Meldungen Nr. 411 bis 420 vom 29.1.-11.2.2002
Zu den aktuellen Meldungen
NASA-Budget 2003: Mit Kernkraft zu den Planeten?
Die laufenden Projekte für Reisen zum Pluto und zum
Jupitermond Europa werden abgebrochen, und ein grosses
Marsfahrzeug startet statt 2007 erst 2009 - aber dafür wird
die NASA seit vielen Jahren ruhende Forschungen in Sachen
nuklearer Antrieb und Energieversorgung wieder energisch
aufnehmen: Das sind die Kernaussagen im Haushaltsentwurf
für das Finanzjahr (FY) 2003 in Sachen Planetenforschung.
Der Etatposten für Weltraumforschung steigt um 19% auf
3.4 Mrd.$, und zu den wichtigsten neuen Initiativen und
Änderungen gehören ...
- ... die Nuclear Systems Initiative: Einerseits werden
neue Radioisotopenbatterien gebaut, wo die Wärme
radioaktiven Zerfalls zur Stromgewinnung dient (es ist nur noch
ein solcher Generator vorrätig), zum anderen aber auch
Kernreaktoren für Raumsonden entwickelt, die
kräftige Ionendüsen antreiben und die Reisezeiten
innerhalb des Sonnensystems halbieren sollen. Die neuen
Generatoren sollen besonders auf dem Mars zum Einsatz
kommen und wesentlich langlebigere Lander ermöglichen.
Und mit dem noch ziemlich diffusen Kernantrieb (auf der Basis
von Kernspaltung?) sollten u.a. eine Wiederbelebung der Pluto- und
Europaprojekte und Flüge zwischen mehreren
Himmelskörpern hin und her möglich sein.
Sicherheit soll zwar unbedingten Vorrang bekommen, heftige
Proteste (wie zuletzt 1997 beim Start Cassinis) sind aber
absehbar.
- ... das New Frontiers Program, eine neue Serie von
teureren Planetensonden, die bis zu 650 Mio.$ kosten
dürfen, im Gegensatz zu den Discovery-Sonden mit 299
Mio.$ Obergrenze. Pluto und Europa könnten hier ein neues
Dach finden, und die neuen Nukleartechniken sollen diese und
andere Missionen »beflügeln«, sind aber nicht
zwingender Bestandteil. Die ersten Missionen sollen im Jahr
2003 ausgewählt werden, und mindestens alle drei Jahre
könnte eine starten. Das Discovery-Programm, das als
besonders erfolgreich eingeschätzt wird, geht gleichzeitig
weiter, ebenso das Marsprogramm, das sich von den 1999er
Pleiten erholt hat.
- ... eine erneute Reform des Mars-Programms: Bis
2005 einschliesslich bleibt alles wie 2000 beschlossen (siehe
Artikel 144 und 164), und es bleibt auch bei
zwei Rovern 2003, doch 2007 wird es von amerikanischer
Seite nur eine (noch auszuwählende) kleine
»Scout«-Mission geben. Das grosse »Mobile
Laboratory« rutscht auf das Startfenster 2009, aber
dafür wird die Lebensdauer dieses grossen Rovers mit Hilfe
der neuen Nuklearbatterien von Monaten auf Jahre (!)
gestreckt.
In das Nuklearprogramm sollen im FY 2003 die ersten 126 Mio.$
gesteckt werden (von in den nächsten 5 Jahren fast einer
Mrd.$), in New Frontiers die ersten 15 Mio.$ (später sollen
es 240 Mio.$/Jahr werden), und in die diversen Marsmissionen
gehen im FY 2003 allein 454 Mio.$. Insgesamt steigt im nahezu
konstanten NASA-Etat die Weltraumforschung um rund 800
Mio.$, während die bemannte Raumfahrt um 700 Mio. sinkt
(Hauptgrund: die meiste ISS-Hardware ist fertig). Bis zum
endgültigen FY-2003-Haushalt im Herbst kann sich noch
manches ändern, aber z.B. eine Wiederbelebung der
laufenden Pluto- und Europaprogramme gilt als
unwahrscheinlich. [11.2.2002]
[420] Links: die grundsätzliche
Planung des Office of Space Science, ein
Statement der Planetary Society dazu und
Artikel von
Florida Today,
Spaceflight Now und
SpaceRef.
Sonnenflare-Satellit HESSI endlich im Orbit!
Mit zwei Jahren Verspätung ist am 5. Februar der High Energy Solar
Spectroscopic Imager (HESSI) von einer Pegasus-Rakete in den Orbit
gebracht worden. Das Hauptinteresse gilt den Sonnenflares, die er
mit trickreichen Röntgen- und Gamma-Teleskopen räumlich
aufgelöst spektroskopieren wird.
Die explosionsartige Energieentladung und die Teilchenbeschleunigung bei
Flares soll dadurch klarer werden. Die Messungen beginnen in etwa drei
Wochen, wenn sich die neun Germanium-Detektoren genügend abgekühlt
haben. HESSI hatte viel Pech: Erst wurde der Satellit bei einem Bodentest
kaputtgeschüttelt (siehe Artikel 112),
dann musste der Start um viele Monate verschoben werden, weil es Zweifel
an der Zuverlässigkeit des Pegasus gab (siehe
Artikel 293). [6.2.2002]
[419] Links: drei Homepages beim
GSFC, in
Berkeley und an der
ETH Zürich, der
Press Kit, eine
Broschüre und viele wissenschaftliche
Details,
Science@NASA und Berichte zum Start von
Spaceflight Now und
SPIEGEL.
Japanischer Raketentest nur ein halber Erfolg - zwar flog auch die
zweite H2-A einwandfrei, aber eine der Nutzlasten trennte sich nicht
ab: der Status und Artikel von
New Scientist und
NetZeitung.
Eine »Hypernova« in Messier 74?
Der Begriff Hypernova ist erst vor kurzem in die Astronomie eingeführt
worden und nicht unumstritten: Gemeint sind Sternexplosionen mit erheblich
höherer Leuchtkraft als sie selbst eine Supernova des Typs I a erreicht.
Dahinter scheint der Kollaps besonders massereicher Sterne zu stecken, und
Hypernovae sind eine der am meisten diskutierten Quellen von Gamma Ray
Bursts. Die Supernova 2002ap in der Galaxie M 74 könnte solch ein Fall
sein, zumal ihr Spektrum dem der Supernova 1998bw ähnelt - die mit
einem Gamma Ray Burst zusammengehangen haben könnte. [6.2.2002]
[418] Links: Webseiten von
SEDS,
Rochester Astronomy und
VS Net mit aktuellen Beobachtungen der SN 2002ap, ausserdem ein
klassisches Paper von
Paczynski
und mögliche
Hypernova-Überreste in M 101.
Seltsame Nova im Monoceros - V838 Mon = Nov Mon 2002 steigt ungewöhnlich
langsam an und hat etwa 7. Grösse erreicht: Webseiten von
Gavin und
VS Net.
Ein Paar Brauner Zwerge umkreist eine fremde Sonne
und stellt einen weiteren Fall enger Nachbarschaft zwischen
einem gewöhnlichen Stern und diesen Leichtgewichten
zwischen 13 und etwa 75 Jupitermassen dar, bei denen es nur zu
marginaler Kernfusion reicht. Ein Paar Brauner Zwerge im
Orbit um einen G-Stern wurde allerdings noch nie beobachtet: Die
Entdeckung gelang mit Adaptiver Optik am nördlichen
8-m-Gemini-Teleskop. Das System ist erst einige hundert Millionen
Jahren alt, und die Zwerge kontrahieren noch: Deswegen sind sie
in nahen Infraroten nur 8 mag. schwächer als ihre
Sonne.
Die beiden Braunen Zwerge des Spektraltyps L (mit Massen von
weniger als 78 bzw. unter 68 Jupiters und
Oberflächentemperaturen von rund 2000 Kelvin) kreisen in
etwa 50 Astronomischen Einheiten (AU) Abstand um den
sonnenähnlichen aber jungen Stern HD 130 948,
während sie voneinander nur 2.4 AU Abstand haben. Das
Paar dürfte für eine gegenseitige Umkreisung nur 10
Jahre benötigen: Bald wird man ihre Massen direkt
bestimmen und mehr über solche ultrakalten, massearmen
Objekte lernen können. Und dass es überhaupt
Braune Zwerge in unmittelbarer Nähe gewöhnlicher
Sterne gibt, mag auch etwas über ihre Entstehung verraten.
Erst näher als 10 AU an Sternen gibt es keine mehr
(»brown dwarf desert«), vermutlich wegen Reibung an
den zirkumstellaren Scheiben. [6.2.1002]
[417] Links: ein Paper von
Potter et al. zum neuen Fall sowie ein Paper von
Liu und ein
Gemini Press Release zur kürzlichen
verwirrenden Entdeckung eines Braunen Zwergs nur 14 AU
neben einem Stern.
Was ein Planet ist und was ein Brauner Zwerg, ist
angesichts vieler Entdeckungen der letzten Zeit immer unklarer
geworden - eine
Erklärung der IAU hat immerhin
»offizielle« Definitionen
verkündet.
Erste Aufzeichnung von »elektrophonem Meteorschall« stellt Theorien in Frage
Berichte gibt es seit der Antike, bis zuletzt hielten es nicht wenige
Experten für glatte Einbildung - aber vor drei Jahren ist es
kroatischen Physikern zum ersten Mal gelungen, zwei Fälle
von »abnormem« oder »elektrophonem«
Meteorschall mit einer ausgeklügelten Apparatur
aufzuzeichnen. Jetzt liegt endlich die detaillierte wissenschaftliche
Arbeit dazu vor, und auch die härtesten Zweifler geben zu:
Es gibt wirklich gelegentlich Schallerscheinungen, die
während eines Meteors am Himmel auftreten und
wegen der über 100 km Distanz der Leuchterscheinung und
der extrem geringen Luftdichte in typischer Meteorhöhe
unmöglich auf mechanischem Wege transportiert werden
können.
Vielmehr müssen hinter dem Effekt niederfrequente
elektromagnetische Wellen stecken, die die Meteore irgendwie
auslösen und die erst in der Nähe des Beobachters in
Schall umgewandelt werden: Diese 20 Jahre alte Hypothese wurde
auch im Laborversuch bestätigt. Aber dies in der freien
Natur zu beweisen, erforderte geradezu heroische
Anstrengungen: Die Kroaten bastelten eine schalldichte Kammer
mit einem empfindlichen Mikrophon und ausgewähltem
Material, das im Labor besonders gut elektromagnetische in
Schallwellen verwandelt hatte, Alufolie und Papier. Das ganze
wurde während des Ausbruchs der Leoniden von 1998 in
einer abgelegenen Gegend in der Mongolei aufgestellt, zusammen
mit Antennen für extrem niedrige Frequenzen (ELF/VHF),
Videokameras und visuellen Beobachern.
Temperaturen von bis zu -27° Celsius mussten Mensch und
Material ertragen, aber der Aufwand hat sich gelohnt: In einer
einzigen Nacht zogen so viele extrem helle Meteore über den
Himmel wie sonst in mehreren Jahren. Und zwei dieser
Feuerkugeln, mit -7 und -12 mag., liessen es in der
Mikrophonkammer knallen, während zwei andere
ein messbares ELF/VHF-Signal lieferten. Die Schallereignisse
waren jeweils ein tiefes »Popp« von etwa 1/10 Sekunde
Dauer, mit der meisten Energie zwischen 37 und 44 Hertz. Das
erklärt wohl, warum es keine parallelen ELF-Messungen gab,
denn die Anlage war für Frequenzen unterhalb von 500 Hz
unempfindlich. Umgekehrt waren die beiden Meteore mit
ELF-Wellen zu schwach, um elektrophon wirksam zu werden.
Nicht nur haben die kroatischen Aufzeichnungen (die bereits
1999 für Aufsehen sorgten) die Existenz des bizarren
Phänomens bewiesen und bestätigt, dass es mit
Lichtgeschwindigkeit übertragen wird: Wie die Auswertung
nunmehr zeigt, widersprechen sie beiden Modellen, die
bisher für die Entstehung der verantwortlichen
niederfrequenten Wellen entwickelt wurden! Die Massen der
Leonidenteilchen waren um das Mehrtausendfache zu klein, und
die Meteore flogen auch in zu dünner Atmosphäre. Die
Theoretiker müssen wieder ziemlich von vorne anfangen
und insbesondere verstärkende atmosphärische und
ionosphärische Effekte berücksichtigen, die von
Meteoren ausgelöst werden können. Und dabei auch
erklären, warum die meisten hellen Meteore keinen
abnormen Schall hervorrufen. Die Renaissance der Astronomie
bei niedrigen Frequenzen (siehe
Artikel 410) kommt da gerade recht.
[6.2.2002]
[416] Links: eine
Webseite zu den Forschungen u.a. mit der
Originalarbeit, aktuelle Berichte von
Discovery,
Nature Science Update,
New Scientist und
NetZeitung und ein erster Bericht über den Erfolg von
BBC Online 1999. Ausserdem
Science@NASA über abnormen
Meteorschall während der Leoniden 2001, mit vielen weiteren Links.
Das detaillierte Aktivitätsprofil der Leoniden 2001
mit seinen beiden »Peaks« (siehe Artikel 370) zeigt diese
Grafik, erstellt von der International Meteor
Organization anhand von 137 147 Meteoren, die 177 Beobachter
notierten: Aufgetragen ist die Zenitstundenrate gegen die Position
der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne.
Komet C/2000 WM1 (LINEAR) springt von 6. auf 3. Grösse!
Leider ist er derzeit nur von der südlichen Hemisphäre aus zu
sehen: Der Komet C/2000 WM1 (LINEAR) ist in der letzten Januarwoche
urplötzlich von etwa 6.2 mag. auf 3.0 mag. angestiegen, eine
Helligkeit, die er seit dem 29. Januar ziemlich konstant gehalten
hat. Vermutlich hängt der Helligkeitssprung, der den Kometen
trotz hellem Mond mit dem blossen Augen erkennen lässt, mit einem
Zerbrechen des Kerns zusammen. Den sonnennächsten Punkt seiner
Bahn erreichte LINEAR am 22. Januar - der Wärmeschub
könnte den Kern angeknackst haben. [3.2.2002]
[415] Links: Karten & Lichtkurven, aktuelle Schätzungen der
Helligkeit (bis WM1 scrollen), ein
Bild aus Argentinien nach dem Ausbruch und Artikel von
Astronomy und
NetZeitung (mit einem falschen Bild).
Neuer Komet könnte 4. Grösse erreichen! C/2002 C1 (Ikeya-Zhang)
steht derzeit mit 9 mag. im Cetus und sollte Mitte März am hellsten
sein - im Pegasus leider nur 25° von der Sonne entfernt: eine erste
Ephemeride und
Karten.
Zwei 2-Meter-Teleskope für britische Schüler
werden derzeit in Birkenhead gebaut und sollen auf dem Haleakala auf
Hawaii und in Australien aufgestellt werden - gerade wurde ein
Abkommen mit der Australian National University unterzeichnet, das
dem zweiten Teleskop einen Standort auf dem Siding Spring Observatory
gewährt. Die Teleskope sind ein Geschenk des britischen
Geschäftsmanns und Philantropen Martin Faulkes, und ihre
geografischen Längen sorgen dafür, dass Beobachtungen des
nächtlichen Himmels (mit modernen Grossfeld-CCD-Kameras) live
in britische Klassenzimmer übertragen werden können. Die
Faulkes-Teleskope sind die weltweit grössten, die ausschliesslich
für Unterrichtszwecke benutzt werden sollen. Das Hawaii-Teleskop
soll in der zweiten Jahreshälfte in Betrieb gehen und das
»Faulkes South» Anfang 2003 - es ist zugleich das
drittgrösste optische Teleskop in Australien! [3.2.2002]
[414] Links: ein
Press Release zum australischen Vertrag, die
Homepage
des Faulkes Telescope Project und ein
australischer Artikel.
Heftige Kontroverse um staubige Folgen eines Asteroiden-Einschlags
Seit dem 23. Januar herrscht helle Aufregung in der kleinen aber
rührigen Gemeinde der Astronomen und Planetenforscher,
die sich mit den Auswirkungen von Einschlägen grosser
Asteroiden auf der Erde beschäftigen und daraus auch
einen dringenden politischen Handlungsbedarf für die
Gegenwart ableiten: Der US-Geologe Kevin Pope behauptet, bei
solchen Impakten werde wesentlich weniger feiner Staub in die
Atmosphäre gewirbelt als alle bisherigen Modelle
annahmen. Und das bedeute, so folgerte er keck in einer
Pressemitteilung, dass selbst Einschläge kilometergrosser
Brocken keine globale Verfinsterung des Himmels auslösen
könnten und die Gefahr für die Menschheit weit
geringer als angenommen sei.
Das Internet-Zeitalter hat wissenschaftliche Debatten immens
beschleunigt, und binnen Stunden wurde Popes
Argumentationskette bereits zerpflückt: Es handelt sich
nämlich um eine gewagte Extrapolation aus den
Sedimenten des Chicxulub-Impakts eines 10-km-Asteroiden vor
65 Mio. Jahren einerseits und der Staubgrössenverteilung
in den Aschewolken von Vulkanen andererseits. Entscheidend
für die Verfinsterung der Atmosphäre und die
Unterdrückung der Photosynthese auf der Erde sind vor
allem winzige Staubteilchen, die aber nicht in Sedimenten erhalten
bleiben: Die Menge des relevanten Staubes berechnet Pope aus den
gefundenen grösseren Partikeln - unter Annahme
derselben Grössenverteilung wie bei
Vulkanausbrüchen.
Ob diese Analogie überhaupt gerechtfertigt ist, daran sind
bereits starke Zweifel angemeldet worden - es fehlt an konkreten
Daten. Jedenfalls schliesst Pope, dass der Impakt vor 65 Mio.
Jahren um Grössenordnungen zu wenig feinen Staub
aufgewirbelt habe, um die Photosynthese zu unterbrechen,
weshalb das damalige globale Artensterben andere Ursachen
gehabt haben müsse. Seit zum ersten Mal vor gut 20 Jahren
ein Zusammenhang zwischen einem grossen Impakt und dem
Massensterben - dem u.a. die Saurier zum Opfer fielen - hergestellt
wurde (die berühmte Alvarez-Hypothese von 1980), sind
neben dem Staubeffekt noch viele andere kausale Mechanismen
vorgeschlagen worden. Welcher der Kandidaten, von saurem
Regen bis zu globalen Waldbränden, der wichtigste war,
darüber wird heute noch eifrig diskutiert.
Selbst wenn man Popes Argumentation folgt, so bleiben also noch
genug Szenarien denkbar, wie der grosse Impakt das
Artensterben ausgelöst oder zumindest beschleunigt haben
kann: Die Alvarez-Hypothese bleibt im Wesentlichen gültig
(und ein Meilenstein in der Geschichte der Geowissenschaften,
zumal sie lange vor der Entdeckung des Chicxulub-Kraters
aufgestellt wurde). Aber was bedeuten Popes Überlegungen
für die Politik der Gegenwart? Impakte von rund 1 km
grossen Asteroiden, die sich im Mittel alle paar hunderttausend
Jahre ereignen, gelten in der Fachwelt als Zivilisationsvernichter
(vgl. Artikel 243) - weil
man annimmt, dass sie immer noch genug Staub in die
Atmosphäre reissen, um katastrophale Ernteausfälle
auf der ganzen Welt zu verursachen.
Die anderen Mechanismen, die vor 65 Myr Jahren auftraten,
kommen bei dieser Art von Impakten hingegen nicht vor
(abgesehen von küstenbedrohenden Tsunamis bei einem
Sturz ins Meer vielleicht). Darin liegt nun die Brisanz der
PopeÕschen Extrapolationen: Fiele der Staubeffekt weg, dann
hätten die Einschläge der 1-km-Klasse nur noch
»lokale« Auswirkungen und wären zwar
verheerend für das getroffene Land (oder die Küsten
von Anrainern), nicht mehr jedoch für die gesamte
Menschheit. Die »Kosten-Nutzen«-Rechnungen
für mögliche Gegenmassnahmen sähen auf
einmal ganz anders aus - und der langsam wachsende politische
Rückhalt für energischere Suchprogramme
(geschweigedenn die Forschung an »Planetary
Defense«-Systemen) wäre in Gefahr. Die
Auswirkungen der nun neu entfachten wissenschaftliche Debatte
sind noch nicht abzusehen ... [29.1.2002]
[413] Links: Popes Originalarbeit, die Pressemitteilung
und die detaillierte Diskussion der ersten Tage sind im CCNet
vom
24.,
25. und
26. Januar zu finden - dieses Forum stellte
eine der wichtigsten Bühnen der frühen Debatte
dar.
Was wird aus der Erde, wenn die Sonne schwillt?
Wenn es mit dem Wasserstoffvorat der Sonne zuende geht, dann
wird sie sich zweimal gewaltig aufblähen: einmal in 7.5
Milliarden Jahren, bevor das Heliumbrennen in ihrem Kern
einsetzt, und ein weiteres Mal 120 Millionen Jahre später,
wenn nur noch eine brennende Wasserstoffschale um einen dann
nur noch aus »Asche« bestehenden Kern für
ihre Fusionsenergie sorgt. Vielerorts ist zu lesen, dass die Erde
von der Sonne regelrecht verschluckt werden wird, sobald sie zum
Riesenstern anschwillt - aber eine neue Berechnung der
Sonnenentwicklung zeigt jetzt, dass der Planet an sich beide Male
knapp entkommen wird. Bewohnbar bleibt er allerdings trotzdem
nicht.
Entscheidend ist der manchmal übersehene
Massenverlust, den die Sonne als Riesenstern erleidet: Dann wird
ihr Sonnenwind so gewaltig, dass die Sonnenmasse erheblich
abnimmt- und dabei steigt natürlich der Bahnradius der
Planeten. Berücksichtigt wurde der Massenverlust in einer
bahnbrechenden Arbeit von Sackmann et al. (Astrophys. J.
418 [20.11.1993] 457-86), aber jetzt ist seine zeitliche
Entwicklung noch genauer modelliert worden. Bis zu ihrem ersten
Aufblähen, wenn die Sonne zu einem »RGB-
Stern« wird, verliert sie demnach bereits 1/5 ihrer Masse,
womit der Radius der Erdbahn auf 185 Mio. km steigt: klar
ausserhalb des Radius eines solchen RGB-Sterns von 168 Mio.
km. Und wenn die Sonne erneut schwillt (zu einem AGB-Stern),
dann hat sie nur noch 68% der ursprünglichen Masse,
während die Erde auf 220 Mio. km weiter ausserhalb des
Sonnenradius von 172 Mio. km bleibt.
Während der Merkur und auch die Venus (die im
Sackmann-Szenario noch knapp überlebte) verlorengehen
werden, überlebt also die Erde voraussichtlich. Doch
bewohnbar bleibt sie dabei nicht: Ihre
Oberflächentemperatur steigt während der RGB- und
AGB-Phasen um das bis zu 6-fache an (und fällt
dazwischen wieder auf den doppelten heutigen Wert
zurück). Auch ein mehrfaches Umziehen auf andere
Planeten (oder deren Monde) hilft nicht, weil es zu wenig
Kandidaten im Sonnensystem gibt: Es wird lange Zeiträume
geben, in denen kein einziger bewohnbar ist. Und bereits bis zur
RGB-Phase steigt die Mitteltemperatur der Erde langsam aber
stetig an: In spätestens 5.7 Milliarden Jahren
müssen wir uns eine neue Heimat suchen ...
[29.1.2002]
[412] Quelle: Schröder et al., Astronomy &
Geophysics 42 Nr. 6 [Dezember 2001] 26-29.
Link: ein kurzer
Press Release dazu.
Neue Aufgaben für »Earth Observing 1«
Die Mission des NASA-Satelliten EO-1 wird auch dieses Jahr
fortgesetzt, obwohl dieser erste Erdsatellit des New
Millenium-Programms (siehe Artikel
163) alle seine ursprünglichen Aufgaben erfüllt
und 9 neuartige Satellitentechnologien erfolgreich getestet hat.
Seine beiden gleichzeitig leistungsfähigen und preiswerten
Instrumente zur Erdbeobachtung sind 2001 aber nicht nur
ausgiebig erprobt, sondern auch bereits angewendet worden: vom
US-Militär zum Bomb Damage Assessment in Afghanistan!
Der experimentelle Hyperspektral-Imager
»Hyperion«, der die Erdoberfläche in 220
engbandigen Farbkanälen und mit 30 Metern
Auflösung aufnimmt, war dafür offenbar besser
geeignet als alle anderen Satellitentechniken, die dem
Militär zur Verfügung standen.
Ihr eigener, noch leistungsfähigerer,
Hyperspektraldetektor war der U.S. Air Force beim Fehlstart des
Satelliten OrbView-4 im letzten September verlorengegangen
(siehe Artikel 337), und
ein vergleichbares Instrument auf dem 2000 gestarteten
MightySat II.1 kann nur 150 Farben gleichzeitig erkennen. Je
mehr engbandige Kanäle zur Verfügung stehen, desto
besser können aber noch subtilste
Geländeveränderungen erkannt werden - ideal wohl
auch für die Suche nach Al-Qaeda-Höhlen. Die Daten
der beiden Instrumente auf EO-1 (von Hyperion ebenso wie vom
Advanced Land Imager) stehen von nun an aber auch zahlenden
zivilen Nutzern offen, und der Satellit soll so lange betrieben
werden, wie es noch eine Nachfrage gibt. [29.1.2002]
[411] Quelle: AW&ST vom 21.1.2002 S. 30-31.
Link: ein NASA Press Release und die
Homepage von EO-1.
Zu den 10 vorangegangenen Meldungen,
den aktuellen Meldungen
oder zum Archiv.
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