Meldungen Nr. 301 bis 310 vom 22.7.-17.8.2001
Zu den aktuellen Meldungen
Ein detaillierter Atlas der Lichtverschmutzung
überall auf dem Globus ist jetzt von italienischen und
amerikanischen Astronomen erstellt worden: Grundlage sind die
lange bekannten Ansichten der Nachtseite der Erde und all ihrer
Lichtquellen von den DMSP-Satelliten, aber um die Helligkeit des
Nachthimmels über einem Beobachter auf dem
Erdboden zu ermitteln, musste auch eine Menge
atmosphärische Streutheorie berücksichtigt werden.
Im einem weiteren Schritt wurden die Himmelshelligkeiten mit
einer Datenbank der Bevölkerungsdichte verschnitten, was
interessante - und nach Ansicht der Astronomen
bestürzende - Statistiken ermöglicht.
Zwei Drittel der Weltbevölkerung und 99% der Bewohner
der Europäischen Union und der USA leben demnach unter
einem bereits merklich durch künstliche Lichtquellen
aufgehellten Himmel. Und für 40% bzw. 25% der
Weltbevölkerung, 90% bzw. 66% der EU- und 93% bzw. 80%
der USA-Bewohner ist der Himmel sogar so aufgehellt, als ob
permanent ein Halb- bzw. gar der Vollmond am Himmel
stände. Letzteres bedeutet zugleich, dass es für diese
Menschen nie wirklich dunkel wird, denn die Himmelshelligkeit
bei Vollmond entspricht ungefähr derjenigen bei nautischer
Dämmerung. [17.8.2001]
[310] Links: ein Paper von
Cinzano et al., eine Website mit dem
Atlas in hoher Auflösung, ein
Nature Science Update, ein
RAS Press Release und Artikel von
Space.com,
Rheinischer Post und
WELT.
Ein schöner Einstieg in die Deep-Sky-Astronomie wird von
Interstellarum angeboten.
Erstaunlich detailreiche Aufnahmen der ISS gelingen
immer mehr Amateuren mit einfachen Mitteln, z.B.
Ulrich Beinert und
D.J. Cash.
Die Planetenkonstellationen am Morgenhimmel im Juli
und August zeigt eine Galerie von
Spaceweather.com aus vielen
Perspektiven.
Dem frühen intergalaktischen Medium auf der Spur
sind dieser Tage viele Kosmologen, denn fundamentale Prozesse
bei der Ausformung unserer Welt haben hier entscheidende
Hinweise hinterlassen - und mit modernen Grossteleskopen oder
Hubble und ihren Spektrographen wird es endlich möglich,
die subtilen Details auch nachzuweisen.
- Die Epoche der Re-Ionisation des intergalaktischen
Gases, eine knappe Jahrmilliarde nach dem Urknall,
lässt sich dank der Wasserstoffabsorption in den Spektren
der fernsten Quasare untersuchen. Etwa 300 000 Jahre nach der
Entstehung der Welt hatten sich aus dem ursprünglichen
Plasma Atome bilden können, und das All wurde erst
einmal dunkel - aber rund 500 000 Jahre später waren (wie
auch immer) die ersten starken Lichtquellen auf die Bühne
getreten, die Quasare, und ihre UV-Strahlung begann, das Gas
erneut zu ionisieren.
Genau diese Übergangsphase scheinen jetzt fast gleichzeitig
mindestens drei unabhängige Arbeitsgruppen in Keck- und
VLT-Spektren mehrerer der von der Sloan Digital Sky Survey
entdeckten Quasare mit Rotverschiebungen von 5.8 bis 6.2
(bekannt aus Artikel 280)
beobachtet zu haben: In weiten Bereichen der Spektren ist die
Absorption praktisch total. Allerdings ist die Interpretation
schwierig, und erst entsprechende Beobachtungen an weiteren
Quasaren dürften sicherstellen, dass der Übergang
vom »Dark Age« zur »kosmischen
Renaissance«, als es wieder hell wurde, wirklich schon im
Blick ist.
- Helium II als noch bessere Sonde für das
intergalaktische Medium als der Wasserstoff ist dank des
NASA-Satelliten FUSE verfügbar geworden: Während
nur ein winziger Teil des intergalaktischen Wasserstoffs in
atomarer Form vorliegt (s.o.) und sich als Absorption in
Quasarspektren bemerkbar macht, ist es weit schwieriger, dem
einfach ionisierten Helium auch noch das zweite Elektron zu
entreissen. Mit seiner Hilfe die Dichtestruktur des
intergalaktischen Gases systematisch zu durchleuchten, war
bisher aber nicht möglich, weil die Absorptionslinien im
fernen Ultravioletten liegen, selbst noch bei grossen
Rotverschiebungen im Bereich von 100 Nanometern.
FUSE hatte dagegen keine Probleme, einen regelrechten »Wald«
von Linien mit Rotverschiebungen von 2.3 bis 2.7 im
Spektrum eines Quasars nachzuweisen. Etwa die Hälfte der
einzelnen Linien hat auch Gegenstücke im neutralen
Wasserstoff, doch das Verhältnis der Säulendichten
von He II und H I schwankt gewaltig, zwischen 1 und mehr als
1000 (mit 80 als Mittelwert). Nur Verhältnisse von weniger
als 100 lassen sich ausschliesslich durch die ionisierende
Wirkung harter Quasarstrahlung erklären, die anderen
Linien deuten darauf hin, dass auch das Licht junger Sterne eine
Rolle spielt. Auf jeden Fall bietet sich der »He II Forest«
nun neue Informationsquelle über die Dichteverteilung des
extrem dünnen Gases im intergalaktischen Raum an und
wie sie durch Gravitationsinstabilitäten entstanden ist.
- Die Deuterium-Häufigkeit im intergalaktischen
Raum wird immer klarer: Jetzt gibt es bereits sechs
Bestimmungen des D/H-Verhältnisses anhand von
Quasarspektren, und frühere starke Diskrepanzen bei
diesen schwierigen Messungen scheinen zu verschwinden. Der
gewichtete Mittelwert des Verhältnisses ist jetzt
(2.2±0.2) x 10-5, und daraus folgt direkt
eine Baryonen-Dichte des Universums von
0.025±0.001/h2 (h=Hubblekonstante/100
km/s/Mpc). Ein Wert, der nahezu perfekt mit der Baryonendichte
übereinstimmt, die die jüngsten Vermessungen des
Kosmischen Hintergrundstrahlung geliefert haben (siehe Artikel 265).
Als Wermutstropfen bleiben allerdings mysteriöse
Schwankungen des D/H-Verhältnisses um immerhin einen
Faktor 2 im lokalen interstellaren Medium, die auch der
FUSE-Satellit bestätigt hat und die unerklärt bleiben.
[17.8.2001]
[309] Links zur Reionisation: Papers von
Djorgovski et al. und
Becker et al., Pressemitteilungen von der
UC Davis und der
MPG, Artikel aus der NYT vom
4. und
7. August und aus dem
SPIEGEL. Zum Helium: ein Paper von
Kriss et al. und Pressemitteilungen von
STScI und
NASA. Und zum Deuterium: ein Paper von
Pettini & Bowen.
Sonnenwindsammler Genesis unterwegs
Wenn er am 8. September 2004 zur Erde zurückkehrt, dann
wird es das erste Mal überhaupt sein, dass eine
unbemannte amerikanische Mission Proben aus dem
Weltraum eingesammelt und mitgebracht hat (»Sample
Return«) - denn weder vor noch nach den Apollo-Missionen
hat die NASA solch ein Unterfangen riskiert, das bisher allein der
Sowjetunion (die mehrmals Mondbodenproben holte) gelang. Das
Ziel der Mission Genesis, die am 8. August auf die Reise ging, ist
allerdings kein Himmelskörper, sondern ein
imaginärer Punkt im Raum: der Lagrangepunkt L1, 1.5 Mio.
km vor der Erde in Richtung Sonne.
Dort wird die 164-Mio.$-Sonde bis Anfang 2004 verweilen und
immer wieder eine Anzahl 10 cm grosser Plättchen in den
Sonnenwind halten: Dessen schnelle Ionen - von über 80
verschiedenen chemischen Elementen - sollen eingefangen und
konserviert werden. Die chemische Zusammensetzung des
Sonnenwinds dürfte ziemlich genau derjenigen des solaren
Urnebels entsprechen, die sonst nirgends mehr im
Sonnensystem vorzufinden ist, und die Mengen- und
Isotopenverhältnisse der diversen Elemente versprechen
entscheidende Aufschlüsse über den Ursprung der
Planeten.
Besonderes Interesse gilt dabei dem Sauerstoff, dessen
Isotopenverhältnis von Planet zu Planet auf
unerklärliche Weise schwankt, obwohl doch alle aus
demselben Nebel hervorgingen. Bereits während der
Apollo-Mondlandungen wurden für einige Stunden primitive
Sonnenwindfänger aufgestellt und wieder eingerollt: Ihr
prinzipieller Erfolg (und die natürlich magere Ausbeute)
haben nun 30 Jahre später Genesis möglich
gemacht. Die zurückkehrende Kapsel soll noch am
Fallschirm über Utah von einem Hubschrauber eingefangen
werden, damit es keinen Landeschock gibt - und dann
dürften die eingesammelten Atome, zusammen nur 10 bis
20 Mikrogramm Masse, noch jahrzehntelang analysiert werden.
[17.8.2001]
[308] Links: die
Homepage, JPL Press Releases vom
11. Juli und
8. und
10. August, ein
LANL Press Release und Artikel von
Spaceflight Now und
SPIEGEL.
GOES-M hat seine geostationäre Bahn erreicht
und heisst jetzt GOES-12 - der Wettersatellit wird nun in Reserve
gehalten, seine Nutzlast inklusive des Röntgenteleskops
für die Sonne, aber erst einmal getestet:
NOAO Press Release.
Die endgültige Theorie der Entstehung des Mondes
meinen jetzt amerikanische Weltraumforscher mit einer neuen,
aufwendigen Computersimulation gefunden zu haben - bereits
seit 1984 geht die grosse Mehrheit der Planetenforscher davon
aus, dass der Einschlag eines marsgrossen Planetesimals auf der
jungen Erde zur Bildung des Mondes führte, aber erst in der
neuesten Simulation kommt ohne weitere Annahmen das
tatsächliche Erde-Mond-System heraus. Jetzt stimmen
sowohl die kosmochemischen Aspekte (wie die krasse Eisenarmut
des Mondes) wie der Gesamtdrehimpuls: Weitere Komplikationen
wie ein zweiter späterer Einschlag sind nicht mehr
nötig. [17.8.2001]
[307] Links:
SwRI Press Release,
Nature Science Update und Artikel von
Space.com,
Wired und
SPIEGEL.
Ein Stern mit zwei »Jupiters« auf
Kreisbahnen lässt hoffen, dass Planetensysteme wie
unseres keine Rarität im Kosmos sind:
NSF und
Berkeley Press Releases und ein
WELT-Artikel.
Chemische Indizien für Kometen bei Beta Pictoris hat der
Satellit FUSE entdeckt - denn in der zirkumstellaren Scheibe fehlt es
an molekularem Wasserstoff, während Kohlenmonoxid reichlich
vorhanden ist:
GSFC Press Release und Artikel von
Spaceflight Now und
Florida Today.
Auch in Doppelsternsystemen entstehen erdähnliche
Planeten, hat eine neue komplizierte Computersimulation
ergeben, und die Anwesenheit von Begleitsternen oder auch
Jupiters kann deren Bildung sogar beschleunigen:
PhysicsWeb.
HIPPARCOS räumt Zweifel an Exoplaneten aus
Einigen Wirbel machten vergangenes Jahr eine Handvoll Astronomen, die
plötzlich Zweifel an den meisten der extrasolaren Planeten anmeldeten,
die seit 1995 entdeckt worden sind. Mit einer Ausnahme (wo der Planet
regelmässig vor der Scheibe seines Sterns herzieht) bestehen die
Indizien immer nur aus der radialen Vor- und Zurückbewegung der Sterne
(entlang der Sichtlinie) durch den Schwerkraftzug ihrer Planeten. Die
Astronomen glaubten nun, in den Positionsmessungen des Satelliten
HIPPARCOS in vielen Fällen auch minimale aber deutliche Bewegungen
der Sterne in der Himmelsebene zu sehen.
Das würde aber bedeutet haben, dass die Bahnen der Begleiter
stark gegen die Sichtlinie geneigt wären - und die aus der
radialen Bewegung abgeleiteten Massen weit unterschätzt. In vielen
Fällen wären die Begleiter gar keine Planeten, sondern Braune
Zwerge oder gar kleine Sterne gewesen. Zwar konnte niemand plausibel
machen, wieso die (nur wegen ihrer Helligkeit und konstanten Leuchtkraft
ausgewählten) Sterne, bei denen die radialen Effekte gefunden wurden,
stellare Begleiter mit Bahnen fast in der Himmelsebene haben sollten:
Man sollte annehmen, dass die Neigungen völlig zufällig
verteilt sind, da der Ort der Erde in keiner Weise ausgezeichnet ist.
Die HIPPARCOS-Daten waren aber doch zu irritierend, um sie zu ignorieren -
und eine clevere Analyse hat jetzt gezeigt, dass die vermeintlichen
Bahnbewegungen der Sterne am Himmel mit grosser Wahrscheinlichkeit nur
Artefakte sind.
Die Positionsmessungen von jedem Stern wurden zufällig durchmischt -
und oft genug erschienen auch in diesem Datenschrott wieder
realistische Keplerbahnen. Fazit: Die meisten HIPPARCOS-Orbits sind nur
Rauschen, und die Massenobergrenzen für die Begleiter der Sterne
liegen maximal an der Grenze Stern/Brauner Zwerg, in einem Fall sogar
eindeutlich unterhalb der akzeptierten Massenuntergrenze für Braune
Zwerge. Bei den meisten Sternen, die laut Radialgeschwindigkeit Braune
Zwerge als Begleiter zu haben schienen, bestätigten das die
HIPPARCOS-Orbits indes - womit auch immer klarer wird, dass Braune Zwerge
und Planeten verschiedene Phänomene sind und es zwischen ihnen eine
Massenlücke gibt. Schon wird sie in der Literatur die »brown-dwarf
desert« genannt. [3.8.2001]
[306] Link: ein Paper von
Zucker & Mazeh.
Tunguska - wie es wirklich war
Niemand hat es photographiert, aber Augenzeugen gab es reichlich, als
am 30. Juni 1908 ein kleiner Asteroid über einer abgelegenen
Region Sibiriens explodierte. Noch heute wird auf Konferenzen über
die Details dieses Archetypen eines »Airbursts«, der kompletten
Zerstörung eines Steinasteroiden in grosser Höhe durch den
Luftwiderstand, diskutiert: Zwar gibt es dann keinen Krater, aber auch
die Gewalt der Explosion kann noch grossflächige Verwüstungen
anrichten.
William K. Hartmann, gleichzeitig einer der bekanntesten amerikanischen
Planetenforscher und Weltraummaler, hat es sich nun zur Aufgabe
gemacht, die oft verwirrenden Berichte der Augenzeugen der grossen
Explosion in realistische Gemälde umzusetzen und so die komplexen
Vorgänge zu visualisieren. Noch ist das Projekt nicht abgeschlossen,
aber die ersten drei Gemälde können bereits besichtigt werden:
Sie zeigen den Feuerball beim Flug durch die Atmosphäre aus 400 km
Distanz, die Explosion aus 60 km Distanz und ihre Folgen aus 15 km
Entfernung. Airbursts der Tunguska-Klasse gibt es im Mittel alle paar
hundert Jahre ... [3.8.2001]
[305] Link:
Hartmanns Bilder und Erläuterungen.
Der Feuerball vom 23. Juli über den USA war ein kleiner
Asteroid von vielleicht 1 bis 2 Metern Durchmesser:
Science@NASA.
Die Landung von NEAR auf Eros gibt es jetzt auch als
Filmsequenz:
JHU Press Release und der
Film.
Die Perseiden 2001 versprechen keine grosse Show, und überdies
stört der Mond erheblich:
Science@NASA.
Neuartiges Röntgenspektroskop besteht Raketen-Test
Nur 5 Minuten lang konnte J-PEX den Weissen Zwerg beobachten, während
des Aufstiegs einer Höhenforschungsrakete am 21. Februar, aber der
kleine Sprung hat die Röntgenastronomie einen grossen Schritt
vorangebracht: Die spektrale Auflösung des britischen Instruments ist
nämlich zehnmal höher als beim superteuren Satelliten Chandra -
und es hat weniger als ein Hundertstel so viel gekostet. J-PEX kann das
Röntgenlicht kosmischer Quellen viel effizienter ausnutzen als
herkömmliche Instrumente, bei denen die Photonen erst durch streifende
Reflexion gebündelt werden müssen: Hier findet die Reflexion bei
normalen Winkeln an einer vielfach beschichteten Oberfläche statt, so
dass das kleine Raketenexperiment trotzdem auf immerhin die Hälfte der
wirksamen Öffnung Chandras kommt. [3.8.2001]
[304] Links: ein
Press Release der Univ. of Leicester und Homepages in
England und den
USA.
Röntgenstrahlung der Jets junger Sterne ist vom
Röntgensatelliten XMM-Newton im Sternsystem L1551 IRS5 beobachtet
worden - dank einer günstigen Geometrie, bei der der
Röntgenglanz der Sterne selbst absorbiert wird:
ESA Science News.
Ausbruch des Ätna auch ein Schauspiel für Satelliten
Der gegenwärtige Ausbruch des Vulkans Ätna auf Sizilien ist
keineswegs ein lokales Phänomen: Beobachtungen mit mehreren
Satelliten zur Umweltbeobachtung zeigen Auswirkungen bis an die
nordafrikanische Küste. So hat der Spurengassensor
GOME auf dem ESA-Satelliten ERS-2 eine 350 000 Quadratkilometer grosse
Zone mit bis zu 10-fach erhöhter SO2-Konzentration entdeckt,
die am 25. Juli bis nach Tobruk reichte. Und Bilder anderer Instrumente,
etwa auf dem NASA-Satelliten Terra, trennen auch die beiden Abgasfahnen
des Ätna, die bläuliche aus Schwefelsäure und die
auffälligere braune aus Ascheteilchen. [27.7.2001]
[304] Links: Pressemitteilungen von
DLR und
JPL, die Abgasfahnen
in 3D und Artikel von
BBC und
Space.com.
Genesis vor dem Start - der erste NASA-Satellit, der Proben des
Sonnenwinds im interplanetaren Raum einsammeln und zur Erde bringen soll,
hat am 30. Juli sein erstes Startfenster:
Homepage, Pressemitteilungen von
LANL und
JPL und Artikel von
Salt Lake Tribune,
NYT,
ABC und
Space.com.
»Gigantische Atomwolken« - eine unbekannte Komponente des
interstellaren Mediums
Die letzten drei Jahrzehnte lang glaubten die Astronomen, ziemlich
genau zu wissen, was sich alles im Raum zwischen den Sternen befindet: heisser
Wasserstoff (mit einer Million Kelvin), warmes Gas mit 5000 bis 10 000 K,
»kühle« diffuse Wolken aus atomarem Gas mit 50 bis 100 K und
richtig kalte Molekülwolken mit 10 bis 25 K. Aber jetzt sind kanadische
Radioastronomen bei einer aufwendigen Himmelsdurchmusterung im Radiobereich
auf eine bisher völlig unbekannte Phase des interstellaren Mediums gestossen:
eine riesige Wolke aus nur etwa 10 Kelvin kaltem atomarem Wasserstoffgas - mit 20
Millionen Sonnenmassen!
Die Entdeckung in der Canadian Galactic Plane Survey, wo sich die Wolke
als »Schatten« vor der 1.4-GHz-Emission wärmeren
Wasserstoffs dahinter abzeichnet, kam völlig überraschend:
Eigentlich hätten sich die Wasserstoffatome bei dieser niedrigen
Temperatur längst zu Molekülen zusammenfinden und eine jener
Gigantischen Molekülwolken bilden sollen, die dann die Geburtsstätten
von Sternen bilden. Doch das ist ausgeblieben, und auch Anzeichen für
Sternentstehung gibt es in der »Gigantischen Atomwolke«, wie das
Gebilde schon genannt wird, nicht. Ein zweites Exemplar ist bereits gefunden
worden, wenn auch nicht ganz so kalt und so gross: Das Bild des interstellaren
Mediums könnte sich gehörig wandeln. [25.7.2001]
[303] Quellen: Knee & Brunt, Nature 412 [19.7.2001] 308-10
und Dickey, ibid. 282-3. Link: die
Homepage der
Canadian Galactic Plane Survey.
»The Dish«: eine Doku-Komödie um ein Radioteleskop
Radioteleskope haben es schon öfters auf die Leinwand geschafft,
meist als Staffage von SF-Filmen - aber noch nie wurde
ein individuelles Instrument so opulent und liebevoll in Szene gesetzt
wie in der australischen Komödie »The Dish«, die Down
Under letztes Jahr der fünfterfolgreichste Film aller Zeiten wurde
und nun auch in Deutschland angelaufen ist. Der Star des Films ist die
64-Meter-Schüssel von Parkes, die 1969 eine Schlüsselrolle
bei der Übertragung der Fernsehbilder von der ersten Mondlandung
spielte: Angelehnt an dieses Ereignis spinnt »The Dish« eine
ausgesprochen witzige Story - die in überraschend grossen Teilen der
Wahrheit entspricht.
Insbesondere der dramatische Höhepunkt, als die Antenne in
gefährlicher Schräglage mitten in einem Sturm auf den aufgehenden
Mond gerichtet werden muss, um den Beginn des Ausstiegs von Armstrong nicht
zu verpassen, folgt geradezu akribisch genau den wahren technischen
Abläufen: Dank eines zweiten Receivers ausserhalb der optischen Achse
konnte die Schüssel tatsächlich schon Signale empfangen (und nach
Houston weiterleiten), als der Mond eigentlich noch zu niedrig stand.
Zwar verschweigt »The Dish«, dass die NASA erst 8 Minuten nach dem
Beginn der TV-Sendung von der Mondoberfläche endgültig auf das
von Parkes gelieferte Signal umschaltete (nachdem man vorher abwechselnd
auf zwei andere Antennen zurückgegriffen hatte). Aber dann war die NASA
bis zum Ende bei Parkes geblieben, weil dessen Signal einfach das beste war.
Damals nahm das ausserhalb Australiens kaum jemand wahr - jetzt ist dem
(immer noch voll in der Forschung aktiven) Radioteleskop und der damaligen
Mannschaft ein wahrhaft sehenswertes Denkmal gesetzt worden. [23.7.2001]
[302] Links: äusserst lesenswerte
Sonderseiten von Parkes zum Thema, der
»Dish«-Eintrag in der
Internet Movie Database und Kritiken von
New York Times,
Chicago Sun Times,
MovieFreak,
F. Ochieng und
A. Leong.
Ein neues deutsches Radioteleskop für den Sub-mm-Bereich (konkret:
0.3 bis 0.15 mm Wellenlänge) werden das MPI für Radioastronomie und
die Ruhr-Universität Bochum in 5000 m Höhe in Chile errichten - das
12 m grosse APEX ist eine modifizierte Kopie einer der Prototyp-Antennen für
das Rieseninterferometer ALMA:
Pressemitteilung des MPIfR.
Sonnensegel-Test gescheitert
Jetzt steht es fest: Das kleine Raumschiff, mit dem am 20. Juli das
Entfalten eines aufblasbaren Sonnensegels im Vakuum unter
Schwerelosigkeit getestet werden sollte (siehe
Artikel 299), hat sich nicht von
der letzten Stufe der Volna-Rakete getrennt. Dadurch wurden sowohl
das Entfalten des Segels wie das Aufblasen des Hitzeschilds für
den Wiedereintritt in die Atmosphäre verhindert, und Oberstufe
und Satellit dürften mehr oder weniger ungebremst auf der
Kamchatka-Halbinsel eingeschlagen sein. Die dort stationierten
Bergungsteams sahen den Feuerschweif des Wiedereintritts, haben aber
die Trümmer des Experiments noch nicht lokalisiert. Trotz des
Fehlschlags will die Planetary Society aber den Orbitaltest des
Sonnenseglers weiter vorantreiben, vielleicht noch in diesem Jahr.
[22.7.2001]
[301] Links:
Plan. Soc. Press Release, ein Artikel von
Spaceflight Now und die
Cosmos 1-Nachrichtenseite.
Zu den 10 vorangegangenen Meldungen,
den aktuellen Meldungen
oder zum Archiv.
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