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Gravitationslinsen II: Galaxienhaufen als Linsen |
Was sind Galaxienhaufen?
Die Galaxien im Universum sind nicht zufällig verteilt; schon früh
war bekannt, dass Galaxien die Tendenz haben, sich in großen
Gruppen anzusammeln. Schon die Verteilung der hellen (und daher nahen)
Galaxien am Himmel zeigt eine stark gemusterte Struktur mit Bereichen
großer Überdichte von Galaxien. Die dichtesten Gebiete sind
Galaxienhaufen: Innerhalb einer Kugel, deren Radius kaum größer
ist als der Abstand unserer Milchstraße von der Andromeda-Galaxie,
befinden sich oftmals hundert und mehr Galaxien. Diese Gebiete nennt
man Galaxienhaufen; in ihnen sind die Galaxien gravitativ
gebunden. Durch Untersuchung der Bewegungen von Galaxien in Haufen
stellte Fritz Zwicky schon 1933 fest, dass solche Haufen sehr viel
mehr Masse enthalten müssen, als man in den Galaxien sieht: dies war
der erste Hinweis auf die Existenz von Dunkler Materie. Weiterhin
enthalten Galaxienhaufen ein diffus verteiltes, sehr heisses Gas (mehr als
10 Millionen Grad Celsius), welches im Röntgenbereich des
Spektrums sichtbar ist. Diese hohen Temperaturen zeigen eindeutig an, dass
das Gas in einem sehr tiefen Potentialtopf gefangen ist, was wiederum
den Schluss auf Dunkle Materie erlaubt.
Galaxienhaufen sind die größten gebundenen Objekte im Universum,
und sie sind, kosmologisch gesehen, jung: Die Zeitskala, die eine
Galaxie braucht, um einmal den Haufen zu durchqueren, ist nicht sehr
viel kürzer als das Weltalter (zum Vergleich: Unsere Sonne hat etwa
100 Umkreisungen um das Zentrum der Milchstrasse hinter sich
gebracht). Deshalb sind Galaxienhaufen besonders interessante Objekte;
sie haben die Bedingungen, unter denen sie gebildet wurden, noch nicht
`vergessen' - man kann ihnen zum Teil ansehen, wie sie entstanden
sind. Deswegen bilden Galaxienhaufen die Brücke zwischen Kosmologie
und Astrophysik.
Leuchtende Bögen am Himmel
Mitte der 80er Jahre entdeckte man bei einigen Galaxienhaufen das
Vorhandensein langer, gebogener Strukturen. Diese bananenförmigen
Gebilde befinden sich in der Nähe von Haufenzentren und sind
oftmals stark gekrümmt. Die Bezeichung `Arcs' (Bögen) spiegelt
ihre Morphologie sehr gut wider. Die Natur dieser Arcs war
anfänglich umstritten, bis es gelang, spektroskopisch ihre
Entfernung zu bestimmen: Sie sind wesentlich weiter von uns entfernt
als die zugehörigen Haufen, sind also physikalisch nicht mit ihnen
assoziiert. Vielmehr handelt es sich bei ihnen um Bilder von
Hintergrundgalaxien, die durch den Gravitationslinseneffekt des
Haufens extrem verzerrt sind.
Inzwischen wurden viele Beispiele für solche Arcs gefunden. Wann
immer man von einem sehr massiven Galaxienhaufen ein tiefes,
hochaufgelöstes Bild aufnimmt, kann man die Anwesenheit von Arcs
nachweisen, auch wenn nicht alle so eindrucksvoll sind wie die hier
gezeigten Beispiele. Aus der Form und der Lage der Arcs relativ zum
Haufenzentrum kann man direkt die Masse im inneren Bereich der Haufen
ermitteln: Damit eine so extreme Verzerrung auftreten kann, muss sich
ein Arc ganz in der Nähe des Einstein-Radius des Haufens
befinden. Die mit anderen Methoden gefundenen Resultate werden
bestätigt: Galaxienhaufen bestehen zum größten Teil aus Dunkler
Materie. Die Masse der Galaxien und des heißen Gases machen nur
etwa 15% der Gesamtmasse des Haufens aus.
Hubble schaut hin
Nachdem das Hubble Space Telescope (HST) 1993 repariert wurde und
hochaufgelöste Bilder aufnehmen konnte, wurde das Studium von Arcs
intensiviert. Viele der Bögen sind trotz ihrer Länge so dünn,
dass sie selbst mit dem HST nicht aufgelöst erscheinen. Das
Längen-zu-Breitenverhältnis einiger Arcs übersteigt 30! Diese
extreme Verzerrung der Bilder von Hintergrundgalaxien geht einher mit
einer entsprechenden Verstärkung der beobachteten Helligkeit: Arcs
sind wesentlich heller als die zugehörigen ungelinsten Galaxien
erscheinen würden.
Neben diesen `Giant Arcs' gibt es auch andere Linsenphänomene in
Haufen. Wie leicht vorstellbar ist, wenn es einige Galaxien gibt,
deren Bilder sehr stark verzerrt werden, sollte es wesentlich mehr
geben, bei denen die Verzerrung etwas geringer ist. Diese kleinen
Bögen erhielten den Namen Arclets; ihr Achsenverhältnis beträgt
typischerweise 3 - 10. Man findet sie etwas weiter entfernt vom
Haufenzentrum als die Arcs selbst. Weiterhin werden einige
Hintergrundgalaxien durch die Linsenwirkung des Galaxienhaufens
mehrfach abgebildet. Aus all diesen Informationen kann man
detaillierte Modelle der Massenverteilung im Zentrum von
Galaxienhaufen erstellen. Beispielsweise wurde gefunden, dass
die Materie in Haufen wesentlich konzentrierter verteilt ist, als man
aus Röntgenbeobachtungen ermittelte. Die Verteilung Dunkler
Materie in Haufen ist eng korreliert mit der Sternpopulation der
zentralen Haufengalaxie, woraus man auf die Entwicklungsgeschichte
dieser Galaxie schließen kann.
Galaxienhaufen als natürliche Teleskope
Die große Verstärkung der scheinbaren Helligkeit durch den
Linseneffekt kann man ausnutzen, um die Quellen sehr viel
detaillierter zu untersuchen als dies ohne die Verstärkung möglich
wäre. Da weitentfernte Galaxien sehr schwache Quellen darstellen,
bietet die Verstärkung eine willkommene Hilfe. Der Bogen im Haufen
Cl2244 (siehe Abb.1) war ein Bild der ersten normalen Galaxie mit
Rotverschiebung
, die gefunden wurde. Seither hat die
Spektroskopie von Arcs und Arclets viele Galaxien hoher
Rotverschiebung ergeben. Zwar hat man inzwischen eine große
Population von Galaxien mit Rotverschiebungen zwischen 2.5 und 4.5
gefunden, aber selbst mit den größten vorhandenen Teleskopen ist
ein detailliertes Spektum solcher Galaxien nur mit extrem langer
Belichtungszeit zu erhalten. Eine Galaxie, die um einen Faktor 20
verstärkt wird, benötigt für ein Spektrum gleicher Qualität
nur 1/400stel der Zeit wie die entsprechende ungelinste Galaxie!
Durch diesen natürlichen Bonus wird es möglich, die chemische
Zusammensetzung von Galaxien zu studieren, deren Alter nur etwa 20%
des heutigen Weltalters beträgt.