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Gravitationslinsen I: Galaxien als Linsen |
Einstein's Allgemeine Relativitätstheorie sagt vorher, dass Licht im
Schwerefeld von Körpern abgelenkt wird. Die Messung dieser
Lichtablenkung am Sonnenrand während einer Sonnenfinsternis im Jahre
1919 brachte den Durchbruch für die Anerkennung der Einsteinschen
Gravitationstheorie (siehe Abb. 1). Die Lichtablenkung ist umso
stärker, je größer die Masse und um so geringer der Abstand des
Lichtstrahls vom ablenkenden Körper ist. Diese Abhängigkeit des
Ablenkwinkels erlaubt es daher im Prinzip, mittels der gravitativen
Lichtablenkung, für die sich der Begriff Gravitationslinseneffekt
eingebürgert hat, Massen zu messen oder allgemeiner,
Massenverteilungen im Universum zu untersuchen. Dabei ist von
besonderer Bedeutung, dass die Lichtablenkung unabhängig von der
Natur und dem Zustand der Materie des Deflektors ist, d.h. mit dem
Gravitationslinseneffekt misst man sowohl die bekannte, leuchtende
Materie als auch die Dunkle Materie. Deshalb hat sich in den letzten
Jahren dieser Effekt als ein sehr wichtiges Werkzeug der Kosmologie
erwiesen.
Nüchtern, und doch Dinge mehrfach sehen ...
Ist der Deflektor nur kompakt und massiv genug, so wird es möglich,
dass das Licht einer Quelle auf mehr als einem Wege den Beobachter
erreicht; in diesem Fall würde der Beobachter die gleiche Quelle an
mehreren Positionen am Himmel sehen. Wirkt eine Galaxie als Linse, so
ist der erwartete Bildabstand etwa eine Bogensekunde, vergleichbar mit
dem Auflösungsvermögen moderner bodengebundener Teleskope. Die
Entdeckung des ersten Gravitationslinsensystems dauerte bis 1979, als
ein erster Doppelquasar gefunden wurde - ein weit entfernter Quasar
wird durch eine zwischen uns und dem Quasar liegende Galaxie doppelt
abgebildet. Inzwischen kennt man ca. 50 solcher Mehrfachsysteme, von
denen zwei hier abgebildet sind.
(Einstein-) Ringe am Himmel
Falls Quelle, Linse und Beobachter ziemlich genau auf einer geraden
Linie liegen und die Massenverteilung der Linse (beinahe) symmetrisch
ist, kann das Licht der Quelle für den Beobachter als ringförmiges
Bild erscheinen. Ein solcher Ring - man nennt sie Einstein-Ringe -
wurde erstmals 1986 in einer Radioquelle beobachtet; heute kennt man
etwa ein Dutzend solcher Ringe, von denen zwei hier dargestellt
sind. Den Radius eines solchen Rings nennt man Einstein-Radius; er
hängt nur von der Entfernung der Linse und der Quelle sowie, und das
ist entscheidend, von der Masse der Linse innerhalb des Rings ab. Das
bedeutet, dass man aus einem beobachteten Ring sofort die Masse der
Linsengalaxie innerhalb des Rings ermitteln kann, mit einer ansonsten
in der (extragalaktischen) Astronomie unbekannten
Präzision. Ähnliches gilt auch für die Massenbestimmung mittels
Mehrfachbildern; insbesondere Vierfach-Systeme zeichnen sehr genau den
Einstein-Radius der Linse nach. Für einige Linsensysteme kann man
die Masse innerhalb des Einstein-Radius auf wenige Prozent genau
bestimmen! Sowohl aus der Untersuchung einzelner Linsensysteme als
auch durch Betrachtung der Häufigkeit von Mehrfachquasaren ergibt
sich eindeutig, dass neben Spiralgalaxien auch elliptische Galaxien
einen Halo Dunkler Materie besitzen, was mit anderen Methoden nur
schwer nachweisbar ist.
Verstärker ohne Netzanschluss
Wie man in Abb.2 beobachten kann, sind die einzelnen Bilder von
Mehrfachsystemen unterschiedlich hell. Dies kommt daher, dass die
Lichtbündel von der Quelle nicht nur als Ganzes abgelenkt werden,
sondern differentielle Ablenkung erfahren. Die Form und Größe
eines Bildes ändert sich also gegenüber der nicht-gelinsten
Quelle. Erscheint aber ein Bild größer, gelangt mehr Licht der
Quelle zu uns; man sagt, das entsprechende Bild sei verstärkt -
eigentlich eine falsche Begriffsbildung, denn es ist in Wirklichkeit
`nur' eine Vergrößerung. Wie man z.B. bei Quasar 1422+231 sieht,
kann das Flussverhältnis der Bilder sehr groß sein; das hellste
der vier Bilder ist etwa 20-mal heller, die Summe der Bilder etwa
50-mal heller als die ungelinste Quelle. Das bedeutet, dass man einige
der gelinsten Quellen wesentlich besser untersuchen kann als ihre
ungelinsten Geschwister - die Linse wirkt als natürliches Teleskop
im Sinne des Lichtsammelns. Leider kann man sich nicht aussuchen, in
welche Richtung dieses Teleskop ausgerichtet ist.
Große Linsen, kleine Linsen
Die Massenverteilung von Galaxien ist nicht `glatt' sondern körnig:
Galaxien enthalten Sterne, Molekülwolken, Sternhaufen, Spiralarme
usw. Die Massenskala dieser Unterstrukturen ist klein genug, um den
Ablenkwinkel von Lichtbündeln als Ganzes kaum zu beeinflussen. Wenn
allerdings die Quellen dieser Lichtbündel klein genug sind, macht
sich die Körnigkeit der Massenverteilung bei der differentiellen
Lichtablenkung bemerkbar, der Verstärkungsfaktor einzelner Bilder
wird beeinflusst. Der Bereich, aus dem das optische Licht von Quasaren
stammt, ist so klein (vermutlich kleiner als ein Lichttag), dass
selbst Sterne in Linsengalaxien die beobachtete Helligkeit von
Quasarbildern stören können. Da sich die relative Position von
Quelle, Linse und Beobachter durch Eigenbewegungen zeitlich ändert,
verändert sich dadurch auch die Bildhelligkeit. Bei Mehrfachquasaren
kann man diesen Effekt nachweisen durch Beobachtung der zeitlichen
Variation der Helligkeit der Bilder. Wären die Variationen durch eine
Helligkeitsschwankung der Quelle hervorgerufen, müssten alle Bilder
die gleiche Lichtkurve zeigen, während unkorrelierte Schwankungen der
Helligkeit auf diesen sog. Mikrolinseneffekt zurückzuführen sind.
Wie groß ist das Universum?
Falls eine mehrfach abgebildete Quelle intrinsische
Helligkeitsschwankungen erfährt, so sind diese Variationen in allen
Bildern der Quelle zu sehen. Allerdings nicht simultan: Die Laufzeit
des Lichtes von der Quelle zum Beobachter ist verschieden für die
verschiedenen Bilder, da die Länge der Lichtwege und die gravitative
Zeitverzögerung im Potential der Linse unterschiedlich sind. Diese
Lichtlaufzeitdifferenz hängt von der Konfiguration der Bilder
relativ zur Linsengalaxie ab, insbesondere vom Winkelabstand der
einzelnen Bilder von Zentrum der Linse. Eine einfache Überlegung
zeigt, dass die Lichtlaufzeitdifferenz direkt proportional zur
Größe des Universums ist. Falls man also die Geometrie des
Linsensystems gut genug versteht, kann man aus der Messung der
Lichtlaufzeitdifferenz direkt diese Größe berechnen. Sie wird im
Regelfall ausgedrückt durch die Hubble-Konstante
, die
Expansionsrate des Universums. Diese Methode zur Bestimmung von
ist völlig unabhängig von allen anderen Methoden, die wesentlich
indirekter sind und auf einer sogenannten Entfernungsleiter beruhen;
die Messung von
mit Linsen dagegen ist rein geometrischer
Natur. Für fünf Linsensysteme ist eine solche Messung bereits
durchgeführt worden; die resultierenden Werte für
liegen am
unteren Ende des Bereichs, der sich durch andere Methoden ergibt.