Meldungen Nr. 21 bis 30
vom 15.-24.5.2000
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ISS-Reparaturen schreiten voran

Nach einem Jahr sind erstmals wieder Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation, doch Wissenschaft ist ihre Aufgabe nicht: Vielmehr muß sich die Besatzung des Space Shuttles Atlantis, der am Morgen des 21. Mai andockte, um den Austausch zahlreicher Bauteile kümmern, die schon wieder defekt sind. Während ein Ausstieg am 22. vor allem Montagearbeiten an zwei Kränen diente, arbeiten die Astronauten noch bis Ende Mai im Inneren der Station, um durch Bedienfehler der Bodenkontrolle beschädigte Batterien u.v.a. zu ersetzen.



Nach der weiterhin für Mitte Mai erwarteten Ankunft des Zentralmoduls Zvezda sollten die Bauarbeiten in der zweiten Jahreshälfte endlich Fahrt aufnehmen.

Unterdessen hat die Firma MirCorp, die derzeit für die Betriebskosten des russischen ISS-Gegenstücks Mir aufkommt, den planmäßen Auszug der gegenwärtigen Besatzung für Juni angekündigt - aber die nächsten beiden Besuche sind bereits in Planung, für diesen Herbst und das 1. Quartal 2001. Bestätigt hat die Firma auch Verhandlungen mit einem Partner in Italien: Der erste Mir-Tourist könnte ein Italiener werden, der bereits bei der ESA trainiert hat. [24.5.2000]

[30] Links zur laufenden Atlantis-Mission gibt's zuhauf im Cosmic Mirror # 190 (Story 3), und ständige Updates von Florida Today und Spaceflight Now. Den Fortgang der Mir-Mission beschreiben Press Releases von MirCorp.



Galileo flog am Ganymed vorbei

Wieder ein erfolgreiches Jupitermond-Encounter der Galileo Millennium Mission: Am 20. Mai flog der betagte Jupiter-Orbiter in 809 km Höhe über den größten Mond Ganymed hinweg, ohne daß es zu Störungen gekommen wäre. Galileo hat bis jetzt schon die dreifache Strahlendosis in der Jupiter-Magnetosphäre mitbekommen, für die seine Elektronik ausgelegt ist. [24.5.2000]

[29] Links:
Status Report und NASA Science News. Außerdem gibt es zahlreiche neue Io-Bilder: JPL und U of A Press Releases und die Bilder.



Ist die Milchstraße schwerer als der Andromedanebel?

Die Lehrbuchweisheit, daß die Andromeda-Galaxie eine größere Masse als die Milchstraße habe und diese auf Platz 2 in der Lokalen Gruppe verweise, muß möglicherweise revidiert werden: Das besagt eine - allerdings umstrittene - neue dynamische Analyse der Bewegungen von Begleitgalaxien. Die Bahnen diverser Satellitengalaxien, von Planetarischen Nebeln und Kugelsternhaufen weist auf eine Gesamtmasse der Andromedagalaxie von 1.2 (+1.8/-.6) Billionen Sonnenmassen hin - während die Milchstraße eine Masse von 1.9 (+3.6/- 1.7) Billionen Sonnenmassen besitzt.

Die Fehlerbalken beider Angaben sind gewaltig, aber es ist nun nicht mehr auszuschließen, daß die Milchstraße die massereichste Galaxie in der Lokalen Gruppe ist. Den Astronomen verbleiben noch schätzungsweise drei Milliarden Jahre, um diese Frage zu klären: Dann werden die Andromedagalaxie und die Milchstraße so nah aneinander vorbeiziehen, daß sie von ihren Schwerefeldern wechselseitig zerrissen werden (wie gerade wieder eine detaillierte
Computersimulation gezeigt hat). Sterne, Gas und Dunkle Materie werden zum Schluß eine neue Riesengalaxie bilden. [24.5.2000]

[28] Link: Paper von Evans & Wilkinson.



Mit einem Sonnensegel in den interstellaren Raum

vordringen möchte die NASA gerne um das Jahr 2010: Am Marshall Space Flight Center laufen derzeit materialwissenschaftliche Experimente, um das beste Material für ein gigantisches Segel zu finden. Den ewig präsenten Strahlungsdruck des Lichts der Sonne als Antrieb für eine Raumsonde zu benutzen, ist eine alte Vision, die bereits auf die Pioniere der Raumfahrt zurückgeht, aber noch nie in die Tat umgesetzt wurde: Es fehlte an Möglichkeiten, ausreichend große Segel leicht genug herzustellen, um sie überhaupt erst einmal in den Weltraum zu bringen. Die kritische Grenze ist jetzt erreicht, und es gibt bereits konkrete Pläne, Ende dieses Jahres einen in Deutschland beim DLR entwickelten Prototypen mit einer russischen Rakete in eine Umlaufbahn zu bringen, wenn auch nur, um einen Entfaltungsmechanismus zu testen.

Die interstellare Raumsonde der NASA wäre allerdings von einer ganz anderen Größenordnung: Ein 400 Meter großes Segel aus einem Verbundmaterial, das pro Quadratmeter nur 3 Gramm wiegt, würde sie in 15 Jahren auf eine solche Geschwindigkeit bringen, daß sie 250 Astronomische Einheiten oder 37 Milliarden Kilometer zurückgelegt hätte. Und das auch als Precursor bekannte Gerät wäre erst der Vorläufer einer echten interstellaren Raumsonde, die es in vertretbarer Zeit bis zu einem anderen Stern schaffen könnte - eine der Lieblingsvisionen des NASA-Chefs Dan Goldin. [23.5.2000]

[27] Links: ein MSFC Press Release zu den NASA-Plänen, sowie die Homepage des DLR-Projekts und ein RP-Artikel darüber.



Im Juli fällt die Mars-Entscheidung

Noch steht die Zukunft des Langzeitprogramms zur Marsforschung der NASA buchstäblich in den Sternen, und erst gegen Jahresende wird mit einer neuen Strategie gerechnet, die Konsequenzen aus den beiden Fehlschlägen des Mars-Surveyor-Programms von 1999 zieht. Aber die Entscheidungen, was mit den Startfenstern 2001 und 2003 zu geschehen hat, müssen vorgezogen werden.

Bereits klar ist, daß 2001 nur ein Orbiter auf die Reise gehen wird und keinesfalls auch der eigentlich geplante (und fast fertig gebaute) Lander - er ist dem 1999 verunglückten Mars Polar Lander schlicht zu ähnlich. Und auch 2003 wird nur eine Mission statt derer zwei auf die Reise gehen, hat die NASA im Mai verkündet: eine direkte Konsequenz aus dem vernichtenden Urteil mehrerer Untersuchungskomissionen, daß die Weltraumbehörde in ihrem bisherigen Marsprogramm bei zu wenig Finanzmitteln zu viel gewollt habe.

Anfang Juli bereits soll nun bekannt gegeben werden, ob 2003 überhaupt eine Mission riskiert werden soll, und wenn, dann welche. Zwei Alternativen, beide im selben Kostenrahmen wie 1997 der Mars Pathfinder, sind nach monatelangen Diskussionen die Finalisten geworden:
  • Mars Surveyor Orbiter wäre ein Ersatz für den verschollenen Mars Climate Orbiter, der dessen wissenschaftliches Programm retten und speziell nach dem Verbleib von Wasser auf dem Mars forschen soll. Der Orbiter würde dem gegenwärtig erfolgreichen Mars Global Surveyor ähneln und wie dieser eine ganze Reihe verschiedener Instrumente tragen.
  • Mars Mobile Lander dagegen würde auf der rustikalen erfolgreichen Landetechnik des Mars Pathfinder aufbauen: Ebenfalls mit Airbags würde ein Lander aufsetzen, der allerdings selbst keine wissenschaftlichen Instrumente trägt. Einziger Passagier ist ein 100-kg-Rover, eine Weiterentwicklung der beliebten Sojourner, doch mit viel größerer Reichweite und mehr Instrumenten - auch sie wären für die Suche nach Wasserspuren optimiert.
Die verbliebenen Alternativen für 2003 stehen in dramatischem Kontrast zu den Plänen von noch vor einem halben Jahr, als in diesem Startfenster ein rasantes amerikanisch-französisches Programm zum Transport der ersten gezielt gesammelten Bodenproben zur Erde bis 2008 beginnen sollte. Solch ein Sample Return bleibt zwar das Fernziel, dürfte sich aber um fast ein Jahrzehnt nach hinten verschieben. Und die neue Bescheidenheit der NASA könnte sogar dazu führen, daß die Mars-Neulinge Europa und Japan, deren Sonden Mars Express und Nozomi 2003 den Planeten erreichen sollen, zeitweise die Führung in der Marsforschung übernehmen könnten. [22.5.2000]

[26] Links: JPL Press Release.



Der fünfte Meteorit mit bekanntem Orbit

Ständig werden überall auf der Erde Meteoriten gefunden, aber nur in den seltensten Fällen wurde auch ihr feuriger Sturz durch die Erdatmosphäre beobachtet. Und noch viel seltener sind jene Fälle, in denen diese Feuerkugel auch fotografisch oder mit Video aufgezeichnet wurde - und zwar von mehr als nur einem Standort aus, so daß sich der dreidimensionale Verlauf der Bahn in der Atmosphäre vermessen und die Bahn des Himmelskörperchens im Weltraum zuvor, sein heliozentrischer Orbit also, berechnen lassen. Das letzte Mal gelang dies 1992, als eine Feuerkugel von zahlreichen Videokameras über dem Osten der USA verfolgt wurde und anschließend ein Meteorit ein altes Auto im Ort Peekskill demolierte (dessen Wert sich dadurch vervielfachte).

Am 6. Mai 2000 war es endlich wieder so weit: Tausende sahen gegen Mittag eine sonnenhelle Feuerkugel über den Himmel Osteuropas ziehen, die mit dem Fall eines 214-Gramm-Meteoriten im schlesischen Beskiden-Gebirge - in Polen in der Nähe der tschechischen Grenze - endete. Während der sofort geborgene Meteorit umgehend zu Untersuchungen nach Italien gebracht wurde, konnten Astronomen mindestens drei gute Videoaufnahmen des Boliden sichern, die nach erster Einschätzung eine präzise Bahnrechnung ermöglichen werden: Es wird die fünfte überhaupt. [22.5.2000]

[25} Quelle: Mitteilung P. Spurny, Ondrejov-Sternwarte, via S. Molau, AK Meteore



Junger Astronom am Südpol gestorben

Rodney Marks war erst 32: Als »Winterover Scientist« sollte er von November 1999 bis November 2000 zusammen mit einem Kollegen das AST/RO (Antarctic Submillimeter Telescope and Remote Observatory) am Südpol betreuen, und er hatte zuvor auch alle harten medizinischen Tests bestanden. Doch am 12. Mai war er während der Rückkehr von dem kleinen Radioteleskop zu den Wohnquartieren der Scott-Amundsen-Station plötzlich zusammengebrochen und trotz intensiver Versorgung kurze Zeit später tot. Die Todesursache wird sich vermutlich erst in einigen Monaten klären lassen, wenn die Station wieder erreicht werden kann - Marks' erschütterte Kollegen haben derweil gelobt, daß die AST/RO-Daten der laufenden Saison die besten überhaupt werden sollen. [17.5.2000]

[24] Links: eine
Pressemitteilung der NSF und die Homepage von AST/RO.



Letzter »verlorener« Asteroid wiedergefunden

Wenn heutzutage ein Kleinplanet eine endgültige Nummer (und einen Namen) erhält, dann muß seine Bahn so gut bekannt sein, daß er immer wieder aufgefunden werden kann. Doch in der Vergangenheit wurden zuweilen auch Kleinplaneten mit Nummern und Namen versehen, die später wieder verlorengingen - eine peinliche Liste, die am 1. Mai 2000 geschlossen werden konnte! Denn da ging der Himmelskamera Spacewatch durch Zufall der letzte noch vermißte Asteroid (719) Albert ins Netz, dessen Identität am Minor Planet Center in Cambridge, Mass., sogleich festgestellt werden konnte. Alle 14 788 numerierten Asteroiden haben seither wohldefinierte Bahnen und damit jederzeit berechenbare Positionen. [16.5.2000]

[23] Links:
Pressemitteilung des CfA, die Webseite des Entdeckers und das IAUC mit der Erfolgsmeldung.



Neues Ballon-Experiment MAXIMA bestätigt BOOMERANG, wirft neue Fragen auf

Wieder ist eine hochauflösende Karte der Kosmischen Hintergrundstrahlung veröffentlicht worden, zwar von einem kleineren Himmelsfeld als bei BOOMERANG (siehe Artikel Nr.
11), aber mit noch besserer Winkelauflösung. Erneut sieht man ein welliges Muster mit Strukturen überwiegend von etwa 1 Winkelgrad Ausdehnung, aber weil diesmal noch Details bis 10 Bogenminuten herab zu erkennen sind, ist eine noch tiefere mathematische Auswertung als bei BOOMERANG möglich. Ergebnis: Die starke Struktur bei 1 Grad bestätigt erneut die geometrische Flachheit des Universums - aber bei kleineren Größenskalen fehlen Strukturen, die man eigentlich erwarten würde!

Zumindest das einfachste gegenwärtig diskutierte Weltmodell kann mithin nicht stimmen, und mindestens eine Modifikation wird nötig sein. Die am häufigsten diskutierte Lösung: Beim Urknall wurden deutlich mehr Baryonen produziert, als man gemeinhin annimmt. Die Menge dieser normalen Materie im All ist schwer zu messen (siehe Artikel Nr. 18), so daß sich hier noch etwas Spielraum ergibt. Zukünftige Untersuchungen der Kosmischen Hintergrundstrahlung, v.a. durch den NASA-Satelliten MAP, versprechen klarere Antworten. [16.5.2000]

[22] Links: Mehrere Pressemitteilungen über die MAXIMA-Resultate, und zwei Papers über die Daten und ihre Bedeutung.


Neue Verwirrung um die Hubble-Konstante

Vor einem Jahr schien alles erledigt: Das »H0 Key Project« (H0KP), ein großes Astronomenteam, das Zugriff auf Unmengen Beobachtungszeit mit dem Hubble Space Telescope hatte, gab seinen besten Wert für die Hubblekonstante, die - aktuelle - Expansionsrate des Universums bekannt. Doch diese »offiziellen« 71 +/- 6 km/s/Mpc sind seither gleich von mehreren Seiten in Frage gestellt worden, und der jüngste Einwand scheint besonders bedrohlich. Das Vorgehen des H0KP schien überzeugend: Man bestimme die Distanz zu einigen Dutzend Galaxien mit Hilfe der Cepheidensterne als Entfernungsmaß, finde in den Galaxien zugleich weitere »Standardkerzen«, die man wiederum in viel weiter entfernten Galaxien kennt, und weil deren hohe Fluchtgeschwindigkeiten bereits gut die Hubble-Expansion des Alls wiederspiegeln, läßt dank der im Zweischritt ermittelten Distanzen direkt die Hubblekonstante ausrechnen.

Einwand Nr. 1 betrifft die Eichung der Cepheiden: Es gibt zunehmend Hinweise, daß die Große Magellansche Wolke, anhand derer die absoluten Helligkeiten dieser veränderlichen Sterne ermittelt werden, nicht so weit entfernt ist wie gedacht. Und der neue Einwand Nr. 2 läßt Zweifel am zweiten Schritt der Galaxien-Entfernungsbestimmung aufkommen. Eine alternative Möglichkeit ist es nämlich, die mäßig weit entfernten Galaxien und ihre »Fluchtgeschwindigkeiten« direkt zu benutzen, unter Umgehung der sekundären Standardkerzen. Allerdings müssen ihre Geschwindigkeiten um Störungen durch andere Massen in der Umgebung korrigiert werden, ein trickreicher Prozeß. Bedenklicherweise kommt jedoch bei diesem Ansatz eine deutlich höhere Hubblekonstante heraus, zwischen 85 und 90 - und das selbst bei Annahme der alten Distanz der Großen Magellanschen Wolke. [15.5.2000]

[21] Links: die Abschlußarbeit des
H0KP - und die Arbeit der Zweifler. Einen längeren Artikel mit zahlreichen Links gibt es auch im Cosmic Mirror # 189 (Story 4).


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