abgeschaltetem Triebwerk stürzte der Lander ungebremst auf den Mars und traf ihn mit 22 statt 2.4 Metern pro Sekunde - das war nicht zu überleben. Da man beim MPL aus Kostengründen auf Telemetriefunk während der Landephase verzichtet hatte, wird sich dieses Szenario nie ganz beweisen lassen, aber es gilt als viel wahrscheinlicher als dutzende von Alternativen, die die Komission untersucht hatte. Tieferliegende Ursache des Fehlschlags war hingegen eindeutig ein nicht ausreichendes Testprogramm, das wiederum viel zu knappen Finanzmitteln zu verdanken war: Der Etat des Marsprogramms von 1998 war um mindestens 30 Prozent zu klein gewesen. [1.4.2000]

[2] Links: Alle Untersuchungsberichte als PDF-Dateien, eine JPL-Pressemitteilung zu den ersten eingeleiteten Reformen, und Spaceflight Now über den Neubeginn für die NASA.



Magnetosphärensatellit IMAGE gestartet

Der erste Satellit, der so etwas wie Bilder der kompletten Magnetosphäre der Erde aufnehmen soll, ist am 25. März von der NASA gestartet worden: IMAGE, der Imager for Magnetopause-to-Aurora Global Exploration. Mit drei verschiedenen Methoden soll er versuchen, die komplexe Felder- und Teilchenumgebung der Erde und ihre Wechselwirkung mit dem Sonnenwind global zu erfassen (anstatt sie wie bereits zahllose Vorgänger nur punktuell zu untersuchen):
  • Eine Radaranlage tastet die Grenze den Rand der Plasmasphäre ab, einer Region kalten Plasmas in der inneren Magnetosphäre,
  • Ultraviolettkameras beobachten Emissionen dieser Plasmasphäre und von Polarlichtern, und
  • mit sogenannten Neutral Atom Imaging wird aus den Bahnen neutraler Atome, die den Satelliten nach Ladungsaustausch mit Ionen in der Magnetosphäre erreichen, deren Gestalt in grobe Bilder verwandelt.
Das exotisch klingende dritte Verfahren hat immerhin bereits 1996 der Satellit Polar demonstrieren können. Eine Besonderheit bei der IMAGE-Mission: Alle Daten sollen sofort der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen! [1.4.2000]

[1] Links: Homepage des Satelliten, ein detaillierter Artikel der NASA Science News und ein Artikel aus dem SPIEGEL.


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