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Gravitationslinsen III: Der schwache Linseneffekt
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Prinzip des schwachen Linseneffekts
Mehrfachbilder, Einstein-Ringe und Arcs sind spektakuläre
Gravitationslinsenereignisse. Neben diesen Phänomenen des
sog. starken Linseneffekts kennt man seit etwa 10 Jahren auch den
schwachen Gravitationslinseneffekt. Dieser beruht darauf, dass
Lichtbündel von weit entfernten Quellen nicht nur als Ganzes
gravitativ abgelenkt werden, sondern durch den Gezeitenanteil des
Schwerefeldes, welches von Masseninhomogenitäten erzeugt wird, auch
verzerrt werden. Diese Verzerrung ist im Allgemeinen recht schwach und
kann daher bei Einzelobjekten nicht nachgewiesen werden, da die
intrinsische Form der Quellen nicht bekannt ist. Allerdings kann auf
tiefen optischen Himmelsaufnahmen eine große Anzahldichte von
Galaxien nachgewiesen werden: bis zu einer Größenklasse von
R < 25 gibt es etwa 35 Galaxien pro Quadratbogenminute, deren
charakteristische Rotverschiebung etwa bei z ~ 1 liegt. Die Bilder
benachbarter Galaxien werden durch ein ähnliches Gezeitenfeld
verzerrt; benutzt man also die Tatsache, dass die intrinsische
Orientierung von Galaxien zufällig ist, so läßt sich dieses
Gezeitenfeld aus der mittleren Ausrichtung der beobachtbaren
Galaxienbilder ermitteln. Aus dem Gezeitenfeld ergeben sich wiederum
Rückschlüsse auf die Massenverteilung. In der Tat kann man durch
die Vermessung dieses Verzerrungsfeldes die Massenverteilung eines
Galaxienhaufens rekonstruieren und erhält somit ein Bild der
(vorwiegend Dunklen) Materie - man sieht sie also doch! Ein Beispiel
einer solchen Massenrekonstruktion ist in Abb.2 gezeigt.
Abb.1: Eine Aufnahme des Galaxienhaufens A1689 mit dem Hubble Space
Telescope (HST). Um das Zentrum dieses Haufens herum sieht man eine sehr
große Anzahl von Arcs, tangential ausgerichtete verzerrte Bilder
von Hintergrundgalaxien. Während die Arcs ein immer geringeres
Achsenverhältnis zeigen, wenn man sich vom Zentrum entfernt, so
steigt ihre Zahl an. Weiter draussen kann man einzelne Arclets nicht
mehr als solche identifizieren, aber durch Betrachten von Gruppen von
Galaxienbildern weit ausserhalb des Haufenzentrums läßt sich
deren mittlere Verzerrung immer noch nachweisen. Die Stärke der
Verzerrung ist ein Maß für die Stärke des Gezeitenfeldes, dies
wiederum ein Maß für die Masse des Galaxienhaufens.
Abb.2: Eine tiefe Aufnahme des Galaxienhaufens Cl0939+4713 bei
z=0.41 (oben, gewonnen mit dem HST) wurde hinsichtlich der
Verzerrung schwacher Galaxienbildchen analysiert. Dadurch konnte das
Gezeitenfeld dieses Haufens ermittelt und daraus die Massenverteilung
rekonstruiert werden (unten). Man sieht deutlich das Zentrum des
Haufens als Maximum der Massendichte, ein weiteres (sekundäres)
Maximum, sowie einen Abfall der Dichte weg vom Zentrum und ein
ausgeprägtes Minimum. Ein Vergleich der Massenkarte mit der
Verteilung der helleren (Haufen-)Galaxien zeigt, dass diese sehr
ähnlich verteilt sind: sowohl das Maximum im Zentrum, das zweite
Maximum, als auch das Minimum der Massenverteilung findet sich in der
Galaxienverteilung wieder.
Abb.3: Selbst Haufen sehr großer Rotverschiebung lassen sich
mit der Technik des schwachen Linseneffekts
untersuchen: gezeigt ist hier ein Bild des Haufens
MS1054-03 bei Rotverschiebung z=0.83 (oben), sowie die mittels
des schwachen Linseneffekts ermittelte Massenverteilung
(unten). Sowohl die Galaxienverteilung des Haufens (die als
rötliche Galaxien hier sichtbar sind) als auch die Massenverteilung
zeigen starke Unterstruktur; der Haufen scheint aus drei Komponenten
zu bestehen. Da wir den Haufen zu einem Zeitpunkt sehen, als das
Universum nur etwa halb so alt war wie heute, ist dieser Haufen sehr
jung und bildet sich womöglich erst; er könnte aus drei kleineren
Haufen verschmolzen sein, die hier noch individuell sichtbar sind. Der
Linseneffekt ermöglicht somit das direkte Studium der
Strukturbildung im Universum.
Gibt es Dunkle Haufen?
Mit dem schwachen Linseneffekt kann man nicht nur bereits bekannte
Galaxienhaufen analysieren, sondern auch gezielt nach ihnen
suchen. Eine statistisch signifikante Ausrichtung der Bilder von weit
entfernten Galaxien um einen Punkt herum weist auf die Anwesenheit
einer Massenkonzentration hin. Auf diese Weise ist es möglich,
Massenkonzentrationen zu finden, ohne auf ihre
Leucht-Eigenschaften zurückgreifen zu müssen. Dies ist von allergröß
tem kosmologischen Interesse: Während die Theorie der
Strukturbildung sehr detaillierte Voraussagen zur Verteilung der
Materie liefert (z.B. mit numerischen Simulationen), sind Vorhersagen
über die Leucht-Eigenschaften (Galaxienentwicklung,
heißes Gas in Haufen) nur mit weitgehenden, vereinfachenden
Annahmen möglich und daher mit wesentlichen größeren
Unsicherheiten behaftet. Die Möglichkeit, Galaxienhaufen bzw. ihre
Dunkle Materie zu entdecken, ohne auf die Anzahldichte der
Haufengalaxien oder die Röntgenleuchtkraft zurückgreifen zu
müssen, würde einen direkten Vergleich der Anzahldichte von Haufen
und ihrer Massen mit kosmologischen Modellen erlauben. Da die
Anzahldichte von Galaxienhaufen als Funktion der Masse und der
Rotverschiebung ein empfindliches Maß des kosmologischen Modells
darstellt, ist dieser Vergleich außerordentlich interessant. In der
Tat wurde ein Galaxienhaufen mit dieser Methode bereits entdeckt
(Abb.4).
Abb.4: Eine Untersuchung des Galaxienhaufens A1942 mit
dem schwachen Linseneffekt fand nicht nur den eigentlichen Haufen
selbst, sondern auch etwas abseits eine Konzentration von Materie,
deren Gezeitenfeld sich eindeutig nachweisen läßt: Gezeigt sind
hier die Dichtekonturen der rekonstruierten Flächenmassendichte,
aufgetragen über eine tiefe Aufnahme im V-Band (links, Feldgröß
e ist 14' x 14') bzw. im I-Band (rechts,
7.5' x 15'). Der
Galaxienhaufen A1942 bei Rotverschiebung z=0.22 befindet sich etwa
im Zentrum des V-Band-Bildes und nahe der oberen Kante in der
I-Band-Aufnahme. Etwa 7' südlich vom Haufenzentrum sieht man eine
zweite Massenkonzentration, die sich mittels mehrerer statistischer
Tests als ähnlich signifikant erweist wie der Haufen A1942
selbst. Man sieht keinerlei Galaxienüberdichte, die mit dieser
Massenkonzentration assoziiert ist; vermutlich handelt es sich um
einen Galaxienhaufen hoher Rotverschiebung, der keine sehr
leuchtkräftigen Galaxien enthält.
Kosmische Scherung
Die Dunkle Materie im Universum war zu der Zeit, als sich die Atome aus
Elektronen und Atomkernen gebildet haben, fast homogen verteilt -
fast, aber nicht völlig, wie man an den Fluktuationen des
Kosmischen Mikrowellenhintergrunds eindeutig sehen kann. Aus diesen
kleinen Dichtefluktuationen entwickelte sich im Laufe der kosmischen
Entwicklung die großräumige Verteilung der Materie im
Universum. Dieser Vorgang kann inzwischen sehr genau mit
Supercomputern simuliert werden; aber kann man die großräumige
Struktur der Dunkeln Materie auch direkt beobachten? Der schwache
Linseneffekt bietet hier ein einmaliges Werkzeug: Lichtbündel weit
entfernter Quellen werden durch die großräumige Verteilung der
Materie schwach, aber im Prinzip messbar verzerrt (kosmische
Scherung). Aus den statistischen Eigenschaften der
Elliptizitätsverteilung von Galaxienbildern auf Weitwinkelaufnahmen
läßt sich direkt auf die statistischen Eigenschaften der Verteilung
Dunkler Materie schließen. Mehrere Forschergruppen weltweit haben
seit Jahren diesen Effekt gesucht; die dabei zu überwindenden
Schwierigkeiten ergeben sich aus der Kleinheit des Effektes: praktisch
jeder Abbildungsfehler eines Teleskops liefert ein größeres
Signal als die kosmische Scherung selbst. Erst nachdem man gelernt
hatte, solche Abbildungsfehler zu vermeiden bzw. sie zu
korrigieren, konnten im März 2000 vier Gruppen quasi gleichzeitig
ihre jeweilige Entdeckung publizieren. Es ist daher gelungen, zum
ersten Mal die Dunkle Materie außerhalb gebundener Strukturen wie
Galaxienhaufen direkt zu beobachten. Dieser Durchbruch wird die
kosmische Scherung zu einem Hauptarbeitsgebiet innerhalb der
beobachtenden Kosmologie in den nächsten Jahren werden lassen. Mit
ihrer Hilfe wird man die Entwicklung der Materieverteilung
detailliert studieren und mit Modellen vergleichen können.
Abb.5: Das Prinzip der kosmischen Scherung ist hier dargestellt durch
die Ausbreitung von Lichtbündeln (gelb) durch ein Modell der groß
räumigen Verteilung der Materie im Universum, welches mit
Simulationen erzeugt wurde. Wegen der Verzerrung durch die
Gezeitenfelder, die durch die Materieverteilung erzeugt werden, weicht
die Form des beobachteten Bildes einer Galaxie (blau, an der rechten
Seite des `Würfels' in der linken Abbildung) von der der ungelinsten
Quelle (blau, an der linken Seite des 'Würfels') ab. Die
statistischen Eigenschaften der Form der Bilder erlauben direkte
Rückschlüsse auf die statistischen Eigenschaften der groß
räumigen Massenverteilung. Rechts ist die Projektion dieser
Situation am Himmel illustriert. Die Elliptizitätsverteilung der
beobachteten Galaxien (blau) enthält Information über die
(projizierte) Verteilung der gesamten (Dunkle und normale) Materie
zwischen uns und den Hintergrundgalaxien.
Abb.6: In dieser Abbildung ist ein bestimmtes Maß für die kosmische Scherung als Funktion der Winkelskala
aufgetragen. Die vier verschiedenen Symbole in dem Diagramm zeigen die
Resultate von vier verschiedenen Gruppen, die unabhängig, aber fast
gleichzeitig den Durchbruch zur Messung der kosmischen Scherung
erreichten. Man erkennt, dass die Resultate der Gruppen sehr gut
übereinstimmen, was das Vertrauen in die Richtigkeit der Messungen
stärkt. Das theoretisch erwartete Signal ist für zwei
kosmologische Modelle als gepunktete Kurven aufgetragen;
offensichtlich schließen diese Messungen das Modell, das der oberen
Kurve zugrundeliegt, mit großer Signifikanz aus.
Gravitationslinsen I : Galaxien als Linsen
Gravitationslinsen II : Galaxienhaufen als Linsen