Meldungen Nr. 271 bis 280
vom 25.5.-7.7.2001
Zu den aktuellen Meldungen


SDSS bricht eigenen Quasar-Distanzrekord

Die Sloan Digital Sky Survey, die umfangreichste elektronische Himmelsdurchmusterung, die zur Zeit in New Mexico läuft, produziert bereits eine astronomische Entdeckung nach der anderen. 26 der 30 bekannten Quasare mit den höchsten Rotverschiebungen gehen auf das Konto der SDSS, darunter die vier entferntesten überhaupt: Nachdem bereits letztes Jahr ein neuer Rekordhalter mit einer Rotverschiebung von z=5.8 gefunden wurde (siehe Artikel
10 und 166), wurden jetzt noch ein zweiter 5.8er entdeckt - und dazu Quasare mit z=6.0 und z=6.2! Das ist nunmehr der Weltrekord für die grösste direkt spektroskopisch gemessene Rotverschiebung - als der Quasar sein Licht ausstrahlte, hatte das Universum nur 1/7 seiner heutigen Ausdehnung. [7.7.2001]

[280] Link: SDSS Press Release, der auch andere Entdeckungen diskutiert, etwa zu chemischen Klassen der Asteroiden im Sonnensystem.

Die ersten Bilder einzelner Sterne im IR in 30 Mio. Lichtjahren Entfernung sind mit der NICMOS-Kamera des Hubble Space Telescope in NGC 3379 gelungen: UC Davis News.

Die ersten wissenschaftlichen Ergebnisse des nördlichen Gemini-Teleskops sind jetzt präsentiert worden: NOAO Press Release.

Die ersten fokussierten harten Röntgenbilder kosmischer Quellen sind NASA-Forschern bei einem Ballonflug mit dem HERO-System gelungen: Science@NASA.



Der hellste Bewohner des Kuiper-Gürtels neben Pluto

ist 2001 KX76, dessen Albedo leider noch nicht bekannt ist: Nimmt man eine Reflektivität von 7% wie bei 20000 Varuna (siehe
Artikel 189) an, hätte dieser Transneptun einen Durchmesser von 960 km, bei einer Albedo von 4% jedoch erstaunliche 1300 km. Dann wäre 2001 KX76 sogar etwas grösser als Plutos Mond Charon, der es auf 1200 km bringt. Die Entdeckungsserie von Kuiper-Objekten der 1000-km-Klasse bedeutet, dass es jenseits der Neptunbahn noch eine Menge grosser Objekte geben dürfte - und die Lücke zu Pluto, dessen Mond auch nicht mehr einzigartig ist (siehe Artikel 255), wird immer kleiner. [7.7.2001]

[279] Link: NOAO Press Release.

Die Voyager-Sonden könnten die Heliosphäre eher erreichen als man bisher dachte: Space.com.

Zwei Finalisten für eine NASA-Mission zum Pluto, deren Finanzierung aber weiter völlig ungewiss ist, hat die NASA aus 5 Vorschlägen ausgewählt - beide aus Boulder, Colorado: JPL Release.



Der neue Guide Star Catalog: Fast eine halbe Milliarde Sterne

sind im GSC-II mit Farbe, Ort und Helligkeit verzeichnet, mehr als 20-mal so viele wie im GSC-I. Dieser Katalog, der 1989 in erster Linie zur Ausrichtung des Hubble Space Telescope erstellt worden war, war - in nur einer Farbe - komplett bis zur 15. Sterngrösse, der neue aber reicht bis zur 19. Für den GSC-I waren 1400 historische Fotoplatten digitalisiert worden, für den GSC-II noch 4400 weitere Platten, die auf der Nord- und Südhalbkugel neu aufgenommen worden waren.

Fast eine Milliarde Sterne und Galaxien sind in dem 8 Terabyte grossen Datensatz enthalten, und bereits im Sommer 2002 soll er noch gründlicher ausgewertet sein: Alle Sterne bis zur 20. Grösse sollen für die dritte Version des GSC erfasst werden (eine erneute Verdopplung des Katalogumfangs) sowie ihre Eigenbewegungen am Himmel. Neben Hubble bedienen sich auch viele Grossteleskope auf der Erde der GSCs, und die Daten selbst stellen eine stellarstatistische Fundgrube dar. [7.7.2001]

[278] Link:
STScI Press Release.

Rotverschiebungen und Spektren von 100 000 Galaxien enthält der erste Teil der australischen 2dF Galaxy Redshift Survey (siehe Artikel 52), der am 30. Juni freigegeben wurde: ein Paper von Colless et al., die 2dFGRS Homepage und ein BBC-Artikel.



Vor 40 Jahren: Warum Kennedy den Wettlauf zum Mond begann

Im grossen Saal des US-Kongresses war es totenstill geblieben, nicht einer applaudierte, und auf dem Rückweg ins Weisse Haus war John F. Kennedy eigentlich überzeugt, dass es das wohl gewesen war: Seine dramatische Forderung, »bis zum Ende der Dekade einen Menschen zum Mond und sicher wieder zurück« zu bringen, schien ins Leere gegangen zu sein. Das war heute vor genau 40 Jahren gewesen, während der ersten grossen Ansprache des neuen Präsidenten der USA am 25. Mai 1961, einer »Special Message to the Congress on Urgent National Needs«, in der er als neunten - und letzten - Punkt auch die Bedeutung der Raumfahrt angesprochen hatte.

Kennedy brauchte dringend etwas Spektakuläres: Die Sowjetunion war den USA in den meisten Bereichen immer noch weit voraus, hatte am 12. April den ersten Menschen in den Orbit geschickt, während die USA nur Suborbitalflüge beherrschten, und das Fiasko in der Schweinebucht, auch im April, belastete die Präsidentschaft überdies schwer. Ohne die Konsequenzen (und vor allem die genauen Kosten) im Detail durchdacht zu haben, verband JFK kurzerhand die Anfang der 60er Jahre überaus populären Visionen der Raumfahrt mit dem Kalten Krieg: Nur wenn die USA die Sowjetunion auf diesem Sektor überholten, würden sich die Völker der Welt klar für die USA als Partner entscheiden.

Ein Crashprogramm zum Mond war dabei nur eine von vier Forderungen, die Kennedy auflistete: Die anderen waren die forcierte Entwicklung von Nachrichten- und Wettersatelliten (was auch rasch Wirklichkeit wurde) und von einer nukleargetrieben Rakete (die heute genau so eine Vision geblieben ist wie vor 40 Jahren). Das Mondprogramm war aber mit Abstand das teuerste und spektakulärste Forderung, und die absolute Grenze dessen, was Kennedy nach Konsultationen u.a. mit dem NASA-Chef Webb für technisch machbar hielt. Doch die Kalkulation ging auf: Durch die direkte Verbindung mit dem Kalten Krieg gewann Kennedy selbst die Unterstützung der Konservativen in beiden Parteien, denen grosse Regierungsprogramme sonst ein Greuel waren, und das Programm kam durch.

Die meisten Chroniken des Apollo-Programms konzentrieren sich ganz auf die ungeheure technische Aufgabe und wie sie pünktlich gemeistert wurde - doch wer weiss schon, dass Kennedy das Mondprogramm bald selbst sabotieren wollte? Kaum dass nämlich die ungeheuren Kosten klargeworden waren (geschätzt auf 20 Mrd. Dollar, bei einem damaligen Gesamtetat der USA von nur 100 Mrd. Dollar im Jahr), suchte er nach einem eleganten Ausweg - und bot, erst im Geheimen und 1963 schliesslich öffentlich, der Sowjetunion ein gemeinsames Mondprogramm an. Dadurch, hoffte Kennedy, würde der Rückhalt im Kongress rapide schwinden und das Programm könnte einfach auf die lange Bank geschoben werden.

Aber dann wurde Kennedy im November 1963 ermordet, und das noch junge Apollo-Programm wurde über Nacht zu einem Heiligtum, das der neue Präsident Johnson als Vermächtnis seines Vorgängers weiterführte und gegen alle Angriffe von aussen (viele Wissenschaftler waren ebenso dagegen wie Politaktivisten mancher Couleur) und von innen verteidigte (am Apollo-Teil des NASA-Etats durfte sich nicht einmal Johnsons Budget-Direktor vergreifen). Eines der grössten Technologieprogramme der Moderne, vergleichbar nur dem Bau des Panama-Kanals und dem Manhattan Project, konnte seinen Lauf nehmen und nur acht Jahre nach der Rede Kennedys in die erste Mondlandung münden. [25.5.2001]

[277] Links: der volle Wortlaut der 1961er Rede und einer weiteren berühmten Apollo-Rede JFKs von 1962 sowie eine NASA-Seite zum Kontext mit vielen Links.



Ein Super-Teleskop für Kosmische Strahlen der höchsten Energie - im Herzen von Nordrhein-Westfalen?

Es gibt eine Art von Astronomie, die kann man auch und gerade mitten in den grössten Ballungsgebieten betreiben: die Jagd auf Teilchen der Kosmischen Strahlung mit den höchsten Energien, von 1019 und mehr Elektronenvolt. Diese Partikel sind ausserordentlich rar: Nur alle 100 Jahre wird ein beliebiger Quadratkilometer der Erde getroffen. Also müssen riesige Areale mit Szintillations-Detektoren für die Luftschauer vollgestellt werden, die diese Teilchen in der Atmosphäre erzeugen - und dafür bieten sich dichtbesiedelte Regionen geradezu an, weil es dort überall Strom und Telefonleitungen für die Daten gibt. Die neue Möglichkeit, Daten direkt über Stromleitungen zu schicken, wäre dabei die Ideallösung.

Einen konkreten Vorschlag für einen solchen Mega- Detektor, der über 4000 Quadratkilometer abdecken würde, hat jetzt der Wuppertaler Physiker Hinrich Meyer vorgestellt: Standort würde das Rhein-Ruhr-Gebiet von Bonn bis Dortmund, später auch von Aachen bis Münster und Siegen. Der besondere Clou des »Giant Air Shower Array«: Die einzelnen - gut versiegelten -Detektoren, etwa 60 pro Stadt, würden stets auf Schulhöfen installiert. Dann würden sie nicht nur vielleicht endlich das Rätsel der Natur der KS-Teilchen der höchsten Energie und ihrer Quellen zu lösen helfen, sondern, so hofft Meyer, zugleich das Interesse von Schülern (und Lehrern) an der Astronomie bei den höchsten Energien und an Physik generell wecken. [25.5.2001]

[276] Link: ein kurzes Paper von
Meyer von einer Konferenz im Januar.



Proplyds sind helle Radioquellen!

Nur durch Zufall haben Astronomen mit dem Australia Telescope entdeckt, dass protoplanetaren Scheiben oder Proplyds helle Radioquellen sein können. Mit dem Radiointerferometer hatten sie die Sternentstehungsregion NGC 3603 eigentlich zu anderen Zwecken untersucht, als sie auf neue detailreiche Hubble-Aufnahmen aufmerksam wurden: Dort waren drei Proplyds zu erkennen, wie man sie zuerst im Orionnebel entdeckt hatte (siehe auch Artikel 261) - und genau an diesen Stellen zeigten die Radiodaten helle Flecken.

Gleich noch ein vierter Proplyd wurde bei der Gelegenheit entdeckt, den die Hubble-Forscher übersehen hatten - und nun werden systematisch alte Kataloge von Radioquellen nach weiteren Kandidaten in anderen Sternentstehungsgebieten durchforscht. Proplyds sind im Optischen nur dann zu entdecken, wenn sie nicht zu weit entfernt sind und kontrastreich vor einem hellen Nebel stehen, und ausser den Objekten im Orionnebel und NGC 3603 sind bisher nur zwei weitere bekannt. Da sie im Radiobereich aber kräftig zu strahlen scheinen und durch ihre Kaulquappen-artige Form auffallen (die sie durch die starke UV-Strahlung naher heisser Sterne bekommen), sollten auf diesem Wege viel mehr zu finden sein. [25.5.2001]

[275] Links: ein CSIRO Press Release mit den neuen Daten und ein STScI und ein Univ. of WA Press Release zu den Hubble-Daten.



Wieder drei fundamentale kosmologische Entdeckungen

machen jetzt Schlagzeilen, von denen zwei bestens zum modernen Bild des Universums (wie im
Artikel 265) passen und es weiter absichern, die dritte aber ein grosses Rätsel von noch unklarer Tragweite aufgibt.
  • Mit der räumlichen Verteilung von 160 000 Galaxien den Materiegehalt des Kosmos messen kann man dank der noch laufenden 2dF Galaxy Redshift Survey (siehe Artikel 52 und 177) schon jetzt (und bald noch viel besser, wenn 250 000 Rotverschiebungen gemessen sind): Danach macht alle Materie zusammen 28 +/- 4 Prozent der kritischen Dichte aus, und 15 +/- 7 Prozent der Materie ist baryonisch. (Percival et al., submitted to MNRAS).
  • Die zuverlässigste Bestimmung der Baryonendichte durch das Verhältnis von Deuterium zu Wasserstoff D/H in interstellarer Absorption im Spektrum eines fernen Quasars ist jetzt mit dem Keck-Teleskop gelungen, und wenn man entsprechende Messungen an drei Quasaren gewichtet mittelt, kommt D/H = 3.0 +/- 0.4 x 10-5 heraus bzw. eine Baryonendichte von 4.0 +/- 0.3 Prozent der kritischen Dichte. (O'Meara et al., Ap.J. 552, 718-30 [10.5.2001])
  • Das Subaru-Teleskop sieht fast alle Galaxien - aber es gibt ein unerklärtes diffuses Extragalaktisches Hintergrundlicht (Extragalactic Background Light oder EBL), vor allem im nahinfraroten J- und K-Band. Während die neuesten Hochrechungen zeigen, dass im »Subaru Deep Field« des japanischen 8-m-Teleskops 80-90% aller Galaxien zu sehen sind, die es überhaupt in diesem Himmelsfeld gibt, so macht deren gemeinsame Strahlung nur etwa 1/3 der mit anderen Techniken gemessen Gesamthelligkeit des Himmels aus. (Totani et al., Ap.J. 550, L137-40 [1.4.2001])
Eine mysteriöse leuchtende Komponente ausserhalb von Galaxien aller Art scheint mithin vorhanden zu sein, wie bereits in Artikel 236 vermutet worden war - inklusive teilweise exotischer Deutungsversuche, derer sich die Japaner hier enthalten. [25.5.2001]

[274] Links zur 2dF Survey: ein Paper von Percival et al. und ein Artikel aus der NYT sowie ähnliche Ergebnisse anhand anderer Surveys von Carnegie Mellon. Zum Deuterium: eine Pressemitteilung und ein Space.com-Artikel. Und zum Subaru Deep Field eine Pressemitteilung und ein BBC-Artikel.

Der »Stern« der Supernova 1997ff als Sensation der Kosmologie sinkt weiter - neue Analysen zur Möglichkeit, dass die z=1.7-Supernova durch eine Gravitationslinse signifikant aufgehellt wurde (siehe Artikel 254), lassen bereits so viele Variationen offen, dass die Supernova rein gar nichts mehr beweist: ein Paper von Mörtsell et al.



Eine starke Korrelation von Sonnenaktivität und dem Monsun

im Bereich des indischen Ozeans scheint sich in Stalagmiten in der Hovi-Höhle im nördlichen Oman widerzuspiegeln. Das Sauerstoff-Isotopenverhältnis, das sich dort erhalten hat und das von der tropischen Zirkulation und den Monsun-Regenfällen gesteuert wird, schwankte gut 3000 Jahre lang parallel mit der Kohlenstoff-14-Konzentration in den Jahresringen von Bäumen, die wiederum von der Sonnenaktivität gesteuert wird. Die kuriose Korrelation bestand im gesamten untersuchten Zeitraum von vor 9600 bis vor 6100 Jahren - eines der stärksten Indizien im an Konfusion reichen Feld der Studien des Einflusses der Sonnenaktivität auf das Erdklima. Wie ein kausaler Mechanismus freilich funktioniert haben könnte, das wissen die Forscher nicht: Auf jeden Fall müsste etwas den Einfluss der geringen Schwankungen des Strahlungsoutputs der Sonne dramatisch verstärkt haben. [25.5.2001]

[273] Quelle: Neff et al., Nature 411, 290-3 (17.5.2001).



Mit Infraschall explodierende Boliden erforschen

Ein Netzwerk von empfindlichen Infraschall-Mikrophonen, das das Los Alamos National Lab eigentlich zum Lauschen nach verborgenen Nukleartests installiert hat, wird immer mehr zum Werkzeug der Astronomie: Auch grössere Meteoriten oder Mini-Asteroiden, die hoch in der Erdatmosphäre von aerodynamischen Kräften zerrissen werden und sogenannte Airbursts produzieren, machen sich als Schallereignisse bemerkbar. Zwei besonders grosse »Knalle aus dem All« über dem Pazifik wurden jetzt publiziert: Im August 2000 explodierte ein Meteorit von 2 Metern Durchmesser mit einer Äquivalentenergie von 2-3 Kilotonnen TNT, im April 2001 ein 4-m-Asteroid mit 6-8 oder noch mehr Kilotonnen Energie. Jedes Jahr explodieren nach der LANL-Statistik mindestens 10 Asteroidchen mit 2 Metern Durchmesser in der Atmosphäre. [25.5.2001]

[272] Link: eine Pressemitteilung und Artikel von CNN und Space.com.



Indischer Forschungsminister will Astrologie an den Unis

Erheblichen Widerstand unter Indiens Wissenschaftlern hat der Vorstoss des esoterisch angehauchten Wissenschaftsministers (und Physikers!) M.M. Joshi ausgelöst, durch den die University Grants Commission jetzt die Einrichtung voll ausgestatteter Astrologie-Institute fördern kann. Joshi ist unter anderem davon überzeugt, dass sich die Antworten auf sämtliche Fragen der Welt in antiken Sanskrit-Schriften finden lassen. Unterstützt wurde der Minister von einigen einflussreichen Forschern, darunter dem Erfinder von Indiens erstem Supercomputer - aber zahlreiche wissenschaftliche Organisationen leisten heftigen Widerstand, der freilich die Regierung bisher nicht beeindruckt hat. [25.5.2001]

[271] Quelle: Nature vom 17.5.2001 Seite 227.


Zu den 10 vorangegangenen Meldungen,
den aktuellen Meldungen
oder zum Archiv.