Überblick Kosmologie
Peter Schneider
Institut f. Astrophysik u. Extraterrestrische Forschung
der Universität Bonn
Auf dem Hügel 71
D-53121 Bonn, Germany
Inhalt
1 Bewohner des Kosmos
1.1 Galaxien
1.2 Gruppen und Haufen
von Galaxien
1.3 Intergalaktisches
Gas
1.4 Dunkle Materie
2 Ein expandierendes Universum
2.1 Die lokale Hubble-Expansion
2.2 Weltmodelle expandierender
Universen
2.3 Erweiterung der
Expansionsgleichungen; Standardmodelle
2.4 Rotverschiebung
3 Thermische Geschichte des Universums
3.1 Neutrino Entkopplung
und e+-e--Annihilation
3.2 Nukleosynthese
3.3 Rekombination und
Mikrowellenhintergrund
4 Strukturbildung im Universum
4.1 Warum es Dunkle
Materie geben muss
4.2 Cold Dark Matter
Modelle
5 Beobachtungen der groß räumigen
Strukturen
5.1 Dichtefeld von Galaxien
5.2 Pekuliare Geschwindigkeitsfelder
5.3 Der Gravitationslinseneffekt
6 Blicke ins frühe Universum
6.1 Quasare
6.2 Der Lya
`Wald'
6.3 Galaxien
6.4 Galaxienhaufen
6.5 Galaxienentwicklung
6.6 Das Ende des Dunklen
Zeitalters
7 Weiterführende Literatur
1 Bewohner des Kosmos
Außerhalb unserer Milchstraße sehen wir
andere Galaxien und intergalaktisches Gas. Darüberhinaus gibt es sowohl
in unserer Milchstraße als auch anderwo Dunkle Materie.
1.1 Galaxien
Die Haupttypen von Galaxien sind folgende:
``Normale'' Galaxien
-
Spiralgalaxien, wie z.B. unsere Milchstraße oder auch Andromeda
(M31); sie bestehen im Wesentlichen aus einer Scheibe, innerhalb derer
die Helligkeitsverteilung (und daher die leuchtkräftigen Sterne) Spiralarme
aufweisen. Ihr Helligkeitsprofil nimmt nach außen exponentiell ab.
Spiralen enthalten Gas, in ihnen findet Sternentstehung statt ®
es gibt daher auch junge Sterne, von denen einige sehr leuchtkräftig,
heiss, und daher blau sind.
-
Elliptische Galaxien, ihre Isophoten haben in etwa elliptische Form,
das Achsenverhältnis variiert zwischen 1 (rund) und 0.3; enthalten
wenig Gas, Sternentstehung findet nicht mehr statt ®
nur alte, kältere, d.h. rote Sterne.
-
S0-Galaxien, spindelförmige Galaxien, die Scheibe enthalten,
aber ebenfalls wenig Gas, also ohne aktuelle Sternentstehung, ebenfalls
rot. Ellipsen und S0's werden als Frühtyp-Galaxien bezeichnet.
Frühtyp-Galaxien findet man besonders häufig in Gebieten großer
Galaxiendichte, während Spiralen eher isoliert auftreten (Morphologie-Dichte
Relation).
 |
Figure 1: Schematische Klassifikation von Galaxientypen, links die
Ellipsen, rechts Scheibengalaxien, wobei man solche mit (Bezeichnung SB)
und ohne Balken unterscheidet. Diese rein
morphologische Klassifikation ist kein Entwicklungsschema, wie von
Hubble angenommen |
Aktive Galaxien Licht der normalen Galaxien stammt
größtenteils von Sternen; Aktive Galaxien enthalten einen kompakten
Kern, aus dem nicht-thermische Strahlung kommt; oftmals so viel, dass die
unterliegende Galaxie (host galaxy) völlig überstrahlt wird.
Haupttypen sind:
-
Quasare, ursprünglich als punktförmige Quellen betrachtet;
heller als die hellsten Normalen Galaxien; Strahlung kommt aus einem sehr
kleinen Gebiet, wie durch Variabilität gefunden wird (Lichtlaufzeitargument,
R£cDt);
etwa 15% der Quasare sind starke Radioquellen (Synchrotronstrahlung relativistischer
Elektronen); zeigen extrem breite Emissionslinien (typisch Dv
~ 10000km/s)
-
Seyfert Galaxien sind Spiralen mit aktivem Kern, weniger extrem
als Quasare; bilden den leuchtschwächeren Teil der Radio-ruhigen Quasare
-
Radiogalaxien sind Ellipsen mit starker Radiostrahlung, oftmals
sehr ausgedehnter Radioemission (Jets; double lobes)
-
BL Lac Objekte zeigen nur schwache Emissionslinien, sind (fast)
alle Radiostrahler; man findet sie bevorzugt im Zentrum von Ellipsen.
-
Blazare, Gruppe von AGN (Active Galactic Nuclei) bestehend aus BL
Lac's und schnell-variierenden Quasare; wurden auch im Gamma-Bereich gesehen
(bis hin zu TeV Energien)
Energieerzeugung in AGNs durch Akkretion von Materie auf zentrales Supermassives
Schwarzes Loch (black hole, je nach Leuchtkraft, mit 106Msun
<~MBH <~109 Msun);
nur dieser Prozess ist effizient genug, die beobachteten Leuchtkräfte
und Energien (Leuchtkraft × Lebensalter) auf so kleinem Raum zu erzeugen.
Akkretion: Einfall von Materie in Gravitationspotential, Umsetzung gravitativer
Energie in innere Energie (z.B. durch Reibung in einer Akkretionsscheibe),
danach Abstrahlung möglich. Quasare waren die ersten Objekte, die
man bei wirklich großen Entfernungen (Entfernungen, die mit der ``Größe
des sichtbaren Weltalls'' vergleichbar sind) gesehen hat. Die verschiedenen
Spielarten der AGN kommen z.T. durch deren anisotrope Erscheinung und verschiedenen
Orientierungen relativ zu uns (® unified
schemes).
Zwerggalaxien Wesentlich kleiner und leuchtschwächer
als Normale Galaxien, oft sehr irreguläre Morphologie (Irr) - solche
enthalten viel Gas, erzeugen aktiv Sterne und sind daher blau; es gibt
auch Zwergellipsen. Zwerggalaxien treten oft auf als Begleiter Normaler
Galaxien (z.B. die Magellansche Wolken).
Starburst Galaxien sind sehr blau, bilden neue Sterne
mit großer Rate; zeigen Emissionslinien, die aus HII-Regionen um
neue leuchtkräftige Sterne stammen.
1.2 Gruppen und Haufen von Galaxien
Galaxien sind nicht zufällig am Himmel verteilt,
sondern stark korreliert; sie bilden oftmals gravitativ gebundene Ansammlungen;
diese nennt man, je nach Mitgliederzahl, Galaxiengruppen und -Haufen (cluster
of galaxies); wir leben z.B. in eine Gruppe (der sog. lokalen Gruppe, die
außer der Milchstraße noch Andromeda als große, normale
Galaxie enthält, sowie viele Zwerggalaxien wie die Magellanschen Wolken,
die Sagitarius-Zwerggalaxie und ähnliche Begleiter um M31).
Galaxien innerhalb von Haufen (bekannte Beispiele: der Virgo-Haufen,
Coma-Haufen) bewegen sich mit großen Geschwindigkeiten, v
~ 1000km/s; da sie gravitativ gebunden sind, deutet das auf sehr
tiefen Potentialtopf hin. Haufen sind groß; ihr sog. Virialradius
rv
(Radius, innerhalb dessen die mittlere Haufendichte etwa 200 mal so groß
ist wie die mittlere kosmische Dichte) beträgt
~
1
Mpc oder mehr. Haufen sind die größten gebundenen Strukturen
im Universum; sie sind dynamisch `jung' - ihre dynamische Zeitskala (Zeit
einer Galaxie zum Durchqueren des Haufens, td
~ rv/v ~ 109
yr) ist nicht sehr viel kleiner als das Weltalter, ~
1010yr.
Als weitere sichtbare Komponente enthalten Galaxienhaufen ein heißes
(T ~ 3×107K), im Röntgenbereich
des Spektrums strahlendes Gas (intracluster medium) zwischen den Galaxien,
was ebenfalls auf einen tiefen Potentialtopf hinweist. Viele Haufen zeigen
deutliche Unterstruktur, was darauf hindeutet, dass sie noch nicht im dynamischen
Gleichgewicht sind (siehe obige Zeitskalen). Haufen enthalten hauptsächlich
Frühtyp-Galaxien.
1.3 Intergalaktisches Gas
Der Raum zwischen Galaxien ist nicht leer; Quasarspektren
zeigen eine Fülle von Absorptionslinien, die als Lyman-a
Linien von Wasserstoff gedeutet werden (Ly-a
forest). Dieses intergalaktische Gas ist im wesentlichen ionisiert, der
neutrale Anteil (also der, der Absorptionslinien erzeugen kann) beträgt
nur etwa 10-5.
1.4 Dunkle Materie
Es gibt sehr deutliche Hinweise darauf, dass der überwiegende
Teil der Materie im Universum dunkel ist, also nicht leuchtet. Die wichtigsten
Beobachtungsbefunde sind die Folgenden:
-
Rotationskurven von Spiralgalaxien: Sterne und Gas in Spiralen rotieren
um deren Zentrum. Aufgrund des steilen (exponentiellen) Helligkeitsabfalls
der sichtbaren Materie erwartet man, dass die Rotationsgeschwindigkeit
weit draussen wie r-1/2 abfällt
(Kepler! v(r) = Ö[(GM(r)/r)]).
Dies ist nicht der Fall: die Rotationskurve für große r
bleibt flach, v(r) ~ const. für
große r. Daraus schließt man, dass es mehr Materie in
Spiralen geben muss als man sieht, M(r)
µr:
Spiralen sind von einem Dunklen Halo umgeben, der sich vermutlich bis über
100 kpc vom Zentrum erstreckt (der optische Radius ist etwa nur 10 kpc).
Bis zu diesen Radien enthalten Spiralen etwa 10 mal mehr Masse, als man
in den Sternen allein sieht. - Aus etwas indirekteren Argumenten wissen
wir heute, dass auch Ellipsen Dunkle Materie enthalten.
-
Galaxienhaufen müssen wesentlich mehr Masse enthalten als die,
die in Galaxien und im intra-cluster Medium sichtbar ist; schon F. Zwicky
hat 1933 argumentiert, dass ansonsten die Galaxien nicht gravitativ im
Haufen gebunden wären, der Haufen also auf der dynamischen Zeitskala
von 109 Jahren auseinanderfliegen würde. Massenbestimmungen
von Haufen mittels dynamischer Methoden, der Analyse des Röntgengases
und mit Gravitationslinsen zeigen übereinstimmend die Anwesenheit
von sehr viel mehr Masse als sichtbar ist.
-
Strukturbildung und kosmische Hintergrundstrahlung zusammen ergeben,
wie weiter unten diskutiert wird, dass sich die heute sichtbaren Strukturen
nicht hätten bilden können, wenn unser Universum nur normale
(d.h. baryonische) Materie enthalten würde.
 |
| Figure 2: Der Gravitationslinseneffekt erlaubt verläß liche
Massenabschätzungen von Haufen. In dieser tiefen Mehrfarbenaufnahme
des HST vom Galaxienhaufen A2218 (z = 0.175) sieht man mehrere Bögen
(arcs) um das Zentrum des Haufens, das bei der leuchtkräftigen Galaxie
links unterhalb der Bildmitte liegt. Diese Arcs sind stark verzerrte Bilder
von Hintergrundgalaxien; die Verzerrung erfolgt durch den Gezeitenanteil
der gravitativen Lichtablenkung durch den Haufen. Je größ er
der Abstand der stark verzerrten Galaxienbilder vom Haufenzentrum entfernt
liegen, umso mehr Masse umschließ en sie; dieser Abstand ist daher
ein (recht genaues) Maß für die Masse im zentralen Bereich von
Galaxienhaufen |
Heute wissen wir, dass es mindestens 10 mal mehr Dunkle Materie im
Universum gibt als baryonische Materie; weitere Argumente werden im Folgenden
erwähnt. Die Natur dieser Dunklen Materie ist bis heute unbekannt;
Hypothesen reichen von kleinen Schwarzen Löchern über massearme,
sehr leuchtschwache Sterne (die allerdings mit dem dritten Argument Probleme
hätten), bis hin zu exotischen Elementarteilchen. Allerdings glauben
wir auch, dass die Elementarteilchentheorie bislang nicht vollständig
ist; Erweiterungen des Standardmodells sagen in natürlicher Weise
die Existenz zusätzlicher Teilchen vorher. Ein solches Teilchen, wenn
es stabil ist (d.h. innerhalb des Weltalters nicht zerfällt), wäre
ein natürlicher Kandidat für die Dunkle Materie. Eine der Herausforderungen
der modernen Kosmologie ist es, Zwangsbedingungen an die Art eines solchen
Teilchens zu finden, was dann bestimmte Teilchentheorien ausschließen
könnte.
2 Ein expandierendes Universum
2.1 Die lokale Hubble-Expansion
Mit ganz wenigen lokalen Ausnahmen (wie z.B. Andromeda) sind die
Spektren von Galaxien und AGNs rotverschoben; interpretiert als Doppler-Rotverschiebung
bewegen sich die Galaxien von uns weg:
v/c »Dl/lrest
= (lobs-lrest)/lrest
= :z, wobei z als Rotverschiebung definiert ist. E. Hubble
fand 1929, dass die Fluchtgeschwindigkeit von Galaxien proportional zu
deren Entfernung D zunimmt, v = H0 D,
mit H0: Hubble Konstante. Moderne Messungen ergeben einen
Wert von
| H0 = h 100 |
km/s
Mpc |
mit
h » 0.65±0.1
. |
|
(1) |
Interpretation: unser Universum expandiert; das Hubble-Gesetz ist verträglich
mit einer lokal gleichförmigen und isotropen Expansion. In der Tat,
solche expandierenden Weltmodelle werden in natürlicher Weise mittels
der Allgemeinen Relativitätstheorie beschrieben.
2.2 Weltmodelle expandierender Universen
Annahme: Über große Skalen gemittelt ist das Universum
homogen und isotrop; großskalige Strukturen sind bis hin zu etwa
100 Mpc beobachtet, doch gibt es keine Hinweise auf noch größere
Strukturen. Dagegen charakteristische Skala des sichtbaren Universums:
setze v = c in das Hubble Gesetz, ®RH
= c/H0 = 3000 h-1Mpc.
Dann folgt aus der Allgemeinen Relativitätstheorie (ART):
Es gibt eine Schar von räumlich homogenen und isotropen
Modellen expandierender Kosmologien, charakterisiert durch die momentane
Expansionsrate H0, die Dichte in Materie und Strahlung,
und eventuell die Kosmologische Konstante.
Viele Eigenschaften eines solchen Universums kann man mittels einer
vereinfachenden Betrachtung verstehen:
Newtonsche Kosmologie Motivation: Die Beschreibung
mittels der ART ist dann nötig, wenn die betrachteten Skalenlängen
mit dem Krümmungsradius der Raumzeit vergleichbar sind. Dies ist in
unserem Universum sicherlich der Fall. Andererseits: In einem homogenen
Universum ist jedes kleine Raumgebiet charakteristisch für das ganze
Universum, und auf kleinen Skalen ist die Newtonsche Betrachtung gerechtfertigt.
Betrachte also eine homogene expandierende Kugel mit Dichte r(t),
und einen Referenzradius r0 innerhalb der Kugel zum Zeitpunkt
t
= t0 = heute; Masse innerhalb dieser Kugel ist
| M(r0) = |
4p
3 |
r0 r03ºM
= |
4p
3 |
r(t) r3(t) |
|
(2) |
Expandiert die Kugel, so expandiert auch der Radius, innerhalb dessen die
Masse M beträgt; die Entwicklung dieses Radius erhält
man durch Betrachtung der Bewegungsgleichung eines Testteilchens auf dieser
Kugeloberfläche:
|
..
r |
(t) = - |
GM
r2 |
= - |
4pG
3 |
r(t) r(t)
= - |
4pG
3 |
|
r0 r03
r2 |
. |
|
(3) |
Definiere nun a(t): = r(t)/r0
als Verhältnis des Radius der Kugel mit Masse M zu einem beliebigen
Zeitpunkt t und heute, so findet man mit (3)
nach Multiplikation mit 2 da/dt und mit
r(t)
= r0 a-3
durch Integration:
|
.
a |
2 |
= |
8pG
3 |
r0 |
1
a |
-K c2
= |
8pG
3 |
ra2-Kc2
, |
|
(4) |
wobei K eine Integrationskonstante ist. Diese Gleichung kann interpretiert
werden als Energie-Erhaltungsgleichung: r02(da/dt)2/2
ist die spezifische kinetische Energie, -GM/(ar0)
die spezifische potentielle Energie, und -K
proportional zur gesamten spezifischen Energie eines Teilchens auf der
Kugelschale mit heutigem Radius r0. Entsprechend der
Speziellen Relativitätstheorie ist hierbei r
die gesamte äquivalente Massendichte, also Energiedichte/c2.
Als Expansionsrate definiert man nun
| H(t): = |
a |
; H0
= |
a(t0) |
= |
.
a |
(t0) |
|
(5) |
H0 ist die Hubble Konstante, die Expansionsrate zum jetzigen Zeitpunkt.
ÜBUNG: Das Geschwindigkeitsfeld an jedem Ort der Kugel ist
v(r,t)
= (dr/dt)(t) = r0 (da/dt)(t)
= r (da/dt)/a = r H, und der
Geschwindigkeitsvektor ist radial nach außen gerichtet. Überzeuge
Dich, dass ein Beobachter bei r,t lokal eine isotrope Expansion
sieht, die dem Hubble Gesetz entspricht!
Die Bedeutung der Integrationskonstanten K in der ART ist die
Krümmung des heutigen drei-dimensionalen Raumes; aus (4)
sieht man, dass die Geschichte der Expansion von K abhängt:
Wenn K < 0, so ist rechte Seite von (4)
immer positiv, da da/dt > 0 heute, bleibt da/dt
> 0 für alle Zeiten, das Universum expandiert ewig.
Wenn K = 0, so ist rechte Seite von (4)
immer positiv, da/dt > 0 für alle Zeiten, das Universum
expandiert ewig, aber so, dass da/dt®
0 für t®¥
Wenn K > 0, so wird rechte Seite von (4)
0 wenn a = amax = (8pGr0)/(3
Kc2),
dort ist da/dt = 0, danach rekollabiert das Universum wieder.
Im Grenzfall K = 0 hat das Universum heute eine Dichte, die
kritischen Dichte genannt wird,
| rcr: = |
3 H02
8pG |
= 1.88×10-29g/cm3
. |
|
(6) |
Man definiert den Dichteparameter
K > 0 entspricht W0 > 1, K
< 0 entspricht W < 1. Die in Sternen sichtbare
Materie trägt nur wenig bei, W*
<~0.01.
Die bisherige Betrachtung setzte druckfreie Materie voraus [die wir
im Folgenden als `Staub' (engl.: dust) bezeichnen werden]; falls Materie
Druck hat (wie z.B. Strahlung, für die p = rc2/3),
gilt nicht mehr d(ra3)/dt
= 0, sondern entsprechend dem ersten Hauptsatz der Thermodynamik gilt dann
|
d
dt |
(c2 ra3)
= -p |
da3
dt |
. |
|
(8) |
Diese Gleichung wird so interpretiert, dass in einem mitbewegten Volumenelement
(V µ a3) die
Energie ( µ a3 rc2)
sich ändert mit dU = -p dV.
ÜBUNG: Zeige, dass (4) und (8)
zusammen implizieren, dass die Bewegungsgleichung modifiert werden muss
zu
Druck wirkt also wie eine zusätzliche Quelle der Gravitation.
Warnung: Diese Newtonsche Betrachtungsweise ist sehr nützlich,
um die Friedmann-Gleichungen (9) und (4)
zu erhalten. Allerdings sollte sie nicht den Eindruck erwecken, es gäbe
einen `Mittelpunkt' des Universums, von dem alles wegexpandiert. Bemerke,
dass in den Gleichungen die `Kugel' gar nicht mehr auftritt.
2.3 Erweiterung der Expansionsgleichungen;
Standardmodelle
Die Einsteinschen Feldgleichungen erlauben einen zusätzlichen Term
in den Expansionsgleichungen, die sog. (orts- und zeitunabhängige)
Kosmologische Konstante L:
|
æ
ç
ç
ç
è |
a |
ö
÷
÷
÷
ø |
2
|
= |
8pG
3 |
r- |
K c2
a2 |
+ |
L
3 |
und |
a |
= - |
4pG
3 |
|
æ
ç
è |
r+ |
3 p
c2 |
ö
÷
ø |
+ |
L
3 |
|
|
(10) |
Ursprünglich von Einstein eingeführt, um ein statisches kosmologisches
Modell zu erhalten [durch geeignete Wahl von L
kann man die rechten Seiten der Gl.(10) zu 0 setzen]
- damals war die Hubble Expansion noch nicht bekannt - wurde sie für
lange Zeit ignoriert (Einstein: ``Meine größte Dummheit'');
heutzutage wird ein mögliches L ¹
0 interpretiert als ``Energiedichte des Vakuums'', ein quantenmechanisches
Phänomen. Allerdings läßt sich L
mittels der QM momentan nicht berechnen; Abschätzungen der Größenordnung
liegen um etwa 120 Zehnerpotenzen (!!!) daneben.
ÜBUNG: Die erste der Gleichungen (10)
legt nahe, die Größ e c2 L/(8pG)
als Energiedichte des Vakuums zu interpretieren. Berechne mit (8)
den äquivalenten Druck des Vakuums! Zeige, dass wenn man diese Ausdrücke
zur Materiedichte und zum Druck hinzuaddiert, gelten für die Summen
weiterhin (4) und (9)!
Der Dichteparameter W0, wie er
in (7) definiert ist, kann man nun für Staub
(also druckfreie Materie), Strahlung, und Vakuumenergie getrennt definieren;
wir bezeichnen diese als
Wd,0 (für
den Staub), Wr,0 für die Strahlung,
und WL = L/(3
H02)
für die Vakuumenergiedichte. Heute ist die Energiedichte durch Strahlung
völlig vernachlässigbar; sie wird dominiert durch die Photonen
der kosmischen Hintergrundstrahlung und durch Neutrinos aus dem frühen
Universum (siehe unten), Wr,0
~ 3.2×10-5h-2.
Deshalb gilt W0 = Wd,0+Wr,0»Wd,0.
Dies war nicht immer so: während die Energiedichte von Staub sich
wie µa-3
verhält, ist
rrµa-4
- die Photonendichte nimmt ab wie
a-3,
zusätzlich ändert jedes Photon durch `adiabatische Expansion'
seine Energie (d.h. Frequenz) wie a-1.
Also gab es einen Zeitpunkt in der kosmischen Entwicklung, wo Staub und
Strahlung gleiche Energiedichte besaßen. Zu noch kleineren Zeiten
dominierte die Energiedichte der Strahlung.
ÜBUNG: Zeige, dass der Skalenfaktor zu diesem Zeitpunkt
a
= aeq = 3.2×10-5W0-1h-2
betrug!
ÜBUNG: Zeige durch Zerlegung der Gesamtdichte r
in Staub und Strahlung, dass sich (10) schreiben
lässt als
| H2(t) = H02 |
é
ê
ë |
a-4(t)Wr,0
+ a-3(t)W0-a-2(t) |
Kc2
H02 |
+ WL |
ù
ú
û |
. |
|
(11) |
Spezialisierung auf heute, und die Bedingung Wr,0
<< W0 liefert dann
| K = |
æ
ç
è |
H0
c |
ö
÷
ø |
2 |
(W0+WL-1)
, |
|
(12) |
Zeige somit, dass
| H2(t) = H02
[ a-4(t)Wr,0
+ a-3(t)W0
+ a-2(t)(1-W0-WL)
+ WL] ! |
|
(13) |
Zeige, dass der Abbremsungsparameter
bei t = t0 gegeben ist durch
Das bedeutet, dass für genügend großes WL
der Abbremsungsparameter negativ werden kann, wobei sich dann die Expansion
des Universums beschleunigen würde. Durch Untersuchungen der Helligkeiten
von Supernovae des Typs Ia bei hohen Rotverschiebungen haben in den letzten
Jahren zwei Forscherteams starke Evidenz für eine solche beschleunigte
Expansion gefunden; dies impliziert ein nicht-verschwindendes WL
~ 0.7.
 |
Figure 3: Scheinbare Helligkeit von Supernovae vom Typ Ia als Funktion
ihrer Rotverschiebung. Unter der Annahme, dass SN Ia Standardkerzen sind,
d.h., dass sie alle die gleiche intrinsische Leuchtkraft haben, kann man
die beobachtete Helligkeit als Funktion der Rotverschiebung berechnen;
diese hängt von den kosmologischen Parametern ab, wie die drei Kurven
in dem Diagram zeigen. Diejenige, die zu den Daten am besten passt, ist
durch ein beschleunigendes Universum beschrieben, hier mit WL
= 2/3,
W0 = 1/3. Mit einer Hubble
Konstanten von h = 0.65 wäre dieses Universum 14.1×109
Jahre alt |
Das Weltalter bei einem gegebenen Skalenfaktor a lässt sich
berechnen aus dt = da (da/dt)-1
= da/(a H), so dass
| t(a) = |
1
H0 |
|
ó
õ |
a
0 |
da [ a-1W0
+ (1-W0-WL)
+ a2WL]-1/2
. |
|
(16) |
Die Vernachlässigung des Drucks in diesem Ausdruck spielt keine Rolle,
weil die Zeitspanne, wo die Strahlung dynamisch wichtig ist, sehr kurz
ist. Das heutige Weltalter erhält man also mit a = 1 in (16);
es ist für `flache' Modelle und solche mit
L
= 0 in Fig.4 dargestellt.
 |
Figure 4: Weltalter in Einheiten der Hubble Zeit H0-1
für flache Weltmodelle mit K = 0 und solche mit verschwindender
kosmologischer Konstanten |
Kosmologische Modelle werden charakterisiert durch W0
und
WL - H0 ist
`nur' ein Skalenfaktor. Heute werden hauptsächlich zwei Sorten von
Modellen betrachtet:
-
Modelle ohne kosmologische Konstante, L = 0;
die Schwierigkeit, einen `vernünftigen' Wert für L
aus der Teilchenphysik zu begründen, ist für viele Grund genug,
diese Einschränkung zu machen;
-
Modelle, für die W0+WL
= 1, d.h. K = 0; diese Modelle werden von sog. Inflationären
Modellen bevorzugt;
-
Ein Spezialfall ist das Einstein-deSitter Modell, W0
= 1,
WL = 0; für dieses ist
t0
= 2/(3 H0).
2.4 Rotverschiebung
Die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit impliziert, dass jeder Blick ins
ferne Universum auch gleichzeitig in Blick in die Vergangenheit ist: Licht
von einer fernen Quelle wurde emittiert zu einem Zeitpunkt, als das Universum
noch jünger war. Technisch gesprochen können alle Beobachtungen
nur entlang des rückwärts gerichteten Lichtkegels stattfinden.
Je weiter eine Quelle von uns entfernt ist, umso jünger war die Quelle
bei der Emission, um so höher ist die scheinbare Fluchtgeschwindigkeit.
Betrachtung von Lichtstrahlen in der ART ergibt, dass die Rotverschiebung
alleine vom Skalenfaktor abhängt, 1+z = a-1.
Die Energie, somit die Frequenz eines Photons, gemessen von Beobachtern,
die sich mit der kosmischen Expansion mitbewegen, nimmt wie 1/a
ab, oder anders ausgedrückt, die Wellenlänge skaliert ebenfalls
mit a. Rotverschiebung ist daher ein Maß für die Entfernung
von Quellen. Die einfache Abhängigkeit der Frequenz vom Skalenfaktor,
zusammen mit der Abhängigkeit der Photonendichte µa-3
impliziert, dass eine Planck-Verteilung (d.h., Schwarzkörperstrahlung)
sich so entwickelt, dass sie stets eine Planck-Verteilung bleibt, aber
mit sich ändernder Temperatur, T µa-1.
Unser Universum war also wesentlich heisser in der Vergangenheit, als es
heute ist (T0 = 2.735K). Für t®
0 ergibt sich
T® ¥!
Gleichzeitig schrumpft in diesem Limit der Radius des sichtbaren Universums
zu 0! Dieser Zeitpunkt wird als Urknall oder Big Bang bezeichnet.
ÜBUNG: Berechne für ein Einstein-deSitter Modell das
Weltalter als Funktion der Rotverschiebung!
Das Weltalter läßt sich abschätzen; offensichtlich muss
t0
größer sein als die ältesten Objekte, die man finden kann.
Unser Sonnensystem ist etwa 4.6 Milliarden Jahre alt, aber man findet ältere
Sterne in unserer Milchstraße. Die ältesten Objekte sind Kugelsternhaufen;
ihr Farben-Helligkeits-Diagramm, in Verbindung mit Modellrechnungen der
Sternentwicklung, zeigen, dass einige von ihnen mehr als 1010
Jahre alt sein müssen (verschieden Forschergruppen geben verschiedene
Altersbestimmungen an, manche kommen auf einen um bis zu ~
40%
höheren Wert). Dies ergibt also eine untere Schranke für das
Weltalter. Andererseits können sich Sterne schon recht früh im
Universum bilden, so dass dieser Wert auch als ungefähre Abschätzung
zu betrachten ist.
3 Thermische Geschichte des Universums
Die Frage, was `am Anfang' war, ist eher philosophisch. Wenn die Temperaturen
extreme Werte annehmen, wird vermutlich neue Physik ins Spiel kommen. Hier
sollen die Ereignisse ganz kurz nach dem Big Bang nicht betrachtet werden.
Aber bei Temperaturen, denen Teilchenenergien von ~
1GeV
und darunter entsprechen (T ~ 1013K),
verstehen wir die grundlegendene Physik sehr gut.
3.1 Neutrino Entkopplung und e+-e--Annihilation
Bei T ~ 1012K befinden sich
folgende Teilchen im Universum: Protonen und Neutronen, Elektronen und
Positronen, Photonen, Neutrinos und Antineutrinos, sowie eventuell ein
schwach-wechselwirkendes Teilchen (WIMP: weakly interacting massive particle),
das ein Kandidat für die Dunkle Materie darstellt. Dichte und Energie der Teilchen sind hoch
genug, dass sie alle (bis auf die WIMPs) im thermischen Gleichgewicht sind,
d.h. Photonen haben eine Planck-Verteilung, die anderen Teilchen eine Fermi-Dirac
Verteilung. Wechselwirkungen sind häufig genug, dass sich Teilchensorten
ineinander umwandeln können (Paarerzeugung und -Vernichtung; beta-Zerfall
und inverser Prozess, usw.). Der Hauptbeitrag der Energiedichte kommt von
den Neutrinos, Photonen, Elektronen und Positronen; alle sind hoch-relativistisch,
also `Strahlung' im obigen Sinne (p = rc2/3).
Sinkt die Temperatur unterhalb etwa 1010K - das geschieht bei
t
~ 1s, so wird die Dichte und die mittlere Energie der Teilchen zu
klein, um die Neutrinos im Gleichgewicht zu halten; man sagt, die Neutrinos
entkoppeln dann. Von da an entwickeln sich die Neutrinos unabängig
vom Rest der Materie, haben aber zunächst die gleiche Temperatur wie
die anderen Teilchensorten. Diese Neutrinos existieren noch heute, sie
haben eine Temperatur von 1.9K und eine Dichte von ~
113cm-3
pro Neutrino-Sorte.
Sinkt die Temperatur unterhalb von 5×109K, können
e+-e--Paare nicht mehr
durch Stöße von Photonen erzeugt werden; andererseits können
diese Paare aber annihilieren. Bei diesem Prozess werden jeweils zwei oder
drei hochenergetische Photonen frei, die schnell mit den verbleibenden
Elektronen streuen und somit ins thermische Gleichgewicht kommen. Durch
diesen Prozess der Paar-Annihilation wird also zusätzliche Energie
in die Photonenpopulation gebracht, während die Neutrinos nichts mehr
davon haben - daher ist die Temperatur der Photonen und der mit ihnen wechselwirkenden
Elektronen und Nukleonen um einen Faktor (11/4)1/3
~ 1.4 höher als die der Neutrinos. Nach der e+-e--Annihilation
beträgt die Beziehung zwischen Temperatur und Weltalter etwa t»
(T/1010K)-2s.
3.2 Nukleosynthese
Bei genügend hoher Dichte und Temperatur können Protonen und
Neutronen ineinander umgewandelt werden, z.B. durch die Reaktionen p+e®n+n,
e+n® p+[`(n)];
dabei stellt sich chemisches Gleichgewicht ein, das Verhältnis von
Neutronen- und Protonendichte ist durch einen Boltzmann-Faktor gegeben,
nn/np
= exp( -Q/kBT
), mit Q = (mn-mp)c2
= 1.29MeV, der Energie entsprechend der Massendifferenz, und kB
ist die Boltzmann-Konstante. Fällt die Wechselwirkungsrate durch Abnahme
von
T und Teilchendichte ab, finden diese Austauschreaktionen nicht
mehr statt, man sagt, das obige Verhältnis wird eingefroren; dies
geschieht bei T » 8×109K,
wenn nn/np »
1/6; danach zerfällt ein freies Neutron entsprechend n®
p+e+[`(n)], mit Zerfallsrate
tn
= 915s.
Wenn T >> 109K, liegen alle Nukleonen als freie Teilchen
vor; obwohl Deuterium (D = 2H) sich bilden kann, ist dieser
Kern so schwach gebunden (Bindungsenergie 2.2MeV), dass er sofort von den
energetischen Photonen zerstört wird; dabei sei bemerkt, dass es viel
mehr Photonen als Nukleonen (Baryonen) gibt,
h:
= nb/ng»
3×10-8Wbh2,
wobei Wb der Dichteparameter in Baryonen
ist. Erst wenn
T genügend klein ist, wird die Dichte von Photonen
mit Energie ³ 2.2 MeV so klein, dass D
gebunden bleibt. Dies ist der Fall etwa bei T <~109K;
danach wird der Anteil von D schnell groß, und durch weitere Reaktionen
bildet sich 4He. Tatsächlich sind diese Reaktionen so effektiv,
dass praktisch alle Neutronen, die dann noch vorhanden sind, in 4He
enden. Da zwischen T = 8×109K und T = 109K
etwa
tn = 3min vergehen, sind nur noch etwa exp( -tn/
tn
) ~ 0.8 der freien Neutronen vorhanden, so dass
bei der Elementbildung nn/np
~ 1/7. Da alle diese Neutronen im 4He enden, beträgt
dessen Massenanteil Y = 4(nn/2)/(nn+np)
»
0.25. Schwerere Elemente bilden sich praktisch nicht, mit Ausnahme von
~
10-9
Massenanteil in 7Li; nur wenig D bleibt übrig (
~ 10-4).
Einer der großen Erfolge der Kosmologie ist diese
Vorhersage, denn tatsächlich ist etwa 25% der Masse von Baryonen in
kosmischen Objekten in der Form von 4He.
Bemerkungen
-
Die Zeit tn zwischen Ausfrieren des n/p-Verhältnisses
und der primordialen Nukleosynthese (Big Bang nucleosynthesis, BBN) - und
damit die dann zur Nukleosynthese zur Verfügung stehenden Neutronen
- hängt von der Expansionsrate ab, diese wiederum von der Anzahl der
relativistischen Teilchensorten zu diesem Zeitpunkt, insbesondere also
von der Anzahl Nn der Neutrinofamilien.
Vergleich der Vorhersagen der BBN mit Beobachtungen der relativen Häufigkeit
von 4He haben den Wert Nn
= 3 ergeben, lange bevor dieser Wert im Labor durch Z0-Zerfall
bestimmt wurde!
-
Deuterium kann sich umso effizienter bilden, je kleiner das Photonen-zu-Baryonen-Verhältnis
ist. Deshalb liefert der gemessene Wert der Häufigkeit von 4He
einen Schätzwert dieses Verhältnisses h,
der bereits oben angegeben wurde. Da die Anzahldichte der Photonen aus
dem gemessenen Mikrowellen-Hintergrund bekannt ist (siehe unten), kann
man daraus den Dichteparameter der Baryonen ableiten, 0.01 <~Wbh2
<~0.04. Zur Bestimmung von h wird nicht nur
4He
herangezogen, sondern auch D und 7Li.
-
Alle anderen chemischen Elemente entstehen in Sternen und deren verschiedenen
Stadien; durch Sternwinde und -Explosionen werden die dort erbrüteten
Elemente mit dem interstellaren Medium vermischt.
Relaxierte Galaxienhaufen haben einen charakteristischen (Virial-)Radius
von ~ 1Mpc; sie bildeten sich aus einem wesentlichen
größeren Raumbereich durch gravitative Instabilität. Diese
Volumina sind so groß, dass man erwarten muss, in ihnen die ursprüngliche
Mischung von baryonischer und Dunkler Materie zu finden. Kann man also
die baryonische Masse von Galaxienhaufen messen, zusammen mit ihrer Gesamtmasse,
so erhält man einen Schätzwert für das Verhältnis Wb/W0
im gesamten Universum. Aus Röntgenbeobachtungen von Haufen ergibt
sich ein Baryonenanteil von etwa ~ 15%; zusammen
mit dem oben genannten Wert für Wb
und h ~ 0.65 schätzt man so ab W0
~ 0.3.
3.3 Rekombination und Mikrowellenhintergrund
Die große Anzahl von Photonen hält die Atome im frühen
Universum vollständig ionisiert; Strahlung und Elektronen (und damit
auch die Baryonen) sind thermisch stark gekoppelt. Erst wenn das Universum
genügend stark abgekühlt ist, können Elektronen und Kerne
rekombinieren; dies geschieht bei einer Rotverschiebung von etwa
zrec
~ 1100. Schon kurze Zeit später sind alle Atome neutral, es
gibt fast keine freie Elektronen mehr, die Ionisationsrate ist ~
10-5,
Photonen und Atome sind entkoppelt, da die Wechselwirkung von Photonen
mit Energien hn < 10.2eV und neutralen
Wasserstoffatomen sehr gering ist. Die Photonentemperatur entwickelt sich
weiter wie T µa-1
= (1+z). Diese Photonen sind heute zu sehen in Form der kosmischen
Mikrowellenstrahlung (cosmic microwave background, CMB), deren Temperatur
gemessen ist zu
T0 = 2.735K. Der CMB wurde 1965 von Penzias
und Wilson entdeckt, aber schon 1946 von Gamow vorhergesagt. Das Spektrum
der CMB ist, innerhalb der Messgenauigkeit, ein perfektes Planck-Spektrum,
ein besserer Schwarzkörper, als er im Labor bisher hergestellt wurde!
 |
Figure 5: Das CMB Energiespektrum; Messpunkte sind als Quadrate dargestellt,
der Fehler jedes Messpunktes ist sehr viel kleiner als die Größe
der Symbole; durchgezogene Kurve: Planck Spektrum |
Kurz nach der Rekombination ist unser Universum also ein Gemisch von
neutralen Atomen, einer thermischen Photonenverteilung, und - siehe unten
- einer Verteilung Dunkler Materie, die allerdings nur gravitativ wirkt,
ansonsten mit Photonen und Baryonen nicht wechselwirkt.
Photonen mit Energie hn > 10.2eV werden
sehr effizient von neutralem Wasserstoff absorbiert durch den Lya
Übergang; Photonen mit hn > 13.6eV
können H ionisieren und tun dies mit großem Wirkungsquerschnitt.
Betrachtet man eine Quelle (z.B. einen Quasar) bei hoher Rotverschiebung
z,
so sieht der Beobachter die Lya Emissionslinie
bei l(obs)Lya
= (1+z)lLya
= (1+z) 1216Å. Wegen der starken Absorption etwas energetischerer
Photonen würde man deshalb erwarten, dass es einen Sprung im Kontinuum
zwischen rechts und links von der Lya Emissionslinie
gibt (Gunn-Peterson-Effekt); diesen Sprung hat man bisher noch nicht zweifelsfrei
nachweisen können, selbst bei Objekten mit z = 5; daraus schließt
man, dass die Dichte im neutralen Wasserstoff bei diesen Rotverschiebungen
sehr klein sein muss, WHI,hom <~2×10-8h-1;
vergleicht man diesen Wert mit
Wb
~
0.01, so schließt man, dass bei diesen Rotverschiebungen
der Wasserstoff beinahe vollständig ionisiert sein muss. Dies bedeutet,
irgendwann zwischen der Rekombination bei z
~ 1100 und z ~ 5 muss es Prozesse
gegeben haben, die zur Reionisation führten. Vermutlich energetische
Photonen, die bei der ersten Generation von Sternen und/oder Quasaren entstanden
sind.
4 Strukturbildung im Universum
4.1 Warum es Dunkle Materie geben muss
Bisher haben wir angenommen, das Universum sei völlig homogen; dies
ist offensichtlich nicht der Fall. Strukturen wie Galaxien und Haufen haben
sich bilden können. Also ist (und war) das Universum nicht exakt homogen,
sondern es gab wohl kleine Fluktuationen in der Dichte. Betrachte nun ein
kleines Volumenelement, in dem Materie etwas überdicht ist; die zusätzliche
Selbstgravitation verlangsamt dann lokal die Expansion, dadurch wächst
der relative Dichtekontrast weiter. D.h., dieser Prozess ist instabil,
eine einmal vorhandene Überdichte wächst weiter an. Falls der
anfängliche Dichtekontrast groß genug ist, kann die Region von
der allgemeinen Expansion abkoppeln und eventuell rekollabieren, dabei
ein gebundenes Objekt bilden.
 |
Figure 6: Die Temperaturverteilung der CMB am Himmel, wie sie mit dem
COBE Satelliten gemessen wurde. In der obersten Figur sieht man deutlich
einen Dipol der Temperaturverteilung; dessen Amplitude beträgt etwa
10-3; er kommt daher, dass die Erde
sich nicht im Ruhesystem des CMB befindet, sondern sich relativ zu diesem
bewegt. Dadurch kommt es zu einer winkelabhängigen Dopplerverschiebung
der beobachteten Temperatur; diese Winkelabhängigkeit ist daher sehr
genau bekannt und kann aus den Daten subtrahiert werden. Dann erhält
man die mittlere Temperaturverteilung, die deutlich das Band unserer Milchstraß
e zeigt; diese emittiert im betrachteten Wellenlängenbereich (zwischen
0.3 und 1 cm Wellenlänge); allerdings ist die Frequenzabhängigkeit
dieser Strahlung anders als die der CMB, so dass man auch sie subtrahieren
kann (wobei dies schwierig und etwas modellabhängig ist). Schließ
lich erhält man die untere Temperaturverteilung mit Flukuationen
DT/T
~ 10-5
|
 |
Figure 7: Spektrum der Anisotropien der CMB; Messwerte sind durch Punke
und Fehlerbalken dargestellt, die drei Kurven entsprechen den Vorhersagen
dreier Modelle. Das am besten passende Modell hat H0
= 60km/s/Mpc, W0+WL
= 1,
WL = 0.7, Wbh2
= 0.032 (aus Le Dour et al., astro-ph0004282) |
Solange die Fluktuationen klein sind, kann man diesen Prozess in linearisierter
Näherung beschreiben; diese besagt, dass der relative Dichtekontrast
anwächst im Laufe der Zeit wie d([(r)\vec],t)
= D(t)d([(r)\vec],ti),
wobei d([(r)\vec],ti)
der Dichtekontrast bei einer beliebig gewählten sehr frühen Zeit
ist, [`(r)](t)
die mittlere kosmische Dichte zur Zeit t, und D(t)
ist der Wachstumskoeffizient; dieser hängt von W0
und
WL ab und läßt sich
explizit berechnen [für ein Einstein-deSitter Modell, D µa
= (1+z)-1].
Heute gibt es kollabierte Strukturen (wie Galaxienhaufen), für
die
d >> 1; dort bricht natürlich die lineare
Näherung zusammen, aber irgendwann in der Vergangenheit muss d
~ 1 gewesen sein ® bei der Rekombination
muss d >~10-3
für solche Strukturen gelten. Dann erwartet man, dass der CMB ebenfalls
Temperaturfluktuationen DT/T
~ 10-3 aufweist. Dies ist
nicht der Fall! Der COBE Satellit hat Temperaturfluktuationen mit nur
DT/T
~ 10-5 gemessen. Deshalb,
falls die Materie im Universum im Wesentlichen aus Baryonen bestünde,
wäre bei z ~ 1000 d
~ 10-5, und somit d(heute)
~ 10-2, im Widerspruch mit
der Beobachtung!
Lösung des Problems: Die Materiedichte im Universum wird
durch eine Komponente Dunkler Materie (DM) dominiert; diese hat Dichtefluktuationen
d
> 10-3 bei z
~ 1000; Baryonen, die bis dahin über Elektronen an die Strahlung
gekoppelt sind, spüren daher den Druck der Strahlung und werden dadurch
abgehalten, in die Potentialtöpfe der DM zu fallen. Erst nach der
Rekombination können sie das tun:
Die Kleinheit der CMB Anisotropien ist das stärkste
Argument für die Anwesenheit Dunkler Materie auf kosmologischen Skalen!
Durch Analyse der CMB Anisotropie kann man die Bedingungen im Universum
bei z = 1000 direkt studieren; neben den Messungen von COBE gibt
es inzwischen eine ganze Reihe von erfolgreichen Experimenten, die auf
kleineren Winkelskalen die Anisotropie vermessen haben. Die Statistik dieser
Fluktuationen hängt von den kosmologischen Parametern ab, die also
im Prinzip dadurch bestimmt werden können. Ein solcher Versuch ist
in Abb.7 demonstriert.
 |
| Figure 8: Temperaturkarte der CMB, wie sie von BOOMERANG bei vier verschiedenen
Frequenzen gemessen worden ist. Die effektive Winkelauflösung dieser
Karten ist 22.¢5. Die Differenzkarten
oben rechts zeigen die bei zwei Frequenzen gemessenen Temperaturdifferenzen;
wenn es sich im Wesentlichen um Vordergrundemission handelte, würden
sich die Temperaturfluktuationen in diesen Karten nicht heraussubtrahieren.
Die drei Kreise zeigen die Position dreier bekannter Radio-Quasare (von
de Bernardis et al., Nature 404, 955) |
Die neuesten Ergebnisse der CMB Messung kommt von dem Balon-Experiment
BOOMERANG, und wurden am 27.4.2000 veröffentlicht. Dessen Winkelauflösung
von ~ 10¢ ist
wesentlich höher als die von COBE, so dass der CMB auf kleineren Winkelskalen
untersucht werden kann. Die Temperaturkarten bei vier verschiedenen Frequenzen
sind in Fig.8 dargestellt; dabei ist die mittlere
CMB Temperatur subtrahiert worden. Die Temperaturfluktuationen bei den
drei niedrigeren Frequenzen sind sehr ähnlich, wie man es erwartet,
wenn die Fluktuationen von den CMB stammen. Die Differenzkarten der Temperatur
gemessen bei verschiedenen Frequenzen sind in den beiden rechten oberen
Abb. gezeigt und bestätigen, dass die Fluktuationen nicht von galaktischer
Vordergrundemission dominiert werden. Das Winkelspektrum der Fluktuationen
sind in Fig.9 aufgetragen, zusammen mit
einer Modellkurve für W0 = 0.31,
WL
= 0.75. Man erkennt deutlich den Doppler-Peak im Winkelspektrum, bei lpeak
= 197±6. Dieser Wert hängt empfindlich
von W0+WL
ab, also der Krümmung des Universums. Der gemessene Wert ist sehr
gut verträglich mit einem flachen Universum. In Fig.10
sind die kosmologischen Modelle skizziert, die mit der gemessenen Position
des Peaks verträglich sind, zusammen mit entsprechenden Einschränkungen
von den Messungen der SNIa.
Nimmt man diese Ergebnisse als gegeben, so leben wir in
einem flachen Universum mit W0
~ 0.3, WL ~ 0.7; diese Werte
passen auch gut mit der Baryonenhäufigkeit in Galaxienhaufen und dem
Alter der ältesten Kugelsternhaufen zusammen.
 |
Figure 9: Das Winkelspektrum der von BOOMERANG gemessenen Temperaturfluktuationen
(rote Punkte, mit Fehlerbalken). Der erste Dopplerpeak ist klar zu erkennen;
die Winkelskala (q ~ p/l) dieses Peaks
hängt von verschiedenen kosmologischen Parametern ab; die dominante
Abhängigkeit ist die von dem Gesamtdichteparameter W0+WL.
Aus diesen Messungen ergibt sich lpeak = 197±6.
Die grünen Punkte zeigen das entsprechende Fluktuationsspektrum einer
Differenzkarte, die sich aus der Teilung des Datensatzes in zwei Hälften
ergibt; dieses ist offensichtlich mit 0 verträglich (aus de Bernardis
et al., Nature 404, 955) |
 |
Figure 10: In der W0-WL-Ebene
(in der Figure ist Wm = W0)
sind hier als schwarze Punkte solche kosmologischen Modelle aufgetragen,
die mit der Position des ersten Dopplerpeaks verträglich sind; dabei
deutet die rote Kurve die flachen Modelle W0+WL
= 1 an. Der grün gepunktete Bereich ist mit den Messungen der hoch-rotverschobenen
Supernovae vom Typ Ia verträglich. Blaue Kurven verbinden Modelle
gleichen Weltalters t0, in Einheiten der Hubble Zeit
H0-1.
Zusammen genommen ergibt sich, dass unser Universum flach sein kann, dann
aber einen beträchtlichen Anteil an Vakuum-Energiedichte enthalten
muss (aus de Bernardis et al., Nature 404, 955) |
4.2 Cold Dark Matter Modelle
Mit einigen wenigen Annahmen kann man die statistischen Eigenschaften der
Dichtefluktuationen im frühen Universum charakterisieren. Diese beinhalten,
dass das ursprüngliche Spektrum der Fluktuationen skaleninvariant
war und Gaussscher Statistik genügte; diese Eigenschaften werden auch
generisch aus inflationären Modellen vorhergesagt. Die Fluktuationen
wachsen dann an, wobei die Geschichte des Anwachsens von der betrachteten
Längenskala abhängt. Wegen dieser Skalenabhängigkeit wird
das ursprünglich skaleninvariante Spektrum modifiziert. Die Art dieser
Modifikation hängt von der Art der DM ab: falls die DM aus Teilchen
besteht, die zum Zeitpunkt
teq relativistisch waren (wie
dies der Fall wäre, wenn Neutrinos eine kleine, aber endliche Ruhemasse
besäßen), so spricht man von Heißer DM (HDM); andernfalls
von Kalter DM (CDM). HDM Modelle haben große Schwierigkeiten, die
beobachteten Strukturen zu erklären; sie werden heutzutage kaum mehr
als ernsthafte Alternative betrachtet. Beschränken wir uns also auf
CDM Modelle; die statistischen Eigenschaften der Dichtefluktuationen bei
Rotverschiebungen >> 10, aber <~1000, werden dann durch wenige Parameter
beschrieben:
-
Die Form des Fluktationsspektrums wird beschrieben durch einen Form-Parameter
G,
der im einfachsten Fall gegeben ist durch
G
= W0 h.
-
Einer Amplitude, die von der Theorie nicht festgelegt sein kann, sondern
empirisch gewonnen werden muss.
-
Den kosmologischen Parametern W0und
WL,
die die Entwicklung der Fluktuationen beeinflussen.
Beschränkt man sich allein auf DM (das ist in guter Näherung
gestattet, da Baryonen eine viel geringere Dichte besitzen), so kann man
die Entwicklung der Dichtestörungen im Prinzip einfach berechnen:
Man generiert sich numerisch ein Dichtefluktuationsfeld, dass die theoretisch
berechneten statistischen Eigenschaften besitzt. Entsprechend unseren Annahmen
ist die Gravitation die einzige Kraft; man kann daher die Entwicklung der
DM in der Zeit berechnen, in dem man auf sie die durch alle anderen DM
Teilchen ausgeübte Kraft berechnet und die Verteilung entsprechend
den `Newtonschen Bewegungsgleichungen' dynamisch entwickelt. In der Praxis
sind diese Rechnungen sehr aufwendig; auf der einen Seite möchte man
einen möglichst großen Ausschnitt des Universums simulieren,
um zu statistisch sinnvollen Aussagen zu kommen; andererseits möchte
man möglichst kleine Strukturen auslösen. Aufgrund der Beschränktheit
der Rechenzeit und des Speicherplatzes kann aber immer nur ein begrenzter
dynamischer Bereich der Skalen simultan betrachtet werden. Die Entwicklung
der Rechner, aber auch die Entwicklung stets verbesserter Algorithmen,
sorgt für eine starke Entwicklung dieses Forschungsgebiets.
 |
| Figure 11: Darstellung des kosmischen Dichtefeldes, wie sie aus numerischen
Simulationen berechnet wurden. Vier verschiedene kosmologische Modelle
wurden betrachtet: SCDM (W0 = 1,
WL
= 0, H0 = 50km/s/Mpc), LCDM
(W0 = 0.3, WL
= 0.7, H0 = 70km/s/Mpc), OCDM (W0
= 0.3, WL = 0, H0
= 70km/s/Mpc), und
tCDM, dass die gleichen Parameter
hat wie SCDM, aber einen anderen Formparameter
G
des Fluktuationsfeldes. Alle Simulationen sind so normiert, dass sie die
beobachtete Anzahldichte massiver Galaxienhaufen reproduzieren. Die Dichteverteilung
ist jeweils bei drei Rotverschiebungen gezeigt; bei z = 0 sind sie
recht ähnlich, aber wenn man in der Rotverschiebung zurückgeht
unterscheiden sich die Modelle stark - Modelle mit W0
= 1 zeigen die stärkste Entwicklung (Simulationen aus Jenkins et al.
1998, Astophysical Journal 499, 20) |
Solche CDM Modelle sagen vorher, dass sie Strukturbildung so voranschreitet,
dass sich erst kleine kollabierte Objekte bilden; erst später können
sich auch massivere Strukturen bilden. Das bedeutet, dass sich zuerst sehr
massearme Galaxien bilden sollten, dann die massiveren, und später
die Gruppen und Galaxienhaufen. Massivere Strukturen bilden sich u.a. durch
Verschmelzung mehrere kleinerer Strukturen; z.B. bilden sich massive Galaxien
dadurch, dass kleinere Galaxien miteinander verschmelzen (beispielsweise
sieht man gerade die Sagittarius Zwerggalaxie mit der Milchstraße
verschmelzen, auch die Magellanschen Wolken lösen sich langsam durch
Gezeitenkräfte auf). Die Population der Objekte sollte sich also mit
der Rotverschiebung ändern; man sollte weniger massive Haufen bei
hoher Rotverschiebung erwarten, und einen größeren Anteil massearmer
Galaxien.
5 Beobachtungen der groß räumigen
Strukturen
Die großräumige Struktur (large-scale structure, LSS) ist leider
nicht direkt beobachtbar, da sie aus DM besteht, die - quasi per definitionem
- nicht direkt sichtbar ist. Bei z = 1100 bietet die CMB eine Möglichkeit
der direkten Beobachtung; allerdings entsprechen die mittels CMB sichtbaren
Fluktuationen Längenskalen von >~10 h-1Mpc
heute. Um die LSS auf kleineren Skalen und zu späteren Zeiten zu studieren,
muss man andere Methoden benutzen
5.1 Dichtefeld von Galaxien
Die am direktesten sichtbaren extragalaktischen Objekte sind Galaxien;
aufgrund ihrer Rotverschiebung kann man mittels des Hubble Gesetzes ihre
dreidimensionale Position bestimmen (das stimmt nicht ganz, siehe unten).
Betrachtet man nun die Verteilung der Galaxien, so könnte man versucht
sein, durch Glättung ihres Dichtefeldes Aussagen über die LSS
zu machen. Beispielsweise kann man die Korrelationsfunktion der Galaxien
bestimmen und als Dichte-Korrelationsfunktion der LSS interpretieren. Dies
ist aber nicht notwendigerweise richtig: es ist keineswegs gesagt, dass
die räumliche Verteilung von Galaxien genau dem unterliegendem Dichtefeld
folgen. Wie bereits oben bemerkt ist die Mischung von elliptischen und
Spiralgalaxien in Haufen und in Gebieten kleinerer Dichte unterschiedlich;
offensichtlich hat das lokale Dichtefeld Einfluß auf die Entwicklung
von Galaxien oder deren Populationsmix. Weiterhin wird auch theoretisch
erwartet, dass Galaxien sich bevorzugt dort bilden, wo es größerskalige
Überdichten gibt - dies folgt aus der Betrachtung von stochastischen
Zufallsfeldern, zusammen mit der Annahme, dass Galaxien sich bilden in
lokalen, kleinskaligen Maxima des Dichtefeldes. Durch lokale Mittelung
kann man die Anzahldichte von Galaxien als Funktion der Ortes definieren,
und analog zum Dichtekontrast d der DM einen
relativen Dichtekontrast der Galaxiendichte betrachten,
dg:
= Dn/[`(n)].
Das Verhältnis von beiden wird als bias-Faktor b bezeichnet,
dg
= b d; dieser hängt im allgemeinen
von der betrachteten Skala, der Rotverschiebung und dem Galaxientyp ab.
Um also Galaxien als Zeiger der LSS zu benutzen, muss man zunächst
mehr über deren Entwicklung verstehen.
5.2 Pekuliare Geschwindigkeitsfelder
Die Rotverschiebung ist nicht direkt ein Maß für die Entfernung
naher Galaxien; kosmische Objekte befinden sich nicht notwendigerweise
im Ruhesystem des CMB, sondern können sich gegenüber diesem bewegen
(wie wir es tun, siehe Dipolfeld des CMB). Diese Pekuliargeschwindigkeiten
werden durch lokale Gradienten im Gravitationspotential erzeugt; Galaxien
tendieren dazu, sich auf Dichtekonzentrationen hinzubewegen, weil sie von
diesen beschleunigt (angezogen) werden. Die Pekuliargeschwindigkeiten zeigen
also eine über die kosmischen Entwicklung integrierte Gravitationskraft
an; diese Kraft ist wiederum mit dem Dichtefeld und seiner Entwicklung
verbunden. Mittelt man Pekuliargeschwindigkeiten über Skalen >~10
h-1Mpc,
so sind die entsprechenden (ebenfalls gemittelten) Dichtekontraste klein,
d
<~1, und lineare Störungstheorie kann benutzt werden; diese erlaubt,
aus dem beobachteten Geschwindigkeitsfeld die Materiedichte zu rekonstruieren.
Das so rekonstruierte Dichtefeld stimmt verblüffend gut mit der Verteilung
der Galaxien überein; ein Vergleich der beiden Dichtefelder erlaubt
Aussagen über die Parameterkombination
b/W00.6.
Das größte Problem dabei ist allerdings die Bestimmung der Entfernungen
von Galaxien unabhängig von der gemessenen Rotverschiebung.
 |
Figure 12: Das Prinzip der kosmischen Scherung ist hier dargestellt
durch die Ausbreitung von Lichtbündeln (gelb) durch ein Modell der
groß räumigen Verteilung der Materie im Universum, welches mit
Simulationen erzeugt wurde. Wegen der Verzerrung durch die Gezeitenfelder,
die durch die Materieverteilung erzeugt werden, weicht die Form des beobachteten
Bildes einer Galaxie (blau, an der rechten Seite des `Würfels') von
der der ungelinsten Quelle (blau, an der linken Seite des `Würfels')
ab. Die statistischen Eigenschaften der Form der Bilder erlauben direkte
Rückschlüsse auf die statistischen Eigenschaften der groß
räumigen Massenverteilung. Die Elliptizitätsverteilung der beobachteten
Galaxien enthält Information über die (projizierte) Verteilung
der gesamten (Dunkle und normale) Materie zwischen uns und den Hintergrundgalaxien |
5.3 Der Gravitationslinseneffekt
Bei diesem Effekt macht man sich die gravitative Lichtablenkung zunutze;
Lichtbündel, die durch die inhomogene Materieverteilung des Universums
propagieren, werden durch diese abgelenkt und (durch entsprechende Gezeitenkräfte)
verzerrt. Diese Verzerrungen lassen sich im Prinzip messen, wenn man die
Formen der Bilder weit-entfernter Galaxien betrachtet. Diese Bilder sind
geschert durch die LSS (deswegen heißt dieser Effekt auch Kosmische
Scherung, cosmic shear). Aus den statistischen Eigenschaften der Bildverzerrungen
lassen sich statistische Eigenschaften der LSS bestimmen; beispielsweise
kann man aus der Stärke der Verzerrungen die Amplitude der Dichtefluktuationen
der LSS bestimmen. Das Problem dieser Methode ist die genaue Vermessung
der Formen der Bilder sehr schwacher Galaxien; praktisch jeder Abbildungsfehler
des Teleskops oder der Optik liefert einen größeren Effekt als
den, den man messen möchte. Mehreren Gruppen ist im Frühjahr
2000 beinahe gleichzeitig die Entdeckung der kosmischen Scherung gelungen.
6 Blicke ins frühe Universum
Ein Objekt, dass wir bei z = 3 sehen, hat seine Strahlung emittiert,
als das Universum nur 1/8 so alt war wie heute. Man kann demnach erwarten,
dass damals andere Bedingungen geherrscht haben - z.B. ist die Strukturbildung
noch in ihren `Anfängen'. In der Tat gibt es eine große Menge
an Beobachtungen, die diese Vermutung bestätigen.
 |
| Figure 13: Ein Bild des HST von den wechselwirkenden ``Antennen'' Galaxien
zeigt nicht nur im Detail dieses im frühen Universum wesentlich häufigere
Phänomen, sondern auch, dass durch die gegenseitigen Störungen
eine starke Sternentstehung zustande kommt: die hellen Knoten sind Gebiete
groß er Dichte von neu-gebildeten heiß en Sternen und Sternhaufen.
Wechselwirkung zwischen Galaxien scheint zur vermehrten Sternentstehung
anzuregen |
6.1 Quasare
Als erste Objekte, die bei hohen Rotverschiebungen gefunden wurden, zeigen
schon Quasare eine extrem deutliche kosmologische Entwicklung: Bei Rotverschiebungen
zwischen ~ 2 und ~ 4
ist die Anzahldichte leuchtkräftiger Quasare mehr als 100 mal so groß
wie heute! Es sieht so aus, als hätte es eine Quasar-Epoche gegeben:
früher waren sie sehr häufig, heute sind sie beinahe ausgestorben.
Die häufigste Interpretation dieses Sachverhalts ergibt sich, wenn
man die Bedingungen, unter denen ein Quasar leuchtet, etwas genauer betrachtet.
Wie schon erwähnt, ist das Quasar-Phänomen verbunden mit der
Akkretion auf Schwarze Löcher. Dazu muss nicht nur ein Schwarzes Loch
vorhanden sein, sondern auch genügend Material, das akkretieren kann.
Wie es zur Bildung supermassiver Schwarzer Löcher kommt ist nicht
genau verstanden, aber die Tatsache, dass man inzwischen Quasare mit z
> 5 gefunden hat, deutet darauf hin, dass sie sich sehr früh bilden.
In der Frühzeit des Universums war Gas reichlich vorhanden; typischerweise
jedoch besitzt interstellares Gas einen endlichen Drehimpuls, so dass es
Schwierigkeiten hat, in das Zentrum des Potentialtopfs des Schwarzen Lochs
hinzukommen. Nur wenn die Bahnbewegung des Gases gestört wird, hat
es die Möglichkeit zu akkretieren. Solche Störungen treten auf,
wenn die zugehörige Galaxie mit einer anderen wechselwirkt, zusammenstößt,
oder gar verschmelzt. Solche Wechselwirkungen waren in der Vergangenheit
häufig, so dass die Schwarzen Löcher Materie einsammeln und
Energie produzieren konnten.
Später wurden die Wechselwirkungen seltener, und die Galaxien haben
einen Großteil ihres Gases in Sterne umgewandelt. Diese Erklärung
impliziert, dass es auch heute noch in vielen Galaxien (die einmal Quasare
oder Seyfert Galaxien gewesen sind) ein Schwarzes Loch gibt, das aber `hungert',
also kein Material akkretiert. Tatsächlich sind in den letzten Jahren
in vielen Galaxien Schwarze Löcher in ihren Zentren gefunden worden
(aufgrund der Bewegung von Sternen nahe am Zentrum); auch unsere Galaxie
enthält ein Schwarzes Loch mit Masse M »
2.3 ×106Msun.
6.2 Der Lya `Wald'
Das Spektrum einer hoch-rotverschobenen Quelle (z.B. eines Quasars) zeigt
für Wellenlängen l < l(obs)Lya
eine große Anzahl von Absorptionslinien. Deren Dichte wächst
stark mit ansteigender Rotverschiebung. Diese Linien werden als Lya-Wald
(Lya forest) bezeichnet; dieser Name impliziert
schon die Interpretation, dass diese Linien aus dem Lya
Übergang des Wasserstoffs erzeugt werden. Jeder dieser Linien kann
man eine Rotverschiebung zuordnen, die natürlich alle kleiner sind
als die Rotverschiebung des Quasars selbst; sie entstehen durch Absorption
in zwischen uns und dem Quasar befindlicher Materie. In den letzten Jahren
wurde festgestellt, dass diese Linien in ganz natürlicher Weise aus
der kosmologischen Strukturentwicklung folgen: sie stammen von den Baryonen,
die in ähnlicher Weise wie die DM an der Strukturbildung teilnehmen.
Linien entstehen dann, wenn dieses Gas eine Überdichte im Geschwindigkeitsraum
(d.h. kosmologische Expansion plus Pekuliargeschwindigkeit) entlang der
Sichtlinie zum Quasar besitzt. Bei Rotverschiebungen >~4 ist die Anzahldichte
dieser Linien so hoch, dass man nur schwer das darunterliegende Kontinuum
des Quasars beobachten kann; es gibt nur wenige Wellenlängenfenster,
in denen es keine Absorption gibt. Die starke z-Abhängigkeit
der Anzahldichte dieser Linien zeigt eine deutliche Entwicklung des intergalaktischen
Mediums.
 |
| Figure 14: Das Hubble Deep Field ist die bisher tiefste optische Aufnahme;
dieses Bild zeigt eine Region von etwa 1¢×1¢.
Es ist zusammengesetzt aus Daten in vier Filtern; die Dauer der Beobachtung
beträgt etwa 10 Tage! Viele der hier sichtbaren Galaxien haben sehr
hohe Rotverschiebung. Man sieht viele Galaxien, die keine einfache Morphologie
besitzen, sondern komplizierte Strukturen; solche Galaxien sind vielleicht
gerade dabei, miteinander zu verschmelzen. Weiterhin fällt auf, dass
viele der entfernten Galaxien wesentlich kleiner sind als unsere heutigen
Galaxien. Die Daten dieser Aufnahme wurde direkt öffentlich gemacht
und der internationalen Forschergemeinde zur Verfügung gestellt; eine
groß e Anzahl wissenschaftlicher Publikationen basiert auf diesen
Daten |
6.3 Galaxien
Schon seit längerem ist bekannt, dass die Galaxienpopulation sich
entwickeln muss: Zählungen von Galaxien als Funktion der scheinbaren
Helligkeit sind nicht mit der Annahme verträglich, dass die Galaxiendichte
und deren Helligkeiten konstant sind. Diese Diskrepanz ist um so stärker
bemerkbar, je kurzwelliger die Filter sind, in denen Galaxien beobachtet
werden: Die Population relativ blauer Galaxien scheint sich am stärksten
zu entwickeln.
Mindestens eine Entwicklung von Galaxien muss man erwarten: Solche Galaxien,
die in der Vergangenheit einmal mit großer Rate Sterne gebildet haben
und es heute nicht mehr, oder nur weniger tun, sollten in der Vergangenheit
im blauen Spektralbereich heller gewesen sein als heute, da damals noch
eine Population heller heißer Sterne vorhanden war. Ellipsen zum
Beispiel haben heute praktisch keine Sternentstehung mehr, doch müssen
die in ihnen lebenden Sterne irgendwann einmal entstanden sein. Allein
aufgrund der Sternentwicklung muss sich die Helligkeit einzelner Galaxien
mit
z ändern; solche `passive' Entwicklung wird mit Hilfe von
Populationssynthese Modellen studiert, bei denen man die Entwicklung einer
Sternpopulation als Funktion der Zeit betrachtet und das integrierte Spektrum
berechnet.
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| Figure 15: Eine Galaxie mit Rotverschiebung z = 5.74 ist in
6 verschiedenen Filtern abgebildet. Jedes dieser Bilder ist eine halbe
Bogenminute groß mit der Galaxienposition im Zentrum. Die Galaxie
ist nicht sichtbar in den drei kurzwelligeren Aufnahmen (B, V, R), aufgrund
der Absorption durch intergalaktischen Wasserstoff - man würde dieses
Objekt als R-Band Dropout bezeichnen (aus Hu, McMahon & Cowie 1999,
ApJ 522, L9) |
Seit ca. 1996 werden Galaxien hoher Rotverschiebung in großer
Zahl gefunden und studiert. Der Trick beim Auffinden solcher Galaxien basiert
auf der oben diskutierten intergalaktischen Absorption: eine Galaxie bei
z
= 3 sollte wesentlich weniger Licht bei beobachteten Wellenlängen
l£
4800 Å ~ (1+3) 1216Å zeigen als
bei größeren Wellenlängen, und bei Wellenlängen l£
3600Å ~ (1+3) 912 Å praktisch keine
Strahlung mehr zeigen, da die Absorption von Photonen durch Ionisation
noch effizienter ist als durch die Lya Absorption.
Eine solche Galaxie würde dann im U Filter unsichtbar sein; man selektiert
solche U-dropouts also durch den Vergleich der Helligkeiten in drei Filtern
und erzielt eine sehr hohe `Trefferquote': fast alle so selektierten Galaxien
erweisen sich bei spektroskopischer Untersuchung als hoch-rotverschobene
Galaxien. Mit der so gefundenen Population von
z = 3 [inzwischen
findet man mit analogen Methoden, die auf dem B-Band beruhen (B-dropouts)
auch routinemäßig z ~ 4 Galaxien;
allerdings benötigt man für die spektroskopische Untersuchung
ein 8-Meter Teleskop] läßt sich die Sternentstehungsrate als
Funktion der kosmischen Zeit untersuchen; die Anzahl der Sterne pro Volumenelement,
die gebildet werden, ist zwischen z ~ 1
und z ~ 4 etwa 10 mal so groß wie
heute! Das Universum war damals also ein interessanterer Ort für Astronomen.
Ein weiterer deutlicher Hinweis auf die Entwicklung der Galaxienpopulation
ergab sich durch tiefe Beobachtungen mit dem Hubble Space Telescope (HST);
die Morphologien schwacher, weit entfernter Galaxien ist verschieden von
denen heute: Galaxien scheinen oft aus mehreren Komponenten zusammen gesetzt
zu sein, und sie sind häufig sehr viel kleiner als ähnlich leuchtstarke
Galaxien heute.
6.4 Galaxienhaufen
Wie bereits gesagt, befinden sich in nahen Galaxienhaufen im Wesentlichen
Frühtyp-Galaxien; bei höheren Rotverschiebungen ändert sich
die Mischung von Galaxientypen in Haufen, man findet dort einen größeren
Anteil von Spiralgalaxien oder, allgemeiner gesagt, von blauen Galaxien.
Damals also fand auch in Haufen noch Sternentstehung statt. Dieser nach
seinen Entdeckern benannte Butcher-Oemler Effekt zeigt, dass sich Galaxien
in Haufen entwickelt haben müssen. Ein Effekt ist, dass beim Durchgang
durch das Intracluster Gas die Galaxien ihr Gas verlieren können,
so dass Sternbildung danach nicht mehr möglich ist. Dies ist umso
effektiver, je älter der Haufen ist, was den Butcher-Oemler Effekt
erklärt. Gas der Galaxien reichert das Intracluster Medium mit Metallen
an, deren Linienemission man in Röntgenbereich sehen kann. Weiterhin
scheint es so zu sein, als dass sich Spiralen in Ellipsen verwandeln können.
Durch intensive Wechelwirkung zwischen Galaxien, die in Haufen wegen der
großen Dichte natürlich häufiger vorkommt als bei Feldgalaxien,
wird das interstellare Gas herausgerissen, die stellare Scheibe wird dicker,
und als Endprodukt entsteht eine Frühtyp-Galaxie. Diese Phänomene
müssen im Rahmen der Theorie der Galaxienentwicklung erklärt
werden.
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| Figure 16: Durch Kombination von DM Modellen mittels N-Körper
Rechnungen und semi-analytischen Modellen zur Galaxienentwicklung können
solche Modelle berechnet werden. Die DM ist in Graustufen dargestellt,
farbige Kreise repräsentieren Galaxien. Dabei deuten die Farben die
Rate der Sternentstehung an; je blauer eine Galaxie, umso größ
er ist ihre Rate der Sternbildung, und umso blauer ist ihr Spektrum. Bei
hohen Rotverschiebungen sind fast alle Galaxien blau, doch je weiter die
kosmische Entwicklung voranschreitet, umso mehr Galaxien ohne nennenswerte
Sternbildung gibt es. Zusätzlich sieht man, dass Galaxien in Haufen
fast alle rot sind; ihre Sternentstehung hat schon seit langem aufgehört;
nur in den Auß enbereichen von Haufen und im Feld findet man heute
noch stärkere Sternentstehung (von G. Kauffmann und A. Diaferio, MPA
Garching) |
6.5 Galaxienentwicklung
Unter der Annahme, dass die Dunkle Materie `kalt' ist (im oben genannten
Sinne), bilden sich massearme Strukturen als erstes. Eine kollabierte Struktur
(also gravitativ gebunden im oder nahe des dynamischen Gleichgewichts)
nennt man einen Halo. Das Gas in solchen Halos kann kühlen, wenn deren
Masse >~106Msun ist; durch Abstrahlung verliert
das Gas Energie und es kann tiefer in den Potentialtopf der DM fallen.
Allerdings sorgt sein Drehimpuls dafür, dass es nicht ins Innere sinken
kann; das Gas bildet eine rotierende Scheibe. Innerhalb dieser Gasscheibe
kommt es zur Sternentstehung. Schon nach ~ 106
Jahren explodieren die ersten Sterne in Supernovae; diese Explosionen beeinflussen
das lokale interstellare Medium. Bei Halos mit kleiner Masse kann durch
wenige Supernovae der größte Teil des Gases `herausgepustet'
werden; weitere Generationen von Sternen kann es dann nicht mehr geben.
Halos verschmelzen miteinander; wenn zwei etwa gleich schwere aufeinander
treffen, wird die Gas/Stern-Scheibe zerstört, das Gas herausgeschleudert,
die Sternbahnen neu arrangiert, und eine elliptische Galaxie entsteht.
Akkretion massearmer Galaxien auf eine massereiche Galaxie reichert diese
wieder mit Gas an, dass sich neu in einer Scheibe formiert; die Galaxie
enthält dann einen Bulge, dem Überbleibsel der elliptischen Galaxie,
und eine Stern/Gas-Scheibe.
Dieses Szenario wurde in den letzten Jahren im Detail entwickelt; wichtige
Konsequenzen eines solchen Bildes sind: Galaxien hoher Rotverschiebung
sind kleiner, bilden Sterne mit höherer Rate als heute, zeigen häufiger
als heute Wechselwirkung, Verschmelzungsprozesse sollten häufig und
beobachtbar sein, Sterne in Ellipsen und in den Bulges von Spiralen sollten
nur alte Sterne enthalten, große Galaxien sollten häufig massearme
Galaxien als Begleiter haben. Diese Theorien zeigen große Übereinstimmung
mit Beobachtungen und sind daher zumindest als Arbeitshypothese sehr nützlich,
wobei allerdings zu bemerken gilt, dass sowohl die Sternentstehung als
auch die Rückkoppelung von Supernovae auf das ISM nicht gut verstanden
ist und nur grob modelliert werden kann.
Wenn massearme Halos ihr Gas verlieren können und ohne mit anderen
zu verschmelzen weiter existieren, dann könnte es Dunkle Halos geben,
die kaum sichtbar sind. Numerische CDM Modelle finden tatsächlich
sehr viel mehr massearme Halos, als sie beobachtet werden. Eine Galaxie
wie unsere sollte demnach von solchen Halos umgeben sein. Eine mögliche
Interpretation der Hochgeschwindigkeitswolken (high velocity clouds, HVC),
die in der 21-cm Linie in unserer Galaxie beobachtet werden, besteht darin,
dass es sich um solche Halos handeln könnte, die sich in der Lokalen
Gruppe bewegen und teilweise in die Milchstraße hineinfallen. Wegen
der Schwierigkeit, die Entfernung der HVCs zu bestimmen, kann dieses Bild
jedoch noch nicht als allgemein akzeptiert gelten.
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| Figure 17: Der Pfeil in der linken Abb. deutet auf den Quasar mit der
bisher höchsten Rotverschiebung von z = 5.82; er ist im Rahmen
des jetzt beginnenden Sloan Digital Sky Surveys (SDSS) entdeckt worden,
einem Survey, der in den nächsten 5 Jahren ein Viertel des Himmels
in 5 Farben abbilden und von ca. einer Million Galaxien und 100000 Quasaren
ein Spektrum aufnehmen wird. Dieser Quasar ist wegen seiner roten Farbe
entdeckt worden; genau wie Galaxien bei sehr hoher Rotverschiebung sorgt
die intergalaktische Absorption durch Wasserstoff dafür, dass QSOs
bei Wellenlängen kürzer als (1+z)912Å kaum beobachtbare
Strahlung zeigen. Das Spektrum dieses Quasars (rechts) zeigt die breite
Lya Emissionslinie, von der allerdings der kurzwellige
Teil bereits vom Lya Wald absorbiert ist, das
Kontinuum bei größ eren Wellenlängen, und kaum noch Strahlung
bei kleineren Wellenlängen. Die Entdeckung dieses Objekts wurde am
13.4.2000 bekannt gegeben |
6.6 Das Ende des Dunklen Zeitalters
Die letzten Jahre haben den Rotverschiebungsrekord beobachteter Galaxien
auf nahe z =
6 gebracht; aus der Spektroskopie solcher Objekte wissen wir, dass das
Universum zu diesem Zeitpunkt schon praktisch völlig ionisiert
war. Die Dunklen Zeiten eines neutralen intergalaktischen Mediums, durch
das man nicht hindurch schauen kann, müssen also schon früher
beendet gewesen sein. Einer der Herausforderungen der beobachtenden Kosmologie
in den nächsten Jahren wird sein, diese Grenze der Rotverschiebung
noch weiter rauszuschieben und vielleicht die `ersten' Objekte im Kosmos
zu entdecken.
7 Weiterführende Literatur
Lehrbücher zur Kosmologie gibt es viele; drei meiner Favouriten sind:
-
J.A. Peacock, ``Cosmological Physics'', Cambridge University Press;
-
T. Padmanabhan, ``Structure formation in the Universe'', Cambridge University
Press;
-
P.J.E. Peebles, ``Principles of Physical Cosmology'', Princeton Series
in Physics
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On 1 May 2000, 12:36.